“... der löblichen Apothekerkunst zugethan”

Zum 300jährigen Jubiläum der Alten Apothekein Bochum 1691-1991

 

Achim Verres

 

Als Friedrich Wilhelm I. am 23. Juni 1716 zwi­schen 5 und 6 Uhr abends durch Bochum kam,

waren sicherlich alle Bürger des Landstädtchens auf den Beinen, und auch der Apotheker Severin aus der Rosenstraße wird seiner Majestät zugewunken haben.

 

Zehn Jahre später jedenfalls beschei­nigte des Königs Obercolle­gium Medicum dem Apotheker Georg Heinrich Severin, daß “er schon 35 Jahre die Apothekerkunst exercire und eine privilegirte Offi­cin besitze”. Im Jahre 1691 war Severin aus der Residenzstadt Würzburg nach Bochum zurückgekehrt mit einem excellenten Zeugnis seines Lehr­herren in der Tasche, der ihn “allen und jeden” emp­fahl, “sonderlich aber [jenen], welche unserer löblichen Apothe­kerkunst beigethan”.

 

Severin und später auch sein Sohn Georg Arnold praktizierten eine mehr handwerkliche Pharmazie, die sich zu jener Zeit von der mittelalterlichen Alchimie zur Naturwissenschaft entwickel­te. Defektur und Rezeptur nach ärztlicher Anweisung bildeten die tägliche Routine, und sicherlich besaß die Severinsche Apotheke auch einige Spezial- und Geheimrezepte.

 

Die damaligen Apotheker gehörten zu den Honoratioren der Gesell­schaft: von den Severins lassen sich verwandschaftliche Verbin­dungen knüpfen zu Heinrich Graf Ostermann, der es in Rußland zum Premierminister brachte, zu den berühmten Krupps in Essen und zu Bochums bekanntem Arzt und Schriftsteller Carl Arnold Kortum, dessen Mutter eine Severin war.

 

Der Schwiegersohn Kortums Peter Wilhelm Ludwig Döring war zu­nächst Gehilfe bei Severin jun. und später dessen Nachfolger in der Apotheken­leitung. Er war ein tüchtiger, über Bochum hinaus bekannter Apotheker, ein vielseitig interessierter Naturwissen­schaftler und sammelte Gehäuse von Muscheln und Schnecken (Con­chylien). Mit seiner Sammlung legte er den Grundstein für das noch heute existierende Löbbecke-Museum in Düsseldorf.

 

In der Mitte des 19. Jahrhunderts bekommt die Apotheke ihren heutigen Namen, und in Carl Flügel begegnen wir dem letzten privi­legierten Apotheker alten Stils.

 

Joseph Hartmann war der erste Besitzer, der nicht mehr zu den Nachkommen und Verwandten des Apo­thekengründers Severin gehörte. Der Bevölkerungszuwachs im Ruhrgebiet, der mit der Industriali­sierung einsetzte, bescherte der Alten Apotheke höhere Umsätze und einen größeren Geschäftsbetrieb, so daß Hartmann sich ent­schloß, das baufällige Haus aus Severins Zeiten am traditions­reichen Platz in der Rosenstraße durch einen stattlichen Neubau zu ersetzen, der im Jahre 1877 bezogen wurde. Wenige Jahre spä­ter gründete Hartmann mit einem Kompagnon die Fahrendeller Hütte und wurde Hüttenbesitzer. Er verkörperte einen neuen Typ des unternehmerisch denkenden Apothekers.

 

Die Folgezeit der Alten Apotheke ist durch häufige Besitzerwech­sel gekennzeichnet. Das Spekulationsfie­ber der Gründerjahre hatte offensichtlich auch die Apotheke zum Spekulationsobjekt werden lassen.

 

1921 erwarb Paul Köhler die Apotheke von seinen dubiosen Vor­gängern Otto Merzhaus und Dr. Karl Wahle, und es war sein Ver­dienst, der Alten Apotheke zu ihrem guten Ruf verholfen zu ha­ben.

 

Von den Bombadierungen im 2. Weltkrieg wurde die Apotheke zwei­mal schwer getroffen, so daß Paul Köhler in seinem Privathaus in der Uhlandstraße eine Notapotheke einrichten mußte.

 

Nach Köhlers Tod im Jahre 1949 übernahm Günter Verres die Apo­theke zunächst als Verwalter und ab 1950 als Pächter. Zusammen mit der Eigentümerin Aenne Köhler organisierte er den Neubau auf dem Grundstück in der ehemaligen Rosenstraße. Im Oktober 1957 bezog die Alte Apotheke ihre heutigen Geschäfts­räume in der Bongardstraße.

 

Günter Verres engagierte sich stark in der Standespolitik und war neun Jahre Vorsitzender des Apotheker­vereins Westfalen-Lippe und vier Jahre Vorstandsmitglied des Deutschen Apothekervereins. Im Jahre 1971 kaufte Verres die Alte Apotheke und führte sie bis zur Verpachtung an seinen Sohn Achim im Juli 1989. In der langen Geschichte der Apotheke war dies erstaunlicherwei­se die erste direkte Übergabe vom Vater auf den Sohn, ohne daß zwischenzeitlich ein Verwalter tätig wurde.

 

Anmerkung:

Die Personengeschichte der Alten Apotheke wird ausführlich und wissenschaftlich fundiert dargestellt in: G.Wilbertz/G.Seebold: “...der löblichen Apothekerkunst zugethan”. Zum 300jährigen Jubiläum der Alten Apotheke in Bochum 1691-1991, Bochum 1991. l

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege 

 

Herausgeber:

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde, Stadt­geschichte und Denkmalschutz

Graf-Engelbert-Straße 18, 44791 Bochum

Tel.: 0234/581480

 

Redaktion:

Eberhard Brand, Dr. Hans H. Hanke,

Peter Kracht

Heft Nr.2 - 1/93 in Zusammenarbeit mit Dieter W. Hartwig und Achim Verres

 

Verlag:

Peter Kracht - Verlag

Limbeckstraße 24, 44894 Bochum

Tel.: 0234/263327

ISSN 0940-5453

 

Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Verfasser persönlich verantwortlich.