Der Zweite Weltkrieg in den Stadtteilen des Bochumer Ostens

Bombenterror und Frontkämpfe nach zeitgenössischen Berichten

 

Clemens Kreuzer

 

In den ersten acht Monaten des am 1. September 1939 ausgebrochenen Zweiten Weltkriegs beschränkte sich das Kriegsgeschehen, von gelegentlichen nächtlichen Luftangriffen der Royal Air Force (RAF) auf Ziele an der Deutschen Bucht abgesehen,1 auf die Fronten jenseits der deutschen Grenzen. Doch ab Mai 1940 erreichten die zunehmenden Bombardements auch innerdeutsche Regionen, die dann fünf Jahre lang zur „Heimatfront“ wurden.

Die Intensität des Kriegsgeschehens an dieser „Heimatfront“ war zeitlich und regional unterschiedlich. Das Ruhrgebiet zog als „Waffenschmiede des Deutschen Reiches“ die alliierten Bomber von Anfang an besonders auf sich. Aber auch innerhalb des Ruhrgebiets gab es neben Gebieten, die vor allem 1943 flächendeckend zerstört wurden, andere, die lange Zeit vergleichsweise glimpflich davon kamen. In Bochum waren bis November 1944 die gesamte Innenstadt total und die meisten citynahen Stadtgebiete weitgehend zerstört, während z. B. die Stadteile des Bochumer Ostens2 bis dahin nur punktuelle Bombenschäden zu beklagen hatten. Hier begannen die Katastrophen des Luftkriegs um die Jahreswende 1944/45. In Langendreer/Werne sind etwa 90 % der insgesamt rund 650 zivilen Bombenopfer erst im ersten Quartal des Jahres 1945 und damit im letzten Vierteljahr des Krieges umgekommen.3

Aus diesen Gründen empfiehlt es sich, die Darstellung des Kriegsgeschehens der „Heimatfront“ im Bochumer Osten in drei zeitliche Phasen zu gliedern:

1. den Bombenkrieg von Mai 1940 bis Ende 1944, der diesen Stadtbereich zwar schon sporadisch, aber noch nicht gezielt und im Vergleich mit der Bochumer Innenstadt noch nicht besonders hart traf,

2. den Luftkrieg von Januar bis Ende März 1945, der vor allem in Langendreer und Werne alles nachzuholen schien, was bis dahin an dieser Region vorbeigegangen war,

3. den zwischen Ende März und Mitte April 1945 näherrückenden und schließlich über den Bochumer Osten hinwegrollenden Frontkrieg mit der Besetzung dieses Gebietes.

Die folgende Darstellung dieses örtlichen Kriegsgeschehens verwendet in großem Umfange bisher unveröffentlichtes Quellenmaterial und vor allem die Berichte von Zeitzeugen.4 Sie zitiert aus diesen Berichten ausführlich im Wortlaut, weil die Niederschriften über persönliches Erleben das schreckliche Geschehen besonders packend und eindrucksvoll wiederzugeben vermögen.

 

 

1. Der Bombenkrieg von Mai 1940 bis Ende 1944

Nachdem am 14. Mai 1940 deutsche Bomben auf Rotterdam gefallen waren und die dortige Zivilbevölkerung getroffen hatten, wies der wenige Tage zuvor zum britischen Premierminister ernannte Winston Churchill am folgenden Tag das British Bomber Commandan, mit dem strategischen Luftkrieg zu beginnen. Schon in der folgenden Nacht vom 15. auf den 16. Mai kam es zu Luftangriffen und sogleich auf das Ruhrgebiet.

 

 

Langendreer-Werner Bahnanlagen im Visier des Bombenkrieges

Die ersten Bomben, die in dieser Nacht auch auf Bochumer Stadtgebiet fielen, trafen das Zentrum von Werne, im Umfeld der dortigen evangelischen Kirche. Die Zerstörungen, die sie an einigen Häusern anrichteten, waren – an späteren Bombardements gemessen – noch nicht groß; es ging um „Schäden der Dachabdeckung, Zerstörung von Fenstern, Türen und Decken“, wie der Chronik der evangelischen Gemeinde, deren Kirche und Pfarrhäuser betroffen waren, zu entnehmen ist.5 Doch führte dieser Angriff auch zum ersten Bochumer Toten des Luftkrieges.

Die Lokalpresse hat über diesen ersten Luftangriff auf Bochumer Gebiet sehr zurückhaltend berichtet. Zwar gab es auf den Titelseiten der hiesigen Zeitungen im Zusammenhang mit dem siegreichen Vormarsch der deutschen Armeen auch eine breit angelegte Berichterstattung über deutsche Bombardements auf feindliche Ziele, doch der erste Luftangriff des „Feindes“ auf Bochum führte im „Bochumer Anzeiger“ gerade einmal zu einem einspaltigen Sechszeiler: „In der Nacht zum Donnerstag wurden auf unser Gebiet erstmalig Bombenangriffe von feindlichen Fliegern durchgeführt. Da die Bomben vollkommen planlos abgeworfen wurden, wurde die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft gezogen. Ein nennenswerter Schaden wurde nicht verursacht. Eine Person wurde getötet, eine verletzt“.6

Der Tote war der Friseurmeister Hermann Landgrafe, der im Schlafzimmer seiner Wohnung im Hause Am Heerbusch 10 getroffen wurde, vermutlich von einem Bombensplitter. Den Verletzten, es handelte sich um Pfarrer Schmerkötter von der evangelischen Kirchengemeinde Werne, hatte ein Bombensplitter am linken Oberarm verwundet.7

Länger als die kurze Notiz über diesen ersten Bombenangriff war der Bericht über die Beerdigung des Friseurmeisters Landgrafe, denn die wurde zu einer politischen Demonstration durch die Teilnahme von Abordnungen der NSDAP und SA. NSDAP-Kreisleiter Riemenschneider war persönlich erschienen, um mit seiner Rede am Grab Stimmung gegen die Kriegsgegner zu machen. Es sei die Absicht der Feindmächte, sagte er, durch planlose Fliegerangriffe die Bevölkerung aus ihrer Haltung und Ruhe zu bringen.8

So planlos, wie der Bochumer NSDAP-Chef und zuvor schon die nationalsozialistische Presse behaupteten, war der Angriff jedoch nicht, wenngleich er das eigentliche Ziel verfehlte. „Erklärte Ziele der britischen Bomber“ waren zu dieser Zeit noch nicht „die Wohngebiete der Industriestädte, sondern Bahnanlagen und Fabriken“9, um die deutsche Kriegswirtschaft zu treffen. Da der Langendreerer Güterbahnhof, dessen Bahnkörper sich durch Werne bis zur Westgrenze dieses Stadtteils hinzieht, damals als drittgrößter des Deutschen Reiches galt, war er wohl, wie seinerzeit schon angenommen wurde, das eigentliche, wenngleich verfehlte Ziel des Bombenangriffs auf Werne10.

Auch der zweite überlieferte Bombenabwurf auf den Bochumer Osten, wenige Monate später Langendreer treffend, dürfte dem dortigen Bahnhof gegolten haben. „Am 11. August“, schreibt Anton Gerdes, gelernter Historiker und pensionierter Studienrat von der Lessingschule, in der von ihm verfassten Chronik der Kirchengemeinde St. Bonifatius, „gab es in Langendreer zum ersten Mal Bombenschäden, als bei dem Bauern Overhoff an der Hauptstraße ein Scheunenbrand durch Bombenabwurf entstand“.11Der nach Gerdes Schilderung nach Mitternacht erfolgte Angriff, der erfreulicherweise das schöne, bis heute erhaltene Fachwerk-Bauernhaus Friemann von 1796 unbehelligt ließ und nur das viel jüngere Nebengebäude traf, galt gewiss nicht diesem Bauernhof, sondern dem nur wenige hundert Meter entfernten Bahnbetrieb.

Knapp drei Wochen später waren die englischen Flugzeuge zielgenauer. Am 30. August 1940 fielen nach Gerdes Bericht um Mitternacht „Bomben auf den Bahnkörper der Strecke Langendreer-Witten; sie beschädigten die Gleisanlagen hinter dem alten evangelischen Friedhof, sodass drei Wagen eines hinterher darüber fahrenden Personenzuges entgleisten; doch gab es dabei nur einen Leichtverletzten

Das erste Langendreerer Todesopfer des Bombenkrieges war im Herbst desselben Jahres zu beklagen, als Bomben den alten Oberschultenhof an der südöstlichen Peripherie des Stadtteils trafen, die wohl ebenfalls nicht dem Hof, sondern wieder der nahen Bahnanlage nach Witten oder der Flakstellung auf dem kurz hinter dem Hof liegenden Heimelsberg galten: Gerdes berichtet den Angriff als besonders tragisches Ereignis: „Bei vereinzeltem Bombenabwurf in der Nacht vom 23. November1940 wurde der Bauernhof Schulte Steinberg am Mühlenkamp im Oberdorf getroffen. Als einziges Opfer kam dabei der älteste Sohn des Hofpächters Cl. Sonnenschein ums Leben. Der junge Soldat, der tags zuvor auf Urlaub gekommen war, wurde durch einen Glassplitter, der ihn im Bett die Halsschlagader durchschlug, getötet“.12

Ende Dezember traf es nicht weit von diesem Geschehen die Besatzung eines feindlichen Flugzeugs: „In der Nacht des 29. Dezember stürzte ein englischer Bomber, der in der Dortmunder Gegend angeschossen war, im Langendreerer Oberdorf ab“, vermerkte Anton Gerdes und ergänzte: die Besatzung kam ums Leben. Die Trümmer waren in kürzester Zeit polizeilich weggeschafft“.13

Bis weit ins Frühjahr 1941 hinein gab es zwar häufiger Bombenalarm, aber keine weiteren nennenswerten Luftangriffe auf unser Gebiet. Churchill hatte die RAF im September 1940 angewiesen, ihre Angriffe auf bestimmte deutsche Städte zu konzentrieren, und auf der entsprechenden Liste stand aus dem Ruhrgebiet nur Essen.14 Erst ab Mai 1941 nahmen die britischen Luftangriffe wieder das gesamte Ruhrgebiet ins Visier, um das dortige Eisenbahnnetz zu zerstören.15

In Langendreer spürte man dies seit Mitte Juni 1941. Seit dem 15. Juni, so vermerkte Pfarrer Eckhardt von der Langendreerer Mariengemeinde am Alten Bahnhof in seiner Chronik, verstärkten sich die Luftangriffe: „Fast jede Nacht ist Fliegeralarm“, schrieb er.16 In Werne gab es in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 1941 Auf den Holln Zerstörungen unmittelbar am Rande der breiten Gleisstrecke.17

Häufiger Fliegeralarm erweckte zwar weiterhin im Bochumer Osten den Eindruck eines massiven Luftkriegs, doch konkrete Treffer erwähnen die Chronisten erst wieder von der Nacht vom 10. auf den 11. April 1942. Da ging nach den Aufzeichnungen von Pfarrer Eckhardt am Alten Bahnhof eine Luftmine nieder, deren Druckwelle unter anderem am dortigen Schwesternhaus Fensterscheiben zerbersten und Dachziegel abheben ließ, aber offenbar darüber hinaus keinen größeren Schaden anrichtete.18

In den Monaten Juli und August“ (1942), schrieb Eckhardt wenig später in seine Gemeinde-Chronik, „waren die britischen Fliegerangriffe so häufig, dass an mehreren Sonntagen der Gottesdienst erst um 10 Uhr beginnen konnte“.19Dennoch war es für den Bochumer Osten im Wesentlichen bei dem Nervenkrieg geblieben, den die ständigen Fliegeralarme verursachten. Die Menschen strömten dann in die Luftschutzkeller, Bunker und Stollen, vernahmen dort das unheimliche, tiefe Brummen und Grollen der Bombengeschwader und waren voller Angst, dass es sie treffen werde. Doch Langendreer, Werne und Laer blieben einstweilen verschont. Der Chronist der katholischen Pfarrgemeinde Werne resümierte später: „In den drei ersten Kriegsjahren blieb die Einwirkung des Luftkrieges in der Heimat im allgemeinen auf Störflüge und entsprechende Flak-Abwehr beschränkt; vereinzelt richteten Brand- und Sprengbomben Schäden an Gebäuden an, die aber restlos wieder behoben werden konnten“.20Tatsächlich bemühten sich die NS-Machthaber in Bochum wie in anderen Städten bis zum Frühjahr 1943, die punktuellen Bombenschäden, die es bis dahin gegeben hatte, jeweils kurzfristig aus dem Stadtbild zu tilgen.

 

 

Die Oststadtteile während der Luftangriffe auf die Innenstadt

Neue Dimensionen erreichte der Bombenkrieg, nachdem die Engländer dessen Zielsetzung durch Beschluss des Kriegskabinetts vom 14. Februar 1942 grundlegend verändert hatten.21 Die bis dahin geltende Absicht, die deutsche Kriegswirtschaft durch Ausschaltung insbesondere der Rüstungsindustrie und ihrer Transportwege lahm zu legen, aber nicht gegen die Zivilbevölkerung vorzugehen, wurde durch die Strategie geändert, den Widerstandswillen der deutschen Bevölkerung durch systematische, flächendeckende Bombardierung von Wohngebieten zu brechen. Diese Flächenbombardements sollten durch den kombinierten Einsatz von Spreng- und Brandbomben perfektioniert werden. Die Brutalität dieser Kriegstechnik beschreibt Jörg Friedrich in seinem Standardwerk über den Bombenkrieg gegen Deutschland so: „Die Sprengbombe ist die Wegbereiterin der Brandbombe. Sie zwingt die Bevölkerung in die Keller, während über ihren Köpfen die Häuser brennen. Werden sie nicht herausgeholt, erreicht sie der Erstickungstod.“22

Schon 1942 stand auch Bochum auf einer englischen Liste der künftigen Ziele dieser Art von Luftkrieg.23 Am 24. Januar 1943 vereinbarten Churchill und Roosevelt in Casablanca neben dem Kriegsziel der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands auch die Bombardierung der Ruhrgebietsstädte, in denen Waffenproduktion betrieben wurde. Dazu gehörte Bochum, dessen Bochumer Verein für Gussstahlfabrikation „eines der wichtigsten Unternehmen zur Versorgung der Wehrmacht mit Geschützgranaten und Bomben“ war.24

Was die neue Form der Luftkriegsführung bedeutete, nämlich den von Goebbels am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast proklamierten „totalen Krieg“, erlebte Bochum erstmals in der Nacht zum 14. Mai 1943 mit einem Großangriff auf die Innenstadt, bei dem 360 Menschen starben und über 1.000 verletzt wurden.25 Das war so entsetzlich, dass auch die beiden Langendreerer Pfarrchroniken davon berichten, obwohl der Bochumer Osten selbst gar nicht betroffen war.26 Jedenfalls schrieb Pfarrer Eckhardt in sein Chronikbuch: „Langendreer und Werne blieben Gott sei Dank völlig verschont. Weder eine Brand-, noch eine Sprengbombe ist hier gefallen“.27

Fast ebenso glimpflich kam der Bochumer Osten davon, als ein weiterer schwerer Luftangriff Bochum und wieder vor allem die Innenstadt in der Nacht zum Pfingstsonntag 1943 traf, diesmal 312 Tote und 324 Verletzte herbeiführend.28 Die City war so stark verwüstet, dass Pfarrer Eckhardt in seine Langendreerer Chronik schrieb: „Die Umgebung der Propsteikirche ist ein Bild des Grauens. Propsteikirche und Pfarrhaus, beide unbeschädigt, ragen wie eine Insel des Friedens aus dem Chaos empor. Wird auch uns das Geschick noch ereilen?“.29In Langendreer und Werne gab es bei diesem Angriff, wie Gerdes in der Bonifatius-Chronik festgehalten hat, „nur vereinzelte Brandbombenschäden“.30 In Laer, so der Pfarrer der dortigen katholischen Gemeinde in seiner Chronik, „brannten 8 oder 10 Häuser ab und unsere Kirche bekam 4 Brandbomben, die aber vom Selbstschutztrupp gelöscht werden konnten.31

Nur zwei weitere Wochen später erfolgte in der Nacht vom 25. auf den 26. Juni der nächste schwere Luftangriff auf Bochum und brachte ein so erschütterndes Ereignis, dass es die Langendreerer Chronisten ebenfalls festhielten, obwohl es nicht die eigenen Gemeinden und Stadtteile betraf: Im Bochumer Waisenhaus am heutigen Imbuschplatz waren 157 Menschen, darunter 104 Kinder verschüttet und 65 dieser Kinder sowie 6 Erwachsene nur noch tot geborgen worden32. Insgesamt hatte der Angriff 538 Todesopfer hinterlassen.33

Dass die flächendeckenden Bombardements auf Bochum zunehmend auch den Osten der Stadt berührten, obwohl dieser immer noch nicht zum eigentlichen Zielgebiet der Angriffe zählte, berichtet Gerdes in der Chronik der Bonifatiusgemeinde: „Auch über Langendreer und Werne gingen massenhaft Brandbomben nieder; doch richteten sie, meist rechtzeitig gelöscht, nur geringen Schaden an. Auf unseren Kirchplatz fiel eine Bombe, die ausbrannte. Die Marienkirche hatte nur leichte Fensterschäden. In Werne richtete eine Luftmine, die auf dem Marktplatz nieder ging, große Verheerungen an der katholischen und der evangelischen Kirche an“.34

Dort war jedoch, was Gerdes offenbar nicht wusste, Schlimmeres geschehen. Darüber berichtet die Werner Pfarrchronik: „Eine 36 Zentner schwere kombinierte Spreng-Pressluftbombe detonierte auf dem Marktplatz. Die Wirkung in der Gemeinde war wie bei einem Luftbeben. 7 Männer waren sofort tot, darunter Lehrer Kowald als Luftschutzwart im Bunker, 2 erlagen später ihren schweren Verletzungen. 11 Häuser waren ganz zerstört, das Kirchendach und die Dächer der kirchlichen Gebäude zu 3/4 abgehoben […].“ Am Morgen habe man die zerstörten Häuser der Gemeinde „in Schutt liegen oder im lichterlohen Feuer brennen“ sehen.35

Beim nächsten schweren Luftangriff auf Bochum, der in der Nacht vom 6. zum 7. Juli 194336 insbesondere die nördlichen Stadtteile Riemke und Hamme sowie Wattenscheid traf, blieb der Bochumer Osten wohl wieder verschont, denn die beiden Langendreerer Chronisten berichten über diesen Angriff ohne Hinweise über Auswirkungen in den eigenen Gemeinden.37 Dagegen schreiben sie über einen Angriff am 12. August, dass er in Langendreer drei Tote und mehrere Verwundete hinterließ.38 Bei diesem Angriff traf es auch Laer. „Unsere Gemeinde Laer“, notierte der dortige katholische Pfarrer, „hatte 3 Tote und 13 Verletzte. Im Ortsteil Laerheide sind 70 Sprengbomben gefallen, Gott Dank aber hauptsächlich ins freie Feld und in den Wald.39

Die Chronik von Laer berichtet auch über den schweren Luftangriff in der Nacht zum 30. September auf das mittlere und nördliche Bochum, verweist aber ausschließlich auf dortige Schäden.40 Laer selbst bekam diesmal nichts ab, offenbar auch der übrige Bochumer Osten nichts; Pfarrer Eckhardt konnte wieder einmal schreiben: „Langendreer blieb Gott sei Dank verschont“.41 Am nächsten Tag, dem 1. Oktober 1943, zerstörte zwar ein Volltreffer in Langendreer das Wohnhaus gegenüber der Marienkirche an der Kaiserstraße völlig, drückte der Luftdruck dieser Explosion in der Umgebung auch zahlreiche Scheiben ein, doch waren keine Menschenleben zu beklagen.42

Die Massierung der Luftangriffe im Frühjahr und Sommer 1943 veranlasste im ganzen Ruhrgebiet viele Familien, in ländliche Gebiete zu evakuieren. In der Chronik der Bonifatius-Gemeinde heißt es dazu: „Die Flucht vor der Bombengefahr hatte teilweise schon seit den ersten großen Angriffen des Vorjahres eingesetzt. Eltern, die Verwandte und Bekannte in ländlichen Gegenden wie im Sauerland, dem Eichsfeld, dem Paderborner oder dem Warburger Bezirk hatten, brachten ihre Kinder gern dort unter […].43Die Evakuierung der Schulkinder in ganzen Schul- und Klassenverbänden wurde im Sommer 1943 generalstabsmäßig von den Behörden organisiert;44 die Bochumer Kinder kamen vorwiegend nach Pommern.

Im Jahre 1944 ließen die Luftangriffe auf die Bochumer Innenstadt zwar bis in den Herbst hinein nach, doch gab es im März, Juli und September „mittelschwere Angriffe“ und im Oktober eine ganze Angriffswelle vorwiegend auf Wohngebiete und Zechenanlagen in den äußeren Stadtteilen.45 Der Bochumer Osten war jedoch selten darunter; berichtet wird von je einem Angriff auf Langendreer – hier wurde der historische Oberschultenhof weitgehend zerstört – und Werne mit jeweils wenigen Bombenopfern.46

Am 4. November 1944 kam es zu dem schlimmsten Bombenangriff des ganzen Krieges auf Bochum, für den es bis heute an jedem 4. November ein offizielles Gedenken in unserer Stadt gibt. „Etwa 1.400 britische Bomber hatten Kurs auf Bochum genommen und belegten die Stadt mit einem Bombenteppich aus 7.000 Sprengbomben, 3.00 Minen und 60.000 Brandbomben“.47 Dabei wurden über 1.200 Menschen getötet, 2.000 verletzt und 70.000 obdachlos48. Pfarrer Eckhardt schrieb: „Es regneten förmlich Brandbomben und schwere Sprengbomben. […] Ganze Straßenzüge wurden durch die aufeinander folgenden Wellen der Terrorflieger förmlich niedergewalzt. In mehreren getroffenen Stollen kamen viele Menschen zu Tode […] Bochums Mitte ist eine menschenleere Stadt geworden. Langendreer blieb vor größerem Schaden bewahrt. Nur ein Bauernhaus an der Kaiserstraße brannte ab“.49Nach Gerdes „fielen auch auf unseren Ortsteil massenhaft Brandbomben“, doch seien „dank der sofortigen Löschaktion nur vereinzelte Brände“ entstanden.50 Von Todesopfern im Stadtteil berichten die beiden Chronisten nicht. Die 12 Toten des 4. November, die innerhalb der Ehrengrabanlage des Langendreerer Kommunalfriedhofs bestattet sind,51 hat das Schicksal wohl in der Innenstadt erreicht. In Laer schrieb der katholische Pfarrer unter dem 4. November in seine Chronik: „Zerstörung unseres schönen Kirchleins durch drei Sprengbomben und eine Luftmine. Die Kirche ist nicht mehr zu gebrauchen.“52

 

 

Der Bombenkrieg wird im Osten härter

Nach dem Großangriff vom 4. November 1944 setzten die Alliierten vor allem die auf die äußeren Stadtteile Bochums gerichteten Bombenangriffe fort, und nun traf es mehr und mehr auch die Oststadtteile: „Am 6. November mittags wurden am Langendreerer Personenbahnhof mehrere Bomben geworfen“, berichtet Pfarrer Eckhardt, und Studienrat Gerdes präzisiert, dass „große Schäden in der Hasselbrink- und Hauptstrasse angerichtet“ wurden.53 Der Abwurf war Teil eines Angriffs, der neben Langendreer auch Hamme, Hiltrop-Bergen, Hofstede-Riemke, Marmelshagen und Dahlhausen getroffen hatte.54„Am 9. November gegen 11 Uhr wurden in der Nähe des Amtsgerichtes 16 Bomben geworfen. Die Wilhelmschule wurde teilweise zerstört, die Häuser an der Gerichts-, Stift- und Kaiserstraße mehr oder weniger beschädigt“, ist dann wieder aus der Feder von Pfarrer Eckhardt zu lesen. Dieser Angriff galt über Langendreer und Laer hinaus auch Grumme-Vöde, Gerthe, Linden und Oberdahlhausen.55

Etwa vier Wochen später – am 12. Dezember 1944 – gab es einen neuen Angriff auf Langendreer, von dem Pfarrer Eckhardt in seiner Chronik56 und ein städtischer Bediensteter an den Oberbürgermeister berichten: Rund 50 Sprengbomben seien auf Bochumer Gebiet gefallen, schrieb der Mann im Rathaus, überwiegend in Langendreer,57 Elf Häuser seien total zerstört, 20 schwer und 60 leicht beschädigt. In der Westheide sei ein Stollen getroffen worden, wobei zwei „Volksgenossen“ gefallen und drei verwundert worden seien. In Laer habe eine Bombe das Haus Ümminger Straße 192 zerstört und eine Frau getötet. Insgesamt wären etwa 300 Personen obdachlos geworden. An der Hörder Straße sei ein Flugzeug abgestürzt.

Doch war Langendreer nicht das eigentliche Ziel und schon gar nicht der Schwerpunkt dieses Angriffs, sondern lediglich die nördliche Grenzüberschreitung des ersten Großangriffs auf Witten, bei dem 400 Flugzeuge die Nachbarstadt in drei Wellen flächendeckend mit einem Bombenteppich überzogen und dabei 1.146 Sprengbomben, 260 Phosphorkanister sowie 9.300 Brandbomben abgeworfen hatten. In Witten hat das Bombardement 334 Tote, 345 Verletzte, 64 Vermisste sowie gewaltige Zerstörungen hinterlassen.58 Zwei feindliche Flugzeuge konnten während des Angriffs von der deutschen Flak abgeschossen werden; eines davon war, wie in dem Bochumer Bericht erwähnt, in Langendreer nahe der Hörder Straße abgestürzt.

Die Wirkung des „immer häufiger einsetzenden Fliegeralarms“59 und der damit verbundenen Bedrohung der Menschen beschreibt Pfarrer Eckhard Ende 1944 so: „Die Nervosität der Bevölkerung nimmt bei den vielen Luftalarmen ständig zu. Schon bei Voralarm eilt die Bevölkerung Langendreers, das Notwendigste in Paketen, Taschen und Koffern tragend, in den Hochbunker an der Straße „In den Langenstuken“, der für 3.000 Personen berechnet, meist von 4.000-4.500 Personen besetzt ist. Weil die schwersten Angriffe gewöhnlich abends erfolgen, sieht man täglich schon ab 5 Uhr viele, besonders Frauen und Kinder, zum Bunker gehen, um sich einen Sitzplatz zu sichern, wo sie dann bis 10 Uhr bleiben.60 Der Pfarrer der Mariengemeinde, der schon das Bombardement vom 4. November auf Bochum mit dem Satz kommentiert hatte: „Die Unmenschlichkeit dieses Krieges kann nicht mehr gesteigert werden“, beendete seine Eintragungen für das Jahr 1944 mit der bangen Frage: „Was wird das neue Jahr bringen? Wir sind in großer Sorge.“61

 

 

2. Der totale Bombenkrieg im ersten Quartal 1945 im Bochumer Osten

Trotz der erwähnten Todesopfer und Zerstörungen war die Schreckensbilanz des Bochumer Ostens bis Ende 1944 nicht annähernd so dramatisch wie in anderen Teilen Bochums, insbesondere in der Innenstadt und den an sie angrenzenden Stadtteilen, aber auch im benachbarten Witten. Ein eigentümlicher, rational nicht fassbarer Optimismus hatte sich im Bochumer Osten entwickelt. Pfarrer Eckhardt beschriebn Anfang 1945 so: „In Langendreer ist man aufgrund der bisherigen Erfahrungen der allgemeinen Auffassung, dass ein schwerer Bombenangriff uns nicht treffen werde.“ Aber schon bald hätten die Menschen hier einsehen müssen, fuhr der Pfarrer fort, dass sie sich täuschten. Am Montag, dem 15. Januar, nachmittags 3 Uhr, habe ein schweres Geschwader viermotoriger Bomber angegriffen.62

 

 

Der Bombenangriff vom 15. Januar 1945

Das war der schwerste Angriff auf den Bochumer Osten. Er konzentrierte sich ausschließlich auf Langendreer-Werne, wenn man von wenigen Bomben absieht, die auch auf Harpener Felder fielen, dort aber nur geringe Schäden anrichteten. Es gibt über diesen Angriff drei in zeitlichen Abständen von wenigen Tagen gefertigte Berichte der damaligen Stadtverwaltung mit zum Teil stark voneinander abweichenden Zahlen.63 Wahrscheinlich sind auf Langendreer-Werne rund 800 Sprengbomben und 4.000 Brandbomben gefallen,64 mit verheerendem Ergebnis. Nach dem Angriff, der nur 17 Minuten dauerte, loderten in den beiden Stadtteilen – darin stimmen die Berichte überein – über dreißig Brände zum Himmel.

Die äußere Form der internen Rathausberichte über die Bombenangriffe hatte sich inzwischen auf bezeichnende Weise verändert: Aus der vorher frei formulierten Schilderung eines Angriffs und seiner Folgen war jetzt ein DIN-A-4-Formular mit vorgegebenen Begriffen geworden, hinter denen nur noch Zahlen einzutragen, gelegentlich Worte zu ergänzen waren. Man ist erschüttert, wenn man als heutiger Leser dieser „Berichte“ über manchmal Hunderte von Toten, Verletzten und Obdachlosen sowie gewaltige Zerstörungen im Stil versicherungsmäßiger Schadensstatistik erfährt. Man ist nicht minder erschüttert, wenn man sieht, wie penibel bei den in die Formblätter eingetragenen Opferzahlen immer noch der Wortwahl nationalsozialistischer Ideologie entsprechend differenziert wird zwischen deutschen Bombenopfern („Gefallene“ oder „Verwundete“) und ausländischen („Tote“ oder „Verletzte“).65

Auf solchen Formularen ist auch das Bombardement vom 15. Januar 1945 erfasst. Die drei zu verschiedenen Zeitpunkten ausgefertigten Formulare nennen sehr unterschiedliche Zahlen. So wird z. B. die Zahl der Todesopfer im ersten Berichtsblatt mit 109 angegeben, im letzten mit 252. Das ist auch, aber keineswegs nur, darauf zurück zu führen, dass der erste Bericht den Angaben über Tote und Verletzte noch eine weitere, im Vordruck gar nicht vorgesehene Variante hinzu fügen musste: „81 Verschüttete, bisher 26 lebend, 18 tot geborgen“. Da dieses Formular das Datum vom 17. Januar trägt, war zwei Tage nach dem Bombardement das Schicksal von 37 Verschütteten noch ungeklärt.

Ein undatierter, aber offenbar etwas später erstellter Zusatzbericht über die durch den Angriff entstandenen Betriebsschäden nennt bereits 45 der Verschütteten als tot geborgen und gibt als Ursache des Vorgangs an:66„Volltreffer in den Eingang eines Betriebsstollens“. Die Zahl steigt dann weiter in dem zweiten Formblatt, dem die Anmerkung hinzugefügt ist: „Allein aus dem Stolleneingang auf der Zeche Mansfeld sind bisher 57 Gefallene geborgen, die sich in der Nähe des Einstiegs aufgehalten haben.“ Der Chronik der evangelischen Pfarrgemeinde Laer, die acht tote Mansfeld-Bergleute zu beklagen hatte, ist zu entnehmen, dass „gerade als Schichtwechsel war“, die Bomben fielen.67Das dritte Formblatt des Rathauses zum selben Angriff, am 21. Januar 1945 ausgefüllt, enthält dann keine Hinweise mehr auf Verschüttete, die wohl inzwischen geborgen waren, nennt aber 252 Todesopfer. Nach den Angaben, die Gerdes in der Bonifatius-Chronik macht, lag die Zahl der Toten noch erheblich höher.68

Gerdes schildert auch, welche Probleme sich aus solchen Größenordnungen ergaben: „Die Beerdigung erfolgte am 22., 24. und 26. Januar in Massengräbern, die je etwa 30 Leichen aufnahmen.69 Besonders schwierig war die Beschaffung von Särgen.“ Es habe eine „allgemeine Bestattungsnot“ gegeben, über die er aus den Aufzeichnungen von Pfarrer Steffens zitiert: „Bei Todesfällen kann nicht sofort der Beerdigungstag angesetzt werden, da die Angehörigen zuerst sehen müssen, wie und wann sie einen Sarg bekommen.“70

Die Zahl der im städtischen Formblatt genannten 257 Verletzten wird in der Größenordnung durch Angaben von Pfarrer Steffens bestätigt: „Im Knappschaftskrankenhause wurden über 200 Verletzte behandelt, darunter 127 stationär“, hatte er in seinen von Gerdes in die Chronik übernommenen Aufzeichnungen festgehalten, und weiter: „Die Betreuung war sehr erschwert, weil elektrisches Licht und Wasser fehlten.“ „Ich war“, berichtete Steffens über den Tag des Angriffs, „bis abends gegen ½ 10 im Krankenhaus. Der Anblick der Sterbenden und Schwerverletzten war erschütternd.“71

Die Zerstörungen der Bausubstanz, die das Bombardement vom 15. Januar hinterließ, wird in den städtischen Berichten ebenfalls höchst unterschiedlich quantifiziert: Wenn man dem zeitlich letzten der drei Berichte folgt, weil für ihn wegen des längeren zeitlichen Abstands die größere Genauigkeit spricht, hat der Angriff in Langendreer-Werne 220 Gebäude total zerstört, 720 schwer oder mittelschwer und 850 leicht beschädigt.72 Von den öffentlichen Gebäuden waren unter anderem fünf Verwaltungsgebäude, eine Schule und vier Kirchen getroffen worden. Die Objekte werden nicht konkret benannt, doch gehörten zu den zerstörten Verwaltungsbauten wohl auch die Amtshäuser von Werne und Langendreer. Zu den Kirchen berichtet Gerdes, die Langendreerer Marienkirche sei „nahezu zerstört“ worden und in Werne hätten das evangelische wie das katholische Gotteshaus „ so schwere Schäden“ erhalten, dass sie unbenutzbar waren.73

Auch vier Industriebetriebe des Bochumer Ostens, nämlich die Zechen Mansfeld und Robert Müser, das Langendreerer Werk des Bochumer Vereins und die Werksanlagen der Chemischen Fabrik Raschig waren massiv bombardiert worden. Der Bericht der Stadtverwaltung „über die entstandenen Betriebsschäden“ beschreibt neben den unmittelbaren Bombenschäden an den jeweiligen Werksanlagen auch die indirekten Auswirkungen auf andere Betriebe.74 Dass allein im Werksgelände der Zeche Robert Müser 40 bis 45 Bomben niedergegangen waren und neben anderen beträchtlichen Zerstörungen die Maschinenzentrale schwer beschädigt hatte, ließ den Betrieb nicht nur dort, sondern auch in den im Verbund mit Robert Müser befindlichen Zechen Amalia, Caroline und Neu-Iserlohn ruhen. Die Zeche Bruchstraße hatte dieser Angriff zwar nicht direkt geschädigt, doch waren 250 Bergleute wegen ihrer eigenen Bombenschäden nicht zur Arbeit erschienen und 154 zum „Reichsbahneinsatz“ abgestellt. Das Werk Langendreer des Bochumer Vereins meldete, dass 45 Sprengbomben auf das Werksgelände gefallen wären. Die Bombenfabrikation falle vorläufig aus, doch die Geschützfabrikation werde in drei Tagen wieder aufgenommen. Es verwundert ohnehin, dass die ehemaligen Langendreerer Drahtwerke, aus denen der Bochumer Verein „eine hochmoderne Fertigungsstätte für die Produktion von Bomben“75 gemacht hatte, nicht schon längst stärker ins Visier des alliierten Luftkrieges geraten waren.

 

 

Die Angriffsserie von Februar/März 1945

Der Bombenangriff vom 15. Januar war der schwerste, aber noch lange nicht letzte Angriff auf den Bochumer Osten. Nach der Chronik der katholischen Pfarrgemeinde Werne folgte diesem ersten Großangriff am 16. Februar „ein zweiter, der der Zeche Amalia mit Nebenanlage (Treibstoffwerk) galt. Auch dieser Betrieb wurde zum Erliegen gebracht. Eine gehäufte Anzahl von Bomben (Teppichwurf) wurde auf die Gleisanlagen der Staats- und Zechenbahn an der Heinrich-Gustav-Straße geworfen [...].“76Der Angriff hatte aber auch Harpen und Langendreer heimgesucht und nach dem städtischen Bericht zu insgesamt 32 Toten und 25 Verletzten geführt. Darüber hinaus waren in Werne je ein Stollen an der Heinrich-Gustav-Straße und bei der Zeche Amalia getroffen worden, in denen es 36 Verschüttete gab, von denen zum Zeitpunkt der Berichtsabfassung sechs tot, drei verletzt, 15 unverletzt und zwölf noch gar nicht geborgen waren.77 Die Werner Opfer wurden „unter ständiger Fliegerbedrohung in einem Massengrab beigesetzt.“78 In Langendreer hatte der Angriff insbesondere der Ortsbereich Wilhelmshöhe sowie das Gebiet um den Heimelsberg getroffen; hier waren mehr als 50 Morgen landwirtschaftlicher Fläche „mit Trichtern übersät“, während „die Dorfmitte unbehelligt blieb“.79

Ein Luftangriff, der sich eine Woche später am Nachmittag des 23. Februar neben mehreren insbesondere nördlichen Bochumer Stadtteilen auch auf Langendreer und Werne erstreckte, hatte gleich zwei Katastrophen besonderer Dramatik zur Folge. Die erste in Werne. Dort war bei diesem Angriff nach dem Berichtsblatt des Rathauses keine Bombe gefallen, doch heißt es in einem Zusatzvermerk: „In Werne entstand vor dem Stollen Deutsches Reich eine Panik. 2 Männer, 5 Frauen und 4 Kinder kamen dabei zu Tode“,80im Gedränge der Menschen, wie Gerdes berichtet.81

Dasselbe – nur noch weitaus folgenschwerer – passierte zur selben Zeit aufgrund desselben Angriffs in einem Bunkereingang der Wittener Innenstadt. Die Detonationen, die von Langendreer herüber schallten, wo sechs Häuser an der Hauptstraße unter den Bomben zusammenbrachen82 und schwere Bomben auf die Zeche Siebenplaneten fielen83, ließen die in Witten zu ihrem Schutzraum Eilenden in Panik geraten. „Kopflos rannten die Menschen auf den Bunker zu. In seinem schmalen, stollenartigen Eingang staute sich der Strom der Flüchtenden. Über Gestürzte, Ohnmächtige, Zertretene hinweg gab es unten kein Abfließen des Menschenstromes mehr, und draußen drängten und stießen in sinnloser Angst Hunderte ihre Vordermänner in den engen Schlauch hinein, aus dem es kein Entrinnen mehr gab. […] 38 erstickte und erwürgte Menschen barg man später aus diesem Stolleneingang, dabei war auf Wittener Gebiet nicht eine einzige Bombe gefallen“.84

Die Menschen drehten durch. Der Wittener Chronist des dortigen grauenhaften Vorgangs erklärt ihn mit dem, was man damals „Bunkerpsychose“ nannte: „Wenn nur die Sirenen heulten, und das geschah täglich mehrmals, dann rissen die Leute ihre stets bereitstehenden Bunkerkoffer an sich und rannten stöhnend und verstört in den nächsten Bunker, daheim alles stehen und liegen lassend, wie es gerade lag. [...] Ging die Sirene, rannten sie um ihr Leben und wurden dabei in nervöser Überreiztheit zu rücksichtslosen Egoisten“.85 Ähnlich hat Pfarrer Fastabend die Werner Situation in seiner Chronik geschildert: „Der Bevölkerung der Gemeinde hatte sich große Furcht bemächtigt. Ängstliche Leute kamen Tag und Nacht nicht mehr aus dem Hochbunker am Markt heraus. Sie erhielten dort eine Suppenverpflegung. [...] Wer Verwandte, wenn auch nicht weit entfernt, auf dem Lande hatte, stellte sich an die Dortmunder Straße und ließ sich aus dem Industriegebiet abtransportieren. [...] Von den Verbliebenen brachten viele ihre Koffer mit Wertsachen mit in die Kirchen [...], um bei Voralarm, von Entsetzen gepackt, zum Bunker zu rennen“.86 Dabei mehrten sich, wie Pfarrer Eckhardt vom Alten Bahnhof in Langendreer niederschrieb, die Bombenangriffe „nun von Tag zu Tag; 5-7mal musste man täglich den Bunker bzw. den Luftschutzkeller aufsuchen.“87

In Werne war die Zeche Robert Müser immer wieder Ziel von Luftangriffen. Zwar richteten die fünf Bomben, die am 27. Februar 1945 nahe bei dem Bergwerk ins freie Feld fielen, keinen Schaden an,88 doch als am 6. März ein Luftgeschwader die Zeche oder die nahe Eisenbahn oder beides ins Visier nahm und die Bomben an Müserstraße und Rixenburgweg niederstürzten, hatte das in Werne eine neue Katastrophe zur Folge. Auf dem städtischen Formblatt über diesen Angriff heißt es in Stichworten: „Stollen Rixenburgweg erhält 5-6 Treffer. 36 Insassen sind lebend, 10 tot geborgen; rund 40 werden noch vermisst“.89 Diese 40 waren aber auch tot, denn die Werner Pfarr-Chronik berichtet von der Bombardierung dieses zwischen Rixenburgweg und Eisenbahn angelegten Stollens: „50 Menschen fanden durch Sprengstücke oder durch Ersticken ein furchtbares Ende.“90

Beginnend mit diesem 6. März 1945 kam es Schlag auf Schlag:

7. März, mittags: „Bombenteppich zwischen Wittener Straße und Uemminger Straße in Langendreer. Bombenteppich in Werne, Siedlung Kreta am Harpener Hellweg.“ Von 18 Verschütteten konnten 13 unversehrt und vier verwundet geborgen werden, einer nur noch tot.91

8. März, nachmittags: 700 Bomben fielen auf Langendreer, Werne, Laer, Harpen und Gerthe. Vier Tote, davon zwei in der Flakstellung in Werne. Schwere Schäden an den Fördertürmen von Robert Müser, „beide Körbe in den Sumpf gestürzt“, wie es im Rathausbericht heißt. Ferner: Volltreffer in die Ammoniakfabrik der Zeche Mansfeld. Die Eisenbahnstrecke Langendreer-Bochum durch zehn Bombentrichter gesperrt usw.92

10. März nachmittags: 230 Sprengbomben, vier Blindgänger, 2.000 Stabbrandbomben auf Werne; schwere Zerstörungen Am Heerbusch sowie am Werner Hellweg und seinen Seitenstraßen.93

13. März abends: Bomben auf Laer (Friedhof, Höfestraße, Laerfeldstraße), die dort aber nicht zu menschlichen Opfern führen und wenig Schaden anrichteten.94

15. März vormittags: Bombenabwürfe von Tieffliegern auf mehrere Bochumer Bahnhöfe, unter anderem auf den Langendreerer Güterbahnhof am Kaisersteg.95

16. März mittags: Tiefflieger schossen auf dem Ruhrschnellweg in Werne drei LKW in Brand und durchlöcherten auf dem Langendreerer Bahnhofsgelände einen Kesselwagen. Ein Toter, fünf Verletzte.96

18. März nachmittags: Ein „sehr schwerer Fliegerangriff auf Langendreer“ – so Pfarrer Steffens von der Bonifatiusgemeinde in seinem Tagebuch – führte zu starken Schäden an der Bonifatiuskirche, deren Dach größtenteils abgedeckt und deren Glockenturm umgelegt wurde.97

19. März gegen vier Uhr früh: Ein schwerer Angriff auf Witten, der dort 948 Wohnhäuser völlig zerstörte, fast ebenso viele schwer oder mittelschwer beschädigte und die Stadt drei Tage lang brennen ließ,98 reichte auch nach Langendreer hinüber und setzte dort unter anderem die am Tag zuvor abgedeckte Bonifatiuskirche in Brand.99

Die Angriffe vom 18. und 19. März fanden so kurz hintereinander statt, dass die Bochumer Behörde ihre Auswirkungen nur noch zusammengefasst ermitteln konnte.100 In Werne und Laer sind nur einzelne Bomben gefallen und haben keine großen Schäden verursacht, doch in Langendreer haben rund 1.000 Sprengbomben und 2.500 Brandbomben Dorf und Oberdorf, Langendreerholz und das Gebiet am Heimelsberg massiv getroffen. In diesen Bereichen sind 130 Gebäude total zerstört, darunter das Stammhaus des Lessinggymnasiums, 460 schwer oder mittelschwer und 350 leicht beschädigt worden sowie 4.000 Menschen obdachlos geworden. Zu den 80 Toten, die der Bochumer Erhebungsbogen neben 45 Verwundeten verzeichnete, kamen noch 28 Verschüttete, die – so heißt es in dem Formular – „nach menschlichem Ermessen tot sind“. Die Ehrengrabanlage auf dem Langendreerer Kommunalfriedhof weist 82 Bombenopfer des 18./19. März 1945 aus.101

22. März: zwischen 3 und 4 Uhr früh: Langendreerdorf und Oberdorf, aber auch der Alte Bahnhof sowie das südliche Werne102 wurden bombardiert. 1.712 Sprengbomben, davon 116 Blindgänger sowie 3.000 Brandbomben und sechs Minen gingen auf diese Gebiete nieder. Schwer getroffen war das Langendreerer Zweigwerk des Bochumer Vereins, erhebliche Schäden waren an den Übertageanlagen der Zechen Mansfeld und Bruchstraße sowie am Personen- und Güterbahnhof in Langendreer.103

 

Der Rathausbericht nennt 50 Tote, doch es dürften weit mehr gewesen sein, denn die Ehrenanlage des Langendreerer Kommunalfriedhofs enthält schon 48 Opfer des Angriffs allein aus diesem Stadtteil.104„Die Marienkirche wurde durch einen Volltreffer – wahrscheinlich Lufttorpedo – total zerstört“, notierte Pfarrer Eckhardt.105

24. März gegen 17 Uhr: Die Zechen Robert Müser und Amalia in Werne wurden Hauptziel eines Bombenangriffs, der aber auch zu Abwürfen auf Langendreer, Harpen und Gerthe führte. Es gab Tote und Verwundete. Die Zeche Amalia war schwer getroffen, außerdem waren 19 Häuser total zerstört und 49 schwer sowie 520 mittelschwer oder leicht beschädigt.106

Dies war wohl der letzte massive Bombenangriff auf den Bochumer Osten.107 Einen Tag später hörte man dort bereits, wie Pfarrer Eckhardt notierte, das Geschützfeuer der sich nähernden Front.

 

 

3. Frontkämpfe im Bochumer Osten

Nachdem die Alliierten im Juni 1944 in der Normandie gelandet, dann im Herbst bis zur Westgrenze Deutschlands vorgerückt und durch die verzweifelte „Ardennenoffensive“ der deutschen Wehrmacht nur vorübergehend aufgehalten worden waren, hatten sie im Februar 1945 das linksrheinische Gebiet des Deutschen Reiches Zug um Zug besetzt und Anfang März den Rhein erreicht. Es war ihnen am 7. März gelungen, Köln zu erobern und den Fluss bei Remagen, am 23. März auch bei Wesel zu überqueren und am jeweiligen Ostufer einen Brückenkopf zu bilden. Ab 26. März marschierten die alliierten Armeen dann von Remagen aus durch Sieger- und Sauerland sowie von Wesel aus durch das südliche Münsterland ostwärts, das Ruhrgebiet in einer Zangenbewegung weiträumig umgreifend,108 um sich am 1. April bei Lippstadt zu treffen und damit den so genannten Ruhrkessel zu schließen.109

 

 

Die Front nähert sich

Ab Palmsonntag“ (25. März), so berichtet Pfarrer Eckhardt in seiner Chronik, „konnte man den Geschützdonner hören, der nun von Tag zu Tag näher kam“110. Kein Wunder, stießen doch die alliierten Truppen von ihrem Weseler Brückenkopf aus systematisch nach Osten vor, eroberten am 27. März Dorsten, am 28. März Gladbeck, Bottrop und Buer und bewegten sich dann über Marl und Herten an der Lippe entlang Richtung Hamm weiter.111 So war der Geschützdonner in unserem Raum zu hören, wie er sich von Nordwesten näherte, später von Norden her kam und sich schließlich nach Nordosten zu entfernen schien. Am 4. April hatten die Amerikaner den Kessel so weit zusammen gezogen, dass die Frontlinie unmittelbar nördlich der Städte Duisburg, Oberhausen, Essen, Gelsenkirchen, Castrop-Rauxel und Dortmund verlief.112 Nun erst stießen ihre Truppen in die durch die massiven Fliegerangriffe sturmreif gebombten Kernstädte des Ruhrgebiets vor.

Über die letzten Kriegstage vor dem Einrücken der Amerikaner in den Bochumer Osten berichten neben den kirchlichen Gemeinde-Chroniken vor allem auch Aufzeichnungen, die auf Haus Laer und auf dem an der Ortsgrenze zu Ümmingen gelegenen Langendreerer Bauernhof Schulte-Uemmingen entstanden sind. Auf Haus Laer lebte damals der pensionierte 68-jährige Ministerialrat Dr. Otto Frielinghaus, Besitzer des alten Rittergutes, der das tägliche Geschehen in sein Tagebuch eintrug.113 Seit dem 8. April schrieb auch die Bauerntochter Dorothea Schulte-Uemmingen täglich auf, was in ihrer Umgebung geschah.114 Auszüge aus diesen Aufzeichnungen sowie Eintragungen und Berichte aus den bereits zitierten Pfarr-Chroniken lassen aus unmittelbarem, persönlichen Erleben betroffener Einwohner ein packendes Bild der letzten Kriegstage im Bochumer Osten entstehen.

Unter dem 30. März 1945 notierte Dr. Frielinghaus unter anderem:

Vom Nordrand des Ruhrgebietes hallt der Kanonendonner unaufhörlich herüber. [...] Wie im Hause schwankt auch in der Bevölkerung die Stimmung zwischen Furcht und Hoffnung. Sie erträgt die Leiden mit Standhaftigkeit, ja mit einer durch die Gewohnheit genährten Gleichgültigkeit. Auch mir ging es kürzlich so, dass ich trotz Fliegerangriff im Garten weiter arbeitete. Da kam ein Flugzeug ganz tief herunter und beschoss mich, eine Kugel schlug dicht hinter mir ein. [...] Die Wut der Bevölkerung [...] steigert sich wegen der schonungslosen Tieffliegerangriffe immer mehr. Kürzlich wurden auf einem Lkw sechs Frauen und ein Kind durch sie getötet und der Fahrer verwundet. Eine auf der Wittener Straße marschierende Kolonne von russischen Gefangenen fiel den Tieffliegern fast restlos zum Opfer.“

Dieser Tieffliegerangriff hatte, einem kurzen Aktenvermerk im Bochumer Rathaus zufolge, am 24. März in den Vormittagsstunden stattgefunden. Es seien, heißt es in dem Vermerk, „in der Nähe der Wirtschaft Schulte auf der Wittener Straße durch Tiefflieger 2 Kraftwagen schwer beschädigt“ worden, und weiter – immer noch im Jargon der NS-Ideologie: „9 Pesonen sind gefallen und 2 verwundet. Außerdem wurden 15 Ausländer getötet und 26 verletzt“.115

Nach dem Ende der Bombardements hatte der Terror der feindlichen Tiefflieger eingesetzt, von denen die Menschen auf der Straße am hellen Tage beschossen wurden. Sie konnten dies unbehelligt tun, denn die deutsche Fliegerabwehr war offenbar schon seit Wochen kaum noch wirksam, sodass bereits die Bombenangriffe der Monate Februar und März fast ausnahmslos tagsüber stattfanden.

Unter dem 31. März 1945 berichtet Dr. Frielinghaus: „Heute Nacht schwoll der Kanonendonner immer stärker an. Ein paar heftige Einschläge deuten auf Beschuss aus größerer Nähe. [...] Die Luftangriffe haben nachgelassen; nur einmal kam Tieffliegeralarm. [...] Auf der Wittener Straße marschieren Truppen, französische Gefangene und polnische Arbeiter sowie Flüchtlinge, die aber teilweise schon wieder zurückkehren. Wieder ein schwerer Schlag, dessen Luftdruck das Fenster neben mir fast aufriss. [...] Bochum, als zerstörte (Innen-)Stadt, soll nicht verteidigt werden. Die Frage aber bleibt, ob wir hier draußen in Laer in die Kampfzone kommen und dann von beiden Seiten beschossen werden.“

Am nächsten Tag war Ostersonntag. An ihm wurden in Werne, so berichtet die Chronik der dortigen evangelischen Kirchengemeinde, die noch wenigen Konfirmanden der Gemeinde im Keller eines Hauses konfirmiert, angesichts der militärischen Bedrohungen morgens um 6 Uhr. „Die Feier wurde“, heißt es in der Chronik, „untermalt von dem dröhnenden Kanonendonner, der von Castrop am Rhein-Herne-Kanal herübertönte“.116

Frielinghaus notierte an jenem Ostersonntag (1. April 1945): „Der Ring um das Ruhrgebiet schließt sich immer enger. [...] Die Schlacht kommt näher. Seit zwei Stunden krachen die Geschütze wieder ununterbrochen. Vor dem Fenster meines Schlafzimmers, das nach Norden geht, leuchten die Mündungsfeuer der Geschütze in regelmäßigen Abständen auf. Wird der Durchbruch der Alliierten zur Ruhr gelingen? [...] Nun greift auch die [...] Flak von Altenbochum in den Erdkampf ein. Sie schießt jetzt ununterbrochen.“

Am 2. April 1945 (Ostermontag) heißt es in seinen Aufzeichnungen: „Bis zwei Uhr dauerte heute Nacht der Geschützdonner. Am Morgen kam eine Flakabteilung von vier Offizieren und 40 Mann nach Haus Laer. Sie lagen bisher in Herne, ihre Standgeschütze sind zerschossen oder von ihnen gesprengt. [...] Es gehen Gerüchte, dass die Truppen nicht mehr kämpfen wollen. Die Amerikaner sollen schon in Castrop-Rauxel stehen.“

Frielinghaus am 4. April 1945: „Die Nacht gellte ununterbrochen von Geschützdonner wider. Die Flak von Altenbochum beschoss die Straße Herne-Reckling-hausen. Im Allgemeinen ist etwas Beruhigung eingetreten, obwohl der Geschützdonner bis 24 Uhr anhielt. [...] Noch einmal kurzer Alarm wegen der Tiefflieger. [...] An dem Güterbahnhof Laer sind vier Flakgeschütze aufgefahren, die in den Erdkampf eingreifen. Die Erschütterungen in unserem Haus sind dadurch so stark, dass sich Gegenstände von den Wänden lösen.“

Zum 5. April 1945 hielt Frielinghaus in seinem Tagebuch unter anderem fest: „Am Morgen zwei Stunden Tieffliegerangriffe. Sie suchten wohl nach unserer Flakabteilung, deren Wagen noch auf dem Burghof von Haus Laer stehen und sich um zwei Fahrzeuge vermehrt haben. Um 19 Uhr rückten alle ab.“

Am 6. April 1945 berichtet er: „Die Nahrungssorgen wachsen, infolge der Einkreisung des Industriebezirks stocken die Zufuhren [...] Brot war in den letzten Tagen kaum noch vorhanden. Doch soll es morgen Schwarzbrot geben. Wer keine Kartoffeln mehr eingelagert hat, muss hungern.“

Am 7. April 1945 schrieb der Hausherr von Haus Laer in sein Tagebuch: „Gegen Morgen nahm der Geschützdonner zu, er verlagert sich nach Nordosten, der Feind dringt also weiter vor. Um 9 Uhr hörte man zum ersten Mal Maschinengewehrfeuer. Um 11 Uhr trat das Gebrause und Geknatter der Tiefflieger hinzu, die drei bis vier Stunden über Laer kreisten. Die schwere Flak am Güterbahnhof Laer schoss ununterbrochen. [...] Als wir [...] zu Mittag aßen, fielen [...] über der Zeche Dannenbaum sechs Bomben der Tiefflieger. Nach Tisch rückten Quartiermacher der Fallschirmjäger ein. Hierher kommt der Regimentsstab.“

Am 8. April beginnen auch die Aufzeichnungen von Dorothea Schulte-Uemmingen: „Eben hörte ich [...] den OKW-Bericht [Oberkommando der Wehrmacht], und dieser verkündet wieder, dass ein feindlicher Durchbruchsversuch nördlich Dortmund abgeschlagen wurde. Na, das haben wir mal wieder tüchtig mitgekriegt. 2 Nächte waren nun schon voller Ari-Zauber [Artillerie] und bei Tag ist es oft nicht besser. In der vergangenen Woche hatte ich mir Ohropax hergestellt, um wenigstens in der Nacht, solange wir nicht unter Beschuss liegen und in den Keller müssen, Ruhe zu finden. [...] Gestern tauchten nach längerer Zeit auch die Tiefflieger wieder auf. Sie beschossen neue Stellungen auf dem Heimelsberg, in Altenbochum und Herbede. [...] Es ist ein grausiges Gefühl, wenn die Flieger sich auf ein Ziel stürzen.“

Dabei war dieser 8. April ein strahlender Frühlingssonntag, wie Dorothea Schulte-Uemmingen festgehalten hat. Es war der Weiße Sonntag des Jahres 1945, traditionell Erstkommuniontag in den katholischen Pfarrgemeinden. In Werne und St. Marien begingen sie ihn in jenem Jahr am Weißen Sonntag nicht, wohl aber in St. Bonifatius, wegen der zerstörten Kirche im Pfarrsaal. Pfarrer Steffens schrieb in sein Tagebuch: „Acht Kinder nahmen auch jetzt nicht teil, weil es in der vorhergehenden Nacht schweren Artilleriebeschuss seitens der immer näher heranrückenden Amerikaner gab. Ein Drittel der Kommunionkinder war überhaupt nicht zu Bett gekommen, sondern hatte die Nacht im Keller oder Stollen verbracht. Während der Feier gab es wieder Artilleri­beschuss.“117Den Sonntag über und am folgenden Montag habe das Artilleriefeuer „fast ununterbrochen“ angehalten.

Von diesem Montag, es ist der 9. April, berichtet Dorothee Schulte-Uemmingen: „Diesmal waren gleich die ersten vier Stunden des Tages schlaflos. Von zwölf bis vier konnte ich einfach vor Schießerei nicht schlafen. [...] Aus allen Rohren feuerte die Ari! Da mein Zimmer nur mit Dachpappe vernagelt ist und auch die Fensterläden noch nicht wieder ganz richtig sind, höre ich alles so unmittelbar, zumal die Ari aus der Richtung Altenbochum schießt [...]. Gleich heute Morgen, ich war kaum unten, hörte ich schon, die Panzerspitzen ständen auf der Verbandstraße auf der Wilhelmshöhe/Lütgendortmund. Vom Dornei aus haben andere Verbände einen Durchbruch nach Stockum gemacht. Der ganze Tag war recht Ari-haltig und ab und zu hörte man auch aus der Richtung Werne Maschinengewehrfeuer. Wo mag die Front nur richtig stehen? Keiner kann Genaues sagen. Der Volkssturm ist ausgerückt und alles liegt in höchster Alarmbereitschaft.“ Am selben Tag schrieb Frielinghaus auf Haus Laer in sein Tagebuch, das Fallschirmjägerregiment habe seine Batterien rings um Haus Laer aufgebaut. Die Geschosse gingen teilweise über seinen Garten hinweg.

Am nächsten Tag, dem 10. April, vermerkte er: „Heute Nacht schlugen die ersten Granaten bei uns ein. [...] Regimentskommandeur Oberstleutnant i. G. Vorwerk ließ mir durch seinen Adjutanten sagen, die Lage sei bedrohlich geworden. Ich täte gut, das ganze Haus zu räumen und Schutz im Bunker zu suchen. Ich hatte dafür einen alten Bergmannsstollen im Wald zwischen Laer und Querenburg vorgesehen, der zum Luftschutzkeller ausgebaut war. Schon hatten wir uns mit Decken und Proviant versehen, als der Kommandeur eine neue Botschaft schickte: Die Lage habe sich etwas beruhigt, wir sollten vorläufig bleiben. [...] 15.30 Uhr: Am Nordrand Bochums, an der Straße nach Wanne und auch schon in Werne soll gekämpft werden. [...] Wir haben keinen Strom mehr und können auch den Rundfunk nicht mehr hören.“

Szenenwechsel zu Dorothee Schulte-Uemmingen auf dem dortigen Hof am selben Tag: „Um zwölf Uhr gestern Abend stürzten wir alle in den Keller, durch Ari-Einschläge in der Nähe aus der Ruhe aufgescheucht. Alles versammelte sich unten und jeder suchte sich irgendwie lang zu legen, was dann recht schnell gelang. Aber Einschlag auf Einschlag in der Nähe ließen uns nicht zur Ruhe kommen. Erst um ½ 3 Uhr wagte ich aus dem Keller zu steigen. Wir hatten draußen schon immer Gerassel und Lärm gehört, oben war dies noch deutlicher. Nachdem ich vorsichtig auf den Balkon gehen konnte, konnte ich mich davon überzeugen, dass es noch nicht Feinde [...] waren, sondern irgendwie Deutsche, die entweder die Brücke sprengen oder ein Geschütz in Stellung bringen sollten. [...] Es kam ein Soldat, der einen Kellerraum für die Vermittlungsstelle suchte. Bei Grubes hatten sie gut getarnt in den Trümmern vier Infanterie-Geschütze aufgestellt. [...]

Derweil versuchte der Feind in Richtung Werne und Langendreer-Bahnhof [...] durchzukommen: alle Waffen prallten aufeinander, die Hölle war los. Nach einigen Stunden war es plötzlich ruhiger. Wo mag er stehen, was hat er erreicht? Man sagt, der Bahnhof sei in feindlicher Hand, in Werne stände er etwa bei Robert Müser und im Marktviertel und drückt zwischen Robert Müser und Mansfeld – wohin, nach hier, oder Richtung Bochum? – Unsere Geschütze haben mehrmals geballert, nur wir waren mit den Kellervorbereitungen und dem Betrieb im Hause so beschäftigt, dass uns alles nicht so zum Bewusstsein gekommen ist. Wir haben nun für jeden ein Bett im Keller, können auch zur Not dort kochen und hausen.

Den Soldaten habe ich von ihrem mitgebrachten Vorrat einen Pudding gekocht [...] Am frühen Nachmittag kam schon wieder der Befehl zum Abrücken – alle die Mühe mit den Leitungen und der ganze Kram hat sich kaum gelohnt. Was wird nun aus uns? [...] Rund herum kracht und schießt es ununterbrochen [...] Vor dem Gartentor parken zwei Lkw’s, die unsere Einquartierung wieder auflädt. Die Soldaten haben sich im Garten verstreut und wir hoffen, dass sie von oben außer Sicht sind, – na, Gott sei Dank, zwei Wagen fahren eben ab – nun ist nur noch kleiner Rest der Soldaten da und wartet auf das nächste Gefährt – die Jabos [Jagdbomber] kreisen immer noch.“

 

 

Die Amerikaner erobern den Bochumer Osten

Die Gerüchte über Kämpfe in Werne und Langendreer, von denen sowohl Dorothee Schulte-Uemingen als auch Dr. Otto Frielinghaus am 10. April in ihren Aufzeichnungen berichten, entsprachen der Realität: Die Amerikaner hatten die beiden östlichen Stadtteile Bochums erreicht. Bereits am Vortag hatten sie Lütgendortmund in schweren Straßenkämpfen erobert118 und waren US-Panzer bis in die Gegend von Düren gekommen119. Wohl von Lütgendortmund aus sind sie am 10. April nach Werne vorgedrungen. Die dortigen Quellen berichten darüber nicht viel, von einem tragischen Ereignis abgesehen, das in der Chronik der evangelischen Kirchengemeinde festgehalten wurde: „Am Pfarrhause Agena wurde noch ein junger Volksturmsoldat von 16 Jahren von einer Maschinengewehrkugel zu Tode getroffen.“120 Es dürfte aber mehr passiert sein, denn die Kriegsgräberanlagen auf dem Werner Friedhof enthalten sechs Steinkreuze für männliche Tote mit dem Todesdatum 10. April 1945.

Etwas detailreichere Angaben gibt es zur Einnahme Langendreers. Gerdes berichtet in der Chronik der Bonifatiusgemeinde, das ununterbrochene Artilleriefeuer der Vortage habe sich am Morgen des 10. April so gesteigert, dass die Besucher der Messe in die Luftschutzräume gingen.121 Der Chronist dann wörtlich: „An diesem Tage, 10. April, wurde gegen 15 Uhr nach besonders starkem Beschuss die Wilhelmshöhe von den Amerikanern besetzt. Gegen 17 Uhr waren sie von Somborn her durch die Langendreerer Oberstraße bis zur Bonifatiusstraße vorgedrungen“.122Gerdes dann weiter: „Auch andere Ortsteile wurden jetzt nacheinander von ihnen eingenommen. Die erste Aufgabe der mit äußerster Vorsicht durch die menschenleeren Straßen an den Häusern entlang schleichenden schwer bewaffneten Mannschaften bestand darin, etwaige Reste der deutschen Kampftruppe aufzuspüren. Das zog sich stellenweise bis in die Nacht hin.“

Wie sich dies konkret abspielte, hat die pensionierte Fürsorgeschwester Irene Peters nach eigenem Erleben im Hause Witte Wie 26 auf Anregung von Pfarrer Steffens niedergeschrieben: „Am Abend des 10. April 1945 erwarteten wir, nachdem sich die deutschen Soldaten vom Feinde abgesetzt hatten, den Einzug der Amerikaner. Ich hatte mich deshalb vollständig angekleidet zur Ruhe niedergelegt. Um ½ 12 Uhr wurde ich durch lautes Sprechen im Hause und energisches Klopfen an unserer Wohnungstür geweckt. Öffnend sah ich mich einem baumlangen Amerikaner gegenüber, der verlangte, unsere Wohnung nach deutschen Soldaten zu durchsuchen. Ich weckte meinen Bruder, und da dieser die englische Sprache beherrscht, war die Situation bald geklärt. Deutsche Soldaten sind in unserem Hause nicht gewesen. Wir wurden aufgefordert, uns in den Keller zu begeben. Dort waren, als wir unten ankamen, drei Hausbewohner und 5 oder 6 amerikanische Soldaten anwesend. Sämtliche Schlösser an den Kellertüren waren bereits aufgebrochen, die Räume durchsucht. Als mein Bruder auf die Frage des Anführers, wo die fehlenden Hausbewohner seien, antwortete: „Im Stollen“ und auf eine weitere Frage hin sich erbot, diesen Stollen zu zeigen, wurde ihm gesagt, er solle sich schlafen legen, aber das Haus dürfe er nicht verlassen, da man befürchte, dass er den deutschen Soldaten Bescheid sage.123

Dass sich die Besetzung Langendreers bis weit in die Nacht hinzog, erklärt auch, warum Pfarrer Eckhardt vom Alten Bahnhof in seiner Chronik schreibt, Langendreer sei am 11. April von den Amerikanern besetzt worden. Er hatte die ganze Nacht wie schon die vorausgegangenen Nächte im Luftschutzkeller des Schwesternhauses zugebracht und wusste offenbar nicht, dass die östlichen Teile Langendreers – also die Ortsbereiche Wilhelmshöhe, Oberdorf und Dorf – bereits seit den Nachmittags- und Abendstunden des 10. April eingenommen waren, zumal es in den frühen Morgenstunden des 11. April anhaltendes Artilleriefeuer gab. Eckhardt schreibt, dass er an diesem Morgen im Schwesternhaus, wo nach der Zerstörung der Kirche die Gottesdienste stattfanden, „wegen des starken Artilleriebeschusses“ keine Messe lesen konnte; den anwesenden Gläubigen sei im Luftschutzkeller die Kommunion gereicht worden.124

Der Alte Bahnhof wurde wohl erst in den Morgenstunden des 11. April besetzt; jedenfalls berichtet Dorothee Schulte-Uemingen dies für den an der Grenze nach Ümmingen gelegenen Schultenhof, auf dem noch um vier Uhr früh deutsche Soldaten ein Pferd beschlagnahmt hatten: „Zwischen 7 und 8 bereiteten sich die Ereignisse des Tages durch einen heftigen Ari-Überfall vor. [...] Heute Morgen 9 Uhr kamen fünf Amerikaner in die Küche von der Deele aus und fragten mich nach dem Ausgang des Hauses. [...] Im Nu waren etwa 20 Mann rund herum. Einige gruben sich gleich an der Gartenmauer nach Langendreer ein Schützenloch.“

Von Ümmingen rückten die Amerikaner wohl nach Laer vor. Die dort lagernden deutschen Soldaten hatten sich am Vortag, wie die Chronik der katholischen Pfarrgemeinde Laer berichtet, zur Ruhr hin abgesetzt. Auch in dieser Chronik ist von schwerem Artilleriefeuer zwischen 7 und 8 Uhr morgens die Rede, dann folgt die ebenso kurze wie präzise Mitteilung: [...] um 10.30 Uhr Einzug amerikanischer Panzer in Laer.“125

Der in allen Berichten erwähnte schwere Artilleriebeschuss am Morgen des 11.April kam von deutschen Truppen, die sich im Wittener Ruhrtal bzw. an den Höhen von Bommern festgesetzt hatten. Generalfeldmarschall Walter Model, unter dessen Oberbefehl die deutschen Truppen im „Ruhrkessel“ standen, hatte die Ruhr zur neuen Frontlinie erklärt. Pfarrer Steffens konnte von der Bonifatiusstraße aus beobachten, wie die amerikanischen Soldaten auf den benachbarten Feldern Artillerie in Stellung brachte; die – so Steffens – „beschoss besonders die an der Ruhr aufgestellten deutschen Batterien, die das Feuer erwiderten.“126Damit lag Langendreer auch nach der Eroberung noch unter – nunmehr deutschem – Artilleriefeuer. Wahrscheinlich sind die heute noch an manchen alten Grabdenkmalen auf dem evangelischen Friedhof an der Hauptstraße sichtbaren Einschläge die steinernen Wunden und Narben dieser letzten Kriegshandlungen, die den Stadtteil trafen.

Dass dieses Artillerieduell alles andere als harmlos war, schildert die bereits zitierte Fürsorgeschwester Irene Peters in der Fortsetzung ihres Berichtes: „Am Morgen des 11. April setzte gegen 6 Uhr ein lebhaftes Sprechen und Laufen der Amerikaner in unserem Hause [Witte Wie 26] ein. Ich wusste nicht, dass in der Witte Wie bzw. im Externest zwei amerikanische Panzer übernachtet hatten. Selbst das Einsetzen ihrer starken Feuertätigkeit beunruhigte mich nicht, da ich nur Abschüsse, jedoch keine Einschläge vernahm. Plötzlich aber hörte ich Granaten pfeifen und eilte, in den Keller zu kommen. Mehrere schwere Einschläge folgten in der unmittelbaren Nähe unseres Hauses. [...] Zwei Treffer waren von solcher Wucht, dass ich glaubte, unser ganzes Haus würde zusammenfallen. Dann hörte ich Stöhnen und Schreien; ein amerikanischer Soldat kam in den Keller gewankt; ein Granatsplitter hatte ihm die linke Brustseite durchschlagen: Ein- und Ausschuss. Wir bemühten uns um ihn, verbanden ihn mit seinem Verbandpäckchen und lagerten ihn auf dem Boden. Als ich danach den Keller verließ, bot sich mir in unserem Hausflur ein grässliches Bild. Ein junger Amerikaner lag dort in einer Blutlache; die Granate hatte ihm den rechten Unterschenkel abgerissen; er war bereits vom Sanitäter verbunden. Ein anderer hatte den Ellebogen verletzt, der dritte das Handgelenk. Einer lag zwar unverletzt, aber mit einem Nervenzusammenbruch auf der Schwelle der unteren Wohnung und weinte wie ein Kind. Später erfuhr ich, dass noch ein Verwundeter ins Nebenhaus geflüchtet war. Auch sah ich dort noch einen Soldaten, der vorher in unsrem Keller gewesen war; obgleich er weder stöhnte noch weinte, merkte ich ihm an, dass er am Ende seiner Nervenkraft war. [...] Nachdem die Verwundeten von ihren Landleuten abtransportiert waren, haben wir den Unterschenkel des jungen Amerikaners in einem Granattrichter des uns gegenüber liegenden Kornfeldes begraben, bekleidet mit Schuh, Strumpf und einem Teil der Hose“.127

Auch in der folgenden Nacht gab es heftiges Artilleriefeuer, das am Morgen des 12. April in Laer einen Lehrling auf der Straße traf, wie Dorothee Schulte-Uemmingen berichtet; er sei, „nachdem er noch furchtbar gelitten“ habe, bis ihm schließlich ein Arzt eine Spritze geben konnte, seiner Verwundung erlegen. Auch für die Nacht vom 12. auf den 13. April berichtet sie noch einmal über „heftiges Ari-Feuer, das aber gegen Morgen nachließ“. Vielleicht schallte es aus Dortmund herüber, wo die Amerikaner am Abend des 13. April auf die nur noch aus Ruinen bestehende Innenstadt vorrückten und sie in den Mittagstunden des 14. April einnahmen.128 Vielleicht kam das Artilleriefeuer aber immer noch von den deutschen Stellungen jenseits der Ruhr.

Die Amerikaner waren im Laufe des 11. April, an dem sie die Einnahme des Bochumer Osten abschlossen, zwar auch in Witten ein- und bis zur Ruhr vorgedrungen, hatten den Fluss wegen des anhaltenden deutschen Widerstandes von der anderen Seite aber nicht überquert. Sie blieben zunächst diesseits der Ruhr, zogen nach Wetter weiter und überwanden den Fluss dort, um dann auf der anderen Ruhrseite über Wengern zurück nach Bommern den dortigen Widerstand zu brechen. Als sie am 15. April, also vier Tage nach Witten auch Bommern besetzten, hatten sich die deutschen Soldaten schon in Richtung Sprockhövel abgesetzt.129

In unserer Region war der Krieg damit zu Ende. Es sollte aber noch mehrere dramatische Wochen dauern, die auch im Bochumer Osten eine Zeit des Chaos, des Hungers, der Unterbringungsnöte, der Gewalt durch plündernde, vergewaltigende und Rache übende ehemalige Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter war, bis dieser schreckliche Krieg in ganz Deutschland mit der bedingungslosen Kapitulation vom 8. Mai 1945 zu Ende ging.

1 Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschlands Bombenkrieg 1940-45, 9. Aufl., München 2002, S. 77.

2 Das hier und künftig als Bochumer Osten bezeichnete Gebiet entspricht dem 1975 gebildeten Stadtbezirk Bochum-Ost mit den Stadtteilen Langendreer, Werne und Laer.

3 Statistiken der Friedhofsverwaltung aus der frühen Nachkriegszeit nennen für Langendreer 315 und für Werne 334 zivile Bombenopfer. Siehe Stadtarchiv Bochum, Bo 67/19, Teil 2/2. Eine 1956 entstanden Auflistung derjenigen Langendreerer Kriegsopfer, für die in der dortigen Ehrenanlage Kissensteine beschafft und beschriftet wurden, 322 zivile Bombenopfer, von denen 31 in der Zeit bis Ende 1944 umkamen.

4 Neben Aufzeichnungen in den Chroniken der Kirchengemeinden des Bochumer Ostens, zumeist zeitnah unter dem unmittelbaren Eindruck des Geschehens niedergeschrieben, werden 1945 entstandene Tagebuchaufzeichnungen und Berichte örtlicher Bürger sowie die Meldungen städtischer Mitarbeiter verwendet.

5 Evangelische Kirchengemeinde Werne (Hg.), 100 Jahre evangelische Kirche Bochum-Werne, Bochum 1996, S. 66.

6 Bochumer Anzeiger vom 18./19. Mai 1940.

7 Kirchengemeinde Werne, 100 Jahre (wie Anm. 5), S. 66.

8 Bochumer Anzeiger vom 22. Mai 1940.

9 Bodo Harenberg (Hg.), Chronik des Ruhrgebiets, Dortmund 1987, S. 432 (Erste Luftangriffe auf Industriestädte).

10 Kirchengemeinde Werne 100 Jahre (wie Anm. 5), S. 66.

11 Anton Gerdes, Chronik der katholischen Pfarrgemeinde St. Bonifatius Langendreer, Band 2, S. 93. Die handschriftliche Chronik befindet sich im katholischen Pfarramt St. Bonifatius Bochum-Langendreer.

12 Ebd., S. 94-95.

13 Ebd., S. 99.

14 Henrike Kania, Die Bombardierung der deutschen Städte durch die Alliierten im Zweiten Weltkrieg und der Luftkriegsalltag der deutschen Zivilbevölkerung, dargestellt an einem lokalen Beispiel. Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt für die Sekundarstufe 1, Universität Dortmund 2003, S. 12.

15 Ebd., S. 12.

16 Pfarrer Johannes Eckhard, Eintragungen in die Chronik der katholischen Pfarrgemeinde St. Marien Langendreer, S. 19-20. (Diese und alle weiteren Seitenzahlen beziehen sich auf die maschinenschriftliche Abschrift im Pfarramt.)

17 Monika Wiborni, Bochum im Bombenkrieg, Gudensberg-Gleichen 2004, S. 9.

18 Ebd., S. 22.

19 Ebd.

20 Katholische Pfarr-Chronik Werne, Ende 1942. Die Chronik befindet sich im katholischen Pfarramt Bochum-Werne.

21 Friedrich, Brand (wie Anm. 1), S. 85.

22 Ebd., S. 64.

23 Kania, Bombardierung (wie Anm. 15), S. 16 (dort weitere Literaturangaben).

24 Gustav-Hermann Seebold, Ein Stahlkonzern im Dritten Reich. Der Bochumer Verein 1927-1945, Wuppertal 1981, S. 149.

25 Wirborni, Bombenkrieg (wie Anm. 18), S. 12.

26 Eckhard, Chronik (wie Anm. 17), S. 27-28; Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 119-120.

27 Eckhard, Chronik (wie Anm. 17), S. 27-28.

28 Wiborni, Bombenkrieg (wie Anm. 18), S. 15.

29 Eckhard, Chronik (wie Anm. 17), S. 28.

30 Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 119-120.

31 Katholische Pfarr-Chronik Laer, 12./13. Juni 1943. Die Chronik befindet sich im katholischen Pfarramt Laer.

32 Eckhard, Chronik (wie Anm. 17), S. 28-29; Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 120-121; Wiborni, Bombenkrieg (wie Anm. 18), S. 19.

33 Wiborni, Bombenkrieg (wie Anm. 18), S. 19.

34 Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 120-121; ähnlich Eckhard, Chronik (wie Anm. 17), S. 28-29.

35 Katholische Pfarr-Chronik Werne (wie Anm. 21), 1943; Wiborni, Bombenkrieg (wie Anm. 18), S. 19, berichtet in diesem Zusammenhang nur von Schäden an dem Bunker und dass in diesem 16 Menschen verletzt worden seien.

36 Dieses Datum nennen die beiden Langendreerer Pfarr-Chroniken, während Wiborni, Bombenkrieg (wie Anm. 18), den 10. Juli nennt.

37 Eckhard, Chronik (wie Anm. 17), S. 29; Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 120-121.

38 Eckhard, Chronik (wie Anm. 17), S. 30; Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 125; auch kurz erwähnt bei Wiborni, Bombenkrieg (wie Anm. 18), S. 19.

39 Katholische Pfarr-Chronik Laer (wie Anm. 32), 12. August 1943.

40 Ebd., 29./30.9.1943.

41 Eckhard, Chronik (wie Anm. 17), S. 30; Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 125, auch kurz erwähnt bei Wiborni, Bombenkrieg (wie Anm. 18), S. 19, als Angriff vom 29. September 1943.

42 Eckhard, Chronik (wie Anm. 17), S. 30; Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 125.

43 Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 123-124.

44 Wiborni, Bombenkrieg (wie Anm. 18), S. 20. Für die Langendreerer Schulen wird die Evakuierung von Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), umfassend und detailliert in der Pfarr-Chronik St. Bonifatius dargestellt.

45 Wiborni, Bombenkrieg (wie Anm. 18), S. 23.

46 Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 127, vermerkt die Zerstörung des Bauernhofes Schulte Steinberg (Oberschultenhof) unter dem 20. April. Der Angriff auf Werne traf laut Bericht vom 25. September 1944 an OB Hesseldiek eine Reihe von Wohnhäusern an der Nörenbergstraße, Stadtarchiv Bochum, Ob He 3.

47 Wiborni, Bombenkrieg (wie Anm. 18), S. 23.

48 Ebd.

49 Eckhardt, Chronik (wie Anm. 17), S. 37.

50 Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 131, nennt als getroffene Ziele: Kaiserstraße, In der Helle, Unterstraße, Hauptstraße und Ovelacker-straße.

51 Stadtarchiv Bochum, Bo 67/14: Listen zur Beschriftung der Kissensteine in Langendreer.

52 Katholische Pfarr-Chronik Laer (wie Anm. 32), 4. November 1944.

53 Eckhard, Chronik (wie Anm. 17), S. 37; Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 131.

54 Stadtarchiv Bochum, Ob He 3, Vermerk vom 16. Dezember 1944.

55 Ebd.

56 Eckhard, Chronik (wie Anm. 17), S. 38.

57 Stadtarchiv Bochum, Ob He 3, Vermerk vom 16. Dezember 1944. Getroffen worden wären die Straßen Westheide, Stockumer Straße, Hörderstraße und Eschweg.

58 Paul Ruge, Luftkrieg über Witten, in: Jahrbuch des Vereins für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark, 55 (1952), S. 133-166. Der Angriff ist ausführlich beschrieben auf S. 148-158.

59 Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 131.

60 Eckhard, Chronik (wie Anm. 17), S. 37.

61 Ebd., S. 38.

62 Ebd., S. 39.

63 „Terrorangriff“ auf Langendreer-Werne vom 15. Januar 1945: 1) undatierter Bericht, in Stadtarchiv Bochum, Gy 12; 2) Bericht vom 17. Januar 1945, in: Ebd., Ob He 3; 3) Bericht vom 21. Januar 1945, in: Ebd., Ob He 3.

64 Ebd., So der Bericht vom 21. Januar 1945, während der Bericht vom 17. Januar 1945 ‚nur’ 550 Spreng- und 1600 Brandbomben nennt, der undatierte Bericht sogar 800 bis 1.000 Spreng- und 4.000 Brandbomben.

65 In den weiteren Ausführungen werden die Opfer, ausgenommen bei wörtlichen Zitaten, jeweils addiert und grundsätzlich als Tote bzw. Verletzte bezeichnet.

66 Stadtarchiv Bochum, Gy 12, Bericht über die entstandenen Betriebsschäden durch Fliegerangriff am 15. Januar 1945.

67 Wolfgang Werbeck, Uemmingen. Geschichte einer untergegangenen Kirchengemeinde im Südosten Bochums, Bochum 1994, S. 141.

68 Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 134, nennt sogar für Langendreer 197 Tote, (143 ortsansässige, 7 ortsfremde und 47 Ausländer), zudem für Werne 160 Tote. Auch Eckhard, Chronik (wie Anm. 17) nennt für Langendreer ca. 190 Tote. Die Ehrenanlage des dortigen Kommunalfriedhofes enthält in drei hintereinanderliegenden Reihen 107 Tote des 15. Januar, weitere mit diesem Todesdatum verstreut in den anderen Reihen. Stadtarchiv Bochum, Bo 67/14, Langendreerer Liste über die Beschriftung der Kissensteine.

69 Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 134. Im Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1938-1948, S. 150, wird zwar berichtet, die Stadt habe für alle ihre Kriegstoten Särge beschaffen und sie in Särgen beerdigen können, doch die Akten des Friedhofsamtes unterscheiden sowohl für Werne als auch für Langendreer zwischen Einzelgräbern und Sammelgräbern. In Langendreer wurden 72 und in Werne 102 Tote in Sammelgräbern bestattet. Stadtarchiv Bochum. Bo 67/19. Teil 2/2.

70 Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 135.

71 Ebd., S. 134.

72 Stadtarchiv Bochum, Ob He 3, Bericht vom 21. Januar 1945 über den Terrorangriff vom 15. Januar 1945.

73 Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 134.

74 Stadtarchiv Bochum, Gy 12, Bericht über die entstandenen Betriebsschäden durch Fliegerangriff am 15. Januar 1945.

75 Seebold, Bochumer Verein (wie Anm. 25), S. 147.

76 Katholische Pfarr-Chronik Werne (wie Anm. 21), 16. Februar 1945.

77 Stadtarchiv Bochum, Ob He 3, Terrorangriff vom 16. Februar 1945.

78 Katholische Pfarr-Chronik Werne (wie Anm. 21), 16. Februar 1945.

79 Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 136.

80 Stadtarchiv Bochum, Gy 11, Berichtsformular vom 23. Februar 1945.

81 Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 137.

82 Stadtarchiv Bochum, Gy 11, Berichtsformular vom 23. Februar 1945.

83 Ruge, Luftkrieg (wie Anm. 59), S. 159. Dort werden die Witten wahrgenommenen Detonationen auf Bombenwürfe auf die Zeche Siebenplaneten zurückgeführt, die in dem vorgenannten Bochumer Bericht jedoch nicht erwähnt werden.

84 Ebd.

85 Ebd., S. 158-159.

86 Katholische Pfarr-Chronik Werne (wie Anm. 21), März 1945.

87 Eckhard, Chronik (wie Anm. 17), S. 39-40.

88 Stadtarchiv Bochum, Gy 11, Bericht vom 27. Februar 1945.

89 Ebd., Bericht vom 6. März 1945.

90 Katholische Pfarr-Chronik Werne (wie Anm. 21), März 1945.

91 Stadtarchiv Bochum, Gy 11, Bericht vom 7. März 1945.

92 Ebd., Bericht vom 8. März 1945.

93 Ebd., Bericht vom 10. März 1945.

94 Ebd., Bericht vom 13. März 1945.

95 Ebd., Bericht vom 15. März 1945.

96 Ebd., Bericht vom 17. März 1945 über den Angriff vom 16. März 1945.

97 Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 138.

98 Ruge, Luftkrieg (wie Anm. 59), S. 160 ff.

99 Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 138.

100 Stadtarchiv Bochum, Gy 11, Bericht vom 18./19. März 1945.

101 Stadtarchiv Bochum, Bo 67/14, Langendreerer Listen zur Beschriftung der Kissensteine.

102 Konkret die Heinrich-Gustav-Straße und der Bereich Am Heerbusch mit sämtlichen von dort abgehenden Seitenstraßen bis zur Lütge Heide hin.

103 Stadtarchiv Bochum, Gy 11, Bericht vom 22. März 1945.

104 Ebd., Bo 67/14, Langendreerer Listen zur Beschriftung der Kissensteine.

105 Eckhard, Chronik (wie Anm. 17), S. 39-40.

106 Stadtarchiv Bochum, Gy 11, Bericht vom 24. März 1945.

107 Der Erhebungsbogen vom 24. März 1945 ist der letzte für dieses Gebiet. Zwar berichtet Dorothea Schulte-Uemmingen in ihren Aufzeichnungen unter dem 8. April 1945 rückblickend über einen Bombenangriff auf Werne am 25. März 1945, doch dürfte sie das Bombardement vom 24. März 1945 gemeint haben.

108 Helmuth Euler, Die Entscheidungsschlacht an Rhein und Ruhr 1945, Stuttgart 1980, S. 88.

109 Harenberg, Chronik (wie Anm. 9), S. 449.

110 Eckhard, Chronik (wie Anm. 17), S. 40.

111 Euler, Entscheidungsschlacht (wie Anm. 109), S. 130.

112 Harenberg, Chronik (wie Anm. 9), S. 449.

113 Teile des Tagebuches von Dr. Otto Frielinghaus aus der Zeit vom 30. März bis 10. April 1945 wurden vom 30. März bis 10. April 1995 taggleich in der WAZ Bochum veröffentlicht; die nachfolgenden Texte sind Auszüge aus diesen Veröffentlichungen.

114 Die Aufzeichnungen von Dorothee Schulte Uemmingen, verheiratete Schulte Limbeck, wurden dem Verfasser dankenswerter Weise von Karlheinz Schulte Limbeck von dem gleichnamigen Hof in Bochum-Werne 1990 im Rahmen der Erarbeitung des Buches „Bauernzeit und Bergmannszeit in Bochum-Ost“ zur Verfügung gestellt.

115 Stadtarchiv Bochum, Gy 11, Vermerk vom 25. März 1945.

116 Kirchengemeinde Werne, 100 Jahre (wie Anm. 5), S. 68.

117 Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 138-139.

118 Heike Vogel, Spurensuche. Ein Beitrag zur Geschichte Lütgendortmunds, Bochum 1994, Kapitel „Die Amerikaner kommen“, S. 404-412.

119 Joachim Blennemann, Die Zeit des 2. Weltkrieges in Witten, in: Jahrbuch des Vereins für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark, 75 (1977), S. 13-80, hier S. 62.

120 Kirchengemeinde Werne, 100 Jahre (wie Anm. 5), S. 68.

121 Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 139.

122 Ebd., S. 140.

123 Ebd., S. 148/149.

124 Eckhard, Chronik (wie Anm. 17), S. 40.

125 Katholische Pfarr-Chronik Laer (wie Anm. 32), 11. April 1945.

126 Gerdes, Chronik (wie Anm. 11), S. 148-149.

127 Ebd., S. 142-144.

128 Friedrich, Brand (wie Anm. 1), S. 163.

129 Blennemann, Zeit (wie Anm. 120), S. 63. 

 

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Bochumer Zeitpunkte Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege Heft 17, Dezember 2005

 

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