Die beiden ältesten Urkunden der Stadt Bochum

Text und kommentierte Übersetzung

 

Dieter Scheler

 

Während der Arbeit am Kommentar zur Bochumer Chronik von Friedrich August Volkhart stellte sich heraus, dass es für die beiden ältesten lateinischen Urkunden der Stadt Bochum bis heute keine befriedigenden Übersetzungen gibt.1 Denn neben einer an wichtigen Stellen irrigen Gesamtübersetzung2 existieren nur Teilübersetzungen oder -paraphrasen.3 Für den Anhang der Ausgabe der Chronik muss deshalb eine neue Übersetzung angefertigt werden, die dem heutigen Forschungsstand entspricht. Nun sind Übersetzungen schon von Natur aus Interpretationen der „Fremd“-Sprache, sie sind es aber besonders, wenn sie erst zu einem Zeitpunkt erfolgen, in dem nicht nur die Sprache fremd geworden ist, sondern auch die beschriebenen Zustände, wie dies bei modernen Übersetzungen mittelalterlicher Texte der Fall ist. Der Übersetzer entscheidet dann mit seiner Wahl der Begriffe nicht nur über Worte, sondern auch über das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Sachen. Häufig helfen hier Parallelquellen, Fehlinterpretationen schwieriger Textpassagen zu vermeiden. Wo jedoch – wie in unserem Fall – eine solche Kontrollmöglichkeit weitgehend fehlt, bleibt im Einzelfall die Übersetzung einer solchen Stelle bis heute kontrovers. Deshalb gehört zur modernen Übersetzung auch die Kommentierung ihrer historischen Interpretation.

Die beiden ältesten Urkunden der Stadt sollen im Folgenden ediert, übersetzt und die Übersetzung kommentiert werden.

Beide liegen in einer im Wesentlichen zuverlässigen Edition durch Franz Darpe vor.4 Dennoch war zunächst auf die Originale der beiden Urkunden zurückzugreifen, die im Stadtarchiv Bochum erhalten geblieben sind. Sie wurden erneut verglichen und werden nun mit ihrer ursprünglichen Interpunktion wiedergegeben, die Darpe entsprechend den üblichen Editionsregeln normalisiert hatte. Die moderne Interpunktionspraxis zerstört nämlich die Information der mittelalterlichen Zeichensetzung, die eine Mischung von Lese- und Grammatikinterpunktion ist. Da aber der Text, wenn er so wirken soll wie zu seiner Entstehungszeit, der mittelalterlichen Gewohnheit entsprechend halblaut gelesen werden sollte, kann der Leser auf die originale Zeichensetzung, die ihm Hinweise auf Lesepausen unterschiedlicher Länge gibt, nicht verzichten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Punkt eine kurze, das Komma und das Semikolon eine lange Pause andeuten. Dieselbe Funktion der langen Pause, die in der Regel auch mit dem grammatischen Satzende zusammenfällt, können auch Großbuchstaben haben. Dementsprechend behält der hier gebotene Text entgegen den üblichen Editionsregeln die originale Interpunktion und Groß- und Kleinschreibung des Originals bei. Die einzige Konzession an die Regeln ist die Normalisierung der Schreibung von u und v.

Im Druck liegen beide Urkunden schon seit der Veröffentlichung durch Karl Arnold Kortum 1790 vor.5 Allerdings kannte er nur die Urkunde von 1298 im Original, die andere nur in einer ächten Kopie (denn das Original davon ist nicht mehr vorhanden).6 Stattdessen druckte er den Text Johann Diedrich von Steinens ab, der auf einer amtlichen Kopie des Originals durch den Gerichtsschreiber H. J. F. Bordelius von 1751 beruhte.7 Diese Kopie war eine bewusste Verfälschung des Originals, die an die Stelle des Begriffs „Hof“ durchgängig den Begriff „Stadt“ setzte und damit den Schultheißen des Grafen zu einem städtischen Amtsträger machte. Tatsächlich war die Urkunde zur Zeit Kortums nicht mehr vorhanden, denn sie wurde offensichtlich von den Bürgermeistern privat aufbewahrt. Jedenfalls fand sie sich erst 1860 wieder unter Privatakten des längst verstorbenen Bürgermeisters Georg Friedrich Jacobi, Sohn von Johann Konrad Jacobi, der 1751 zweiter Bürgermeister neben Johann Karl Bordelius als erstem Bürgermeister gewesen war.8 Der Hintergrund dieser unerhörter Weise9 geschehenen Verfälschung war der Streit um die Gerichtshoheit des Stadtschultheißen seit 1744, welche die Stadt in der damals von ihm praktizierten Form bestritt.10 Offensichtlich in diesem Zusammenhang zog man das Original aus dem Verkehr und ersetzte es durch die Abschrift, welche die eigene Rechtsposition stützte, obwohl man gegenüber der Regierung die Urkunde selbst bereits als „längst veraltet und obskuriert“ bezeichnet hatte, da sie „allbereits so viele Secula hinter sich habe“.11 Einen bis auf ein Detail zuverlässigen Text der Originale bot erst Darpe.12

Die Auseinandersetzung um die Interpretation der Urkunde von 1321 belegt, dass sie und nicht die ältere Urkunde von 1298 das entscheidende älteste Dokument über die Rechtsstellung der Stadt ist. Das bestätigt auch die Überlieferung der Regierung, in der sich zwar zwei Abschriften der Urkunde von 1321 finden, aber keine der Urkunde von 1298.13

 

Die Urkunde Graf Eberhards II. von der Mark von 1298

(1298 September 8) Everhard Graf von der Mark überträgt bestimmten Bürgern in Bochum Grundstücke, Häuser und Verkaufsstellen zu Erbzinsrecht unter Festsetzung des an den Schultheißen seines Hofes jährlich zu zahlenden Erbzinses und der Modalitäten des Besitzwechsels.

 

Nos Everhardus comes de Marcha. Notum facimus universis presentem Litteram inspecturis, quod habito consilio amicorum et officialium nostrorum. contulimus quibusdam civibus in Bůchem, areas et casas, qualescumque attinentes. curie nostre ibidem, sub hereditaria pensione, quod vulgariter dicitur ervethinsguthperpetuo possidendas, Tali conditione quod quilibet presentabit pensionem suam statutam, Sculteto curie nostre ibidem, singulis annis Dominica, proxima post festum Martini episcopi. Scilicet casa illa, que vocatur domus cauponis super forum, Tres libras cere. et tres pullos. Item domus Alberti super forum, Tres libras cere, et tres pullos. Item una casa iuxta domum Alberti super forum, Unam libram cere, et unum pullum. Item casa Ottonis et Aleydis alteram dimidiam libram cere, et alterum dimidium pullum. Item Janua scraconis que ascendit forum, dimidiam libram cere. et dimidium pullum; Item domus pileatoris. quatuor libras cere et iiijor pullos. Item domus Marsilii. quatuor libras cere, et iiijor pullos. Item domus Alberti carnificis, et de uno macello. quartam dimidiam libram cere. et tot pullos, Item domus Godefridi dicti Reyme, Tres libras cere. et tres pullos. Item domus comitis iuxta ripam. Tres libras cere et tres pullos, Item domus Goscalci iuxta ripam et de uno macello, Tres libras cere. et tres pullos. Item domus Gerhardi preconis, alteram dimidiam libram cere et tot pullos. Item Bertha relicta de gradu, quatuor libras cere, et iiijor pullos. Item Alexander Institor, alteram dimidiam libram cere, et tot pullos. Item Gerlacus suus vicinus in foro alteram dimidiam libram cere et alterum dimidium pullum. Item super cellario in foro et de sex macellis. quatuor libras cere. et quatuor pullos. Item domus Schepelerschen, Terciam dimidiam libram cere. et tot pullos. Item Hildegundis filia pugilis de duobus macellis et de una casa, terciam dimidiam libram cere, et tot pullos. Item Ludolfus sartor de una casa, alteram dimidiam libram cere, et alterum dimidium pullum, Item Renerus de una casa, alteram dimidiam libram cere et tot pullos. Item Johannes iuxta ripam de duobus macellis, unam libram cere, et tot pullos, Item Gertrudis filia Brunonis de uno macello, unam dimidiam libram cere, et dimidium pullum. Item Sesarius dictus obmecampe de uno macello, dimidiam libram cere, et dimidium pullum, Item adiectum est, quod si aliquem eorum decedere, vel ius suum vendere aliqua necessitate compulsus contingerit, ille qui sibi succedit, Dabit Sculteto nostro predicto. xij. denarios, pro iure suo, et idem scultetus porriget bona predicta, ad manus unius nomine nostro, sine aliqua contradictione, pro denariis supradictis, Item si sepedictus scultetus super premissis articulis, aliquid eis infringere vel negare conaretur, quilibet eorum cum duobus suis collegis qui vulgariter geltchenothe nuncupantur, Ius suum vel porrectionem sibi legitime factam, poterit probare super hoc prestito iuramento. Ut autem hoc factum, ratum et inconvulsum permaneat, presentem Litteram fecimus sigilli nostri munimine. et sigillis Discretorum virorum, Gerhardi p1ebani in Buchem, et Gyselberti dicti Speke, tunc temporis iudicis nostri ibidem firmiter roborari; Datum. Anno Domini MoCCo nonagesimo, Octavo, In Nativitate beate Marie virginis.

 

Übersetzung

Wir Everhard Graf von der Mark machen allen, welche die vorliegende Urkunde einsehen, bekannt, dass wir nach Beratung mit unseren Freunden und Amtleuten bestimmten Bürgern (civibus) in Bochum Grundstücke und Häuser, die zu unserem dortigen Hof gehören, gegen erbliche Zinsleistung, was in der Volkssprache als „Erbzinsgut“ bezeichnet wird, zu dauerndem Besitz unter der Bedingung übertragen haben, dass jeder seinen festgesetzten Zins jährlich am Sonntag nach dem Fest des Bischofs Martin [11. November] dem Schultheiß unseres dortigen Hofes überbringt:

nämlich das Haus am Markt, das Wirtshaus genannt wird, drei Pfund Wachs und drei Hühner;

das Haus Alberts am Markt drei Pfund Wachs und drei Hühner;

das Haus neben dem Haus Alberts am Markt ein Pfund Wachs und ein Huhn;

das Haus Ottos und der Aleydis eineinhalb Pfund Wachs und eineinhalb Hühner;

das Gatter des Skrako, das zum Markt aufsteigt, ein halbes Pfund Wachs und ein halbes Huhn;

das Haus des Hutmachers vier Pfund Wachs und vier Hühner;

das Haus des Marsilius vier Pfund Wachs und vier Hühner;

das Haus Alberts des Fleischers dreieinhalb Pfund Wachs und ebenso viele Hühner und (Zins) von einer Verkaufsstelle;

das Haus Gottfrids genannt Reyme drei Pfund Wachs und drei Hühner;

das Haus des Grafen an der Becke drei Pfund Wachs und drei Hühner;

das Haus Gottschalks an der Becke und (Zins) von einer Verkaufsstelle drei Pfund Wachs und drei Hühner;

das Haus Gerhards des Fronen eineinhalb Pfund Wachs und ebenso viele Hühner;

die Witwe Bertha von der Treppe vier Pfund Wachs und vier Hühner;

Alexander der Krämer eineinhalb Pfund Wachs und ebenso viele Hühner;

Gerlach, sein Nachbar auf dem Markt, eineinhalb Pfund Wachs und eineinhalb Hühner;

vom Keller auf dem Markt und von sechs Verkaufsstellen vier Pfund Wachs und vier Hühner;

das Haus der Schepelerschen zweieinhalb Pfund Wachs und ebenso viele Hühner;

Hildegund, die Tochter des Fechters, von zwei Verkaufsstellen und einem Haus zweieinhalb Pfund Wachs und ebenso viele Hühner;

Ludolf der Schneider von einem Haus eineinhalb Pfund Wachs und eineinhalb Hühner;

Reiner von einem Haus eineinhalb Pfund Wachs und eineinhalb Hühner;

Johann an der Becke von zwei Verkaufsstellen ein Pfund Wachs und ebenso viele Hühner;

Gertrud, die Tochter Brunos von einer Verkaufsstelle ein halbes Pfund Wachs und ein halbes Huhn;

Caesarius genannt auf dem Kamp (obmecampe) von einer Verkaufsstelle ein halbes Pfund Wachs und ein halbes Huhn.

Zusätzlich ist bestimmt worden, dass im Falle des Todes eines von ihnen oder des Verkaufs dieses [Erbzins]Rechts aus Gründen dringender Not, derjenige, der ihm [dem Vorbesitzer] nachfolgt, unserem vorgenannten Schultheiß 12 Pfennige für sein [Erbzins]Recht geben und der Schultheiß dann die genannten Güter in unserem Namen in die Hände einer einzigen Person für die vorgenannten Pfennige ohne jeden Widerspruch übergeben wird.

Wenn der oft genannte Schultheiß versuchen sollte, irgendeinen der vorgenannten Punkte nicht einzuhalten oder ihn abzuleugnen, wird jeder von ihnen [den Nachfolgern im Besitz] zusammen mit zwei Genossen, die in der Volkssprache geltchenothe genannt werden, sein Recht oder die rechtmäßige Übergabe an ihn [den Schultheiß] durch einen darüber geleisteten Eid beweisen können.

Damit dies aber fest und unerschüttert überdauere, haben wir die vorliegende Urkunde mit unserem Siegel und den Siegeln der besonnenen Männer Gerhard, Pfarrer in Bochum, und Giselbert genannt Speke, derzeit dort unser Richter, befestigen und bestärken lassen.

Gegeben im Jahr des Herrn 1298 an Mariä Geburt.

 

Kommentar zur Übersetzung

Die Siegelurkunde Graf Eberhards II. von der Mark gibt keinen Ausstellungsort an, könnte aber mit Blick auf die beiden Zeugen, den Pfarrer von Bochum und dortigen Richter des Grafen in Bochum ausgestellt sein. Der Text zerfällt in zwei Teile: in ein detailliertes Verzeichnis der Abgaben von den zu Erbzinsrecht ausgegeben Grundstücken, Häusern und Verkaufsstellen des gräflichen Hofes und eine knappe Bestimmung über den Besitzwechsel solcher Grundstücke.

Wie schon die Interpunktion zeigt, lag dem Schreiber der Urkunde offensichtlich eine systematisch nach Objekt, Wachsabgabe und Hühnerabgabe gegliederte Liste vor, die bei den Objekten noch einmal domus, casa und macellum unterschied. In der Urkunde werden zunächst nur areas et casas, Grundstücke und Häuser, gegenübergestellt, in der Liste selbst werden jedoch noch domus und casa, ein großes und ein kleines Haus unterschieden, ein Unterschied, der sich auch in der Höhe der Zinse widerspiegelt, die im Schnitt für ein Haus (domus) 3 Pfund Wachs und 3 Hühner, für ein kleines Haus (casa) aber gewöhnlich nur 1 ½ Pfund Wachs und 1 ½ Hühner, also nur die Hälfte betragen.14 Für die macella, eigentlich „Fleischbänke“, hier aber mit „Verkaufsstellen“ übersetzt, ist dagegen im Schnitt nur ein Drittel der Abgabe für eine casa zu leisten, nämlich ½ Pfund Wachs und ½ Huhn. Das auffällige Schema der Abgaben könnte seine Ursache zwar in realen, flächenmäßig gleich großen Parzellen haben, wird sich aber wohl eher an Typen (Hof, Kotten, Verkaufsstand) orientieren, zumal der Erbzins einen Anerkennungszins und nicht das Äquivalent einer Pacht darstellt und damit nicht auf präzise Bemessung von Objekten angewiesen ist. Alle vierzehn angeführten Verkaufsstellen – die Zahl überrascht nicht bei der Lage am Markt – werden kaum Fleischbänke gewesen sein, sondern Verkaufstellen für Lebensmittel und Waren unterschiedlicher Art. Schließlich wird auch nur ein Fleischer (Albertus carnifex) mit Haus und Verkaufstelle genannt, der aber bisher nicht als solcher identifiziert wurde. Statt seiner wohnte, da im klassischen Latein carnifex mit „Henker“ zu übersetzen ist, seit Darpe ein Henker mit einer Fleischbank am Bochumer Markt.15 Tatsächlich aber bedeutet im Latein des Mittelalters carnifex durchgängig den Fleischer, was dann auch den Immobilienbesitz Alberts unproblematisch macht.

Die Hühnerabgabe der Liste ist eine weit verbreitete Leistung, die unterschiedliche Rechtsgründe haben kann, ungewöhnlicher dagegen ist der Wachszins als typische Abgabe an Kirchen für deren hohen Kerzenbedarf. Eine mögliche Erklärung dafür, dass sie hier dem Grafen geleistet wird, könnte sein, dass, wie Heinrich Schoppmeyer annimmt, der Boden von ehemals Deutzer Höfen den Platz für Handwerker und Kaufleute bei der Kirche gebildet haben dürfte.16 Da die Abtei Deutz nicht nur seit dem 11. Jahrhundert Höfe in und bei Bochum besaß, sondern auch Rechte an der Bochumer Kirche, könnten diese Grundstücke die Funktion von „Lichtergut“ gehabt haben, also zum Unterhalt der Kerzenbeleuchtung beigetragen haben, eine gewohnheitsrechtliche Funktion, an der der Graf von der Mark, der seit dem 13. Jahrhundert Grafschaft, Gericht und das Patronat (das Recht der Präsentation des Geistlichen) in Bochum definitiv innehatte, nichts mehr änderte. – Dass in diesem ältesten Wohnstättenbereich auch die alte Gerichtsfunktion der Siedlung (aus der Tradition des Reichshofs) sichtbar wird, zeigt die Erwähnung des Hauses des Fronboten, des Vollstreckungsbeamten des Gerichts. Auch die auffällige Erwähnung der Tochter eines pugilis, eines Fechters, dürfte darauf hinweisen. Hier wird es sich wohl entweder um einen Lohnkämpfer handeln, der für die Parteien im gerichtlichen Zweikampf antrat, oder um einen Fechtmeister, der die selbst kämpfenden Parteien auf den Kampf vorbereitete. Denn diese archaische, zu den so genannten Gottesurteilen gehörende Form der Gerichtsentscheidung, blieb bis ins späte Mittelalter üblich.

Die wenigen Erwähnungen von Berufen (Hutmacher, Fleischer, Krämer und Schneider) in der Liste der Haus- und Grundbesitzer belegen zwar eindeutig die Marktfunktion der damaligen Siedlung, gestatten aber keine Vorstellung von irgendeiner Organisationsform von Handel und Gewerbe. Jedenfalls kann man aus dem Wort geltchenothe in den Bestimmungen der Urkunde über den Besitzwechsel nicht mit Darpe auf eine bestehende Gilde schließen. Hier geht es darum, dass im Konfliktfall mit dem Schultheiß die Betroffenen einen Eid über den korrekt geleisteten Wechsel mit Hilfe von zwei Genossen (collegis) leisten dürfen, die volkssprachlich als geltchenothe präzisiert werden. Sprachlich wäre es zwar nicht ausgeschlossen, unter ihnen „Gildegenossen“ zu verstehen, aber sachlich ist diese Interpretaion ganz unwahrscheinlich, denn Gilden und Zünfte sind auch im späteren Mittelalter in Bochum nicht nachzuweisen.17 Es handelt sich hier vielmehr um Genossen, also Gleichgestellte, die etwas gelten, abgelten, zahlen; hier also entweder um Gleichgestellte in der Nutznießung des Erbzinsguts des Hofes, oder es handelt sich, worauf die parallele Bestimmung der Urkunde von 1321 in Konfliktfällen um Erbe denken lässt, um ständisch Gleichgestellte, 1321 um Unfreie. Und es leuchtet unmittelbar ein, dass gerade „Leistungsgenossen“ in Fragen der Leistung gegenüber dem Schultheiß in der Rolle mitschwörender Zeugen herangezogen werden.

Herauszulesen ist aus diesem Abschnitt nur die günstige rechtliche Stellung der Besitzer von Erbzinsgut, die als Untereigentümer sowohl den Anspruch auf Verkauf wie auf fixierte Besitzwechselgebühren haben, eine Stellung, die für die sich ausbildende Bürgergemeinde von großer Bedeutung war.

 

 

Die Urkunde Graf Engelberts II. von der Mark von 1321

(1321 Juni 8) Engelbert Graf von der Mark präzisiert für seine Bürger in Bochum das Recht seines dortigen Hofes als Stadtrecht hinsichtlich Gerichtsbarkeit, Bestimmung von Maß- und Gewicht, Vorschriften über Backen und Brauen, den Markt, Satzungsrecht, Weidenutzung, Erbrecht, Gerichtsfolge und Friedenswahrung unter Vorbehalt der nicht aufgeführten Rechte dieses Hofs.

 

In nomine Domini. Amen. Engelbertus. Comes de Marka, universis et singulis tam posteris quam modernis presentes litteras visuris et audituris salutem cum noticia subscriptorum. Ad devotam et supplicem petitionem et requisitionem dilectorum nostrorum opidanorum in Bochem decrevimus ipsis et eorum posteris antiquum ius curtis nostre in Bochem presentibus litteris enucleare, innovare et publicare, nostroque sigilli munimine confirmare, prout ab antiquis temporibus dinoscitur introductum, habitum et usitatum. Cuius quidem iuris articuli inferius secundum ordinem continentur videlicet, Quod quilibet opidanorum tenetur stare iuri coram Schulteto nostro in Bochem, qualibet die ter, et tociens unus alium potest de quinque solidis cum obolo incusare. Similiter de qualibet querimonia sive culpa casualiter accidente, preter querimoniam seu culpam se ad mortem hominis extendentem, percussiones vero et lesiones cum effusione sanguinis factas infra limites opidi, ac detractiones et turpiloquia honoris vel vite idem schultetus iudicabit cum consilio opidanorum, et qui reus inventus fuit in aliquo excessuum predictorum cum quindecim solidis et tribus obolis iudicio curtis emendabit. Alias autem percussiones sine sanguinis effusione et tractiones crinium cum quinque solidis et obolo emendabit. Qui eciam iurgia vel alia verba litigiosa levia, contra alium dixerit, dabit pro emenda quatuor denarios et persolvet, et qui huiusmodi emendas facere contradixerit, cogetur ire ad vincula supra curtem, et in illis detinebitur, donec emendam fecerit condecentem. qui autem causa paupertatis dictos excessus cum pecunia emendare nequiverint, cuiuscumque sexus fuerint, portabunt lapides pro emenda. preterea. Consideratio et examinatio omnis mensure, et cuiuslibet libre, pertinebit iurisdicioni curtis antedicte, mediantibus opidanis, et qui excesserit in modiis et libris tenebitur cum quindecim solidis et tribus obolis emendare. Item qui plenam mensuram cervisie non dederit, septem dabit denarios pro emenda, si ipsa mala mensura visa fuerit in curte et probata, pro qua nullus honestus intercedet. et quicumque utitur mensura non signata signo curtis, et probata per schultetum et opidanos, incurret penam trium solidorum. Item. quicumque pistando panem fecerit minorem quam esse debeat, dabit quatuor denarios, si incusatus fuerit per schultetum et opidanos, et ulterius denariata illius panis pro tribus quadrantibus debet dari. preterea, omnis qui braxaverit in Bochem ad vendendum, dabit annis singulis quibus braxaverit unum solidum in festo beati Lamberti. Nemo eciam debet, vel licite potest emere causa lucri aliquo die fori de quibuscumque venalibus, nisi prius emptum sit ab universitate, et omnia venalia que in Bochem per septimanam venduntur, vendi debent et dari, pro eodem precio seu valore, quo ipso die fori communiter emebantur. contrarium faciens, tribus solidis tenebitur emendare. Insuper schultetus et opidani sepedicti, possunt inter se facere constitutiones et inhibitiones omni tempore eisdem competente, tenendas sub pena trium solidorum et infra, et easdem cum ipsis placuerit revocare. Item de omnibus causis, quas schultetus curtis sepedicte habet et potest iudicare, quilibet opidanorum predictorum coram ipso schulteto, et non alibi de suo coopidano debet facere querimoniam et monere. Omnis eciam in Bochem opidanus, negociator existens, forum frequentans dare tenebitur semel in anno schulteto curtis unum obolum videlicet dominica post nundinas, post festum beati Martini ibidem celebratas, contrarium faciens incurret penam quatuor denariorum curti solvendorum. Sed de omnibus aliis excessibus supradictis, tollet schultetus noster terciam partem, et duas alias partes tollent opidani. Item quicumque portaverit pisces ad vendendum in Bochem, potest eos vendere absque exactione schulteti nostri, vel alicuius pecunie datione. volumus eciam, ut iidem opidani et cives nostri suis areis sitis infra Bochem, et pascuis suis, que vewede dicuntur, utantur in omni eo iure, sicut antiquitus habuerunt. Recognoscimus insuper presenti scripto, Si aliquis ipsorum moritur, cuiuscumque sexus vel iuris fuerit, quod demonstrator seu expositor hereditatis illius si fuerit servilis conditionis possit tantum cum duobus suum facere iuramentum, ubicumque fuerit hoc necesse. Item recognoscimus, quod dicti opidani ad sectionem proscriptorum quorumcumque non tenentur sequi ultra metas truncorum pacis qui vredepele dicuntur, nisi causa nobis imminere specialiter videatur, propter quod tenentur et astricti sunt astare iudicio in prolatione omnium sentenciarum, quandocumque fuerint requisiti. preterea. Talem et tantam libertatem et pacis custodiam volumus esse in Bochem, prout recognoscimus in his scriptis quod nemo ibidem residentibus, vel advenientibus violenciam faciet aliqualem, Cui violencie si facta fuerit, ipsi opidani resistere debent pro suo posse, et nos ipsis assistere volumus nostro iuvamine cum effectu, tamquam nobis esset facta, ubi et quociescumque fuit oportunum. Et sciendum, quod predicti opidani nostri habebunt omnia et singula iura et statuta prenarrata, principaliter de iure et antiqua consuetudine dicte curtis nostre et per consequens de iure opidi, reliquis iuribus et consuetudinibus prefate curtis nostre in hac littera non expressis, nobis et nostris heredibus per omnia reservatis. Ut autem premissa omnia firma maneant et a nostris posteris inconvulsa, presens scriptum dictis nostris opidanis dedimus, nostro sigillo communitum. Actum et datum blankenstene. In crastino festi penthecostes. Anno dominice incarnationis MoCC[Co vi]18 cesimo primo19

 

Übersetzung

Im Namen des Herrn. Amen. Engelbert Graf von der Mark allen und jedem, den Zukünftigen und den Heutigen, welche die vorliegende Urkunde sehen oder gelesen hören werden Gruß und Mitteilung des unten Aufgezeichneten.

Auf demütige und inständige Bitten und Ersuchen unserer geliebten Bürger (opidanorum) in Bochum haben wir beschlossen, ihnen und ihren Nachkommen das alte Recht unseres Hofs in Bochum mit dieser Urkunde klar zu stellen, zu erneuern und zu verkünden und mit unserem Siegel zu befestigen und zu bestätigen, so wie es seit alten Zeiten bekanntermaßen eingeführt, gehalten und gebraucht wird.

Die unten der Reihe nach aufgeführten Artikel dieses Rechts beinhalten nämlich:

Jeder Bürger (opidanorum) ist verpflichtet, sich vor unserem Schultheiß zu Bochum zu Recht zu erbieten, und zwar kann einer gegen einen anderen an einem Tag dreimal Klage erheben in einer Sache von 5 Schillingen und einem 1 Heller. Ebenso bei jeder allfälligen Klage oder Anschuldigung, außer Klage oder Anschuldigung, die den Tod eines Menschen betrifft. Schläge und Körperverletzungen mit Blutvergießen, die innerhalb der Stadtgrenzen (limites opidi) geschehen, sowie üble Nachrede und Verleumdungen, die Ehre und Lebenswandel betreffen, soll der Schultheiß mit dem Rate der Bürger (consilio opidanorum) aburteilen. Wer eines der genannten Vergehen für schuldig befunden wird, soll mit 15 Schillingen und 3 Hellern dem Hofgericht büßen. Andere Schläge ohne Blutvergießen oder Ziehen an den Haaren, sollen mit 5 Schillingen und 1 Heller gebüßt werden. Wer keift oder leichtere Scheltworte gegen den anderen spricht, der soll als Buße 4 Pfennige zahlen. Und wer sich weigert, diese Bußen zu leisten, der soll gezwungen werden, in das Gefängnis auf dem Hofe zu gehen und soll darin solange festgehalten werden, bis er die entsprechende Buße geleistet hat. Die aber die genannten Vergehen wegen Armut nicht mit Geld büßen können, welchen Geschlechts sie auch seien, die sollen zur Buße Steine tragen.

Außerdem: Die Prüfung und Untersuchung aller Maße und Gewichte soll der Gerichtsbarkeit des vorgenannten Hofes [vermittelt] durch die Bürger (mediantibus opidanis) zustehen. Und wer sich gegen Maße und Gewichte vergehen sollte, der soll gehalten sein, mit 5 Schillingen und 3 Hellern zu büßen.

Weiterhin: wer das volle Biermaß nicht geben sollte, der soll 7 Pfennige als Buße geben, sofern das falsche Maß im Hof besichtigt und geprüft wurde, für das sich kein ehrenwerter Mann verwenden soll. Und jeder, der ein nicht mit dem Zeichen des Hofes geeichtes Maß verwendet, soll, wenn dies durch den Schultheißen und die Bürger (opidanos) nachgewiesen wird, einer Strafe von 3 Schillingen verfallen.

Weiterhin: Jeder, der beim Backen das Brot kleiner macht, als es zu sein hat, soll 4 Pfennige geben, wenn er von dem Schultheiß und den Bürgern (opidanos) deshalb beschuldigt wird, und darüber hinaus soll sein Brot, das 1 Pfennig wert ist, für ¾ Pfennige gegeben werden.

Außerdem: Jeder, der in Bochum zum Verkauf braut, soll für jedes Jahr, in dem er braut, einen Schilling am Fest des heiligen Lambert [17. September] geben. Auch darf und kann niemand erlaubtermaßen um Gewinns willen am Markttag welche Ware auch immer aufkaufen, bevor die Allgemeinheit gekauft hat, und alle Waren, die in Bochum die Woche hindurch verkauft werden, sollen verkauft und gegeben werden zum selben Preis oder Wert, zu dem sie am Markttag gewöhnlich gekauft wurden. Wer dem zuwider handelt, soll gehalten sein, mit 3 Schillingen zu büßen.

Darüber hinaus können der Schultheiß und die oft genannten Bürger (opidani) zu jeder ihnen geeignet erscheinenden Zeit Gebote und Verbote erlassen, die unter [Androhung einer Strafe] von 3 Schillingen und darunter zu halten sind, und sie, wenn es ihnen gefällt, widerrufen.

Weiterhin darf jeder Bürger (opidanorum) in allen Fällen, für die der Schultheiß des oft genannten Hofes zuständig ist und die er aburteilen darf, nur vor dem Schultheiß selbst und nirgends anders gegen seinen Mitbürger (coopidano) Klage und Vorladung anstrengen.

Auch jeder Bürger (opidanus) in Bochum, der Händler ist und den Markt besucht, soll gehalten sein, einmal im Jahr dem Hofschultheiß einen Heller, nämlich am Sonntag nach dem dort nach dem Fest des hl. Martin [11. November] abgehaltenen Markt zu geben. Wer dem zuwider handelt, verfällt einer Strafe von 4 Pfennigen, die an den Hof zu zahlen sind.

Aber von allen anderen oben genannten Vergehen sollen unser Schultheiß den dritten Teil und die Bürger (opidani) die beiden anderen Teile nehmen.

Wer immer Fische zum Verkauf nach Bochum bringen wird, darf sie ohne Abgabeforderung unseres Schultheißen oder sonst eine Geldabgabe verkaufen.

Wir wollen auch, dass dieselben Bürger (opidani) und unsere Einwohner (cives) ihre innerhalb Bochums gelegenen Grundstücke und ihre Weiden, die Vewede genannt werden, ganz nach dem Recht nutzen, das sie von altersher innehaben.

Wir erkennen darüber hinaus mit dieser Urkunde an: Dass, wenn einer von ihnen stirbt, welchen Geschlechts oder welcher Rechtsstellung der auch sei, derjenige, der Anspruch auf das Erbe erhebt, im Falle er hörigen Standes sein sollte, mit nur zwei (weiteren Personen) seinen Eid leisten können wird, wenn immer das notwendig sein wird.

Weiterhin erkennen wir an, dass die genannten Bürger (opidani) bei der Fahndung nach welchen Geächteten auch immer nicht gehalten sind, über die Friedepfähle, die Vredepele genannt werden, hinaus zu folgen, wenn es sich nicht um einen uns betreffenden besonderen Fall handelt, dessentwegen sie gehalten und verpflichtet sind, dem Gericht bei der Verkündung aller Urteile beizuwohnen, wann immer sie dazu aufgefordert werden.

Außerdem: Wir wollen, dass Freiheit und Frieden in Bochum so gewahrt werden, wie wir es in dieser Urkunde bestätigen, dass (nämlich), niemand den dort Wohnenden oder dorthin Kommenden in irgendeiner Form Gewalt antue. Solcher Gewalt, wenn sie geschähe, dürfen die Bürger (opidani) nach ihrem Vermögen widerstehen und wir wollen ihnen mit unserer Hilfe so wirkungsvoll beistehen, als sei sie uns angetan, wo und wann immer das angesagt sein wird.

Und es ist zu wissen, dass unsere vorgenannten Bürger (opidani) alle und jedes vorgenannte Recht und Statut zunächst aus dem Recht und der alten Gewohnheit unseres genannten Hofs und daraus folgend aus dem Recht der Stadt (opidi) innehaben, wobei die übrigen in dieser Urkunde nicht genannten Rechte und Gewohnheiten unseres vorgenannten Hofs uns und unseren Erben vollständig vorbehalten bleiben.

Und damit alles Vorgenannte fest bestehen bleibe – und auch unverändert von unseren Nachfolgern – haben wir diese Urkunde unseren Bürgern (opidanis) mit unserem Siegel versehen gegeben.

Geschehen und gegeben (zu) Blankenstein. Am Tag nach Pfingsten. Im Jahr der Menschwerdung des Herrn 1321.

 

Kommentar zur Übersetzung

Mit der Urkunde von 1321 liegt das erste Stadtrecht von Bochum vor.20 Die Initiative dazu ging laut Text von den Bürgern in Bochum aus. In Form einer „Klärung“ des alten geübten Hofrechts wird das Hofrecht tatsächlich nur zum Ausgangspunkt des Stadtrechts genommen, das mit Sicherheit nicht mit dem alten Hofrecht identisch ist, sondern deutlich erweiterte Rechte der Bürger enthält. Aber um der Fiktion der Unverbrüchlichkeit und Dauerhaftigkeit des Rechtes willen war es im ganzen Mittelalter üblich, Neuerungen nur als Klärungen oder Reformationen zu deklarieren. Die Urkunde liegt, wie der Text zeigt, eine klar gegliederte, wie man aus der Erwähnung der Initiative der Bürger schließen darf, zwischen Graf und Bürgern ausgehandelte Rechtsaufzeichnung zu Grunde.

Sie befasst sich zunächst ausführlich mit der Gerichtskompetenz des Schultheißengerichts. Im Mittelpunkt steht das Schultheißenamt, das Gerichts- und Verwaltungskompetenzen in sich vereint (das Mittelalter kannte keine Gewaltenteilung), und hier vor allem als Richteramt behandelt wird.21 Der Schultheiß bleibt beschränkt auf das so genannte Niedergericht, das über Privatklagen nur bis zu einem bestimmten Streitwert und in Strafsachen nur über Fälle entscheiden darf, die kein Todesurteil nach sich ziehen können. Das Schultheißengericht des Hofes ist Gerichtsstand für Klagen von Bürgern gegen Bürger. An ihm hängt auch ihre Verpflichtung zur im Einzelfall gebotenen Anwesenheit bei Urteilsverkündigungen und zur Verfolgung von Verbrechern innerhalb der Stadtmark (der Friedenspfähle).22 Die Bestimmungen sind durchaus gängig, mit Ausnahme vielleicht des Steinetragens als Schandstrafe bei Unfähigkeit, eine Geldbuße zu bezahlen, eine Strafe, die gewöhnlich nur auf Frauen bezogen wird, hier aber mit dem bemerkenswerten Zusatz „unabhängig vom Geschlecht“ auf zahlungsunfähige Verurteilte beiderlei Geschlechts bezogen wird.

Ein zweiter Komplex betrifft Markt-, Preis-, Gewichts- und Maßbestimmungen. Sie zeigen nicht nur, dass die Stadt einen durchaus bedeutenden Markt besaß, sondern auch, dass den Bürgern dabei eine wichtige Rolle zufiel. Das belegen vor allem die Bestimmungen über Maße und Gewichte, bei denen die Urkunde sehr sorgfältig formuliert: Nicht vom Schultheiß ist die Rede, sondern nur vom Hof, und nicht von einer Mitwirkung der Bürger ist die Rede, sondern von eigenständiger Entscheidung. Mediantibus opidanis meint, nicht der Hof, sprich der Schultheiß, unmittelbar fällt Entscheidungen, sondern sie fallen „mittelbar“ durch die Bürger, was der Tatsache Rechnung trägt, dass die Überwachung von Maß und Gewicht eine typische Kompetenz der Gemeinde im Mittelalter ist.

Dass wir aber insgesamt bereits eine voll handlungsfähige Gemeinde vor uns haben, zeigt die Aufteilung der Gerichtsgefälle zwischen Schultheiß und Bürgern. Die Drittelung ist nichts Auffälliges, sie ist auch in vorstädtischen Verhältnissen üblich, zwar wie hier zumeist mit einem Drittelanteil für den Richter (hier den Schultheiß), aber dann mit einem Zweidrittelanteil für den Gerichtsherrn (hier den Grafen). In unserer Urkunde rücken also die Bürger bei der finanziellen Nutzung des Gerichts in die Rolle des Herrn ein. Die Handlungsfähigkeit der Gemeinde lässt sich aber auch an der für eine Stadt kennzeichnenden Befugnis zum Erlass eigener Satzungen, wenn auch zusammen mit dem Schultheiß, ablesen. Damit aber kommen wir zur zentralen Frage, die sich aus diesen Aussagen der Urkunde ergab: Gab es 1321 bereits einen Stadtrat? Denn dass die Bürger mit dem Schultheiß zusammen im Gericht sitzen, ist selbstverständlich. Sie tun das als Schöffen, die das Urteil finden, das der Richter verkündet. Dabei kann es sich beim „täglichen Gericht“ sowohl um eine feste Zahl wie um eine wechselnde Zahl von vom Richter berufenen Schöffen handeln. Nur: das gängige Wort Schöffen (scabini) kommt in der Urkunde nie vor. Andererseits wird consilium in der Formulierung consilio opidanorum so gebraucht, dass man es nicht als Institution auffassen muss, sondern auch als bloße Beschreibung des Vorgangs der „Beratung“ auffassen kann. Und daraus ergeben sich bis heute zwei gegensätzliche Interpretationsansätze: einerseits die Behauptung der Existenz eines Rates (Darpe, Höfken)23 und andererseits die eines bloßen Schöffenkollegs (Gutachten des Staatsarchivs Münster 1921, Schoppmeier)24; mit anderen Worten, entweder die Annahme einer institutionell voll handlungsfähigen Stadtgemeinde oder nur die Annahme einer bloßen Vorstufe einer solchen Gemeinde. Um hier eindeutig Stellung beziehen zu können, bedürfte es der Auswertung weiterer zeitgenössischer westfälischer Stadtrechtsurkunden, was nicht Gegenstand dieses Kommentars ist. Doch legt der sehr sorgfältig formulierte Text der Urkunde nahe, dass es zumindest schon einen festen städtischen Ausschuss (Verwaltung der Gerichtsgefälle, Satzungsrecht, Stadtrecht) gab, den man aber in der Formulierung der Urkunde, in der es eben auch um die Rechte des Hofes ging, vermeiden wollte expressis verbis anzusprechen.

Schließlich ist es auch ein offensichtlicher Zweck der Urkunde, mithilfe eines einheitlichen Stadtrechts die anderen im Ort vertretenen Grundherren (Werden, Essen, Herdecke) zu mediatisieren und den gräflichen Hof zur alleinigen Quelle des Rechts im Ort zu machen.25 Denn dass die Höfe unterschiedlicher Herren nicht mit dem gräflichen Hof „zusammengewachsen“ waren, darauf verweist offensichtlich die Bestimmung über die garantierten alten Nutzungsrechte an der vewede, die als Nutzungsberechtigte nicht nur opidani, sondern auch cives aufführt. Civis, die Bezeichnung der Grund- und Hausbesitzer der Urkunde von 1298, kommt in der Urkunde von 1321 nur an dieser Stelle vor und kann hier nicht „Bürger“ bedeuten, denn dafür steht sonst opidanus. Wahrscheinlich ist hier unter civis der „Nachbar“ zu verstehen, in welcher Bedeutung der Begriff auch im dörflichen Bereich vorkommt, und typischer Weise in der Bedeutung von „Nutzungsnachbarn“. Da die Nutzungsberechtigten der späteren Bochumer Vöhde aber durchaus nicht nur aus der Stadt, sondern auch aus Bauernschaften des Amts kamen,26 liegt es nahe, 1321 unter der Sondergruppe der cives jene Einwohner in und um Bochum zu verstehen, die als Nutzungsberechtigte nicht zum engeren Kreis der Angehörigen des gräflichen Hofes zählten.

Die Vöhde wird 1321 eben nicht dem neuen Stadtrecht unterstellt, sondern behält ihren älteren Rechtszustand bei.

Den älteren Rechtszustand des Hofes in Bochum gibt aber auch der Graf von der Mark nicht völlig preis, indem er sich nicht nur dessen hier nicht erörterte Rechte vorbehält, sondern auch ausdrücklich formuliert, dass er zwar das Stadtrecht anerkenne, dieses aber aus dem Recht des Hofes erfließe. Das war keine bloße Deklaration. Denn dieses Rechtsverhältnis sollte in Bochum insofern tatsächlich bis zum Ende des Alten Reichs 1803/06 Bestand haben, als der Hof – repräsentiert durch den Schultheißen – in Form von dessen Ernennung durch den Landesherrn und seiner Gerichtskompetenz präsent blieb. In Bochum traten im späten Mittelalter an die Stelle von Schultheiß und Bürgern unserer Urkunde – als Sonderfall in der Stadtentwicklung – Schultheiß, Bürgermeister und Rat, in Wattenscheid aber war bei der Übernahme des Bochumer Stadtrechts ein knappes Jahrhundert später nur vom Normalfall die Rede, von Bürgermeister und Bürgern.27

Historisch von geringster Langzeitwirkung ist schließlich die letzte Bestimmung der Urkunde über Friedenswahrung geblieben. Sie wird sich vor allem gegen die Gefahren gerichtet haben, die dem Ort noch durch die Ansprüche des Erzbischofs von Köln auf Stadt und Amt Bochum drohten, die Köln aber letztlich gegen den Grafen von der Mark nicht mehr durchzusetzen vermochte.

 

 

1 Eine kommentierte Ausgabe der Chronik bereitet derzeit eine Arbeitsgruppe der Kortum-Gesellschaft vor, der Jürgen F. Börnke, Eberhard Brand, Paul Espei jun., Hans Hanke, Enno Neumann, Jürgen Rossin, Dieter Scheler und Dietrich Wegmann angehören.

2 Max Seippel, Bochum einst und jetzt: Ein Rück- und Rundblick bei der Wende des Jahrhunderts (Nachdruck der Ausgabe von 1901), Bochum 1991, S. 22-32.

3 Franz Darpe, Geschichte der Stadt Bochum. Mit einer Einleitung von Eberhard Brand (Nachdruck der Ausgabe Bochum 1894), Bochum 1991, S. 36-38. Günther Höfken: Die Verleihung der Stadtrechte an Bochum, in: Jahrbuch der Vereinigung für Heimatkunde 5 (1951), S. 24-32, hier S. 26. Ders.: Der Stadtschultheiß von Bochum. Bochumer Heimatbuch 4 (1938), S. 49-68, hier S. 60-62. Ders.: Zur Geschichte der Bochumer Vöde. Bochumer Heimatbuch 3 (1930), S. 5-19, hier S. 6.

4 Darpe, Bochum (wie Anm. 3), Urkundenbuch Nr. 1 und 2, S. 5*-7*.

5 Karl Arnold Kortum, Nachricht vom ehemaligen und jetzigen Zustande der Stadt Bochum. (Jubiläumsnachdruck zum zweihundertjährigen Erscheinen der Erstausgabe, hg. von Johannes Volker Wagner), Bochum 1990, S. 33-37.

6 Ebd., S. 32.

7 Johann Diedrich von Steinen, Westphälische Geschichte, 3. Teil, (Nachdruck der Ausgabe Lemgo 1757), Münster 1964, S. 220-223.

8 Höfken, Vöde (wie Anm. 3), S. 6. Darpe, Bochum (wie Anm.3), S. 402 f.

9 Darpe, Bochum (wie Anm. 3), S. 40.

10 Höfken, Stadtschultheiß (wie Anm. 3), S. 62f.

11 Ebd., S. 62.

12 Darpe, Bochum (wie Anm. 3), Urkundenbuch Nr. 1 und 2, S. 5*-7*. – Etwas willkürlich ist nur die „Normalisierung“ „Sesarius dictus op me Campe“ statt „Sesarius dictus obmecampe“in Urkunde 1, S. 5*.

13 Staatsarchiv Münster, Kleve-Märkische Regierung, Landessachen 594, f.7r-8r (Abschrift von 1614) und ebd. 877, f.6r-7v (Abschrift von 1650).

14 Zeitgenössische regionale Vergleichspreise oder Vergleichslöhne gibt es erst mit der Überlieferung von Rechnungen seit der Mitte des 14. Jahrhunderts; z. B. Werden 1346: 1 Pfund Wachs kostet 12 Pfennige = 1 Schilling. Rudolf Kötzschke (Hg.), Die Urbare der Abtei Werden an der Ruhr: B. Lagerbücher, Hebe- und Zinsregister vom 14. bis ins 17. Jahrhundert (Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde, Bd. 20: Rheinische Urbare, Bd. 3), Bonn 1917, S. 7, 20. Zu 1326 ließe sich die Zuwendung zum (nicht genannten) Gehalt des Dortmunder Stadtschreibers an drei Festtagen im Jahr, das sogenannte Opfergeld, in Höhe von insgesamt 3 Schillingen anführen. Karl Rübel (Hg.), Dortmunder Urkundenbuch, Bd. 1.1, Dortmund 1881, Nr. 435, S. 305. Das dortige Bürgeraufnahmegeld soll 7 Schilling betragen haben im Gegensatz zu Soest, wo der Normalsatz im Jahre 1320 12 Schilling betrug. Hermann Rothert (Hg.), Das älteste Bürgerbuch der Stadt Soest 1302-1449 (Veröffentlichung der Historischen Kommission für Westfalen, Bd. 27), Münster 1958, S. 16f.

15 Darpe, Bochum (wie Anm. 3), S. 37. Ihm folgt Günther Höfken, Beiträge zur Geschichte des Gerichtswesens in Bochum Stadt und Land in älterer Zeit, in: Bochumer Heimatbuch 2 (1927), S. 54-83, hier S. 64.

16 Heinrich Schoppmeier, Bochum (Westfälischer Städteatlas, Lieferung VIII), Münster 2004 (im Druck). Ich danke dem Verfasser für die freundlich gewährte Einsichtnahme in die Druckfahnen.

17 Darpe, Bochum (wie Anm. 3), S. 38-49.

18 Lücke durch abgerissenes Pergament.

19 Stadtarchiv Bochum, Urkunde 2 (Rand unten mit dem Siegel abgerissen.). Danach Druck beiDarpe, Bochum (wie Anm. 3), Urkundenbuch Nr. 2, S. 6*-8*. In großen Teilen wörtlich in mittelniederdeutscher Übersetzung übernommen in das Privileg Graf Adolfs IV. von Kleve-Mark für die Freiheit Wattenscheid (zwischen 1398 und 1417). Druck und moderne Übersetzung bei Eduard Schulte, Geschichte der Freiheit Wattenscheid: Festschrift der Stadt Wattenscheid zu ihrer 500-Jahrfeier, Wattenscheid 1925, S. 105-107.

20 Dazu Darpe, Bochum (wie Anm. 3), S. 39-41. Höfken, Stadtrechte (wie Anm. 3), S. 24-32. Höfken: Stadtschultheiß (wie Anm. 3), S. 49-68. Schoppmeier, Bochum (wie Anm. 16).

21 Die rein grundherrschaftliche Charakerisierung des Amtes durch Höfken, Stadtschultheiß (wie Anm. 3), S. 49 ist zu einseitig.

22 Darpe, Bochum (wie Anm. 3), S. 41, übersetzt „sectio proscriptorum“ mit „Veräußerung des Vermögens von Geächteten“, hier steht aber „sectio“ für „secutio“, das „genaue Kontrolle, sorgfältiges Nachspüren“ bedeutet, und damit genau zur Praxis der Gerichtsfolge passt, die die Gerichtsinsassen zu räumlich oder zeitlich klar begrenzten Polizeifunktionen verpflichtete.

23 Darpe, Bochum (wie Anm. 3), S. 40. Höfken, Stadtrechte (wie Anm. 3), S. 28-29.

24 Abgedruckt bei Höfken, Stadtrechte (wie Anm. 3), S. 26-28. Schoppmeier, Bochum (wie Anm. 16).

25 Schoppmeier, Bochum (wie Anm. 16).

26 Höfken, Vöde (wie Anm. 3).

27 Schulte, Wattenscheid (wie Anm. 19), S. 105-107.

 

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Bochumer Zeitpunkte Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege Heft 15, Oktober 2004

 

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