Eine Achse, um die sich in Bochum vieles dreht:

die Kortumstraße und ihre Geschichte

 

Eberhard Brand

 

Tag für Tag, jahrein, jahraus eilen oder promenieren, hasten oder schlendern Hunderte, Tausende, Zehntausende von Menschen aller Altersstufen und Bevölkerungsschichten über Bochums wichtige Kommerzmeile, die Kortumstraße, benannt nach dem wohl berühmtesten Bochumer Bürger, dem Arzt, Wissenschaftler und Literaten Carl Arnold Kortum (1745-1824). Die Historie unserer Kortumstraße, ihrer Menschen, Gebäude und Geschäfte in allen großen und kleinen Begebenheiten von den Anfängen bis in die heutigen Tage festzuhalten, würde gewiss voluminöse Bände füllen, das ist nicht in der Beengtheit weniger Druckseiten unterzubringen. Dennoch dürfte es reizvoll sein, die teils wenig bekannte Entwicklung dieser zentralen Schlagader Bochumer Lebens einmal etwas näher unter die Lupe zu nehmen.

Fragen wir nach dem Alter der Kortumstraße, so wird recht bald deutlich, dass ihr Namensgeber, dass Kortum persönlich die nach ihm benannte Straße gar nicht gekannt hat und nicht kennen konnte. Denn erst nach der Planung einer dritten Erweiterung des alten kortumzeitlichen Ackerbürgerstädtchens nach der Mitte des letzten Jahrhunderts, gut 30 Jahre nach Kortums Tod also, wurde die ungefähre Linienführung eines Großteils der heutigen Kortumstraße projektiert. Angelegt wurde die Kortumstraße in ihrer ursprünglichen Länge im Jahr 1884, genau 60 Jahre nach Kortums Tod; sie verband die Bongardstraße mit der Brückstraße.

Erst nach Abschluss der dritten Eingemeindungswelle (1929), die die bisherige Stadt Bochum mit ihren Zuwächsen Grumme, Hamme, Hofstede und Wiemelhausen (1904) sowie Altenbochum, Bergen, Hordel, Riemke und Weitmar (1926) nun gleich um zehn neue Landgemeinden im Nordosten, Osten und Südosten bereicherte – hinzu kamen 1929 Dahlhausen, Gerthe, Harpen, Hiltrop, Laer, Langendreer, Linden, Querenburg, Stiepel und Werne – erfuhr die eigentliche Kortumstraße zwischen Bongard- und Brückstraße mit dem 29. Oktober 1929 eine deutliche Ausdehnung.

In südlicher Richtung wurde 1929 als erste die 1869 angelegte Hochstraße zwischen Bongardstraße und Wilhelmsplatz (heute Husemannplatz) bzw. Wilhelmstraße (heute Huestraße) der ursprünglichen Kortumstraße angegliedert. Es folgten die Friedrichstraße, die den Wilhelmsplatz und den alten Standort des Graf-Engelbert-Brunnens (1910) an der Kreuzung Friedrich-, Bahnhof-, Kreuz- und Kirchstraße verband, und der südliche Teil der Bahnhofstraße vom Graf-Engelbert-Brunnen bis zum Bochumer Hauptbahnhof, dem 1862 errichteten Bahnhof Bochum-Süd, der an der Bergisch-Märkischen Eisenbahnlinie lag. In nördlicher Richtung wurde 1929 die kurze Heinrichstraße zwischen Brück- und Kanalstraße (heute Nordring) umbenannt und angegliedert, und eine letzte Erweiterung erfuhr die Kortumstraße nach dem 2. Weltkrieg: 1947 wurde ihr die ehemalige Kaiser-Wilhelm-Straße, die 1894/95 fertiggestellt und benannt wurde, zugeschlagen, so dass die heutige Kortumstraße seither fast von Wiemelhausen im Süden bis an den Stadtpark im Norden des alten Stadtkerns reicht und aus den sechs Ursprungsstraßen Bahnhof-, Friedrich-, Hoch-, Kortum-, Heinrich- und Kaiser-Wilhelm-Straße gebildet wird.

Da sich die heutige Kortumstraße gleichsam als Tangente zum alten Stadtkern entwickelt hat, verwundert es nicht, dass zum Beispiel keines der Bochumer Rathäuser an ihr errichtet wurde. Das älteste bekannte stand am Markt (heute Nähe Kuhhirtendenkmal), das nächste Rathaus, im ehemaligen Renteigebäude in der Rosenstraße, lag in unmittelbarer Nähe der Peter- und Paulkirche (seit 1888 Propsteikirche). Seit 1886 wurden Bochum und die Bochumer vom Rathaus im ehemaligen Hotel Soeding, vormals „Kaiserlicher Hof“, regiert, das an der Alleestraße außerhalb des alten Stadtkerns lag und hinter dem in den Jahren 1927

- 1931 der heutige Hauptbau des Bochumer Rathauskomplexes errichtet wurde.

Es waren andere Gebäude und andere Nutzungen, die nun an der sich stürmisch entwickelnden Hauptgeschäfts-, Verwal-tungs- und Villenstraße etabliert wurden. Angefangen im Süden, an der „Mausefalle“, der alten Unterführung der Bergisch-Märkischen Eisenbahn, sind beispielsweise zu nennen der „Handelshof“ gegenüber dem alten Hauptbahnhof, das „Lueg-Haus“ in der früheren Bahnhofstraße, die Reichsbank in der ehemaligen Friedrichstraße, das Königliche Amtgericht am Wilhelmsplatz, die Gesellschaft Harmonie an der Ecke Hoch- und Harmoniestraße mit ihrem Gebäude von 1869, das Kaufhaus Kortum (erbaut 1914 bis 1920 für die Gebrüder Alsberg in Köln), das „Hansa-Haus“ (1908 mit reicher Jugendstilfassade errichtet; heute „Drehscheibe“), das Königliche Bergrevier Nord-Bochum (Ecke Heinrichstraße/Kanalstraße), und an der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Straße gelegen: die Industriellen-Villa Koehler („Villa Nora“), die Villa Grimberg, die Villa Baltz, die Villa Constantin, die Doppelvilla Marckhoff-Rosenstein (heute Altbau des Museums Bochum), die Oberrealschule an der Goethestraße (errichtet 1898, heute Goethe-Schule) bis zur einst pompösen Gittertor-Anlage vom Stadtpark-Einang, die 1935 einer „Entgitterungsaktion“ zum Opfer fiel.

Die überragende Bedeutung der heutigen Kortumstraße als Verkehrs- und Geschäftsachse spiegeln auch ihre ehemaligen und ihre gegenwärtigen Denkmäler wider: Im Süden stand der erste Graf-Engelbert-Brunnen, 1910 geschaffen durch den Bochumer Bildhauer Markus Wollner im Auftrage des Bochumer Bürgerschützen-Vereins und im August des Jahres mit einem großen Schützenfest feierlich durch die Vorläufer der heutigen Maischützen eingeweiht, in der Mitte der heutigen Kortumstraße - auf dem Wilhelmsplatz - stand einst das zentrale Bochumer Denkmal für die Gefallenen der Kriege von 1864, 1866 und 1870/71 (für Bankenparkplätze 1935 abgebrochen) und im Norden - vor der Doppelvilla Marckhoff-Rosenstein befand sich das Kaiser-Wilhelm-Denkmal für den deutschen Kaiser und König von Preußen, Wilhelm I. (1871 bzw. 1861-1888). Die überlebensgroßen Bronzefiguren Kaiser Wilhelms I., Kaiser Barbarossas und einer Walküre wurden angeblich schon 1939 „dem Vaterland geopfert“ und zu Rüstungszwecken eingeschmolzen. Heute sind es im Süden der neue, von Ferdinand Spindel geschaffene Graf-Engelbert-Brunnen, der 1964 während des Maiabendfestes enthüllt wurde, der an Kortums Jobsiade erinnernde Jobsbrunnen des schwäbischen Bildhauers Karl Ulrich Nuss auf dem Husemannplatz (1987), eine bronzene Kortumbüste des jüngst verstorbenen Bochumer Bildhauers Heinrich Schroeteler in der Basement-Etage zwischen den Geschäftshäusern City Point (ehemals Wertheim) und Drehscheibe (1984) und mehrere moderne Plastiken im Bereich des Museums Bochum am Ende der Kortumstraße im Norden.

Manche Stichworte fallen noch zur Kortumstraße ein und ließen sich teilweise in Breite noch vertiefen. Da wären beispielsweise die Gesellschaft Harmonie von 1817 mit ihren ehedem großzügigen Räumlichkeiten und Weinkellern (heute steht dort C&A) und das Kaufhaus Kortum mit seiner eigenen Historie - das Unternehmen wurde 1934 „arisiert“, d.h. die jüdischen Eigentümer verkauften unter dem beklagenswerten Druck jener Jahre das Warenhaus an eine neu gegründete „Kortum-A.G.“, der dieser attraktive und in Bochum wohlbekannte Name offensichtlich wegen der Lage des Kaufhauses an der bedeutenden Geschäftsachse gleichen Namens beigelegt wurde. Dazu galt die Kortumstraße als „Pennäler-Renne“, Flaniermeile aller Schülermützenträger und -trägerinnen, „die etwas auf sich hielten“. Zu nennen sind weiterhin die Cafés Fuchs, Kortum und Döhmann und andere mehr, die Straßenbahngleise und -oberleitungen in den engen Schluchten der Kortumstraße. Zu erinnern wäre natürlich auch an ihre Funktion im „Dritten Reich“ als Teil der Aufmarsch- und Jubelachse in der Gauhauptstadt Westfalen-Süd der NSDAP von den Sammel- und Kundgebungsplätzen an der Castroper Straße (heute Ruhrstadion und Kirmesplatz) durch die Stadt zum „Gauforum“ an der Königsallee oder zum Achsenende in Stiepel oberhalb der Ruhr. Da gäbe es Erinnerungen an unfassbare Kriegszerstörungen der über 1000 Bombenangriffe auf Bochum, die gerade auch der spätgründerzeitlichen Prachtstraße unserer Stadt fürchterlich zugesetzt haben. Fast vergessen sind die kargen Trümmerjahre mit ihren unverzagten Wiederaufbaubemühungen. Erinnern ließe sich hier an Stichworte wie Fußgängerzone oder Hauptbahnhof-Verlegung Ende der Fünfziger Jahre, ältere oder aktuelle Überdachungspläne, ein weites Feld wäre auch das gewiss deutschlandweit einmalige Phänomen Bochumer Bermudadreieck und manches andere mehr.

Doch davon vielleicht ein andermal mehr.

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege Heft 10, Dezember 2001

 

Herausgeber:

Dr. Dietmar Bleidick

Yorckstraße 16,44789 Bochum

Tel.: 0234/335406

e-mail: dietmar.bleidick@ruhr-uni-

bochum.de

für die

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde,

Stadtgeschichte und Denkmalschutz

Graf-Engelbert-Straße 18

44791 Bochum

Tel. 0234 / 581480

e-mail: Kortum.eV@web.de

 

Redaktion:

Dr. Dietmar Bleidick, Peter Kracht

 

Redaktionsschluss:

jeweils 15. April und 15. Oktober

 

Druck:

A. Budde GmbH

Berliner Platz 6 a, 44623 Herne

 

Verlag:

Peter Kracht Verlag

Limbeckstraße 24

44894 Bochum

Tel.: 0234/263327

e-mail: kracht.verlag@t-online.de

 

ISSN 0940-5453