Ein seltsames Stück Bochumer Sportgeschichte

 

Eberhard Brand

 

Durch den Neuguß seiner Bernhard-Kleff-Portraitbüste im Jahr 1991 wurde das Werk des Kunstbildhauers Erich Schmidtbochum, der heute hochbetagt in Braunschweig lebt, in unserer Stadt wieder zum festen Begriff. Vor einiger Zeit tauchte im Kunsthandel ein Unikat von Schmidt­bochum auf, das nun seinen Weg zurück nach Bochum fand.

 

Der VfL Bochum 1848 feierte vom 7. bis zum 14. August 1948 - in wahrhaft karger Zeit - sein 100jähriges Bestehen. Den Auftakt der Festwoche bildete am Sonnabend - nach einem Fußballspiel der Sportfreunde Katernberg gegen den VfL - ein großer Jubiläums­abend im Bochumer Parkhaus im Stadtpark. Blumen­pracht, Fahnen­schmuck und ein buntes musikalisches Programm bildeten den Rahmen für Festreden und Jubiläums­adressen. Im Verlauf dieses Abends überbrachte der Bochumer Oberbürgermeister Willi Geldmacher “die Grüße und Glückwünsche der Stadtverwaltung und des Regierungs­präsidenten, in dessen Auftrag er eine eigens für den Verein angefertigte Plakette überreichte, während das Jubiläumsgeschenk der Stadt Bochum ein ledergebundenes Buch mit der Photokopie der Gründungsakte des Vereins und den Unter­schriften der Gründer war” (Westfälische Rundschau vom 10.8.1948).

 

Die genannte “eigens für den Verein angefertigte Plakette” stellte die “Ehrengabe der Stadt Bochum für die beste Vereins­leis­tung” dar bei der am folgenden Tag - Sonntag, dem 8.8.48 - im Stadion durchgeführten nationalen Leichtathletenveranstal­tung, dem sportlichen Höhepunkt der Jubiläumsfeierlichkeiten.

 

Die Vorderseite der Plakette zieren drei sich an den Händen fassende Jünglinge in olympischer Nacktheit, einer rechts mit Staffelstab, ein anderer links mit Stoßkugel, beide blicken zu einem dritten, der - in der Mitte stehend - mit dem Lorbeerkranz des Siegers geschmückt ist. Rechts im Bogensegment ist die Kün­stlersig­natur zu sehen: ein verschlungenes ESchB.

 

Die Rückseite trägt die Umschrift “EHRENGABE DER STADT BOCHUM FÜR DIE BESTE VEREINS­LEISTUNG”. Unter dem Bochumer Wappen mit preu­ßi­scher Mauerkrone steht in fünf Zeilen: “NAT. LEICHT­ATHLETEN­VER­ANSTAL­TUNG / 8. VIII. 1948 / ANLÄSS­LICH DES 100JÄHRIGEN BE­STE­HENS / DES V.f.L. BOCHUM 1948”.

 

Im Rand ist der Künstlername eingeprägt: “E. SCHMIDT.BOCHUM.”

 

Diese für die frühe Nachkriegzeit ungewöhnlich aufwendige Ehren­gabe dürfte in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert sein:

 

Die Bronzeplakette hat einen Durchmesser von 19,3 cm, eine Stärke von 6 bis 10 mm und ein Gewicht von 1645 g; sie wurde überreicht in einem ei­gens angefertigten, stoff­ausgeschlage­nen und lederbezoge­nen schwarzen Etui mit den Abmessungen 23,3 cm x 23,3 cm x 2,0 cm; geschaffen wurde diese nur als Einzelexemplar hergestellte Eh­ren­gabe im Auf­trag der Stadt Bochum durch den nahmhaften bil­denden Künst­ler Erich Schmidtbochum.

 

Der gebürtige Bochumer Bildhauer Erich Schmidt hat seiner Hei­matstadt und ihrer Region, dem Ruhrgebiet, eine Reihe beacht­licher Werke geschaffen. An erster Stelle ist die Büste des Grafen Ostermann - sie steht vor den Ratssälen im Bochumer Rat­haus - zu nennen, die der junge Künstler 1937 anläßlich des 250. Geburtstages Ostermanns schuf. Auch der Tierpark und das Heimat­museum kauften unter vielen anderen Interessierten Plastiken des Künstlers an, der sich, einem ehrenden Antrag seitens der Stadt folgend, in Schmidtbochum umnannte.

 

Von Erich Schmidtbochum war auch eine Eichenholzfigur Dr. Carl Arnold Kortums, die aber offensichtlich den 2. Weltkrieg nicht überstanden hat.

 

Von dem in der Nachkriegszeit weit über Bochums Grenzen hinaus bekannten und gefragten Künstlers stammen - Bochum betreffend - die 2,60 m hohe Figur des “Betenden Bergmanns” auf der Eickhoff­gruft (1949) und die beiden 3,60 m hohen bronzenen Bergmanns­figuren vor dem Hauptgebäude der wiederauf­gebauten Ruhrknapp­schaft im Ehren­feld (1950/51).

 

1957 hat Erich Schmidtbochum seinen Wohnsitz und sein Atelier nach Wolfenbüttel verlegt. Seiner Heimat­stadt Bochum und dem Ruhrgebiet ist er in seinem Schaffen und seinem Herzen bis auf die heutigen Tage verbunden.

 

Der Künstler, der seit wenigen Jahren in Braunschweig lebt, teilte unserer Gesellschaft am 22. Mai 1991 auf Anfrage mit, daß sich das Gipsmodell zur VfL-Plakette in seinem Bildhauer-Ate­lier-Museum in Wolfenbüttel befinde und dort auch - nach vorhe­riger Absprache - besichtigt werden können.

 

Doch kehren wir zurück in die VfL-Jubiläumswoche im August 1948 und zur “Ehrengabe der Stadt Bochum für die beste Vereinslei­stung”!

 

Es waren die Leichtathleten der Hammer Spielvereinigung, die die begehrte Trophäe am 8.8.48 gewannen und mit in ihre westfälische Heimatstadt nahmen. Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung von Dienstag, dem 10.8.1948 berichtet: “Am Sonntag hatte sich beim nationalen Leichtathletiksportfest des VfL Bochum die westdeut­sche Spitzenklasse eingefunden. Leider wirkte sich die Witterung ungünstig auf die Stimmung aus. Doch auch der Wind hatte seine Vorteile. So konnte Pesch, neben dem Krefelder Fischer zweifel­los Deutschlands bester Sprinter, die 100 m in 10,4 Sekunden laufen, für deutsche Verhältnisse eine ungewöhnliche Leistung, wenn nicht der Wind im Spiel gewesen wäre. Immerhin gibt diese Zeit Kunde von der Formhöhe des Hammers, der für den nächsten Sonntag bei den deutschen Meisterschaften in Nürnberg vieles erhoffen läßt. Sein Klubkamerad Kremer, früher Welper, schaffte immerhin 10,5. ...”

 

Teamchef der Mannschaft der Hammer Spielvereinigung am 8.8.48 war vermutlich ein Olympiateilnehmer von 1936, der Zwölfkämpfer Walter Steffens, aus dessen Nachlaß das wertvolle Unikat seinen Weg nach Bochum gefunden hat. Steffens, der etwa bis in die Mitte der 50er Jahre aktiver Zwölfkämpfer gewesen ist, hat in Hamm eine private Turn- und Sportschule geführt. Er ist dem Vernehmen nach etwa Mitte der 80er Jahre gestorben. –

 

Die einzige, in den Zeitungen von Bochum zu findende Abbildung (der Vorderseite) der Plakette- “Photo: Vennefrohne” - bringt die Westfalen­post von Donnerstag, dem 12. August 1948. Der dazugehörige Text lautet: “Für die beste Vereinsleistung bei der Nationalen Leichtathletikver­anstaltung anläßlich des 100jährigen Bestehens des VfL Bochum erhielt der Hammer SV diese künstle­risch wertvolle Plakette des Bochumer Bildhauers Erich Schidt als Ehrengabe der Stadt Bochum.”

 

Fünf Jahre dauert es noch, dann kann der VfL Bochum 1848 sei­nen 150. Geburtstag feiern. Man darf gespannt sein, ob auf der dann fäl­ligen Leichtathletenveranstaltung wieder die 100 m in 10,4 Se­kunden geschafft werden - dann vielleicht sogar ohne Rücken­wind ...

 

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Bochumer Zeitpunkte Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege 

 

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Redaktion:

Eberhard Brand, Dr. Hans H. Hanke,

Peter Kracht

Heft Nr.2 - 1/93 in Zusammenarbeit mit Dieter W. Hartwig und Achim Verres

 

Verlag:

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Limbeckstraße 24, 44894 Bochum

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