"Geschichtenerzähler" aus Stein

Experten diskutierten über Denkmalschutz in Bochum

 

Dieter W. Hartwig

 

Architekten und Fachleute aus Stadt und Land waren im Februar 1993 ins Rathaus geladen, um über Denkmalschutz und -pflege in Bochum zu diskutieren. Rund 80 Experten folgten dem Ruf. Über 1300 Objekte, die auf ihre Denkmalwürdigkeit geprüft werden müssen, hat das städtische Planungsamt in einer Liste erfaßt. Gut 280 Gebäude sind bereits nach den Maßgaben des Denkmal­schutzgesetzes von 1980 als erhaltenswert anerkannt.

 

“Die Kinder späterer Generationen sollen sehen können, wie ihre Väter und Mütter gelebt und gearbeitet haben”, unterstrich Stadtbaurat Helmut Ahuis die Wichtigkeit von Denkmalschutz und -pflege. Ein Schwerpunktreferat hielt Dipl.-Ing. Dieter W. Hartwig von der Unte­ren Denkmalbehörde zum Thema “50er-Jahre-Architektur” in Bochum, das hier abgedruckt ist.

 

Das Thema "50er-Jahre-Architektur" ist für den Denkmalschützer und Denkmalpfleger Neuland. Dieses Neuland beruflich zu betreten, ist durchaus problematisch, denn Fürsprecher dieser Architektur lassen sich bislang nur in begrenzten Fachkreisen finden.

 

Geschützt und erhalten bleibt häufig nur das Objekt, das unsere Zeitge­nossen gleichermaßen als bedeutend erkennen und es als repräsentatives Einzelstück einer gesamten baulichen Epoche definieren. Das sind in der Regel die Kirchen und die Rathäuser, woanders auch die Schlösser und Paläste. Sozialgeschichte, Städ­tebau und Kunsthistorik lassen sich darüber hinaus an weit mehr Bauwerken festmachen, als an den zuvor genannten Kategorien. Gerade in den 50er-Jahren, die wir epochal begreifen, finden wir eine Mischung, die nach den schweren Kriegsjahren mit all den Zerstörungen umfassend erforderlich war.

 

Die folgenden Bilder möchten zeigen, ohne daß ich sie kommentiere. Es ist ein kleiner Ausschnitt von Bauwerken im Stadtgebiet Bochum, von denen wir schon jetzt annehmen, daß sie architekturge­schichtlich eine beson­dere Aussage­kraft besitzen. Diese Bilder sollen Ihnen vermitteln, daß auch die 50er Jahre Bedeutendes hervorgebracht haben, und ich wünsche mir, daß Sie auch die Sympathie entwickeln, die erforderlich ist, um zur Er­haltung und Nutzung dieser Gebäude beizutragen.

 

Der bislang maßgebliche Inventari­sationszeitraum für potentielle Baudenkmäler bis zum 2. Weltkrieg war nur relativ festgelegt, denn mit fortschreitender Zeit kommt man in einen Bereich, der die Denkmalwürdig­keit von Objekten, die nach dem 2. Weltkrieg entstanden sind, klar definiert. Gemeint ist die 50er-Jahre-Architektur, die durch ihre Bauweise, Stilelemente und dem neuen Bauen verpflichtet, einen eigenen Charakter beweist. Diese Ar­chitektur entspricht dem Leitbild “Licht-, Luft- und Sonnen­suche” und stellt sich, sogar für heutige Verhältnisse, mit spektakulärem Äußeren dar.

 

Wie kommt es, daß wir in Bochum, als eine der ersten Gemeinden hier im Ruhrgebiet, uns mit diesem Thema auseinandersetzen?

 

Dafür gibt es zwei Gründe:

 

1. Die Gebäude der Innenstadt hier in Bochum sind durch die Luftangriffe im 2 . Weltkrieg (ca. 550.000 Bomben sind nieder­gegangen) zu ca. 90 % zerstört worden, bzw. konnten die Ruinen der Gebäude nur noch abgebrochen werden. Daraus ergab sich natürlich eine immense Aufgabe zur Neubebauung. Der Neuord­nungs­plan I von 1948 beinhaltet nicht nur das Verkehrssystem, das neu angelegt werden mußte, sondern auch entsprechend den Konzepten zur Funktion, Erschließung und Gestal­tung den archi­tektonischen Wieder­aufbau der Innenstadt. Hier entstan­den nun im ehemaligen historischen Gefüge neue Kubaturen und räum­liche Korrespondenzen, die sich bis heute - wenig überformt - nahezu ursprünglich darstellen.

 

Neben der Innenstadt, die hauptsächlich wieder zentrale Funktion erfüllen mußte, war es dringend notwendig, auch verlorengegange­nen Wohnraum bereitzustellen. Dem Gartenstadtgedanken folgend wurden Siedlungen in aufgelockerter Zeilenbauweise erstellt, die trotz ihrer Schlichtheit bis heute noch unseren Stadtgrundriß mitbestimmen.

 

Somit ist Bochum, neben wenigen anderen bundesdeutschen Städten, wie Hamburg, Hannover, Kassel usw., ein repräsentatives Beispiel für Nachkriegsarchitektur.

 

2. Die mittlerweile über 40 Jahre alten Gebäude, die nicht sel­ten schnell und preisgünstig errichtet werden mußten, sind in ihrer Substanz schnell gealtert, und der Sanierungsbedarf wächst unaufhörlich. Wenn diese Architektur, deren Gesamtbild durch

 

unterschiedliche Details geprägt ist, durch Sanierung und auch durch Abriß ihre geschichtliche Authentizität nicht verlieren soll, muß deutlich herausge­stellt werden, was davon zu bewahren ist. Diese Aufgabe kann nur im Rahmen des Denkmalsschutzes er­folgen.

 

Gehen wir einmal vom persönlichen Geschmacksempfinden aus, hört man schnell die Stimmen, daß dieser architektonische Zeitab­schnitt nicht viel Qualität im technischen und gestalterischen Sinne produziert hat. Da muß man widersprechen!

 

Bochum hat eine Anzahl von Gebäuden aus dieser Zeit, die preis­gekrönt sind, die von bekannten Architekten gebaut wurden, ja Gebäude, deren Genialität erst beim zweiten Hinsehen erkennbar wird. Die demonstrativ schlichte Architektur kündet von program­matischer Selbst-bescheidung als Grundlage eines Neubeginns. Ich denke da einfach einmal an die wunderschönen geschwungenen frei­stehenden Treppenanlagen, an die Filigranität der statischen Gerüste, die Fenster­flächen - immer bemüht, dem Baukörper Leich­tigkeit und Transparenz zu verleihen. In dieser Transparenz sollten sich die Freiheiten einer neuen Gesellschaft bzw. der neuen Gesellschaft widerspiegeln.

 

Charakteristisch für die 50er-Jahre-Architektur sind neue Voka­beln bzw. Fachbegriffe, die allerdings schon weitgehend in den 30er Jahren entstanden sind: Materialästhetik, weit auskragendes Dach, Flugdach, Rasterbauweise, Betonraster, kontra­stierende Ausfachungen, rhythmi­sierte Aufglasung, geschwungene Baukörper usw.

 

Die Gebäude wurden gestaltet mit neuen Materialien, wie Plastik, Eternit oder Plexiglas. Es wurde kombiniert und konstrastiert, Fassaden oder Säulen mit Kleinmosaiken überzogen, Wände mit farbigen Fliesen verkleidet, Ausfachungen mit Klinker verblen­det, Fenster- und Türrahmen aus Eisen und Messing hergestellt. Man wollte alles Neue - nur nicht mehr das Alte.

 

Auch die “Kunst am Bau”, die sich auf den “Kunst am Bau-Erlaß” von 1928 in der Weimarer Republik bezieht, kommt in den 50er Jahren zu neuen Ehren, denn es wird wieder besonders viel Wert darauf gelegt, öffentlich finanzierte Gebäude mit mindestens einem Prozent der gesamten Bausumme durch künstlerische Arbeiten zu gestalten.

 

In diesem Zusammenhang möchte ich auf eine Veröffentlichung hinweisen: “Kunst auf Schritt und Tritt in Bochum” von Marina von Assel, die sich in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt und dem Presseamt mit diesem Thema hier in Bochum auseinandergesetzt hat.

 

Es muß leider festgestellt werden, daß bis auf einige wenige Ver­öffentli­chungen zum Thema “50er-Jahre-Architektur” bislang sehr wenig geforscht und geschrieben worden ist. Deswegen ist es sehr wichtig, daß an den Universitäten und Hochschulen aber auch in den Verbänden der Architekten und Designer dieses Thema Eingang findet, so daß zum einen die Akzeptanz gesteigert wird und zum anderen mit dieser Architektur in sanierungstechnischer Hinsicht behutsam bzw. einfühlsam und vor allem denkmalpflegegerecht umge­gangen wird. Es sollte allgemein ein soziales Anliegen werden, sich um diese Dinge zu bemühen. Das, was bisher geschehen ist, läßt eine zuversichtliche Haltung zu.

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege 

 

Herausgeber:

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde, Stadt­geschichte und Denkmalschutz

Graf-Engelbert-Straße 18, 44791 Bochum

Tel.: 0234/581480

 

Redaktion:

Eberhard Brand, Dr. Hans H. Hanke,

Peter Kracht

Heft Nr.2 - 1/93 in Zusammenarbeit mit Dieter W. Hartwig und Achim Verres

 

Verlag:

Peter Kracht - Verlag

Limbeckstraße 24, 44894 Bochum

Tel.: 0234/263327

ISSN 0940-5453

 

Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Verfasser persönlich verantwortlich.