Zum Reichshof Bochum

Eine Replik

 

Dieter Scheler

 

Raimund Trinkaus hat in den „Bochumer Zeitpunkten“ Nr.11 die Forschungen von Paul Derks zum Ortsnamen Bochum vorgestellt und in diesem Zusammenhang   wie schon Albert K. Hömberg 1965   Darpes Deutung der Bezeichnung „villa publica Cofbuockheim“ in der Schenkungsurkunde Erzbischof Hermanns II. von Köln für Deutz (1041) als Reichshof Bochum in Zweifel gezogen. Neu daran ist nur die Behauptung, es handele sich bei der Bezeichnung „Reichshof“ schlicht um einen Übersetzungsfehler Darpes, denn „villa publica“ bedeute „öffentliches Gebäude“.1 Das trifft jedoch nicht zu.

Villa“, ein in früh- und hochmittelalterlichen Texten, vor allem Urkunden und Urbaren (Besitzaufzeichnungen) außerordentlich häufig vorkommender Begriff, bedeutet in seinen vielen Varianten nie ein bloßes Gebäude, sondern immer Siedlung oder Güterkomplex. Und selbst wo „villa“ sich auch auf Gebäude bezieht, wie bei der Bezeichnung bäuerlicher Einzelhöfe oder einer Königspfalz, ist immer ein ganzer Komplex von Gebäuden und Flächen gemeint.2 Dem entspricht auch das deutsche „Hof“, das Wort, mit dem die lateinischen Bezeichnungen „area“, „villa“ und „aula“ übersetzt werden, etwa in der oft vorkommenden sprechenden Paarformel „Haus und Hof“.3 Quellenbelege für „villa publica“ im Sinne eines „Verwaltungsgebäudes niederen Ranges“, als „Sitz eines Schultheißen, eines Rathauses“ lassen sich dagegen aus ernst zu nehmenden Wörterbüchern und Glossaren nicht beibringen.

Doch nicht nur der Einwand von Trinkaus, sondern auch der erwähnte Zweifel Hömbergs, den dieser ohne jede nähere Begründung aussprach, entbehrt von der Wortbedeutung her der Grundlage.4 Denn „publicus“ bedeutet in den mittelalterlichen Quellen der Zeit „königlich“; bezogen auf eine „villa“ also: „unter königlicher Hoheit stehend“, im Gegensatz zu unter der Hoheit von Kirchen oder von Laien („privati“) oder der von Gemeinden („communis“) stehend.5 In letzter Konsequenz kann „villa publica“ deshalb auch einen Sitz königlicher Herrschaft, die Königspfalz, bezeichnen.6Das trifft nun auf Bochum sicher nicht zu und ist auch bisher von niemandem behauptet worden.

Doch selbst wenn Bochum im 11. Jahrhundert unter königlicher Hoheit stand, war es wirklich ein „Reichs-Hof“? Trinkaus sieht das Problem darin, dass der zweifellos viel engere Begriff „curia“ (Hof) erst 1298 auf Bochum angewandt wird, dem 1321 der Begriff „curtis“ entspricht, dass also von einem „Hof“ erst 250 Jahre nach der Urkunde von 1041 die Rede sein könne.7   Zunächst gilt hier auch das oben Gesagte: „Hof“ meint im älteren Deutsch durchaus dasselbe wie „villa“; nämlich einen räumlichen Komplex. Der Begriff „Reichshof“ aber im engeren Sinne, der in der Forschung benutzt wird, übernimmt nur die Terminologie der spätmittelalterlichen Quellen, die damit in der Tat einen Siedlungs- und Güterkomplex unter der Hoheit des Königs bezeichnen. So etwa, wenn in einer Urkunde des Dortmunder Rats von 1506 über den „hoeff to Witten“ (damals längst die Herrschaft Witten) gesagt wird „dat de hoeff to Witten sye een frye ryckes hoeff“ (freier Reichshof).8   Nur in diesem Sinne bezieht Darpe den Begriff auf Bochum und insofern ist daran nichts falsch. Dass der in der Forschung unmissverständliche Begriff dennoch Missverständnisse hervorrufen kann, liegt an der Verengung des ursprünglich weiteren Bedeutungsfelds des Begriffs „Hof“, das sich in seiner topografischen Bedeutung umgangssprachlich auf Begriffe wie „Bauernhof“ oder „Hinterhof“ reduziert hat. Für das heutige Verständnis dürfte deshalb etwa eine Umschreibung von „villa publica“ als „Siedlungs- und Güterkomplex unter königlicher Hoheit“ anstelle der historisch durchaus gerechtfertigten Übersetzung „Reichshof“ angemessener sein.

Und das auch deshalb, weil schon die älteste Quelle für Ortsnamen von Siedlungen im Raum des heutigen Bochumer Stadtgebiets, das Werdener Urbar aus dem Ende des 9. Jahrhunderts, zwar die Siedlungen von Langendreer bis Wattenscheid und Riemke als „villa“ bezeichnet, daneben aber durchaus auch den engeren Begriff einer „curtis dominica“ (eines Herrenhofes des Klosters) innerhalb einer „villa“ kennt, allerdings nicht anhand eines Falles auf Bochumer, sondern eines solchen auf Duisburger Stadtgebiet, nämlich Friemersheim.9 Und auch die erwähnten Bochumer Urkunden der Grafen von der Mark, die von „civibus in Bůchem ... attinentes curie nostre“, also „von Bürgern in Bochum, ... die zu unserem Hof gehören“ (1298) sprechen und von dem „ius curtis nostre in Bochem“, also „dem Recht unseres Hofes in Bochum“ (1321), unterscheiden Ort und Hof.10 Dieselbe Unterscheidung findet sich auch in der Urkunde von 1041 selbst, in der Erzbischof Hermann dem Kloster Deutz nicht nur Hufen und Hörige „iuxta villam publicam Cofbuokheim“ schenkt, sondern auch „nostram curtim ... Westhouuon“ (unseren Hof ... Westhoven) im Deutzgau.11 Deutlich wird hier ein Unterschied zwischen dem regionalen Mittelpunkt einer Siedlung unter der Hoheit des Königs („villa publica“) und einem Hofkomplex („curtis“) gemacht.

Und gerade diese Unterscheidung der Siedlung vom Hofkomplex macht die Bedeutung Bochums im 11. Jahrhundert deutlich: Bochum wird nicht als ein Hof (im engeren Sinne) verstanden, sondern als eine Siedlung, die mehr ist als das, ein Ort nämlich der Ausübung königlicher Hoheitsrechte unter einem Grafen, wie Derks mit seiner Rechtfertigung der Namensbedeutung „Cofbuokheim“ als „Buokheim“ des Grafen Cobbo noch einmal nachdrücklich bestätigt hat; als Hauptort einer Grafschaft, die nach Hömberg noch weiter reichte als das spätere Amt Bochum, nämlich auch Hattingen und Essen umfasste.12 Und insofern gilt die Aussage von Karl Rübel von 1901 nach wie vor: „Dieser Ausdruck ‚villa publica Cuofbuockum’ ist so unzweideutig wie möglich, er kann nur auf Königsgut bezogen werden, und zwar ist es keine einzelne Hufe, die bezeichnet wird, sondern die ‚villa’.“13

 

 

 

1 R. Trinkaus:,Name und Wappen der Stadt Bochum, in: Bochumer Zeitpunkte. Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege, Heft 11 (2002), S. 6.

2J. F. Niermeyer/C. Van de Kieft, Mediae Latinitatis Lexicon Minus, Leiden 1976, Artikel „villa“, Sp. 1101-1103.

3M. Heyne (Bearb.): Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Bd. 10 = Bd. 4, Abt. 2: H-Juzen. (Nachdruck der Erstausgabe Leipzig 1877) 1984, Artikel ‚Hof’, Sp. 1654-1659.

4A. K. Hömberg, Kirchliche und weltliche Landesorganisation (Pfarrsystem und Gerichtsverfassung) in den Urpfarrgebieten des südlichen Westfalen. (Veröffentlichungen der Historischen Kommission Westfalens XXII: Geschichtliche Arbeiten zur westfälischen Landesforschung, 10), Münster/Westf. 1965, S. 66, Anm. 40: „Denn ob aus der Bezeichnung ‚villa publica’ im Jahre 1041 auf die Existenz von Reichsgut geschlossen werden darf, erscheint mir doch als recht zweifelhaft.“

5W. Schlesinger, Die Entstehung der Landesherrschaft: Untersuchungen vorwiegend nach mitteldeutschen Quellen. (Neudruck der Ausgabe Dresden 1941), Darmstadt 1964, S. 110f.

6 Niermeyer/Van de Kieft, Lexicon, Artikel „villa“, Sp. 1102.

7 Trinkaus, Bochum, S. 6.

8K. Rübel, Reichshöfe im Lippe-, Ruhr- und Diemelgebiet und am Hellwege, in: Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark 10 (1901), S. 134.

9R. Kötzschke (Hrsg.), Die Urbare der Abtei Werden an der Ruhr: A. Die Urbare vom 9.-13. Jahrhundert (Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde, XX: Rheinische Urbare, 2), Bonn 1906, S. 16 (Friemersheim), S. 69-71.

10F. Darpe, Geschichte der Stadt Bochum. Mit einer Einleitung von Eberhard Brand (Nachdruck der Ausgabe Bochum 1894), Bochum 1991, S. 5*, 7*.

11E. Wisplinghoff (Hrsg.), Rheinisches Urkundenbuch: Ältere Urkunden bis 1100, 1. Lieferung: Aachen/Deutz. (Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtsforschung, 57), Düsseldorf 1972, Nr. 134, S. 197.

12P. Derks: In pago Borahtron, Zu einigen Ortsnamen der Hellweg- und Emscherzone. in: Beiträge zur Geschichte von Stadt und Stift Essen 99 (1984), S. 8-27. Hömberg, Landesorganisation, S. 67f.

13 Rübel, Reichshöfe, S. 134.

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege Heft 12, Dezember 2002

 

Herausgeber:

Dr. Dietmar Bleidick

Yorckstraße 16,44789 Bochum

Tel.: 0234/335406

e-mail: dietmar.bleidick@ruhr-uni-

bochum.de

für die

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde,

Stadtgeschichte und Denkmalschutz

Graf-Engelbert-Straße 18

44791 Bochum

Tel. 0234/581480

e-mail: Kortum.eV@web.de

 

Redaktion:

Dr. Dietmar Bleidick, Peter Kracht

Redaktionsschluss:

jeweils 15. April und 15. Oktober

 

Druck:

A. Budde GmbH

Berliner Platz 6 a, 44623 Herne

 

Verlag:

Peter Kracht •> Verlag

Limbeckstraße 24

44894 Bochum

Tel.: 0234/263327

e-mail: kracht.verlag@t-online.de

 

ISSN 0940-5453