Der Untergang des Hauses Rechen

 

Hans H. Hanke

 

Ein Briefwechsel der Vereinigung für Heimatkunde mit dem Landeskonser­vator und der Stadt Bochum aus den Jahren 1949/50 beschreibt die Entscheidung,

die zur Beseitigung der stadtge­schichtlich hochbedeutenden Ruine des Hauses Rechen führte.

 

 

Zwischen dem Schauspielhaus und dem heutigen Finanzamt Süd lag der alte Adelssitz Haus Rechen malerisch am Anfang der Königsallee inmitten seiner Gräfte und diente als Restaurant und Heimatmuseum. 1944 wurde das Gebäude weitgehend zerstört, seine erhaltenen Außenmauern wurden um 1950 abgetragen, die Gräben wurden zugeschüttet. Anlaß des Abbruchs war die neue städtebauliche Planung im Rahmen des Wiederaufbaus Bochums. Hier entstanden nach den Plänen des namhaften Architekten Gerhard Graubner das neue Schauspielhaus und das heutige Finanzamt Süd. Diese 1948 bis 1955 verwirklichte Situation ist von hervorragender Qualität. Ob sie die Beseitigung des Hauses Rechen erforderte, kann heute nicht mehr sinnvoll diskutiert werden, wurde damals aber bezweifelt. In Leserbriefen und der örtlichen Berichterstattung wurde dieser Meinung Ausdruck gegegeben. Günther Höfken erstellte für die Vereinigung für Heimatkunde ein Gutachten zum historischen Stellenwert des Hauses Rechen, das an die beteiligten Stellen ging und schließlich im Bochumer Heimatbuch Bd. 5 von 1951 veröffentlicht wurde. Die Argumentation von Stadtverwaltung und Landeskonservator heute nachzu­vollziehen, ist lehrreich und erinnert in vielem an aktuelle Situationen.

 

Die Vereinigung für Heimatkunde setzte sich im März 1949 bei der Stadt Bochum für den Erhalt der Ruine ein. Die Stadt Bochum gab daraufhin durch Stadtbaurat Clemens Massenberg folgende Stellungnahme ab:

 

Das Gebiet beiderseits der Königs­allee, früher als Rechener Feld bezeichnet, gehörte zum Rittergut der Familie von Schell. Nach 1900 erwarb der Zimmermeister Erlemann die vorwiegend bewaldeten Flächen zu Erschließung und Bebauung. Davon ausgenommen blieben der heutige Südpark und die Umgebung des Hauses Rechen.

 

Die neuen Straßen hatten den Herren­sitz bereits bis auf die tiefer­liegende nächste Umgebung einge-engt, und die mehrgeschossigen Wohnhäuser beeinträchtigten das schlichte zwei­geschos­sige alte Bauwerk. Völlig erdrückt wurde dieses dann durch das im Jahr 1905 von dem Architekten Engeler errichtete Apollo-Varieté, das heutige Stadtthea­ter. In neuerer Zeit wurde der groß­städtische Charakter des Gebietes durch den Bau des Parkhotels noch ausgeprägter. Park und Haus Rechen hatten nun völlig Maßstab und Bedeutung verloren. Nur die Pietät vor den verstümmelten Resten der früheren Verhältnisse verhinderten Verbesserungen.

So ist in neuzeitlicher Umgebung eine Geländemulde erhalten geblieben, die wegen der stark abfallenden Böschungen von Mauern und Eisengittern eingefasst werden mußte. Auf der Muldensohle trat das Grundwasser zu Tage, liess nur schmale Gehwege an den Böschungen zu und begünstigte die Entwicklung von Insekten, die an heissen Sommertagen zur Plage der Bewohner des Gebietes wurde. Die Anlage war überdies sehr unzugänglich und diente mehr dem Spiel der Jugend als der Erholung der Erwachsenen.

 

Im Kriege wurde das zum Heimat­museum eingerichtete Herrenhaus bis auf Ruinen zerstört, nachdem bereits bereits frühere Konservierungen mit Ziegelmauerwerk und unschönem ornamentalem Zement-putz die schlichte Bauform verunstaltet hatten. Die heute noch vorhandenen Bauteile sind nicht mehr standsicher und gefährden teilweise bereits die Passanten. Das frühere Herrenhaus wies keine bemerkenswerte Architektur auf, es hatte keinen kunst­historischen, sondern nur begrenzten stadthistorischen Wert. Dieser rechtfertigt aber keine Aufwendungen für die Erhaltung der Ruinen oder den Wiederaufbau des Hauses. ..."

 

Im Mai 1950 lagen die Pläne Gerhard Graubners für den Wiederaufbau des Schauspielhauses vor, so daß in diesem Zusammenhang auch ein Besuch des Landeskonservators Rave sinnvoll erfolgen konnte. Rave gab nach einem Gespräch mit der Bochumer Stadtspitze und der Besichtigung der Ruine gegenüber der WAZ folgende Stellungnahme ab. An Höfken ergänzte er seine Ausführungen durch die Bemerkung, er würde es sehr begrüßen, wenn Höfken sich für die Erhaltung des Hauses Rechen als Ruine einsetzen würde und sich deshalb auch mit Raves Vetter Leo Diekamp - dem damaligen Kulturaus­schußvorsitzenden in Bochum - in Verbindung setzen würde:

 

... Eine Entscheidung über diesen Fall ist nicht leicht zu treffen, denn es ist am alten Haus Rechen schon vor der Zerstörung so viel ergänzt, erweitert und verschandelt, daß von einem Baudenkmal im eigentlichen Sinne, mit Ausnahme des ziemlich unberührt erhaltenen Tores, nicht mehr gesprochen werden kann. Man würde daher ohne große Bedenken einem Abbruch zustimmen können, wenn der Neubau des Theaters dies forderte. Dies ist jedoch nicht der Fall. Es ist leicht möglich, das Magazingebäude, welches nach den jetzigen Entwürfen fast ganz die Stelle der Burgruine einnimmt, entsprechend dem Verlauf der Seitenstraße zu schwenken ... so würde es bei geringer Änderung des Projektes möglich sein, die Burg als Ruine im Grünen zu erhalten. Vielleicht wären sogar die malerischen Mauerreste im Gegensatz zur straffen architektoni-schen Haltung des Bühnen­hauses besonders wirkungsvoll und maßstab-steigernd. Zudem würde die Erinnerung an eine historische Stätte, an denen ja leider die Stadt Bochum besonders arm ist, wach gehalten.- Abschließend wäre zu sagen, daß ich keinen Einspruch gegen einen Abbruch der Burgruine erheben würde, da der Bestand im baukünstlerischen Sinne zu unbedeutend ist und das eine Angelegenheit der Bochumer Bevölkerung selber ist, ob sie einen romantischen und geschichtlichen Punkt innerhalb des Häusermeeres sich erhalten will. ...” l

 

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Heft Nr.2 - 1/93 in Zusammenarbeit mit Dieter W. Hartwig und Achim Verres

 

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