Vor siebzig Jahren hätte - wären die Zeitverhältnisse günstiger

gewesen - Bochum sein 600jähriges Stadtjubiläum begehen

können. Aber die damaligen Umstände waren nicht

dazu angetan, Jubiläen zu feiern.

Denn noch waren die Wunden des Krieges von 1914/18 nicht

vernarbt und die drückende Last des Versailler Vertrages

von 1919 voll zu spüren.

 

Bochum vor 70 Jahren

Zurückgeblickt auf das Jahr 1921

 

Hans W. Bimbel

 

Geblieben aus "Kaisers Zeiten" aber war die noch immer bunte Palette der vielen staatlichen und kommunalen Zuständigkeiten, die größeren und kleineren "Territorien" zwischen Dortmund und Essen, Ruhr und Emscher. Gemeint sind die heute längst nicht mehr selbständigen Städte und Landgemeinden, Ämter und Kreise in diesem Raum.

Damals, 1921, war Bochum, kreisfreie Stadt seit 1876, noch umgeben von Gemeinden der Landkreise Bochum, Hattingen und Gelsenkirchen:

Doch schon fünf Jahre später, 1926, wandelte sich dieses buntscheckige,

allerdings historisch gefügte Bild, nicht unerheblich, wurde vereinfacht: Riemke, Bergen, Altenbochum, Weitmar und Hordel wurden nach Bochum eingemeindet, während Eppendorf, Höntrop, Westenfeld und Günnigfeld zum neuen Stadtkreis Wattenscheid kamen und Eickel und Holsterhausen zusammen mit Wanne den ebenfalls damals aus der Taufe gehobenen neuen Stadtkreis Wanne-Eickel bildeten. Der Landkreis Gelsenkirchen, erst 1885 eingerichtet, wurde aufgelöst.

Nach weiteren drei Jahren wurde 1929 auch der Landkreis Bochum aufgelöst: Gerthe-Harpen, Laer und Querenburg kamen zu Bochum, desgleichen

Stiepel, denn der Landkreis Hattingen ging auf in dem neu errichteten Ennepe-Ruhr-Kreis.

Darüber hinaus wurden in die Stadt Bochum 1929 eingemeindet: die Gemeinden Langendreer mit einem Teil von Somborn, Querenburg und Werne aus dem aufgelösten Landkreis Bochum und Linden-Dahlhausen sowie der Ortsteil Sundern der Gemeinde Winz aus dem aufgelösten Kreis Hattingen (vgl. die Beiträge des Verfassers in den Bochumer Adressbüchem von 1984,1985 und 1988189).

1921 aber ging es noch ein wenig beengt zu auf Bochums Gemeindeflur. Denn die letzten überaus notwendig gewordenen Eingemeindungen waren noch immer die ersten geblieben. Grunme, Hamme, Hofstede und Wiemelhausen wurden bereits 1904 in das längst zu klein gewordene Stadtgebiet Bochums eingegliedert.

Bochum-Stadt - daneben gab es damals ja noch den gleichnamigen Landkreis - wies 1921 eine Gebietsfläche von 27,43 km aus, heute, seit 1975, sind es 14538 Quadratkilometer.

Zu Beginn des Jahres 1921 zählte Bochum 151.704, zum Jahresende aber bereits 157.760 Einwohner. Eine Zunahme, die sich nicht allein u.a. aus dem Geburtenüberschuß, sondern auch aus einer erheblichen Zuwanderung ergab. Letztere war wohl auch eine Folge von Gebietsabtretungen, die das Reich und namentlich Preußen im Osten und Westen hinnehmen mußten.

Nicht so ausführlich für 1921, wohl aber für das darauffolgende Jahr (1922), liegen Einwohnerzahlen vor, die weiteren Aufschluss geben über die Bochumer von damals: Einwohner 1922: 159.060 (Frauen 76.494, Männer 82.566). Über derenReligionszugehörigkeit erfahren wir -amtlich so veröffentlicht - daß der evangelischen 76.599, katholischen 76.441, jüdischen 1.173 und einer anderen Glaubensgemeinschaft oder keiner 4.887 angehörten. Auf 1.000 Einwohner kamen 1921 33 Geburten, während es vor dem Krieg (1914) noch 36 und 1908 45 waren, 1917 aber, als Kohlrüben eine Delikatesse sind, nur 19. Abgenommen hatte aber auch die Zahl der Eheschließungen: 1921 heirateten noch 2.117, 111 weniger als im vorhergehenden Jahr; ein Jahr später waren es nur noch 1.979.

Für 1922 werden 33.668 Haushaltungen genannt, Menschen also mit einem Kochtopf, Herd und Schlafgelegenheit. Lebhaft war das Umziehen, der Zuzug und Abgang in Bochum. Im Wechsel ihres Wohnsitzes begriffen waren 1921 insgesamt 28.026 Personen.

So hatte sich seit den Vorkriegsjahren durch den immerwährenden Zuzug und Fortzug alljährlich etwa ein Fünftel der Bevölkerung gewissermaßen erneuert. Besonders seßhaft waren sie also nicht, die "ollen Bochumer" in diesen Jahren.

Unverändert der Magistrat von Bochum, das Stadtregiment. Noch immer war - seit 1899 - Fritz Graff Oberbürgermeister. Zweiter Bürgermeister war seit 1919 Dr. Johannes Falk; er ging 1923 als Oberbürgermeister nach Bonn. Beide keine gebürtigen Bochumer. Den bekam die Stadt in ihrer jüngeren Geschichte erst wieder 1933 mit Dr. Otto Piclum.

Erheblich umgebildet in ihrer Struktur wurde 1919 aber die Stadtverordnetenversammlung, der "Rat". Erstmalig gehörten ihm auch Frauen an, eine Errungenschaft der Revolution von 1918. In dem anfangs 66 Köpfe zählenden Gremium stellte die Zentrumspartei, CDV, die stärkste Fraktion, gefolgt von der SPD. Die nächste Wahl (1924) brachte auch die KPD ins Stadtparlament. Auf Anhieb schlug sie die Sozialdemokraten und kam sogar dicht an die Zentrumsleute heran. Aber 1921 war es eben noch nicht soweit. Da war auch sonst manches anders als heute. Bis auf die Preise. Die stiegen auch ständig.

 

Tabelle der Zugehörigkeiten lt. Beitrag Bimbel, leicht ergänzt 2012:

Stadt

Landgemeinde

Amt

Landkreis

Bochum

 

 

(kreisfrei ab 1876)

 

Riemke

Hordel

Bochum

 

Bergen

Hordel

Bochum

 

Gerthe

Harpen

Bochum

 

Harpen

Harpen

Bochum

 

Altenbochum

Bochum-Süd

Bochum

 

Laer

Bochum-Süd

Bochum

 

Querenburg

Bochum-Süd

Bochum

 

Stiepel

Blankenstein

Hattingen

 

Weitmar

Weitmar

Bochum

 

Eppendorf

Wattenscheid

Gelsenkirchen

 

Höntrop

Wattenscheid

Gelsenkirchen

 

Westenfeld

Wattenscheid

Gelsenkirchen

Wattenscheid

 

 

Gelsenkirchen

 

Günnigfeld

Wattenscheid

Gelsenkirchen

 

Hordel

Hordel

Bochum

 

Eickel

Eickel

Gelsenkirchen

 

Holsterhausen

Eickel

Gelsenkirchen

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege Jahrgang 1, Heft 1 / 1991

 

Herausgeber:

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde, Stadtgeschichte und Denkmalschutz

 

Redaktion:

Eberhard Brand, Dr. Hans H. Hanke, Peter Kracht;

Heft 1/91 in Zusammenarbeit mit Frauke Bezold, Hans W.Bimbel, Uwe Peters und Hans-Christian Zehnter

 

Verlag:

Peter Kracht - Verlag Limbeckstraße 24, 4630 Bochum 7 (Werne) Tel.: 0234/263327

ISSN 0940-5453

 

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