Hier etwas dran, da etwas ab

Das Denkmal Burg Blankenstein.

 

Hans H. Hanke

 

Zerstörung, Untergang, Ruin, Verschleppung, Verunstaltung.Diese kriegerischen Begriffe durchziehen seit mehr als150 Jah­ren die klagenden Berichte der sachkundigen Architekten, Künst­ler und Beamten, die sich um mittelalterliche Bauten im Rhein­land und in Westfalen kümmerten.

 

Krausborstige Ungeheuer

 

Vor 1800 interessierten alte Gebäu­de eigentlich niemanden so recht, noch Goethe galten selbst gotische Kathedralen erst ab 1771 nicht mehr als “krausbor­stige Ungeheuer”.

 

Der preußische Staatsarchitekt Karl Friedrich Schinkel (1782-1841) war wohl einer der einflußreichsten unter zahlreichen anderen in Deutschland, die die Qualitäten der Bauten des Mit­telalters wiederentdeckten - nicht zuletzt aufgrund wachsender Kenntnisse über das reiche Kulturerbe in Rheinland und Westfa­len. Schinkel war es dann auch, der sich nachdrücklich für die Bewahrung alter Gebäude einsetzte, weil er sah, daß die Verluste durch Abbruch und Verwahrlosung so groß wurden, daß, “wenn jetzt nicht ganz allgemeine und durchgreifende Maßregeln angewendet werden, ... wir in kurzer Zeit unheimlich, nackt und kahl wie eine neue Colonie in einem früher nicht bewohnten Land daste­hen.”

 

Zu den nun geschätzten Bauten gehörte auch die Burg Blanken­st­ein, die in der Stadt Hattingen steht und der Stadt Bochum ge­hört. Was die alte Festung mit und ohne Hilfe der amtlichen Denkmalpflege im Laufe der letzten zweihundert Jahre erlebte, soll die Probleme veranschaulichen, die selbst unumstrittenen Baudenkmälern zu eigen sind.

 

 

Was war Blankenstein ?

 

Die Burg Blankenstein in Hattingen ist die Ruine einer Höhenburg über der Ruhr, die 1226/27 für den Grafen Adolf I. von der Mark errich­tet wurde. Über die ursprüngliche Gestaltung der Burg ist wenig bekannt, sie wurde 1664 als unerwünschte Befestigungs-anlage auf Befehl des neuen Landesherren Friedrich Wilhelm von Brandenburg bis auf wenige Reste - so den Turm - abgebrochen. Im Siebenjäh­rigen Krieg befand sich hier ein franzö­sisches Magazin (1757). Ab 1772 wurde die noch bewohnbare Ruine verpachtet, der Pächter baute aus den Steinen des oberen Turmteils ein Haus.

 

1842 eröff­nete auf der Burg eine Schänke, ab 1863 wurde hier eine Fabrik zur Gewebeveredelung betrieben. Verlasse­ne Burgen und Kirchen­gebäude besaßen ein so großes Raumangebot, daß sie in der er­sten Zeit der Industrialisierung gern auf diese Weise genutzt wurden. Eigentümer von Burg und Fabrik war Gustav vom Stein, der als Missionar, Arzt und Naturheilkundiger in Amerika reich geworden sein soll und danach im Rahmen einer christlichen Sekte das Färben und Glätten von Garnen neben dem Burgturm betrieb. Für seine kleine Gemeinschaft errichtete er wohl auch das heute als "Kapelle" bezeichnete Gebäude.

 

Es ist typisch, daß der neue Eigentümer ganz im Sinne der Romantik den wenigen Ruinenteilen zahlreiche histo­risie­rende neue Gebäude hinzufügte, die in der Folge für einige Ver­wirrung in der Untersu­chung der Baugeschich­te sorgen sollten. 1885 beteiligt sich für den Sohn des Gustav vom Stein sein Verwandter Gustav Wolff aus (Bochum-) Linden am Grundbesitz und einer neu einzurich­tenden Drahtseilfabrik auf der Burg. In diesem Zusammenhang ließ Wolff die erste Wasserleitung von der Ruhr hoch zur Burg legen. Aus einem Wasserbassin im Turm wurde auch das Dorf Blankenstein versorgt. Gustav vom Stein jun. richtete 1890 einen großen Teil der Burg als Ausflugslokal her und fügte eine überdachte Aussichtsterrasse an die Gebäude seines Vaters an.

 

Pläne

 

1909 veröffentlichte der Landeskon­servator in seinem Inventarband "Hattingen" die Burg, die somit auch amtlich als Baudenkmal eingestuft war. Als die Stadt Bochum die Burg 1922 kaufte, unterstützte der Landeskon­servator Absichten, hier eine Jugend­herberge einzurichten. Dazu kam es nicht. Ohne sonderliche Erhaltungs­maßnahmen wurde die Anlage als Gaststätte weitergeführt. In den Dreißiger Jahren mahnte der Landeskonservator Instandsetzungs­arbeiten an. Im Zweiten Weltkrieg diente der Torturm als Flakstellung und wurde durch Granateinschläge beschädigt. 1946 entstanden in den Gebäu­den ein Heimkehrer-Erho­lungsheim, wiederum eine Gaststätte und eine kunsthandwerkliche Werk­statt. Diese “Burg-Werk­stätten” beanspruchten durch erhebliche Aufbauarbeiten in Eigen­leistung und das allseitig propagierte Vorhaben, die gesamte Burg zu rekonstruieren, häufig denkmalpflegerische Bera­tung, die dazu beitrug, daß vieles erhalten werden konnte. Die Re­kon­struk­tions­pläne ruhten bis 1958, als die Burg wieder unge­nutzt war.

 

Dem historisierenden Entwurf der früheren “Burg-Werkstätten” wurde dann ein moderner Entwurf der Stadt Bochum gegen­überge­stellt, aber beide wurden vom Landeskonservator abgelehnt. Wäh­rend der historisie­rende Entwurf auf unbeweisbaren Vermutun­gen eine (Bau-) Geschichte vorspielte, die nie stattgefunden hatte, brachte der moderne Entwurf so viel Substanzverlust und Beein­trächtigun­gen des ursprünglichen Erscheinungsbildes der Ruine mit sich, daß das eigentliche Baudenkmal keine Aussage mehr gehabt hätte.

 

 

Abriß

 

Durch die Kohlekrise fehlten der Stadt Bochum wohl die Mittel, die Ausbaupläne umzusetzen. Der Landeskonservator hatte schon länger eine sehr puritanische Denkmalpflegelösung empfohlen, die jetzt auch den städtischen Interessen entgegenkam: 1959 wurden bis auf die "Kapellenruine" und die Gebäude um den Turm alle Bauten des 19./20. Jahrhunderts abgerissen. An­schließend kam es zu privaten Grabungen, die bis heute nicht vollständig ausgewer­tet sind. Gefun­den wurden neben Fundamenten aller Art u.a.: Scherben des 13. bis 16. Jahrhunderts, einige Münzen dieser Zeit - worunter vor allem eine französische Goldmünze von etwa 1390 besondere Beachtung fand - und drei mittelalterliche Kanonenku­geln. Die genaue Baugeschichte liegt weiterhin im Dunkeln.

 

1968 bis 1972 wurde die Anlage ein weiteres Mal saniert, und seit 1980 besteht für Burg Blankenstein ein denkmalpflegerischer Stufenplan zur Sicherung der Bausubstanz des 13. bis 19. Jahr­hun­derts. Zum Schutz der Mauern, aber auch, um die ursprünglich beherrschende Situation der Burg wieder erahnbar zu machen, wurden die Schuttmassen und das Unterholz an der Außenmauer und im Inneren Bereich entfernt. Von der Ruhr aus ist die Burg durch ein sorgfältig abgewogenes Auslichten des umgebenden Waldes als Zeugnis mittelalterlicher Geschichte im Ruhrgebiet wieder besser "lesbar".

 

 

 

 

 

Literatur:

 

- Die Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen, hrsg. v. Provin­zial-Verband der Provinz Westfalen, Band Hattingen, Münster 1909

- Pieler, F.J.: Das Ruhrtal, o.O. 1881, Neudruck Mainz 1983

- Wengeler, Fritz (Hrsg.): 750 Jahre Burg Blankenstein, Hat­tingen 1977

- Westfalia Picta, Erfassung westfälischer Ortsansichten vor 1900, hrsg. v. Luckhard, Jochen; Bd.2, Bielefeld 1987

- Busen, Herman: 75 Jahre Denkmalpflege in Westfalen; In: Westfalen; Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde; Bd.46, Münster 1968, S.2-27

- Huse, Norbert (Hrsg.): Denkmalpflege, Deutsche Texte aus drei Jahrhunderten; München 1984

- Kiesow, Gottfried: Einführung in die Denkmalpflege; Darm­stadt 1982

- Brämer, A.: Wanderungen im Kreise Hattingen; Hattingen 1910

- Eversberg, Heinrich: Die neue Stadt Hattingen; Hattingen 1980

- Festschrift: 100 Jahre G. Wolff jun.; Mainz 1954

- Schreiner, Ludwig: Karl Friedrich Schinkel und die erste westfälische Denkmäler-Inventarisation; Recklinghausen 1968

 

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Bochumer Zeitpunkte Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege 

 

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Heft Nr.2 - 1/93 in Zusammenarbeit mit Dieter W. Hartwig und Achim Verres

 

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