Doktor Carl Arnold Kortum

 

Bernhard Kleff, Eberhard Brand

 

Dr. Carl Arnold Kortum lebte und wirkte von 1770 bis zu seinem Tod im Jahr 1824 in Bochum. Sein vielfältiges Schaf­fen, seine Forschungen und Sammlungen, kurz seine bedeu­tenden Hinterlassen­schaften haben sich unter Kennern in unserer Stadt stets größter Wertschätzung erfreut. Die wichtigste Einkaufsstraße, ein bedeu­tendes Kaufhaus, ein Brunnen und Denkmäler, ein Friedhof-Park, die Ehren-Medail­le der Medizinischen Fakultät an der Ruhr-Uni­versität Bochum und die stadthistorische Gesell­schaft tragen seinen Namen. Erst kürzlich konnte mit großer Freude vermeldet werden, daß es gelungen ist, einen wesent­lichen Teil von Kortums Nachlaß - es handelt sich um einen Großteil seiner Bibliothek und um etliche künstlerische und wissenschaftliche Arbeiten mit insgesamt ca. 900 Einzelstücken - als Dauerleihgabe ins Bochumer Stadtarchiv zu holen und somit für die Bearbeitung in Bochum zu sichern. Nicht zuletzt gibt es im Museum seit Jahrzehnten eine Kortum-Abteilung, deren Gründer, Bernhard Kleff, die Bochumer Kortum-Sammlung in dem folgenden Vortrag darstellt, den er am 7.7.1934 im Rundfunk gehalten hat. Das Manuskript stellte uns Frau Wiltrud Kleff, Tochter des Stadtarchivars, freundlicher-weise zur Verfügung.





Die Kortum Sammlung



Ein besonderer Stolz des Bochumer Heimatmuseums im alten Hause Rechen an der Königsallee hinter dem Stadttheater ist seine prächtige Kortum-Sammlung, der ein besonde­rer Raum gewidmet ist.



Dr. Kortum, der weitberühmte Dichter der drolligen Jobsiade, wirkte in Bochum von 1770-1824 als Arzt. Der Arzt freilich ist heute ziemlich vergessen, der Dichter jedoch nicht. Seine un­sterbliche Jobsiade blieb bis in unsere Zeit hinein “eine ex­trafeine Historiam von Hieronimus Jobs lobesam” in verschiedenen Ausgaben mit und ohne Beiwort.



“Und sind auch verschwunden die Zeiten des Zopfes, /

Noch heute gibt’s fröhliches Schütteln des Kopfes, /

Tönt kicherndes Lachen bei groß und klein /

Über Kortums Historia lustig und fein”,



stellt unser heimischer Dichter Dr. Mummenhoff fest. 1924, Kor­tums 100. Todesjahr, brachte dazu etliche Neuausgaben. Sowohl die Dünn­druckausgabe Brandus wie die Sailer-Ausgabe glaubten der Zeit entgegen­kommen zu müssen und kürzten. Die Neuausgabe des Stiepelverlages fügte statt der gewohnten, oft gewollt-klotzigen Holzschnitte neue von Hans Thuma ein, ein Beweis, daß auch heute noch von dem komischen Heldengedicht Kortums Gestaltungs­drang ausgehen kann. Wohl die letzte Ausgabe mit mancherlei wertvollen Bemerkungen und mit den Bildern Hasenclevers brachte 1928 Oskar Weitzmann heraus - im Vergleich zu allen bisherigen Ausgaben die umfänglichste. Diese Ausgabe wurde nur für Freunde des Hendel-Verlages in Meersburg veranstaltet und gelangte nicht in den Handel.



Nach der langen Reihe all der verschiedenen Ausgaben wirft man gern einen Blick in die Urschrift des Jobs von Kortums Hand. Ein schmales fingerdickes Bändchen von 92 eng beschriebenen Seiten mit dem Titel



“Eine Historia lustig und fein /

gestellt in Knittelverselein /

von Hieronimus Jobs /

dem Kandidaten /

und seinen Meinungen, Leben

und Thaten /

und wie er sich weiland viel Ruhm erwarb /

auch endlich als Nachtswächter /

zu Sulzburg starb. /

Herausgegeben von Caspar Sachs dem Auctor /

im 1783 ten Johr.”



Jobs, der sich vorsichtigerweise einen wohlhabenden Senater als Vater ausgesucht hatte, soll einmal ein wortgewaltiger Held der Kanzel werden. Deshalb geht er zur Universität. Dort macht er viel in Alkoholika, aber wenig in Theologika. Darum brennt er so oft ab und lernt klassische Brandbriefe nach Hause zu schreiben. Noch glänzender fällt Jobs durchs Examen; ob der Antworten des Kandidaten Jobses geschah allgemeines Schütteln des Kopfes. Mit der erhofften einträglichen Pfarrstelle ist es nun Essig. Der verunglückte Kandidat sucht sich so und anders durchs Leben zu schlagen und rutscht nach allerlei Abenteuern zum Nachtwächter in Sulzburg ab, bis “der arme Job und König Salomon mußten end­lich alle davon”.



“Leben, Meynungen und Thaten von Hieronimus Jobs dem Kandidaten” erschienen erstmals im Druck 1784 und zwar im Verlage Perennon in Münster und Hamm.

 

Wonach der Jobs zu dieser Frist

Einhundertfünfzig Jahr alt ist.



Dieser Erstdruck zeigt gegenüber der Urschrift außer kleineren Abweichungen auch erheblichere Unterschiede. So sind gleich im ersten Kapitel 7 Strophen hinzugekommen, im letzten wird die drollige Sterbereihe gar um 22 Strophen vermehrt. Nach der Ur­schrift haben in dem berühmten Examenkapitel die hohen Prüfungs­herren auch etwas anders gefragt. Der Herr Krager z.B. fragt nicht nach dem hl. Augustinus sondern nach dem heiligen Mann Crispin, von dem Jobs zu sagen weiß, er sei ein Schuster gewe­sen, der anderen Leuten das Leder stahl ab und die Schuhe um Gotteswillen gab. Der Herr Plotz fragt in der Urschrift nicht nach den ökumenischen Konzilien, sondern



“Warum hieß König Herodes ein Fuchs?” /

Hieronimus anwortet flugs: /

“Ohn Zweifel ist, wie wir lesen, /

König Herodes darum ein Fuchs gewesen, /

Weil er noch nicht sechs Wochen und ein Jahr /

Ein Student auf der Universität war”.



Wie uns die Urschrift verrät, hatte Kortum zuerst jedem Kapitel ein besonderes Bild zugedacht, also ohne die bekannten Wiederho­lungen. Manche finden sich im Erstdruck wieder; im allgemeinen zeigt sich aber, daß Kortum auch in der Bebilderung dem Humor gröbere Striche gegeben hat.



Die Erstausgabe von 1784 ist äußerst selten geworden. Wir haben jahrelang nach ihr suchen müssen, dann wurde sie uns in wein­fröhlicher Laune gestiftet. Kortum hat sich später bestimmen lassen, zu seiner Jobsgeschichte noch einen zweiten und dritten Teil hinzuzudichten. Man ist sich ziemlich einig darin, daß diese beiden Teile nicht immer die Höhe des ersten Stückes er­reichen, wenn sich auch die Reihe der Kortumge­stalten um etliche Glanz­nummern vermehrt. Wir schließen uns Otto Julius Bierbaum an, wenn er meint:



“Und das wird man Kortumen nachsagen müssen: /

Sein struppiger Gaul hat nicht ab ihn geschmissen; /

Wie sehr auch manchmal ausschlug das Beest, /

Doktor Kortum ist immer oben gewest”.



Erst diese vermehrte Ausgabe er­schien unter dem Titel “Die Job­siade” mit dem Zusatz “Ein komisches Heldengedicht in drei Thei­len” und zwar 1799. Der Name des Verfassers blieb zu raten. Erst die Auflage von 1854 brachte statt der vier Buchstaben “D.C.A.K.” den vollen Namen Dr. Carl Arnold Kortum. Warum die Deckung? Wie Kortum selber bekennt, hat er zu Lebzeiten die Zeichnung mit vollem Namen vermieden, weil ihm die Jobsiade manchen Verdruß eingebracht hatte, so daß er oft wünschte, sie gar nicht geschrieben zu haben.



Was Kortum mit seiner Jobsiade eigentlich gewollt hat? Den zu seiner Zeit herrschenden sog. Volkston in Romanen geißeln, wie er selbst sagt. Sein Sulzburg = Schildburg ist das Muster all der tausend kleinen Orte, die sich mit ihrer spießbürgerlichen Kleine und Enge ja so ähnlich sind, auch mit ihren Menschen. Und sein Jobs ist die kulturgeschichtlich bedingte Verkörperung jener eigentümlichen Gestalten, über die man lacht, um über die Schwächen der Zeit zu lachen.



Kortums Jobsiade ist nicht mehr gut denkbar ohne die Bilder Hasen­clevers dazu. Daß sich Johann Peter Hasenclever zu Dr. Kortum fand, ist aus der Geistesrichtung beider wohl zu verste­hen. Hasenclevers bekanntestes Bild zur Jobsiade ist unstreitig sein “Jobs im Examen”. Weniger oft sieht man, wie Hasenclever Jobs von der Universität heimkehren läßt und wie er sich später als Schulmeister in einer Dorfschule quält. Neben diesen drei Darstellungen, gestochen von T. Th. Janssen, gibt es den Jobs im Examen noch als großes Blatt, gleichfalls gestochen von Janssen. Am seltensten ist wohl die farbige Steinzeich­nung vom Jobs als Nachtwächter.



Wir können noch zwei bislang kaum bekannte farbige Darstellungen zeigen, Leihgaben des Westfälischen Landesmuseums in Münster, die sich offenbar an den Rambergschen Titelkupfer in der Jobsia­denausgabe von 1823 anlehnen. Das erste Bild zeigt die Nachba­rinnen beim Kinds­bettkaffee; nehmen wir zur Ehre der Damen an, daß sie hübscher waren. Die Darstellung des Examens legt viel Gewicht auf weisheitschwere Köpfe, allerdings nur bei den ge­strengen Prüfungsherren.

Wilhelm Busch, der doch zweifellos vom deutschen Humor etwas verstand und von Kortums Jobs stark gefaßt wurde, sollte vor etwa 60 Jahren für den Verlag Grote in Berlin eine neue Jobsia­denausgabe bebildern. Der Plan zerschlug sich. Aber Wilhelm Busch legte uns eine Busch-Jobsiade mit Buschversen und Busch­bildern hin. Dank ihm! Wie unsere hübsche Ausgabe zeigt, ließen sich die Holländer die Busch-Jobsiade in ihrer Sprache erzählen. Als Nieder­deutsche verstehen wir schon, wenn auch sie Freude an grobdrähtigem Humor haben. [...] Eine englische Übersetzung, erschienen in Philadel­phia, fehlt uns noch.

Wie unsere weitere Auslage erweist, hat Dr. Kortum auch sonst eine fleißige Feder geführt. So schrieb er 1790 seiner Stadt Bochum die erste Stadtgeschichte, die heute noch etwas gilt. Höflich wie er war, schenkte er dazu dem hochlöblichen Magistrat einen eigenhändig gezeichneten farbigen Stadtplan, nach dem der Leiter des Museums ein großes farbiges Modell der Stadt Bochum zu Kortums Zeiten schuf.

Ein Büchlein, das gerade heute wieder viel gefragt wird, ist Kortums “Beschreibung einer neuentdeckten altgermanischen Grab­stätte im Rau­ental an der Ruhr” am Fuße des Bochumer Wienkopps. Unter den Funden war auch ein Stein, der mit Runen bedeckt war. Kortum, dem ein Lavater bezeugt hatte, er könne wirklich entzif­fern, konnte sie nicht lesen, darum wurde der Stein auf einer Schiebkarre nach Essen gebracht. Allein auch die Essener Gelehr­ten wußten nichts damit anzufangen. Den Stein aber hat man Kor­tum nie zurückgebracht, und das hat ihn schwer gekränkt. Jeden­falls hätte dieser Stein heute besondere Bedeutung. Wo mag er geblieben sein? Er war oben leicht gerundet und 11 Zoll, unten nur 8 1/2 Zoll breit. Die rechte untere Ecke war abgesprungen. Wer weiß um einen solchen Stein? Wer schafft ihn uns wieder her?

Da liegt ein dicker Band des alten Gothaer Reichsanzeigers. Er erinnert uns an die Zeit der Hermetischen Gesellschaft um 1800. Wenn auch Kortum eine Zeitlang eifrig der Alchimie nachging und mithalf, die Gemüter in ganz Deutschland in Aufregung zu halten - der Vater der genannten Gesellschaft war er nicht. Wie Kleff im Lebensabriß Kortums - in der Reihe der Westfälischen Lebens­bilder - völlig einwandfrei feststellt, war es nach eigener Darstellung der Prediger und Arzt Dr. Bährens in Schwerte, Kor­tums vertrauter Freund. Daran ist nicht mehr zu rütteln. Bährens war der eigentliche Geschäftsführer, Kortum sein Ratgeber und der Verfasser fast aller größeren Auslassungen der Gesellschaft im Reichsanzeiger. Bemerkenswert bleibt, daß Kortum ernst zu nehmende Sucher immer wieder auf Versuche mit dem grauen Mann, wie er die Steinkohle nannte, hinwies. Jedenfalls ahnte er, was alles noch einmal aus simpler Steinkohle herausgeholt werden würde. Welch scharfe Feder der Bochumer Doktor in der Verteidi­gung der Alchimie führen konnte, hat keiner bitterer erfahren müssen als der Apotheker Wiegleb in Langensalza. Die beiden Schriften gegen Wiegleb, die 1789 und 1791 in Duisburg herauska­men, wie uns der Titel verrät, waren nach Kortums eigenen Worten vielleicht doch zu sarkastisch ausgefallen.

Kortum, der Apothekerblut in den Adern hatte, war ein ausge­zeichneter Pflanzenfreund und Blumenzeichner, wie er u.a. in einer geschriebenen und bebilderten Einführung in die Pfanzen­kunde für seinen Enkel beweist. Dies Zeichentalent bekundet er auch in den vier großen farbigen Bibelsprüchen, die ganz kürz­lich noch aus Thüringen für unsere Kortum­sammlung zurückerworben werden konnten. Mit welcher Liebe bis ins Kleine hinein er ar­beiten konnte, sieht man aus verschiedenen Sammlungen getrock­neter Kräuter. Gern stellt er ein Blümchen in eine Vase, die er dazumalt oder irgendwie ausschneidet, gern stellt er ein Tier oder einen Menschen dazu. Mit ausnehmend großer Liebe ist das Titelblatt der schönen Pflanzensammlung gestaltet, die sein früh verblichener Sohn hinterließ. Es ist wirklich auch ein Botani­ker-Denkmal! Der junge Kortum, gleichfalls Arzt, war vom Vater zur Universität vorbereitet worden. Bei der Gelegenheit entstand das farbige zerlegbare Modell des menschlichen Körpers. Die Anleitung zu einer solchen Darstellung ist bis auf die vier Seiten in unserm Besitz leider verschollen.

Verlassen wir das Schrifttum von und über Kortum und wenden uns unsern Kortum-Bildnissen zu. Kortums Schattenbild ist ja aus den verschie­denen Ausgaben der Jobsiade be­kannt. Auch dem kleinen Endner­schen Stich, der uns den Dichter im 64. Lebensjahr zeigt, begegnet man wohl schon mal. Seit einigen Jahren besitzen wir ein sehr schönes Pastell­bild, das uns Kortum in seinen besten Jahren zeigt. Wie Kortum selber berichtet, hing es am Tage sei­ner goldenen Hochzeit über seinem Sessel. Wir sehen dem Manne in die Augen: sie lassen wohl Schlüsse auf den lustigen Schalk und den spitzen Spötter zu, jedoch nicht auf einen Spritzer giftiger Galle. Im Laufe von rund 100 Jahren war das Bild bis nach Süd­deutschland gekommen, allerdings immer behütet von Familiensinn, der es auch wieder nach Bochum zurückkommen ließ. Noch ein wei­teres Bild des Jobsiadendich­ters kam vor einigen Jahren zu uns zurück. Es handelt sich um eine Rötelzeichnung und stellt Dr. Kortum als Bergarzt dar. Wir haben es im zweiten Band des Bochu­mer Heimat­buches veröffentlicht. Damals bekamen wir auch ein Bild der Gattin des Dichters, gleichfalls eine Rötelzeich­nung und auch als Trachtenbild sehr wertvoll. Ferner konnten wir ein ansprechendes Pastellbild des jungen Dr. Kortum erwerben, der so früh der Schwindsucht erlag.

Den frühen Tod seines Sohnes hat Kortum nie verwinden können. Er zog sich mehr und mehr auf sich selbst zurück. Wie sein Tagebuch in unserer Sammlung erweist, hatte der Doktor viele Tage mit vielen Kranken. Mählich war er müde geworden, aber müßig konnte er nicht sein, wie er selbst sagt. Es ist erstaunlich, mit wel­cher Ruhe und Sicherheit er noch bis ins hohe Alter hinein Feder und Pinsel führte. So ist einer der vorhin erwähnten Bibelsprü­che noch 1823, also ein Jahr vor seinem Tode entstanden. Aus demselben Jahre ist auch noch unser Stammbaum, nach welchem Kortum sein Geschlecht bis zu Wittekind hinauf führt, allerdings mit einigen kühnen Sprüngen.

Noch manche andere persönliche Erinnerungsstücke birgt die Bo­chumer Kortum-Sammlung. Das richtigste ist, wenn man sich alles an Ort und Stelle ansieht. Oder will man mit Kortum sagen:



“Wie Menschen pflegen in unsern Erdentagen /

Manche kluge Pläne und Entwürfe zu machen, /

Aber ein unvermuteter

Querstrich /

Ist uns gar oft daran

hinderlich”?

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege 

 

Herausgeber:

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde, Stadt­geschichte und Denkmalschutz

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Tel.: 0234/581480

 

Redaktion:

Eberhard Brand, Dr. Hans H. Hanke,

Peter Kracht

Heft Nr.2 - 1/93 in Zusammenarbeit mit Dieter W. Hartwig und Achim Verres

 

Verlag:

Peter Kracht - Verlag

Limbeckstraße 24, 44894 Bochum

Tel.: 0234/263327

ISSN 0940-5453

 

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