Wer war Max Greve?

Versuch einer sozialbiografischen Annäherung

 

Dietrich Wegmann

 

In Bochum tragen eine Straße und eine Grundschule seinen Namen. Und wenn die Industrie- und Handelskammer Bochum an Max Greve, dem früheren Bürgermeister der Stadt, ein vorbildliches kommunalpolitisches und wirtschaftliches Engagement rühmt und feststellt, Greve habe in den 30 Jahren seiner Amtsführung, von 1843 bis 1873, aus dem Ackerbürgerstädtchen eine richtige Stadt gemacht, und damit begründet, warum sie ihren Preis für die besten Auszubildenden eines jeden Jahrgangs nach eben diesem Mann benannt hat, so wird nicht nur der an Bochums Geschichte Interessierte zweifellos mehr über diesen Mann erfahren wollen: über seine Herkunft und Lebensgeschichte, über die ihn prägenden Grundüberzeugungen, seine Einstellungen und Haltungen, über seine gesellschaftliche Position und nicht zuletzt auch über das, was er denn im Einzelnen für die ihm anvertraute Stadt getan, geleistet hat.

 

 

Herkunft, Kindheit, Schulbildung und Studium

Adolf Theodor Karl Maximilian oder, wie er sich selbst wohl genannt wissen wollte, Max Greve wurde am 9. August 1815 in Castrop geboren, und zwar im Haus Kirchplatz Nr. 8. Seine Eltern waren der Kaufmann Franz Karl Greve und seine Ehefrau Maria Elisabeth Antonie Roehling oder Rolinck aus Münster - man findet beide Schreibweisen ihres Namens. Beide Eltern waren katholisch.

Der Vater war am 4. Januar 1781 in Castrop geboren; als Kaufmann betrieb er dort eine Gemischtwarenhandlung und eine Gaststätte. Die Hochzeit der Eltern hatte am 18. August 1812 in der Pfarrkirche St. Lamberti in Münster stattgefunden; die Mutter war hier auch am 13. Juni 1789 getauft worden. Sie starb am 5. Januar 1847 in Castrop an „Mutterkrebs“. Der Vater hatte das Wohnhaus der Familie samt einem knapp vier Morgen großen Waldstück, zwei Kirchenplätzen und zwei Begräbnisstellen sowie einem Huderecht im Castroper Holz und in der Gemeinheitsvöde am 28. Mai 1813 vor dem Tribunal in Dortmund zum Preis von 484 Talern Berliner Courant ersteigert. 1818 wurde Franz Greve auch zum Kommunalempfänger des Amtes Castrop bestellt; außerdem versah er den Posten eines staatlich anerkannten Auktionators. Franz Karl Greve starb am 14. Juni 1856 zu Castrop an der „Gelbsucht“.

Über Max Greves Kindheit und Schulbildung ist nur wenig bekannt. Nachdem er sicherlich in Castrop die schulische Grundbildung erhalten hatte, wechselte er auf das Gymnasium Paulinum in Münster. Wann das war, ließ sich bisher nicht ermitteln. Auch über die weitere Schullaufbahn Greves sind aus dem Schularchiv nach Mitteilung des Schulleiters des Paulinums keine genaueren Angaben zu erheben. Max Greve dürfte während seiner Schulzeit am Paulinum bei Verwandten der Mutter in Münster gewohnt haben. Dort war nämlich eine Schwester seiner Mutter namens Franziska seit 1819 mit dem Weinhändler Heinrich Wagener verheiratet. Nachweisbar ist immerhin, dass Greve wie damals üblich zwei Jahre in der Prima war und 1835 zusammen mit 25 anderen von insgesamt 31 Oberprimanern an dem Münsteraner Gymnasium die Abiturprüfung bestanden hat. Er hatte wohl zunächst die Absicht, in Bonn Medizin zu studieren, wandte sich dann jedoch der Rechtswissenschaft zu.

In diesem Fach war Max Greve vom 28. Oktober 1835 bis zum 2. August 1838 an der „Preußischen Rheinischen Friedrich-Wilhelms Universität“ in Bonn immatrikuliert. Das Studium hat er zweifellos zielstrebig, offenbar ohne sich einer studentischen Korporation anzuschließen, in sechs Semestern absolviert. In seinem Abgangszeugnis, datiert von eben dem 2. August 1838, heißt es: „Hinsichtlich seines Verhaltens ist in sittlicher und in ökonomischer Rücksicht nichts Nachtheiliges bekannt geworden“ und: „Einer Theilnahme an verbotener Verbindung unter Studirenden ist derselbe nicht verdächtig geworden“.

 

Beruflicher Werdegang

Es scheint, dass Greve in den zurückliegenden Jahren bis 1838 keinen Militärdienst abgeleistet hat. Auch für die Folgezeit sind mir weder Indizien noch gar genaue Angaben darüber bekannt geworden. Ebenso wenig ließen sich konkrete Informationen über die Absolvierung der Staatsprüfungen zur Auskultatur, das war damals die erste Phase in der praktischen Ausbildung der Juristen, und zum Referendariat gewinnen. Jedenfalls war Greve als Referendar am Oberlandesgericht Hamm und beim Land- und Stadtgericht Bochum tätig. In diese Zeit fiel auch das Ereignis, das seinen weiteren beruflichen Werdegang entscheidend bestimmte.

Nachdem am 7. Oktober 1842 die 12 Stadtverordneten Bochums sich mit Mehrheit für die Einführung der Revidierten Städteordnung entschieden hatten, wurde damit auch die Trennung der Stadt und der Landgemeinden der vorigen Bürgermeisterei Bochum beschlossen. Dadurch wurde außerdem die Wahl eines Magistrats und damit auch eines Bürgermeisters für die Stadt Bochum durch die Stadtverordneten notwendig. Um Bewerber für dieses Amt zu gewinnen, ließ der Bochumer Landrat Graf Gotthard von der Recke-Volmerstein die Bürgermeisterstelle im Bochumer Kreisblatt ausschreiben. Die Anzeige erschien allerdings erst in Nr. 50 vom 10. Dezember 1842. Sie hatte folgenden Wortlaut: „Da in der Kreisstadt Bochum in Folge der Einführung der revidirten Städteordnung die mit einem Diensteinkommen von 600 Thlr. und freier Dienstwohnung [im Rathaus] verbundene Bürgermeisterstelle zu besetzen ist, so fordere ich, dem Wunsche der Stadtverordneten gemäß, hierdurch diejenigen, die sich um diese Stelle möchten bewerben wollen, auf, mir ihre Absicht bekannt machen und ihre etwaigen Qualificationsatteste nebst einem Curriculum vitae schleunigst einschicken zu wollen. – Bochum, den 8. December 1842. Der Landrath Gr. v. d. Recke-Volmerstein“.

Eine weitere Bedingung für die Wählbarkeit zum Bürgermeister war Grundbesitz in der Stadt im Wert von mindestens 600 Reichstalern, was offenbar jedoch nicht bei der Bewerbung bereits als gegeben nachgewiesen werden mußte. Greve erwarb offenbar erst am 11. Februar 1843 Grundstücke im Wert von 620 Talern in der Bochumer Feldmark. Ein Beleg dafür bleibt jedoch noch ausfindig zu machen.

Die Wahl des Bürgermeisters fand schließlich in der vom Landrat geleiteten Sitzung der Stadtverordneten am 30. Dezember 1842 statt. Da im ersten Wahlgang weder der bisherige Bürgermeister von Lüdemann noch ein anderer der übrigen sechs Bewerber die absolute Stimmenmehrheit erreichte, wurde eine Stichwahl zwischen den Erstplazierten, nämlich Greve und dem Stadtverordnetenvorsteher Gerichtssekretär Franz von Lothum, erforderlich. In dieser Stichwahl erhielt Greve die absolute Mehrheit der Stimmen.

In seinem noch am nämlichen Tage für die Bezirksregierung in Arnsberg verfassten Bericht über die Wahl enthielt sich der Landrat jeglichen Urteils über Greve und erklärte: „Indem ich das von demselben eingereichte Curriculum Vitae vorlege, bemerke ich, daß derselbe vor einem halben Jahr einige Zeit beim hiesigen Land- und Stadt-Gerichte gestanden hat und daher den hiesigen Einwohnern großentheils bekannt war. Mir ist derselbe jedoch gänzlich unbekannt und vermag ich daher kein Ur-theil über ihn zu fällen.“ – Landrat Graf von der Recke war nicht Bürger der Stadt Bochum; er wohnte auf seinem Gut Overdyck in der Gemeinde Hamme. – Dennoch bat er die Regierung um die Bestätigung aller für den Magistrat Gewählten, also auch Greves. Der Landrat brachte in diesem Zusammenhang dann noch einige weitere kommunalpolitische Erwägungen vor, die erkennen lassen, dass es ihm gerade im Zusammenhang mit städtischen Wahlen vorrangig um eine gewisse Ausgewogenheit im Verhältnis der beiden großen Konfessionen innerhalb der städtischen Gremien ging. In diesem Wunsche sah er sich in Übereinstimmung mit den Stadtverordneten. Zugleich lässt sich an dieser Erklärung ablesen, dass sich in der Stadt Bochum zu diesem Zeitpunkt noch keine politischen Gruppierungen im engeren Sinne gebildet hatten. Recke-Volmerstein schrieb hierzu: „Bei der Wahl der StadtVerordneten hat jede Confession ungefehr ihre Candidaten durchgebracht, so daß fast Gleichstellung erlangt worden ist.“ Bei den Magistratswahlen sei dies indessen nicht erreicht worden, „da nur drei Mitglieder zu wählen waren und da nun schon der gewählte Bürgermeister und zwei von den gewählten Magistratsmitgliedern der katholischen Confession angehören, so ist es der Wunsch der Evangelischen“, dass der Stadt noch ein viertes Magistratsmitglied zugestanden werde. Der Landrat unterstützte diesen Wunsch mit dem Hinweis darauf, dass die Magistratsmitglieder ohnehin nicht besoldet würden.1

Dem letzteren Wunsch entsprach die Regierung nicht, wohl aber wurden alle Gewählten in ihrem Amt bestätigt. Das Reskript bzw. die Verfügung der Bezirksregierung fehlt übrigens in der angegebenen Akte. Die Einholung des neuen Bürgermeisters durch die Honoratioren der Stadt und seine Amtseinführung wurden zu einem öffentlichen Fest gestaltet, wozu auch ein feierlicher Gottesdienst in der Bochumer Pfarrkirche gehörte.

 

Grundüberzeugungen und Einstellungen

Für Greve stellte der Gottesdienst zur Amtseinfüh-rung sicher nicht einen lediglich stereotyp-traditionellen Teil eines Festgeschehens dar, blieb er doch Zeit seines Lebens offenbar aus Überzeugung praktizierender Katholik, der seine Kirche in ihrem auf die Menschen gerichteten Auftrag nach Kräften zu unterstützen bemüht war. So wurde er, da die St.-Peter-und-Pauls-Pfarre bald zu untragbarer Größe heranwuchs, einer der wichtigsten Förderer der Klosterniederlassung der Redemptoristen wie der Errichtung einer neuen Pfarrei nebst Pfarrkirche im industriellen Westen der expandierenden Stadt, eben der St.-Marien-Pfarrei. Zugleich stellte sichGreve in die auf Wahrung „des konfessionellen Friedens und Ausgleichs“ gerichtete Bochumer Tradition, für die übrigens auch der oben angesprochene Bericht des Landrats als Beleg gelten kann. Diese Haltung wird außerdem erkennbar etwa an seinem Bemühen um die Gründung einer höheren Bürgerschule, des heutigen Gymnasiums am Ostring, die von vornherein paritätisch konzipiert war.

Erwartungsgemäß ist Greve in vieler Hinsicht – vielleicht nicht, was seine Aufgeschlossenheit gegenüber allem Neuen, seine Bescheidenheit und eine gewisse Zurückhaltung angeht – als typischer königlich-preußischer Beamter anzusehen, der in seinem Diensteid schwor, „dem Könige unterthänig und gehorsam zu sein“, sein Amt nach Vorschrift der Gesetze zu verwalten und „das Wohl des Staats und der Stadt zu fördern“2. In diesem Zusammenhang ist von Interesse und noch zu ermitteln, wie er im Vormärz und auch später Zensur und Polizeieinsatz gegenüber den sogenannten Demagogen und anderen politisch missliebigen Personen handhabte.

Wenn Greve in seiner Studentenzeit noch kein politisch gerichtetes Engagement artikulierte, wie es sich in der Mitgliedschaft in einer studentischen Verbindung hätte manifestieren lassen, so änderte sich das im Verlauf des Revolutionsjahres 1848. Nun beteiligte er sich als Vorstandsmitglied des „constitutionellen Vereins“ in Bochum aktiv an der politischen Diskussion, wobei noch die Programmatik und die Zielsetzung des Vereins genauer auszumachen bleiben und auch, welche Bedeutung diese Mitgliedschaft für Greve hatte. Zu der sicherlich liberal-konservativen Prägung des Vereins passt, dass Greve z. B. 1859/60 für eine begrenzte Liberalisierung der Gewerbegesetzgebung eintrat. Es ist weiter zu fragen, welchen Anteil Greve an der Entwicklung politischer Kultur in dem eng gezogenen kommunalpolitischen Rahmen hatte, wo es dennoch um die Herstellung von mehr Öffentlichkeit und Transparenz zumindest der kommunalpolitischen Interessen, Diskurse und Entscheidungen hätte gehen können.

Ebenso bliebe etwa an den vom ihm herausgegebenen Verwaltungsberichten und an seinen Reden zu verschiedenen Anlässen zu untersuchen, wie er seine Rolle verstand, wo er sich selbst in dem Spektrum politisch-gesellschaftlicher Meinungen und Vorstellungen positionierte, inwieweit er eigene Auffassungen oder Standpunkte erkennen ließ. Zu erwähnen sind hier beispielsweise die Reden zur Feier der Bahnhofseröffnung 1860 und zu den Siegesfeiern der Jahre 1866 und 1870 bzw. bei der Feier zur Begrüßung der zurückkehrenden Kriegsteilnehmer 1871.

Greves Einstellung gegenüber der technisch-industriellen und wirtschaftlichen Entwicklung war geprägt von einer nahezu ungetrübten, die meisten Negativwirkungen ignorierenden Fortschrittsbe-geisterung. Er bewunderte vor allem den Entwicklungsprozess des Bergbaus und nahm den wachsenden Wohlstand seiner Stadt unrelativiert wahr; sah alle gewerblichen und kaufmännischen Aktivitäten ihrer Bürger vorzugsweise in der Abhängigkeit von der Steinkohle, erfasste jedoch auch die Bedeutung des Verkehrswesens, insbesondere der Eisenbahn und der Schifffahrt. Er erkannte die nachteiligen Auswirkungen konjunktureller Abschwünge, fragt hier indessen weder nach Ursachen noch nach Abhilfen, sondern wünschte lediglich, dass ein Aufschwung Bestand haben möge und prognostizierte, dass die Kohlenvorräte noch auf Jahrtausende hinreichen würden. In der englischen Montanindustrie fand er den Maßstab für die Entwicklung des heimischen Bergbaus, zugleich aber auch die bedeutsamste Konkurrenz.

 

Greves Familienverhältnisse

Werfen wir einen Blick auf Greves familiäre Verhältnisse, so ist Folgendes festzustellen. Greve war zweimal verheiratet. In erster Ehe hatte er Henriette Theresia Catharina Baumann geheiratet. Sie war am 16. September 1826 in Dorsten geboren als Tochter der katholischen Eheleute Weinhändler Stephan Baumann und Aloysia, geborene Rensing. Die Hochzeit fand am 7. Juli 1846 ebenfalls in Dorsten statt, und zwar in der Pfarrkirche St. Agatha. Das Paar bezog danach wohl die Dienstwohnung im alten Rathaus der Stadt Bochum. Seit wann Greve Eigentümer der Häuser Alleestraße Nr. 52 und 54 war und wann er dorthin übergesiedelt ist, ließ sich bislang noch nicht feststellen. Am 12. April 1847 wurde die Tochter Aloisia Carolina Antonia Stephania Catharina in Bochum geboren. Die junge Familie wurde jedoch bald von einem schweren Schicksalsschlag getroffen: Die Ehefrau und Mutter starb schon im folgenden Jahr, am 19. April 1848. Sie wurde auf dem Alten Friedhof in Bochum beigesetzt.

Greves Tochter Catharina heiratete zwanzig Jahre später am 26. Dezember 1868 in Bochum Dr. phil. Robert Pähler, der 1865 bis 1868 Gymnasiallehrer in Bochum, dann Schulleiter in Montabaur, zuletzt Leiter des Provinzialschulkollegiums der Provinz Hessen-Nassau in Kassel war. Aus dieser Ehe sind drei Söhne bekannt.3

In zweiter Ehe war Greve seit dem 29. Januar 1852 mit Julia Lucia von Stockhausen verheiratet. Sie war die Tochter des Rittergutbesitzers Franz Florens von Stockhausen auf Gut Stockhausen bei Meschede und seiner Ehefrau Antoinette, geborene Temme. Aus dieser Ehe Greves gingen vier Söhne und eine Tochter hervor. Als Paten für seine Kinder gewann er aus Bochum den Stadtverordnetenvorsteher Franz v. Lothum und Frau Mayer, die Gattin Jakob Mayers, zu der Zeit technischer Direktor des Bochumer Vereins. Während der jüngste der Söhne schon wenige Tage nach der Geburt, der älteste als Doktor der Medizin im Alter von 23 Jahren 1876 unverheiratet und wohl auch kinderlos starb, könnten von den übrigen Kindern aus Greves zweiter Ehe noch Nachkommen existieren – aber wo?

Greve selbst starb in Bochum am 12. Juli 1873 an „Typhus“, so heißt es im Sterberegister der St.-Peter-und-Pauls-Pfarre. Eine Epidemie ist zu diesem Zeitpunkt indessen nicht feststellbar. Er wurde mit allen städtischen und kirchlichen Ehren auf dem alten Friedhof an der Wittener Straße beigesetzt. Dort steht noch heute das ihm von der Stadt Bochum gewidmete Ehrengrabmal. Seine Ehefrau Julia überlebte ihn um fast 25 Jahre und starb am 21. Januar 1898 in Bochum. Sie wurde in der Nähe ihres Ehemannes ebenfalls auf dem alten Friedhof beigesetzt.

Am Beginn seiner Amtsführung in Bochum hatte Greve sich zunächst mit dem neuen Amt Bochum über Fragen der Grenzziehung wie über gewisse Ansprüche des Amtes an das kommunale Vermögen auseinander zu setzen. Außerdem hatte er die Interessen der Stadt in einem Prozess gegen seinen Amtsvorgänger v. Lüdemann zu vertreten.

Alle weiteren Aufgaben erwuchsen Greve aus dem überaus rasch sich verändernden Bedingungskomplex, den das Spannungsfeld von zunehmender Kohlenförderung und Eisen- bzw. Stahlproduktion sowie Bevölkerungswachstum in einer „von bürgerlichem Selbstverständnis und geistigen Denktraditionen“ geprägten, zugleich aber einem rasanten gesellschaftlichen Wandel unterworfenen Kleinstadt konstituierte. Hier kann nur in knapper Form auf einige Anregungen und Aktivitäten des Bürgermeisters hingewiesen werden.

Von einiger Bedeutung war, dass Greve sich kurz nach seiner Amtsübernahme, angeregt wohl durch ein offizielles Schreiben des Landrats Graf von der Recke und später unterstützt von dem „constitutionellen Verein“, um den Anschluss Bochums an die Köln-Mindener Eisenbahn bemühte, allerdings erfolglos. Ein Erfolg in diesem Bereich war Greve erst eine Reihe von Jahren später beschieden, als nicht zuletzt auch dank seiner Initiative – er vertrat die Bochumer Interessen in der Gründungsgesellschaft – die Trasse der Bergisch-Märkischen Eisenbahn über Bochum geführt wurde und er 1860 einen eigenen Bochumer Bahnhof feierlich eröffnen konnte.

Als herausragende Leistung aus Greves Amtszeit wird in den vorliegenden geschichtlichen Untersuchungen und Darstellungen ferner der Aufbau der Bochumer Neustadt, also der Geschäfts- und Wohnstadt genannt, womit für diese Zeit vorrangig die heutige Allee-, Kortum-, Luisen-, Humboldt- und Huestraße gemeint sind. Inwieweit und in welcher Weise bei diesem Prozess des Stadtausbaus, der weithin der privaten Initiative finanzstarker Investoren und den Interessen der einzelnen Bauherren überlassen war, öffentliche Belange – etwa Erfordernisse der Verkehrsführung, Berücksichtigung von Versorgungseinrichtungen u. a. – zur Geltung gebracht wurden, bleibt noch zu untersuchen. Das Problembewusstsein des Bürgermeisters spiegeln jedenfalls die seit 1860 erstatteten Verwaltungsberichte, wenn er darin z. B. bedauernd feststellt, dass es trotz mehrjähriger Bemühungen bis 1860 noch nicht gelungen sei, einen „städtischen Bauplan“ aufzustellen. Immerhin hat die Stadtgemeinde danach in diesem Feld zunehmend mehr öffentliche Interessen zur Geltung gebracht und entsprechende Entscheidungen an sich gezogen.

Ein wichtiges Anliegen war Greve die Vermehrung und Verbesserung der schulischen Bildungseinrichtungen in seiner Stadt. Während seiner Amtszeit wurden in Bochum allein vier Schulen gegründet, die immer wieder den sich ändernden Bedingungen, den Bedürfnissen und Erwartungen der tonangebenden Bevölkerungsgruppen angepasst wurden. Kurze Zeit nach seinem Amtsantritt, im Mai 1845, hat Greve bereits die Konzessionserteilung zu einer höheren evangelischen Mädchenschule an die Lehrerin Karoline Krüger nachdrücklich befürwortet, da durch die Errichtung einer solchen Schule „einem längst gefühlten Bedürfnisse abgeholfen“ werde. Von dieser Schule sieht Gisela Wilbertz übrigens eine „ununterbrochene zeitliche Kontinuität“ zur späteren Freiherr-vom-Stein-Schule ausgehen. Für die Errichtung der Provinzialgewerbeschule, die nach wechselvoller Entwicklung zur Oberrealschule heute unter dem Namen Goethe-Schule als Gymnasium fortbesteht, hatte sich Greve wenige Jahre später, 1850/51, ebenfalls stark engagiert; er trat auch selbst in das Kuratorium der Schule ein. Als sich dann die Möglichkeit zur Errichtung einer städtischen paritätischen höheren Bürgerschule mit der Aussicht auf einen Ausbau über ein Progymnasium zum Gymnasium eröffnete, hat er entgegen den Erwartungen des katholischen Pfarrers Ekel auch dieses Vorhaben gefördert, nicht zuletzt wiederum durch seine Mitgliedschaft im Kuratorium der Schule (1859/60; heute: Gymnasium am Ostring). Ebenso nachhaltig hat er 1860 an der Spitze des Schulvorstands der katholischen Gemeinde wie als Bürgermeister und wiederum abweichend von den Vorstellungen Pfarrer Ekels das Konzept zu einer „höheren Privat-Mädchen-Schule“ der jungen Bochumer Lehrerin Henriette von Noel unterstützt, so dass sie noch im gleichen Jahr ihre private höhere Töchterschule eröffnen konnte, die heute unter dem Namen Hildegardis-Schule existiert. Sicherlich hat hinter den Bemühungen Greves um den Ausbau des Bochumer Schulwesens auch die Sorge um ortsnahe weiterführende Bildungseinrichtungen für die eigenen Kinder gestanden. Immerhin ist bekannt, daß seine drei Söhne Schüler des Bochumer Gymnasiums waren und dort das Reifezeugnis erworben haben.

Zu fragen ist ferner, wie Greve sich gegenüber weiteren Aufgabenfeldern verhielt, die sich fast gänzlich neu der städtischen Selbstverwaltung stellten. Unstrittig ist, dass Greve die Energie- und Wasserversorgung der Stadt gesichert hat; dank seiner Initiative entstand in Bochum das erste Gaswerk der Provinz Westfalen.

Geleitet von einer in der preußischen Administration weit verbreiteten Auffassung, die dort eine „Pflicht der bürgerlichen Gemeinde“ erkannte, hat Greve das „Armenwesen“ aus dem kirchlich-karitativen Umfeld herausgelöst und zu einer von der Stadt zu organisierenden und mitzufinanzierenden Sache gemacht. Dies kann als Ansatz einer Entwicklung des Staates zum modernen Sozialstaat verstanden werden.

Von Greve ging 1863 die Anregung aus, auf der kleinen Vöde, einem Teil des Acker- und Weidelandes der Stadt, einen öffentlichen Stadtpark anzulegen, die dann vom Magistrat und auch von der Stadtverordnetenversammlung aufgegriffen und umgesetzt wurde. Greve hat die von dem Kölner Stadtgärtner Antonius Strauß entwickelte Planung noch selbst wahrnehmen können, nicht aber die Realisation, die sich aus verschiedenen Gründen bis 1877 hinzog.

Greve war auch maßgeblich beteiligt an der Errichtung der Handelskammer für Bochum und war in den Jahren von 1857 bis 1872 ihr erster Sekretär - heute: Geschäftsführer – bei einem Jahresentgelt von 100 Talern.

Analog zur Entwicklung im sozialpolitischen Sektor erwuchsen der bürgerlichen Gemeinde im kulturellen Sektor ebenfalls neue Aufgaben. Wenn den Bezirksregierungen durch die Gesetzgebung des Norddeutschen Bundes die Konzessionierung neuer Theater aufgetragen wurde, so bedeutete dies, dass die Gemeinden hier den übergeordneten Behörden zuarbeiten mussten. Wichtiger war indessen, dass die Auffassung sich ausbreitete, die Stadt habe Musik- und Theaterleben zu ermöglichen und jedenfalls zur Finanzierung von Musikveranstaltungen und Theatern beizutragen. Inwieweit Greve solche Herausforderungen wahrnahm und wo er sich hier eventuell positionierte, wäre noch zu untersuchen.

Insgesamt gesehen bleibt also eine Fülle konkreter Entscheidungen und Prozesse, in die Greve involviert war, – statt vieler anderer seien zwei bisher nur gestreifte Bereiche genannt: die Weiterentwicklung der städtischen Selbstverwaltung und die Teilhabe Greves an Leben und Entwicklung seiner Kirchengemeinde – bleiben Herausforderungen, denen er sich vielleicht nicht gestellt hat, historisch zu erschließen und zu größeren Sinneinheiten zusammenzuführen.

 

Literaturnachweis

Außer den im Text erwähnten Archiven bzw. Quellen wurden noch folgende Quellen und Literatur benutzt:

- Adeligen Taschenbuch 1932

- Deutsches Geschlechterbuch Bd. 184

- Karl Hartung, Maximilian Greve. Bürgermeister von

Bochum (1815-1873), in: Castrop-Rauxel, Kultur und

Heimat Bd. 17, 1965, S. 178-182

- Rudolph Hengstenberg, Lebenserinnerungen,

Teil 1 und 3, Wannsee bei Berlin 1914

- Uwe-K. Ketelsen, Ein Theater und seine Stadt,

Köln 1999

- Antonius Liedhegener, Christentum und Urbani-

sierung: Katholiken und Protestanten in Münster

und Bochum 1830-1933, Paderborn 1997

- St. Lambertus-Gemeinde Castrop-Rauxel,

Sterbefälle 1809-1849; Sterberegister 1849-1872

- Gisela Wilbertz, Henriette von Noel (1833-1903).

Leben und Wirken einer Bochumer Schulgründerin,

in: Der Märker, 34 (1985) S. 258-269

 

1 Diese Vorgänge lassen sich soweit aus der Akte LA 147 im Stadtarchiv Bochum erheben; die Zitate finden sich auf den Blättern 4 bis 6. Weitere Informationen zu diesem Sachverhalt liegen leider nicht vor, da z. B. keiner der von den Bewerbern geforderten Lebensläufe weder dort noch an anderer Stelle erhalten zu sein scheint.

2 Ebd., S. 7.

3 Quellen dazu sind einschlägige Kirchenbücher sowie Auskünfte der Stadtarchive Montabaur, Wiesbaden und Kassel. Und es gibt gewiss noch Nachkommen – aber wo?

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege Heft 10, Dezember 2001

 

Herausgeber:

Dr. Dietmar Bleidick

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