Nachdem das Stadtbad auf Initiative der Kortum-Gesellschaft unter Denkmalschutz gestellt wurde, das fast zur gleichen Zeit unter gleichen Umständen gebauteArbeitsamt aber abgerissen ist, bleiben Fragen offen.

 

Die Sache mit dem Denkmal:

Stadtbad - Arbeitsamt – Berufsschule ?

 

Hans H. Hanke

 

Bochumer Planern heraufbeschworen, wenn sie über die Stadtmitte und über die von Grünflächen umgebenen Stadtteilzentren sprachen. Das - wie es damals hieß - "enge, verwinkelte und verschmutzte Bochum der Vorkriegszeit" sollte nach den soeben neu gewonnen menschlichen und demokratischen Grundlagen nicht wiedererstehen. Rein kommerzielle Vorgaben aus Industrie und Handel sollten die Stadtplanung nicht schon wieder beherrschen. Ein "Gesamtkunstwerk Bochum" wurde nicht nur nach der erklärten Meinung der damaligen Stadtbauherren mit dem Neuordnungsplan erdacht und begonnen.

Versöhnen und Radfahren

So sprach Stadtbaurat Clemens Massenberg schon 1947 davon, daß eine Stadt eine eigene Grundidee haben müsse. Für Bochum schlug er vor: " Ausgleich von schwerster Arbeit und Kultur, Brücke vom Werktag zum Sonntag des menschlichen Lebens, Versöhnung und Heiligung des modernen werktätigen Arbeitsmenschen. Der Werktätige findet in den Tempeln der Bühne, der Plastik und Malerei, der Musik, der musealen Sammlungen, der wissenschaftlichen Vorträge, der religiösen Andacht seinen Hunger nach Erkenntnis, Wahrheit und Schönheit gestillt. Die Bürger einer solchen Stadt wandeln zwischen ewigen Melodien, sie fühlen sich am ge-

Bochumer Planern heraufbeschworen, wenn sie über die Stadtmitte und über die von Grünflächen umgebenen Stadtteilzentren sprachen. Das - wie es damals hieß - "enge, verwinkelte und verschmutzte Bochum der Vorkriegszeit" sollte nach den soeben neu gewonnen menschlichen und demokratischen Grundlagen nicht wiedererstehen. Rein kommerzielle Vorgaben aus Industrie und Handel sollten die Stadtplanung nicht schon wieder beherrschen. Ein "Gesamtkunstwerk Bochum" wurde nicht nur nach der erklärten Meinung der damaligen Stadtbauherren mit dem Neuordnungsplan erdacht und begonnen.

Versöhnen und Radfahren

So sprach Stadtbaurat Clemens Massenberg schon 1947 davon, daß eine Stadt eine eigene Grundidee haben müsse. Für Bochum schlug er vor: " Ausgleich von schwerster Arbeit und Kultur, Brücke vom Werktag zum Sonntag des menschlichen Lebens, Versöhnung und Heiligung des modernen werktätigen Arbeitsmenschen. Der Werktätige findet in den Tempeln der Bühne, der Plastik und Malerei, der Musik, der musealen Sammlungen, der wissenschaftlichen Vorträge, der religiösen Andacht seinen Hunger nach Erkenntnis, Wahrheit und Schönheit gestillt. Die Bürger einer solchen Stadt wandeln zwischen ewigen Melodien, sie fühlen sich am ge-

meinsten Tag in einem idealen Zustand."

Was brachten die für unsere Ohren sehr hehren, aber aufrichtig gemeinten Worte für die gebaute Wirklichkeit? Breite Bürgersteige, auf denen sich die Bochumer Bürger frei bewegen konnten und nicht mehr wie früher befürchten mußten, vom nächsten Rempler unter die Straßenbahn gestoßen zu werden. Wenn sie wollten, sollte es Ihnen möglich sein, von der Ruhr bis in die Stadtmitte durch Grünzüge zu spazieren oder mit dem Rad zu fahren. Überhaupt hatte Bochum nie wieder so viele Radwege wie bis 1959 -auch in der Innenstadt. Erst danach wurden die Radwege zu überfüllten Parkplätzen am Straßenrand. (Wer mal unter die parkenden Autos am Nordring schaut, kann sie noch sehen.) Bis in die späten Fünfziger Jahre hinein bevorzugten die Städtebauer überdies die öffentlichen Verkehrsmittel gegenüber den Autos. Die Straßenbahngleise wurden z.B. so angelegt, daß sie durch anderen Verkehr möglichst wenig behindert wurden, außerdem sollte von jedem Ort der Innenstadt eine Straßenbahnhaltestelle nicht weiter als sechs Fußminuten entfernt sein.

All die schönen Pläne und Taten fanden im Kernstück des Neuordnungs-

planes ihren Höhepunkt, in der Verlegung des Alten Hauptbahnhofes vom heutigen Konrad-Adenauer-Platz zu seinem heutigen Standort am Kurt-Schumacher-Platz.

Schwung, Farbe, Rhythmus.

1957 war das neue Bahnhofsgebäude fertig mitsamt seinem Hotel und seinem ursprünglich exklusiven Premierenkino, den Bahnhofslichtspielen, kurz "Bah" genannt, dem heutigen Metropolis. Das Empfangsgebäude befindet sich zur Zeit im Verfahren zur Eintragung in die Denkmalliste. Der dazugehörige neue Bahnhofsvorplatz sollte nur das Beste, Schönste und Freundlichste von dem aufweisen, was sich in den zeitgenössischen Baukästen der Architekten und Städtepia-

ner finden ließ. Und so kam es dann auch:

Schon das Empfangsgebäude mit seinem kühn geschwungenen Vordach gehörte zu den besten Architekturen in der Republik, das Stadtwerke-Hochhaus wurde selbst nach seiner Fertigstellung noch mit Preßluft-Hammer und Sandstrahl wie eine Skulptur modelliert und war das damals höchste Gebäude Bochums. Eines der kommerziell interessantesten Grundstücke in Bahnhofsnähe wurde ganz demokratisch der Bevölkerung zuge-spro- chen: Hier entstand, gut erreichbar im Schnittpunkt aller Verkehrslinien, das Stadtbad.

Der Bahnhofsbereich wurde farbig gestaltet, denn die graue Vorkriegsstadt sollte fröhlich leuchten: Die gelben Berufsschulen, der rote Bahnhof, die Stadtwerke in Türkis und das "leder-farbene" Stadtbad sollten das bewirken. Außerdem wollte man durch abwechslungsreiche Gebäudehöhen dem Auge Orientierungspunkte und dem Raum Rhythmus vermitteln.

Alle Gebäude am Bahnhofsplatz haben sich vollkommen den Vorstellungen des Neuordnungsplanes von 1948 angepaßt, nur eines nicht so ganz: und das war das Arbeitsamt. Es hätte durchgehend dreigeschossig werden sollen, wurde aber viel höher; es hätte - wie bei den Stadtwerken und wie beim Stadtbad - eine Schaufensterzone erhalten sollen, die kraft ihres Leuchtens auch die nächtliche Innenstadt belebt. Ohne auch nur ein einziges Leuchtsignal erbaut, blieb die Platzfront am Arbeitsamt tot. Die Architektur des Arbeits- amtes war den Bochumer Städtebauern ein wenig zuwider. Und darum wurde das Arbeitsamt im Sinne des Gesetzes kein Baudenkmal.

Platzerhaltung durch Abriß?

Das hieß natürlich noch lange nicht, daß das Arbeitsamt abgerissen werden mußte. Es gehörte zu der Bausubstanz Bochums, die die Verantwortlichen in Bochum frei von gesetzlichen Maßregelungen, selbstverantwortlich hätten bewahren können. Auch wenn es als einzelnes Gebäude nicht denkmalwert war, gehörte es doch zu dem Platzkonzept, das zum Beispiel auf den renommierten Bauausteilungen "Constructa" 1951 in Hannover und der Internationalen Präsentation in Lissabon 1952 große Anerkennung fand.

Verständnis für die Fragen der Stadtgeschichte entwickelt Kulturdezernen-tin Dr. Canaris, die in einer schnellen, unbürokratischen Aktion wenigstens die Vernichtung des Kunstwerkes an der Fassade des Arbeitsamtes verhindern konnte. Das Keramikrelief ist von bewahrenswerter Ausdruckskraft. Diese Tatsache konnte die verblüffende Feststellung des Künstlers Erich Schmidtbochum nicht ändern, dies sei nicht sein Werk, selbst wenn die Bauunterlagen da anderes berichten.

Ein anderer Aspekt, der der jetzigen Generation im Rathaus anscheinend völlig fremd ist, hätte ebenfalls für die Bewahrung des Arbeitsamtes gesprochen: In der einprägsamen Architektur der Fünfziger Jahre - in den Wohnhäusern, den Schulen und eben in der Stadtmitte - ist eine Generation aufgewachsen, die sich mit diesen Formen identifizieren kann, die auch darin die Individualität Bochums erkennt. Diese Bauten nun abzureißen oder zu entstellen, bedeutet auch, wichtige Identifikationsmerkmale zu zerstören.

Der Verlust des Arbeitsamtes wäre aber durchaus zu verschmerzen, würde es durch einen angemessenen Neubau ersetzt. So weit ersichtlich, spricht nichts dagegen, das geplante Hotel an der Platzseite nur zweigeschossig und erst im rückwärtigen Bereich als 19-geschossigen Turm zu errichten. Das stadtgeschichtlich bedeutende Platzkonzept könnte so erhalten bleiben. Es gibt mündliche Absprachen zwischen dem Ministerium für Städtebau und Verkehr sowie der Stadt Bochum, daß der Bahnhofsplatz in etwa solcher

Weise bewahrt bleiben soll. Doch allein der bisherige Verlauf der Planungen zum Stadtbad und zum Hotel zeigt wohl deutlich, daß die Stadt Bochum nicht beabsichtigt, sich ohne Nachdruck an diese Absprachen zu halten.

Und weiter nagt der Baggerzahn

Mittlerweile verdichten sich die Gerüchte und Beobachtungen selbst so weit, daß man wohl davon ausgehen kann, daß die Stadt Bochum sogar die Berufsschule am Bahnhofsplatz abreißen will. Augenfällig ist die zurückhaltende Renovierung des rückwärtigen Traktes und die völlige Verwahrlosung des vorderen Bereiches der Berufsschulgebäude. Bekannt ist auch die Absicht, die Schulstruktur Bochums zu ändern. Im Rahmen dieser Neuorientierung ließen sich dann wohl auch diese Gebäude räumen und abreißen. Hier handelt es sich allerdings um eindeutige Baudenkmäler, deren Unterschutzstellung die Kortum-Gesellschaft anregen wird.

Die beiden Berufsschulen wurden 1954 nach Plänen des qualifizierten Architekten H. Knirsch (Planungsamt Bochum) fertiggestellt. Sie waren durch die erstmals verwirklichte Kombination von Werkstätten, Schulräumen sowie der als Bochumer Kammerspiele errichteten Aula ein nordrhein-westfälisches Pilotprojekt. Noch 1961 wird sie in NRW-Publikationen als vorbildlich vorgestellt, und der Architekturführer Bochum urteilte 1986: "Der Beton-Skelettbau hat eine überzeugende, stadträumliche Funktion". Kunsthistorisch bedeutendist der Schulkomplex durch sein innere Farbgestaltung und die Großkeramik an der Platzfront, beides vom überregional anerkannten Künstler Ignatius Geitel.

Wettbewerb ums Stadtbad

Die immerwährende Abrißpolitik in Bochum schmälert die Freude an den vielversprechenden städtebaulichen Ergebnissen des Wettbewerbes für das Stadtbad-Areal beträchtlich, zumal das Stadtbad selbst darin anscheinend nur eine Nebenrolle zugewiesen bekam. Einige denkmalpflegerisch gute und viele sporttechnisch denkbare Lösungen lassen aber weiter hoffen, daß das daraus noch zu zaubernde "Bochumer Modell" nicht völlig daneben gerät. Anscheinend soll tatsächlich wieder Schwimmsport im Stadtbad möglich werden. Eine Halle war dafür in allen Entwürfen reserviert, die zweite galt meist dem Spaßbaden. Unverstanden blieb in vielen Entwürfen die bewußt schlichte Architektur und die städtebauliche Funktion des Baus: Da wurde nach Belieben eingerissen und aufgestockt. Solche Ergebnisse ließ aber bereits der in dieser Hinsicht sehr unvollständige Ausschreibungstext erwarten.

In diesem Zusammenhang sei doch angemerkt, daß ich den Wettbewerbsteilnehmer Holger Rübsamen, Architekt BDA, beraten habe. Prämiert wurden wir nicht, wichtig war aber, daß sich während der Arbeit an diesem Projekt gezeigt hat, daß man das Stadtbad sehr gut unter Einbeziehung der denkmalwerten Substanz den modernen Anforderungen anpassen kann. Veränderungen am Äußeren sind dazu überhaupt nicht notwendig, allein eine Restaurierung und Renovierung würde dem Stadtbad wieder zu einem attraktiven Äußeren verhelfen. Im Inneren muß selbstverständlich etwas mehr geschehen, ein völliges "Auskernen" ist hier aber absolut nicht nötig.

Seit 1987 versucht die Kortum-Gesellschaft den hohen Wert der Wiederaufbau-Architektur für die Geschichte Bochums zu vermitteln und zu verbreiten. Wir hoffen dabei weiter auf Erfolg, denn mit einer nachhaltigen Pflege dieser steinernen Zeitzeugen würde Bochum für Bochumer, aber auch überregional individueller, interessanter und anziehender.

Literatur:

Hanke, Hans H.:

Stadtplanung und Architektur im Wiederaufbau der Bochumer Innenstadt 1944 • 1960. In: Klueting, Edeltraud, Hg.: Der Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg und die Probleme des Denkmalschutzes. Münster 1990, S. 147-176.

Interministerieller Schulbauausschuß der Landesregierung Nordrhein-Westfalen, Hg.: Neue Schulbauten in Nordrhein-Westfalen. Kölnl961.

Wieschemann, Paul Gerhard, Red.; BDA Bochum, Hg.:

Bauen in Bochum. Bochum 1986. (Architekturführer im Ruhrgebiet Nr. 4)

Hiekisch-Picard, Sepp, Red.; Stadt Bochum -
Museum Bochum, Hg.:

Ignatius Geitel 1913 -1985. Katalog Bochum 1988.

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege Jahrgang 1, Heft 1 / 1991

 

Herausgeber:

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde, Stadtgeschichte und Denkmalschutz

 

Redaktion:

Eberhard Brand, Dr. Hans H. Hanke, Peter Kracht;

Heft 1/91 in Zusammenarbeit mit Frauke Bezold, Hans W.Bimbel, Uwe Peters und Hans-Christian Zehnter

 

Verlag:

Peter Kracht - Verlag Limbeckstraße 24, 4630 Bochum 7 (Werne) Tel.: 0234/263327

ISSN 0940-5453

 

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