Was wäre Bochum ohne Bühne

Zur Abwanderung aus dem Hochstift Paderborn ins westfälische Ruhrgebiet

 

Michael Pavlicic

 

In letzter Zeit ist das Interesse an einer wissenschaftlichen Erforschung der Amerika-Auswanderer seit dem 19. Jahrhundert aus dem Hochstift Paderborn sprunghaft angestiegen. Besonders die Entdeckung der „Plattdeutschen Prairie“ im Mittelwesten der USA, wo sich viele Bewohner aus dem Paderborner Land niedergelassen haben, hat mit dazu beigetragen, dass sich viele Familien- und Lokalgeschichtsforscher diesem Gebiete zuwenden. Dabei bleibt der für unseren südostwestfälischen Raum wesentlich wichtigere Aspekt der Abwanderung breiter Bevölkerungskreise ins westfälische Ruhrgebiet in der gegenwärtigen Forschung fast unberücksichtigt. Als Beispiel für diese bedeutende westfälische Binnenwanderung soll hier in einem kurzen Abriss die Beziehung des alten Kirchdorfes Bühne zur westfälischen Großstadt Bochum beleuchtet werden. Noch heute heißt es in diesem Bördedorf, das vom 13. bis 16. Juli 1990 seine 1100-Jahr-Feier beging, Bochum sei durch die Bühner Zuwanderer nach 1850 erst zur Großstadt geworden. Tatsächlich gibt es im Dorf kaum eine Hausstätte, die nicht in irgendeiner Weise verwandtschaftliche Beziehungen nach Bochum hat. Der im Jahre 1987 verstorbene Bochumer Heimatforscher Heinz Oelrich, dessen Eltern aus Bühne stammten, überliefert uns in seinen Aufzeichnungen folgende Einzelheiten zu diesem Thema:

Was da an jungen Männern und Frauen seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts nach Bochum und Umgebung abwanderte, bedeutete für das Dorf einen Aderlass größten Ausmaßes. Nicht zu Unrecht ist darüber geklagt worden, dass damals die besten Kräfte der ländlichen Bevölkerung in das Ruhrgebiet abzogen. Irrtümlich sprach man früher in Bühne von einer Abwanderung ins ‚Bergische‘. Das Bergische Land liegt jedoch südlich des Ruhrgebietes und umfasst den Raum mit Elberfeld-Barmen-Solingen als Mittelpunkt. Die damaligen Klagen bezüglich der Landflucht sind subjektiv zwar verständlich, objektiv aber falsch. Was sollten die überzähligen Arbeitskräfte in dem ländlichen Bühne, wo ausreichende und lohnbringende Arbeitsplätze fehlten? Die am Ort vorhandenen kleinen Handwerksbetriebe konnten das Überangebot an jungen Arbeitskräften nicht auffangen, und die damals bestehenden unzureichenden Verkehrsverbindungen ließen eine Arbeitsaufnahme als Pendler nicht zu. Was blieb diesen Überzähligen – heute würden wir Arbeitssuchenden sagen – übrig, als Arbeit und Brot zu suchen, wo sich beides anbot. Und wo erst einer sein Unter- und Auskommen gefunden hatte, war es nur natürlich, dass er seine Freunde und Kameraden oder seine Geschwister ermunterte, es ihm gleichzutun. Bühner Familiennamen wie Dee, Dewender, Gelhaus, Heise, Hengst, Ischen, Kemner (Karrels), Klare, Krull, Lenz, Lippold, Oelrich und Rasche – um nur einige zu nennen – sind auch heute noch im Bochumer Adressbuch mehrfach vertreten. Vor dem 1. Weltkrieg gab es in Bochum eine Gaststätte, in der man des Sonntags mehr Bühner als in einer Bühner zusammengenommen treffen konnte. Da wurden Erfahrungen ausgetauscht, Zimmer und Arbeitsplätze vermittelt und das Neueste aus der Heimat erzählt. Wer sonntags nicht in der ‚Kanone‘ [Name der Gaststätte] bei Fritz Janssen gewesen war, der war einfach nicht ‚raus‘ gewesen. Im übrigen hielten die Bühner in Bochum immer gut zusammen und halfen sich gegenseitig. Man wurde schnell mit den Verhältnissen in der Großstadt und den Gewohnheiten der dortigen Bevölkerung vertraut, so dass die Kinder und Enkel der Bühner ‚Zuwanderer‘ eng mit der neuen Heimat im westfälischen Ruhrgebiet verbunden sind.“

Soweit die Ausführungen von Heinz Oelrich. Dass das Leben im Industriegebiet von harter Arbeit und Entbehrungen geprägt war, belegt der Werdegang meines Urgroßvaters Karl Wilhelm Kemner, gen. Karrels, aus dem Hause Bühne Nr. 136. Erst 16 Jahre alt, war er aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, sein Elternhaus zu verlassen und sich in Bochum eine Existenz aufzubauen. Am 27. April 1870 meldete sich Kemner in Bochum an und arbeitete zunächst als Handlanger im Baugewerbe. Später übte er den Beruf des Bergmannes aus. Durch ein mühsames Arbeitsleben gezeichnet, starb er im Alter von nur 37 Jahren im Februar 1891 in Bochum-Wiemelhausen. Von Interesse scheint in diesem Zusammenhang auch das Heiratsverhälten der „Neu-Bochumer“ zu sein. Viele Zugewanderte heirateten im Industriegebiet Frauen aus ihrer Heimatregion oder sogar aus dem alten Heimatdorf. So stammte die erste Frau meines Urgroßvaters aus Soest, während seine zweite Ehefrau noch näher seiner Heimat, nämlich aus Ostenland bei Paderborn kam. Das Zusammengehörigkeitsbestreben der Zugereisten aus dem Paderborner Land fand seinen Höhepunkt in der Gründung von Heimatvereinen. So konnte das Warburger Kreisblatt vom 7. März 1910 stolz die Gründung eines Warburger Vereins in Bochum verkünden, dessen Vorsitzender ein Gottesbüren aus Körbecke geworden war. Nach den Untersuchungen des langjährigen Bochumer Stadtarchivars Prof. Dr. Croon stammten im Jahre 1871 39,7% (!) der Bochumer aus dem Hochstift Paderborn und dem östlichen Sauerland. Alles in allem erscheint es wünschenswert, die Abwanderungen aus dem Hochstift Paderborn ins westfälische Ruhrgebiet wissenschaftlich zu untersuchen, da die traditionellen Verflechtungen beider westfälischer Landesteile kontinuierlich bis heute bestehen und ein wichtiges Kapitel Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Neuzeit darstellen.

 

Dieser Aufsatz wurde bereits veröffentlicht in:

Die Warte, 51 (1990) Nr. 65, S.16-17.

 

 

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Bochumer Zeitpunkte Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege Heft 13, Juni 2003

 

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