Der Bildhauer Erich Schmidtbochum

Vom Bergmannssohn zum bedeutenden Künstler1

 

Gerhard Kaufung

 

Erich Schmidt wurde am 30. November 1913 als jüngstes von drei Geschwistern (zwei Jungen, ein Mädchen) in Bochum geboren. Sein Vater, Peter Schmidt, der aus einer hessischen Bauernfamilie stammte, war gelernter Schmied. Um die Jahrhundertwende zog er nach Bochum, wo er den Beruf eines Bergmanns ausübte. Seine Mutter, Adele geborene Hüther, kam aus einer thüringischen Handwerkerfamilie, die sich ebenfalls in Bochum niedergelassen hatte.

Die Familie lebte im Hause Kohlenstraße 191 in ärmlichen Verhältnissen. Der Vater war Kriegsteilnehmer 1914-1918 und wurde erst 1921 aus der Gefangenschaft in Sibirien und Afghanistan entlassen.

Als 14-jähriger trat Erich bei dem Bochumer Bildhauer und Modelleur Otto Syrbe in die Lehre, wo er auch Steinmetzarbeiten wie Fenstereinfassungen, Profile und Portale ausführte. Mit 16 Jahren besuchte er den Abendlehrgang für Bildhauer der Kunstgewerbeschule Dortmund. Das bedeutete eine Arbeitszeit von 7 bis 15 Uhr bei seinem Lehrherrn Syrbe, Teilnahme am Lehrgang werktäglich außer sonnabends von 18 bis 21 Uhr und sonntags von 8 bis 12 Uhr.

In die Tagesschule in Dortmund wurden Schüler im Alter von 18 Jahren aufgenommen, Erich Schmidt erhielt ausnahmsweise schon mit 17 Jahren die Zulassung zur Meisterklasse. Nach vierjähriger Ausbildung bei Professor Friedrich Bagdons, der durch die Hindenburgstatue des ehemaligen Tannenbergdenkmals bekannt geworden ist, bestand er im März 1934 die Staatliche Abschlussprüfung mit Auszeichnung.

Durch Empfehlung der Kunstgewerbeschule Dortmund bot sich ihm die Mitarbeit im Soester Atelier des Bildhauers Wilhelm Wulff (Dortmund/Soest), die er vier Jahre lang – Herbst 1934 bis 1938 – wahrnahm.

 

Der Durchbruch

Der im Bochumer Raum bekannte Schriftsteller Alfred Reipricht führte ihn in künstlerisch und wissenschaftlich interessierte Kreise ein. Der 250. Geburtstag des Grafen Ostermann brachte schließlich den Durchbruch:

Zum Jubiläumstag dieses berühmten Bochumers beauftragte die Stadt Bochum (Stadtrat Stumpf, Bürgermeister und Finanzdezernent Dr. Geyer) Erich Schmidt, gegen ein Honorar von 1.500 Reichmark eine bronzene Portraitbüste des Grafen anzufertigen. Am 9. Juli 1937 wurde diese Büste im Rathaus feierlich aufgestellt. Sie ist überlebensgroß nach einem Münzportrait gearbeitet und ca. 70 cm hoch.

Der Bochumer Anzeiger berichtete am 9. Juli 1937: Der Schöpfer der Büste, der noch sehr junge, aber äußerst begabte Bildhauer Schmidt, von dem wir noch sehr viel Gültiges erwarten dürfen, und über dessen Schaffen wir bereits an dieser Stelle berichteten, ist ebenfalls Bochumer.

Stadtrat Stumpf versprach ihm, ihn immer mit Aufträgen zu unterstützen. Er beauftragte alle in Betracht kommenden Dienststellen, Schmidt bei jeder vorhandenen Gelegenheit heranzuziehen. Auch Privatleute kargten nicht mit Aufträgen. So konnte er seinen Wunsch verwirklichen und sich 1938 auf dem Grundstück Grünewaldstraße 2 am Wiesental, das ihm die Stadt Bochum 1937 zur Verfügung stellte, ein Haus mit acht Zimmern bauen.

Auf die ehrende Anregung der Stadt Bochum hin fügte er 1937 seinem Namen den Namen seiner Heimatstadt hinzu.

In seinem neuen Haus führte er zunächst kleine, bald aber immer größere Aufträge für die Industrie aus. Neue Häuser für Baugenossenschaften versah er mit künstlerischem Schmuck und belieferte schließlich auch Galerien. Das von dem Rektor und Stadtarchivar Bernhard Kleff eingerichtete Bochumer Heimatmuseum erwarb mehrere Holzschnitzarbeiten. Das Bochumer Bergbaumuseum und das Essener Heimatmuseum erweiterten ihre Sammlungen um Figuren aus dem Bergmannsleben. Für den Bochumer Tierpark schuf er eine Brunnenplastik in Gestalt eines flötenden Knaben. Eine Eichenholzfigur Dr. Carl Arnold Kortums für das Bochumer Heimatmuseum hat offensichtlich den 2. Weltkrieg nicht überstanden.

Seine künstlerische Tätigkeit wurde unterbrochen durch Einberufung zum Wehrdienst. Während eines kurzen Heimaturlaubs heiratete er am 31. Juli 1943 die Holländerin Jo Kok aus Amsterdam, die er 1936 bei einer seiner wiederholten Besichtigungen der Soester Kirche St. Maria zur Wiese als Kunstgeschichtsstudentin kennengelernt hatte. Er kam zunächst in amerikanische, dann durch Austausch in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er im Juni 1946 entlassen wurde.

Kurz vor der Währungsreform erhielt er von Willi Daume in Dortmund den Auftrag, einen Wanderpokal als Siegestrophäe im Handballsport herzustellen. Zur Feier des hundertjährigen Bestehens des VfL Bochum überreichte Oberbürgermeister Willi Geldmacher dem Verein als Ehrengabe für die beste Vereinsleistung anlässlich der Leichtathletenveranstaltung am 8. August 1948 eine Plakette aus der Hand Erich Schmidtbochums.2

Weitere Kunstwerke, die nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft entstanden und die noch heute von der Schaffenskraft Schmidtbochums in Bochum zeugen, sind eine Bronzeplastik „betender Bergmann“ auf dem Hauptfriedhof Freigrafendamm aus dem Jahre 1949 für die Familiengrabstätte des Fabrikanten Alfred Eickhoff, die drei Meter hohen Bronzedarstellungen zweier Bergleute vor der Bundesknappschaft, die in den Jahren 1950/1951 entstanden sind, sowie der Fischbrunnen der Westfalia Dinnendahl Gröppel AG.3

1958 schuf er im Auftrage der Stadt Bochum eine Büste des zehn Jahre zuvor verstorbenen Bernhard Kleff, Schulrektor, Gründer und Leiter des Bochumer Heimatmuseums, Leiter des Stadtarchivs, Gründungsmitglied und langjähriger Vorsitzender der Vereinigung für Heimatkunde (jetzt Kortum-Gesellschaft). Zu ihrem siebzigjährigen Bestehen ließ die Kortum-Gesellschaft 1991 mit Einverständnis des Künstlers von dem noch vorhandenen Modell einen zweiten Guss in Berlin anfertigen, den sie dem Stadtarchiv stiftete. Er wurde im Lesesaal des Archivs aufgestellt.4

 

Ortswechsel

1950 lernte er bei einem Besuch eines früheren Kriegskameraden Wolfenbüttel kennen. Es ergaben sich Kontakte, die schließlich dazu führten, dass Stadtdirektor Mull und das Niedersächsische Kultusministerium erklärten, dass wir damit einen wertvollen künstlerischen Zuwachs für unser Land zu verzeichnen haben, wenn er seinen Wohnsitz dorthin verlegte. Für den Entschluss, dem Werben zu folgen, waren auch – nicht näher erläuterte – Enttäuschungen ausschlaggebend, die er nach dem Kriege mit der Stadt Bochum erleben musste.

Die Stadt Wolfenbüttel ermöglichte ihm den Ankauf des besonders schön gelegenen Bauplatzes an der Friedrich-Wilhelm-Straße 2 c. Am 15. September1955 wurde der Grundstein gelegt, am 1. April 1957 das Haus bezogen.

Seine letzten Lebensjahre verlebte er im Braunschweiger Wohnstift Augustinum, wo er sich im Keller ein Atelier eingerichtet hatte, in dem er in Ruhe modellieren konnte. Bereits zu Lebzeiten würdigte die Stadt Wolfenbüttel den Künstler mit der Bereitstellung eines Ehrengrabes.

 

Am 7. Juni 1999 verstarb Erich Schmidtbochum. Sein Haus an der Friedrich-Wilhelm-Straße wurde verkauft. Seine Witwe bot den Städten Wolfenbüttel und Bochum an, über den Nachlass zu verfügen.5 Den Bergmann, der im Garten seines früheren Hauses stand, hat das Bergbaumuseum in Bochum übernommen. Zahlreiche Gipsmodelle befinden sich im Bochumer Stadtarchiv.

 

Werke Schmidtbochums

Der Künstler ist durch zahlreiche Veröffentlichungen auch in der internationalen Fachwelt bekannt.

Seine Werke wurden in größeren Ausstellungen in Hamburg, Hannover, München, Düsseldorf, Prag, Amsterdam, Paris, Köln, Münster und Frankfurt a. M. gezeigt.

 

  • 1937 Büste des Grafen Ostermann, Rathaus Bochum, vor dem großen Sitzungssaal, Bronze, überlebensgroß (70 cm), nach einem Münzportrait gearbeitet.

  • Vor Kriegsbeginn künstlerischer Schmuck für neue Häuser der Baugenossenschaften, Holzschnitzarbeiten für das Bochumer Heimatmuseum, Figuren aus dem Bergmannsleben für das Bochumer Bergbaumuseum und das Essener Heimatmuseum, Brunnenplastik Flötender Knabe für den Bochumer Tierpark.

  • 1949 Grabdenkmal „Betender Bergmann“ für die Familiengrabstätte des Fabrikanten Alfred Eickhoff auf dem Bochumer Hauptfriedhof, Bronze, 2,60 m hoch.

  • 1950/51 zwei Bergleute vor dem Haupteingang der Bundesknappschaft Bochum, Bronze, 3,00 m hoch.

  • 1954 lebensgroße Bronzefigur eines Versuchsschmelzers für die Empfangshalle des neuen Gebäudes der Edelstahlvereinigung in Düsseldorf. Dieses Werk ist auch abgebildet auf der Titelseite des umfangreichen Buches „Edelstahl“ von Dr. Wilfried Kossmann, 1959, Verlag Stahleisen m.b.H. Düsseldorf.

  • 1958 Büste des verdienten Heimatfreundes Bernhard Kleff, Stadtarchiv Bochum, Bronze.

  • Für das neue Amtshaus in Waltrop zwei Vollreliefs: Im Sitzungssaal eine ernste Familiengruppe, bestehend aus Vater, Mutter und drei Kindern, eine Meißelarbeit aus einem 40 Zentner schweren Block Mindener Sandsteins, an der Nordseite des Amtshauses „Der Waltoper Amtsschimmel“.

  • Eine Einheit französischer Offiziere, stationiert in Landau/Pfalz, gab ein Portrait in Bronze des Generals St. Pièrre in Auftrag, das sich jetzt in Paris befindet.

  • 1958 überlebensgroße Büste des berühmten Wolfenbütteler Physikers und Professors Hans-Friedrich Geitel für die Landesstelle des Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Unterrichts in Recklinghausen.

  • Relief für den 30 m hohen Werksfeuerwehrturm in Watenstedt „Siegfried bekämpft den Drachen“.

  • Bronzerelief für den Innenhof des neuen Rathauses in Peine.

  • Stehender Bergmann in Lengede, Bronze, 3,10 m hoch.

  • Mädchen „Antje“ mit Pferdeschwanzhaartracht im Lessingplatz Helmstedt.

  • Brunnenfigur „Der Flötenspieler“ im Hochhaus an der Masch.

  • Eine „Flora“ im Albrecht-Dürer-Platz Wolfenbüttel.

 

Diese Aufzählung ist verständlicherweise nicht vollständig.

1 Erich Mollenhauser, Der Kunstbildhauer Erich Schmidtbochum, Braunschweig 1964 (im Bestand des Stadtarchivs Bochum).

2 Eberhard Brand, Ein seltsames Stück Bochumer Sportgeschichte, in: Bochumer Zeitpunkte. Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege, Heft 1/93, S. 12-13, hier S. 12.

3 Marina von Assel, Kunst auf Schritt und Tritt in Bochum, Bochum 1992.

4 Stadtspiegel Bochum vom 6. Juni 1992.

5 Undatierte Kopie eines Berichts einer nicht genannten Tageszeitung, vermutlich aus Wolfenbüttel: Nach Hausverkauf: Neuer Standort für Schmidbochums Werke gesucht. Bochum und Wolfenbüttel erhalten Nachlass. (Im Bestand des Stadtarchivs Bochum.)

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege Heft 15, Oktober 2004

 

Herausgeber:

Dr. Dietmar Bleidick

Yorckstraße 16,44789 Bochum

Tel.: 0234 / 335406

e-mail: dietmar.bleidick@ruhr-uni-

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für die

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde,

Stadtgeschichte und Denkmalschutz

Graf-Engelbert-Straße 18

44791 Bochum

Tel. 0234 / 581480

e-mail: Kortum.eV@web.de

 

Redaktion:

Dr. Dietmar Bleidick, Peter Kracht

 

Redaktionsschluss:

jeweils 15. April und 15. Oktober

 

Druck:

A. Budde GmbH

Berliner Platz 6 a, 44623 Herne

 

Verlag:

Peter Kracht •> Verlag

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ISSN 0940-5453