Zwei kolorierte französische Militärkarten von Bochum und Umgebung aus dem Siebenjährigen Krieg (1756 - 1763)

 

Eberhard Brand

 

I. [Legende oben links:] Camp des Troupes du Roy aux Ordres de s[on]. a[ltesse]. a[érénissime]. mgr [= monseigneur] le Prince de Condé a Bockum le 1762

(= Feldlager der Truppen des Königs unter Befehl Seiner Herzoglichen Durchlaucht desHerren Prinzen von Condé in Bochum am [Tag und Monat sind nicht eingetragen] 1762)

 

Die Abmessungen der Karte I sind 20,2 cm (B) mal 19,6 cm (H).

Die Karte ist nicht „genordet“, d.h., auf dieser Karte ist Norden etwa links, Süden rechts, Westen unten, Osten oben. Etwa im Zentrum der Karte I befindet sich die Stadt Bochum, ein kleiner Ort von ungefähr 1.450 Einwohnern, als rote1 ovale Fläche markiert, umgeben von der Stadtumwallung; die fünf Stadttore: Beck-, Brück-, Bongard-, Hellweg- und Buddenbergtor sind markiert, aber nicht benannt.

 

An Ortschaften, Siedlungen oder Höfen sind eingezeichnet im Norden „hossertte“ (wohl Hofstede), im Osten „alt Bockum“ (Altenbochum), im Süden „Schultz Kumfeld“ (dort liegt der Rittersitz Haus Rechen), im Westen „Rodfen“ (wohl Schulte-Krawinkel oder Rodeschürmann) und „Owerdiek“ (Haus Overdyck). – Die zum Teil stark veränderten und nicht geläufigen Namen sind vermutlich Verballhornungen des wohl französischen Kartografen, dem die landläufigen Bezeichnungen natürlich fremd waren.

 

Die Karte I zeigt weiterhin Bachläufe, Wald- und Feldgebiete, Gärten, Niederungen, Geländeerhebungen und ein durchaus der damaligen Realität in etwa entsprechendes Wege- und Straßennetz.

 

Hervorgehoben sind – neben einer Vielzahl von einzelnen Häusern oder kleineren Siedlungen – zwei bedeutendere Komplexe, die durch rot eingezeichnete Wassergräben als Befestigungen auffallen: einmal die Wasserburg Haus Rechen („Schultz Kumfeld“) und zum anderen, vor dem Brücktor gelegen, die Widume, die katholische Pfarrwohnung, von der Kortum in seiner Stadtgeschichte von 1790 schreibt, sie sei „fast wie ein Rittersitz eingerichtet, rundherum mit Graben umgeben, und es gehören Gärten, Obstgärten, Wiesen und fast alle ländlichen Bedürfnisse dabey“.

Als zeitgenössisch-aktuelle Besonderheit zeigt die Karte I die Stellungsräume der französischen Truppen, deren Verbände sie im Einzelnen auch benennt. Auf der kleinen Vöde, im Nordosten Bochums, liegen die Truppenteile „Royal“, „Orleans“ und „Condé“ (grau markiert), nordöstlicher gelegen sind „Boisgelin“, „Condé“, „Briqueville“, „R[oy]al baviere“ und „anhalt“ (gelb markiert), östlich von Altenbochum liegen „Orleans“, „Limosin“, „Punegur[?] und „Dauphin“ sowie „anderley“ und „Piemont“ (alle gelb markiert). Westlich von Bochum liegen „Chartres“, „Berry“ und die „gendarmerie“ (grau markiert). Südlich von Bochum liegt ein nicht bezeichnetes Militärkontingent (gelb) und westlich zwei Gardeeinheiten („Garde F. et S.). Interessant und sicherlich von besonderer militärischer Funktion sind drei farbige Linienführungen, die wohl spezielle Wegstrecken – vielleicht Kurierwege oder Marschrichtungen – bezeichnen. In roter, gelber und grauer Farbe verlaufen diese von unterschiedlichen Punkten bei bestimmten Truppenverbänden alle in westliche Richtungen oder umgekehrt. In ihrer speziellen militärtaktischen Funktion ungeklärt sind auch drei gatterartige Symbole im Osten von Bochum, vielleicht werden damit gesonderte Kavallerie-, Geschütz-, oder Tross-Standorte markiert.

 

II. [Legende oben rechts:]Camp des Troupes aux Ordres de S[on]. A[ltesse]. S[érénissime]. mgr [= monseigneur] le Prince de Condé a Bockum le 23. Juillet 1762 / Echelle d’une demie Lieue [eingezeichnet ist ein Maßstab mit] 150, 300, 600, 1200T

(= Feldlager der Truppen unter Befehl Seiner Herzoglichen Durchlaucht des Herren Prinzenvon Condé in Bochum am 23. Juli 1762 / Maßstab von einer halben [altfranzösischen] Meile zu 1200 Toisen; eine Toise = ein [altfranzösischer] Klafter, Normaleinheit des alten Pariser Längenmaßes; eine Toise hielt 6 alte Pariser Fuß und entsprach einer Länge von 1,949 m.)

Die Abmessungen der Karte II sind 20,0 cm (B) mal 19,3 cm (H).

 

Auch Karte II ist nicht „genordet“; sie zeigt einen größeren Ausschnitt der Bochumer Umgebung nach Süden und Westen. Im Norden (linker Rand) ist – ähnlich wie auf der Karte I – der hier nicht benannte Rittersitz Haus Overdyck eingezeichnet, im Osten (oberer Rand) – ebenfalls ähnlich wie auf der Karte I – „alt Bockum“ (Altenbochum), in südlicher Richtung (zum rechten Rand) verläuft eine Straße durch die Ortschaften „Weittmer“ (Weitmar), vorbei an „Weittmer Chãu“ (Schloss Weitmar) und durch „Lynn“ (Linden), und im Westen (unterer Rand) ist „Steil“ (Steele) und deutlich als breiter Fluss erkennbar die Ruhr eingezeichnet.

Der Befestigungsring um Bochum wurde unzutreffend mit sechs (statt fünf) Stadttoren versehen. In der näheren Umgebung Bochums wurden – diesmal sämtlich unbezeichnet und in ihrer Lage durchaus etwas verändert – die französischen Truppenverbände positioniert, die auch schon – allerdings deutlich differenzierter – auf der Karte I zu sehen waren. Auch auf der Karte II fallen besondere farbig markierte Wegstrecken auf, wobei die graue Linie hier fehlt. Eine rote Strecke verläuft von einem im Südosten Bochums stationierten Truppenverband in westliche Richtung nach Steele und darüber hinaus oder umgekehrt. Eine gelbe Strecke beginnt im Süden Bochums und führt über Weitmar und Linden hinaus in südwestliche Richtung oder umgekehrt.

Dass beide Karten höchstwahrscheinlich von einem französischen Kartografen angefertigt wurden, einem historischen Kontext entstammen und auch unmittelbar aufeinander bezogen sind, zeigt der erste Blick. Es kann als ausgesprochener Glücksfall angesehen werden, dass zumindest eine der beiden Karten auf den Tag genau datiert wurde, auf den 23. Juli 1762. Offensichtlich waren die Karten vorgefertigt und bereits mit Jahreszahl versehen; bestimmte strategisch-taktische Besonderheiten und die genaue Datierung nach Tag und Monat wurden dann – je nach der aktuellen militärischen Lage - nachgetragen.

Die Legenden beider Karten zeigt, dass mit diesen Karten der Heerführer, Prinz von Condé, offensichtlich die Stationen seines ruhmreichen Feldzuges im Feindesland festhalten und dokumentieren ließ, und es ist anzunehmen, dass von früheren oder späteren Aktionen Condés ähnliche Dokumente existieren oder existiert haben.

Der auf beiden Karten genannte Heerführer ist Ludwig Joseph von Bourbon, Prinz von Condé. Er entstammte dem Condé genannten Seitenzweig des französischen Königshauses und wurde am 9. August 1736 geboren. Ludwig Joseph erhielt, noch nicht vier Jahre alt, das Gouvernement von Burgund und nahm im Siebenjährigen Krieg an dem Feldzug von 1757 mit Auszeichnung teil. Am 30. August 1762 – fünf Wochen nach seinem gut zehntägigen Aufenthalt in Bochum – siegte er unweit Friedberg über den Erbprinzen von Braunschweig.

Die Folgejahre waren äußerst wechselhaft für Ludwig Joseph: höchste Ehrungen und Verbannung, Rückkehr nach Frankreich und erneute Flucht vor den Exzessen der Revolution, Aufenthalte in Brüssel, Turin, Koblenz, Kämpfe in russischen, schweizerischen und österreichischen Diensten, Aufenthalt in England, 1814 glanzvolle Rückkehr nach Paris und Rückzug nach Chantilly, nördlich Paris, wo er am 13. Mai 1818 starb.

Die präzise Datierung von Karte II auf den 23. Juli 1762 lässt eine sehr genaue Einordnung beider Karten in die Schlussphase des Siebenjährigen Krieges zu, der auch die Hellwegzone in Westfalen und mit ihr die Stadt Bochum und die Gegend um Bochum vielfach mit Kriegsleid und großer Not überzog.

Der Siebenjährige Krieg oder auch Dritter Schlesischer Krieg (1756-1763) genannt, war gleichzeitig eine Auseinandersetzung zwischen Frankreich und Großbritannien in den überseeischen Kolonien. Preußen, das im Bund mit Großbritannien gegen Österreich, Frankreich, Russland, Schweden und die Mehrzahl der deutschen Reichsstände abermals um den Besitz Schlesiens kämpfte, wurde nach glänzenden Siegen (Roßbach, Leuthen) durch eine schwere Niederlage (Kunersdorf) in die Verteidigung gedrängt, und nur durch einen Thronwechsel in Russland, der 1762 den preußen-freundlichen Zar Peter III. an die Regierung brachte, gerettet. Im Frieden von Hubertusburg 1763 blieb Preußen im Besitz von Schlesien und Glaz und wurde damit in seiner europäischen Großmachtstellung bestätigt. Frankreich musste im Pariser Frieden 1763 seine wertvollsten Kolonialgebiete in Nordamerika und Indien an Großbritannien abtreten.

Um die Schlussphase des Siebenjährigen Krieges in Bochum und Umgebung und somit den Kontext der beiden äußerst seltenen kartografischen Kleinodien aufzuzeigen, zu denen es selbst im Bochumer Stadtarchiv keine Entsprechungen gibt, soll abschließend der Nestor der Bochumer Historiographie, Franz Darpe (1842 - 1911), zu Wort kommen. Darpe schreibt in seiner „Geschichte der Stadt Bochum“ auf Seite 379 f.: „... im August desselben Jahres [1761] wurde die Festung Hamm von 16000 Franzosen unter dem Prinzen v. Condé umlagert und beschossen; beim Anzuge des Erbprinzen von Braunschweig zogen die Feinde ab, um die Stadt im September nochmals zu beunruhigen.

Währenddes befanden sich am 26. Juni, 8. und 9. sowie 28. Juli, 9. August, 1., 4. und 13. Sept., 17. und 23.-28. Okt. französische Truppenabteilungen in Bochum, für welche Essen und Trinken, Kerzen, Tabak, Seife, Flintensteine u.a. geliefert werden mußten. 21 Kompagnieen Pioniere, welche am 8. August in Bochum einrückten und außer Quartier 100 Arbeiter von der Stadt verlangten, bildeten die Vorhut des nach dem Rheine zurückziehenden Prinzen von Soubise, dessen Hauptquartier sich am 10. und 11. August wieder in Bochum befand. Die Sommerfrüchte, welche das Soubisesche Heer im Juni noch etwa übrig gelassen, wurden nun gänzlich abfouragiert; am 11. August zog das Heer dann, nachdem es viele Zehrungskosten verursacht, fort. Patrouillen, Gefangenen- und Krankentransporte folgten später in buntem Wechsel. Am 25. Sept., 17. und 24. Okt. zogen kleine Abteilungen des Conflansschen Corps durch Bochum zurück. Vom 26. Okt. bis 13. Nov. befand sich das Hauptquartier des Prinzen von Condé in Bochum, dessen Truppen in der Gegend kantonierten; es wurden 93 Pfd. Kerzen, Kohlen für die Wachen u. s. w. von der Stadt geliefert.

Schon im Januar und im Februar 1762 zogen wieder Patrouillen auf dem Hellwege hin und her, so daß das Kriegsbild sich erneuerte. Am 1. März kam ein Kommando durch Bochum, welches Geiseln nach Düsseldorf brachte; am 4. März rückten 100 Mann vom Conflansschen Corps ein, welche am Hellwegsthore Posten aufstellten, tags darauf wieder 40 Mann, kleine Patrouillen folgten sich zeitweise von Tag zu Tag bis zum November hin. Am 5. April, 4., 7. und 18. Mai rückten bereits wieder je eine Husaren-Kompagnie des Regiments Conflans ein, für welche Fleisch gefordert wurde, am 22. Juni das Corps des Herzogs von Montmorency, am 20. Juli 2 Miliz-Bataillone.Vom 13.-22. Juli befand sich das Hauptquartier des Prinzen von Condé in Bochum; am 19. Juli forderte ein Kommando des Herrn d’Isler von der Stadt 300 Pioniere. Die Strassen waren außer von Truppen auch von Vagabunden belebt; am 2. Oktober machte ein Truppen-Kommando von Gelsenkirchen sich auf, um die Landstreicher bei Bochum aufzuheben.

Die feindlichen Heere des Westens, hie die Franzosen, dort die Alliierten, welche Westfalen durchzogen, stießen 1762 in keiner größeren Schlacht zusammen; das Arnsberger Schloß wurde in jenem Jahre gesprengt, Hamm bombardiert; seitdem erlahmte der Krieg im Westen.

Nachdem dann England mit Frankreich am 3. November 1762 zu Fontainbleau Frieden geschlossen und demnach der Herzog von Braunschweig sein Heer entlassen hatte, wurden die Franzosen widerstandslos Herren der Grafschaft Mark, bis im Dezember ein preußisches Heer sie verjagte. Der Hubertusburger Friede gab endlich am 15. Februar 1763 dem Lande Ruhe und befreite es von den fremden Eindringlingen.“

Darpe schreibt: „Vom 13.-22. Juli [1762] befand sich das Hauptquartier des Prinzen von Condé in Bochum“, was bedeutet, dass die Karte II, die datiert ist auf den 23. Juli 1762, ganz offensichtlich die Abmarschsituation der (noch) siegreichen französischen Truppen unter Condé aus Bochum dokumentiert.

Karte I entstammt – in ihrer größeren Detailgenauigkeit – ohne Zweifel dem gleichen Zeitraum und dem gleichen militärisch-politischen Kontext, obwohl die militärtaktischen Einzeichnungen in beiden Karten geringfügig differieren.

Die farbigen Linien auf beiden Karten erweisen sich somit mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit als die Marschrouten der abziehenden französischen Verbände.

Beide Karten wurden im Jahr 2000 von der Sparkasse Bochum erworben.

 1 Da die Bochumer Zeitpunkte nicht im Farbdruck erscheinen, sind die beschriebenen kolorierten Details an dieser Stelle leider nicht wie im Original wiederzugeben. Die Kortum-Gesellschaft besitzt zwei Kopien, die im Vereinshaus eingesehen werden können.

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege Heft 10, Dezember 2001

 

Herausgeber:

Dr. Dietmar Bleidick

Yorckstraße 16,44789 Bochum

Tel.: 0234/335406

e-mail: dietmar.bleidick@ruhr-uni-

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für die

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Vereinigung für Heimatkunde,

Stadtgeschichte und Denkmalschutz

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Redaktion:

Dr. Dietmar Bleidick, Peter Kracht

 

Redaktionsschluss:

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Druck:

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Verlag:

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