Das Orchester der Stadt Bochum

in Ostpommern 1943

 

Georg Braumann

 

Eine nicht alltägliche Konzertreise unternahm das Städtische Orchester Bochum – heute die Bochumer Symphoniker - im Dezember 1943 nach Ostpommern. mit 58 Musikern und zwei Solisten.

 

Angesichts des heftigen Luftkriegs wurden Mitte 1943 Schulen mit ihren Lehrkräften und Kindern, auch Angehörigen, vor allem nichtberufstätigen Müttern, aus dem Gau Westfalen-Süd (Regierungsbezirk Arnsberg) mit Ausnahme von Dortmund und Witten, für die Baden und das Elsaß vorgesehen war, nach Ostpommern „umquartiert“. An der offiziell freiwilligen Evakuierung, die für Bochum am 26. Juni 1943 begann und am 15. Juli 1943 abgeschlossen war, nahmen allein aus Bochum, ohne Wattenscheid, etwa 16.000 (= 41 %) Kinder und 444 Lehrkräfte teil, andere Schülerinnen und Schüler fanden bei Verwandten eine Unterkunft oder waren in KLV-Lagern (Kinderlandverschickungs-Lagern), u.a. in Schlesien, untergebracht. Die älteren Jugendlichen waren als Luftwaffenhelfer verpflichtet oder zur Wehrmacht eingezogen. Auch das Inventar der Schulen und die städtische Jugendbücherei, die nach Stolp ausgelagert wurde und dort ihren Leihverkehr wieder aufnahm, waren in die Verlegung einbezogen. 13 Bochumer Jungen überlebten 1945 die ostdeutsche Katastrophe nicht, die Sachgegenstände gingen verloren. Einige Schulen, für die man in den zugeteilten Aufnahmegebieten offensichtlich kein Unterkommen mehr fand, kamen ins Sudetenland, u.a. die Jungen- und Mädchen-Oberschule aus Wanne-Eickel, und zwei nach Trautenau bzw. Reichenberg. Da die Schulen im Ruhrgebiet geschlossen wurden, die allgemeine Schulpflicht aber weiterbestand, blieben nur wenige, u.a. kranke Kinder in der Heimat; in den Randgebieten versuchte man, die nächstliegenden, von der Evakuierung nicht betroffenen Schulen zu erreichen (Verwal-tungsbericht der Stadt Bochum 1938-1948, Bochum 1949, S.167 f.).

 

Um den westfälischen Evakuierten eine Freude zu bereiten und den Gastgebern einen Dank zu sagen, aber auch mit der Absicht, die Durchhaltekraft zu stärken, versprach der Bochumer Gauleiter Albert Hoffmann nach seinem Besuch in Pommern eine Konzertreise des Bochumer Orchesters.

 

Nach einer Besprechung in der Bochumer Gauleitung am 5.11.1943, in der auch eine Konzertreise nach Baden und ins Sudetenland vorgesehen wurde, wurde eine weitere Besprechung in Stettin am 20.11.1943 erforderlich, an der außer Parteifunktionären u.a. der Intendant der Pommerschen Landesbühne Böttger, der Generalmusikdirektor des Städtischen Orchesters in Stettin Manne-beck, Oberstudiendirektor Ochel aus Wattenscheid und nun im Oberpräsidium Stettin für die evakuierten westfälischen höheren Schulen in Pommern zuständig, und der Bochumer GMD Klaus Nettstraeter teilnahmen.

 

Der Bochumer Dirigent bot für 19 Orchester-Konzerte folgende Werke an:

 

1.) Joh.Chr.Bach: Cembalo-Konzert

2.) Beethoven: Egmont-Ouvertüre

3.) Beethoven: 3. Symphonie

4.) Bruch: Violinkonzert g-moll

5.) Händel: Concerto grosso Nr.7,

g-moll

6.) Haydn: Symphonie Nr.104

7.) Haydn: Klavierkonzert D-dur

8.) Liszt: Präludien

9.) Mozart: Ouvertüre zur Zauber-

flöte

10.) Mozart: Violinkonzert A-dur

11.) Joh. Strauß: Walzer Wiener

Blut

12.) Wagner: Tannhäuser-Ouver-

türe

und alternativ: Beethoven:

5. Symphonie oder

13.) Schumann: 4. Symphonie.

 

Mannebeck sprach sich für die Schumann-Symphonie aus.

 

Als Solisten waren die Bochumer Nora Ehlert, Violine, und Hanna Menzel, Cembalo und Klavier, vorgesehen. Maßgebend für die Programmgestaltung war, „den Besuchern eine wirkliche Freude zu machen, sie nicht mit allzu schwerer Musik zu belasten“ (Nettstraeter, Bericht, 5.2.1994). Ein Eintrittsgeld sollte nur in Stettin erhoben werden; die von Westfalen zu übernehmenden Kosten wurden auf 40.000 Reichsmark geschätzt. Wegen Benzinmangels waren alle Reisewege mit der Reichsbahn statt mit Bussen zurückzulegen. Die Fahrt begann am 6.12.1943 abends, das Orchester traf am 7.12.1943 mittags in Stettin ein.

 

Im großen Saal des Städtischen Konzerthauses in Stettin hörte eine große Besucherzahl am 8.12.1943 begeistert das erste Gast-Konzert des für diesen Abend mit Stettiner Streichern verstärkten Bochumer Orchesters (5,6,4,13).

 

Am 9.12.1943 ging die Fahrt weiter nach Köslin; ein Quartier stand in der NPEA (Nationalpolitische Erziehungsanstalt) am Rande des Gollen zur Verfügung. Am 10.12.1943 war das Orchester in der Jungen-Oberschule mit seinem ersten Konzert in der ostpommerschen Regierungshaupt-stadt zu hören (6,9,4,13).

 

Von Köslin aus fuhr das Orchester am 11.12.1943 nach Kolberg - Strandschloß (9,4,13,11), am 12.12.1943 nach Treptow (9,6,4, 8,11), am 14.12.1943 nach Belgard - Capitol (6,1,4,8,11) und am 15.12.1943 nach Schlawe - Turnhalle (2,7,12,8,11).

 

Am 13.12.1943 spielte das Orchester ein zweites Mal in Köslin (2,1,10,3).

Am 16.12.1943 wurde die Reise nach Stolp fortgesetzt; Hotels und Privatquartiere dienten als Unterkunft. Auch in Stolp, der größten Stadt Ostpommerns, fanden zwei Konzerte statt und zwar am 17.12. 1943 (9,4,3) und am 18.12. 1943 (2,10,13,12).

 

Von Stolp aus wurden besucht: am 19.12.1943 Lauenburg - Lehrerbildungsanstalt (6,10,2,8,11), am 20.12.1943 Bütow (2,10,12, 8,11),

 

am 21.12.1943 Rummelsburg (2,4,3, Wagner: Vorspiel zu den Meistersingern).

 

Am 23.12.1943 fuhr das Orchester nach Schneidemühl; ein Lager und Hotels nahmen die Musiker auf. Noch am gleichen Abend fand das erste Konzert in Schneidemühl statt (2,4 [2.Satz], Schumann: Abendlied und Träumerei, 6 [2.Satz]).

 

Ebenfalls am 23.12.1943 spielte das nach seinem ersten Geiger benannte und aus Orchester-Mitgliedern bestehende Häusler-Quartett im Reserve-Lazarett Moltkeschule und im Lager von Schneidemühl, am 29.12. 1943 in Friedeberg ein drittes Mal (Mozart: Kleine Nachtmusik [erster + letzter Satz], Mozart: Serenade aus dem Streichquartett F-dur, Variationen aus Haydns Kaiser-Quartett).

Zu seiner Weihnachtsfeier spielte das Orchester Händel, den 2. Satz des Haydn-Klavierkonzerts, Schumanns Träumerei und aus Humperdincks Hänsel und Gretel.

 

Hatte es in Kolberg schon ein Mittagessen im Ratskeller gegeben, so spendeten nun zu Heiligabend die Städte Bochum und Schneidemühl Wein und Spirituosen.

 

Das Orchester musizierte am 1. Weihnachtstag in Flatow - Konzerthaus Reichsdank (5,4,8,11), am 2. Weihnachtstag noch einmal in Schneide-mühl (5,4,3, Wagner: Vorspiel zu den Meistersingern), am 27.12.1943 in Deutsch Krone (2,6,9,8,11) und am 28.12.1943 in Schönlanke mit dem gleichen Programm wie in Deutsch Krone. Auf der Rückfahrt nach Stettin war das Orchester am 29.12.1943 in Stargard zu hören (2,4,13,11). Die Rückreise trat das Orchester am 30.12.1943 an; es erreichte Bochum am 31.12.1943. Der Neujahrstag 1944 war ein freier Tag.

 

Während die NS-Partei für die Organisation und die äußeren Belange zuständig war und Funktionäre manchmal markige Begrüßungsworte sprachen, waren es vor allem Lehrer, die zu Herzen gehende Dankesworte sagten, in Köslin der Musiklehrer am Staatlichen Gymnasium Heinrich Haarmann, in Belgard OStD Dr. Lotz. Für die Evakuierten war neben dem musikalischen Ereignis die Heimatverbundenheit bestimmend.

 

GMD Nettsraeter konnte von begeisterten Zuhörern berichten, „die doch zum größten Teil noch nie sinfonische Musik in dieser Art gehört hatten“. „Das war nun ein Erlebnis für mich, denn nicht nur in Beifallklatschen haben die Volksgenossen ihrer Freude Ausdruck gegeben, nein, ich sah Menschen, die ganz still da saßen, denen die Tränen die Wangen herabliefen und die mir leise zuflüsterten: `Wie schön war das -- Grüßen Sie Bochum, unsere Heimat, und kommen Sie bald wieder´.“ (Nettstraeter, Bericht, 5.2.1994)

 

Der musikalische Erfolg war überwältigend. Mit dem Orchester wurden die junge Geigerin Nora Ehlert und die Cembalistin Hanna Menzel, die ihr 7 Zentner gewichtiges Cembalo nicht mit auf die Reise nehmen konnte und sich noch an einem Finger verletzte, stürmisch gefeiert. Die westdeutschen und pommerschen Zeitungen würdigten die Konzerte ausführlich mit besten Kritiken.

 

Ergänzend sei vermerkt, daß die beiden Solistinnen zu weiteren Konzerten für 1944 in Pommern verpflichtet werden sollten. H. Menzel gastierte mit Prof. Walter Schulz, Viola da gamba, am 18.4.1944 im Fest-saal der Fürstin-Bismarck-Schule zu Köslin mit Werken von Bach, Händel, Haydn, Ternaglia und Maraif.

 

Über das Konzert in Köslin berichtete die Kösliner Zeitung, Nr. 344/1943, vom 14.12. 1943 folgendes:

 

“Ein Kulturorchester ersten Ranges

Das Bochumer Städt. Orchester konzertierte in Köslin - Eine Glanzleistung

Köslin, 14. Dezember.

Selten haben wir in Köslin Gelegenheit, ein Orchester von Ruf zu hören. Um so größer war daher unsere Freude, als wir im Rahmen der Evakuierten-Betreuung ein Konzert erleben durften, das uns seines hervorragenden Gelingens wegen unvergeßlich bleiben wird. Es wurde von dem aus etwa 60 Mitgliedern bestehenden Bochumer Städtischen Orchester gegeben, das seinen Landsleuten in sinnigster Weise Grüße der Heimat überbrachte.

Der unter Leitung des Generalmusikdirektors Nettstraeter stehende, vorzüglich besetzte und fein aufeinander abgestimmte Klangkörper brachte zunächst in unübertrefflicher Wiedergabe die Sinfonie D-dur von Haydn, ein Orchesterwerk von strahlender Schönheit und edler Volkstümlichkeit, dessen lächelnde Heiterkeit ihm unvergängliche Jugendfrische bewahrt. Glanz, Fülle und Rundung des Gesamttons, gewissenhafte Herausarbeitung dynamischer Gegensätze - erinnert sei nur an die Fortissimotutti im Andante und an die scharfen Kontraste zwischen Menuett und Trio - und unbedingte Werktreue sind die Vorzüge dieses Orchesters, die beim Vortrag des Vorspiels zur „Zauberflöte“ von Mozart erneut und stärker noch in Erscheinung traten. Die Gestaltung des fugiert behandelten Allegro, das der sinnvolle Ausdruck emsigen, rastlosen, aber planvollen Strebens ist, konnte nicht schöner sein.

Den Höhepunkt des Abends bildete das Violinkonzert g-moll von Bruch, dessen feierliche Einleitungsrezitative von einem weitgespannten, außerordentlich wohllautenden Adagio abgelöst werden und dessen Finale durch den recht schwierigen Rhythmus des Doppelgriffthemas und durch den baritonalen Glanz des Seitensatzes zündet. Solistin war Nora Ehlert, eine junge Geigerin von ganz ungewöhnlichen Qualitäten, deren Technik Staunen und Bewunderung erregt und deren beseeltes Spiel von soviel innerer Wärme und temperamentvollem Schwung getragen wird, daß man völlig im Bann dieser ausgeprägten Künsterpersönlichkeit steht. Die traumhaft schöne Ausdeutung des Adagio wird noch lange in unserer Erinnerung leben. Besondere Anerkennung verdient die schwungvolle Mitarbeit des Orchesters, dessen zuchtvolles und begeistertes Spiel sich in den Zwischensätzen zu monumentaler Größe steigerte.

Die große Sinfonie d-moll von Schumann, deren vier Sätze nicht nur äußerlich, sondern auch der thematischen Verwandtschaft nach zusammenhängen und deren Romanze mit Solovioline zu den tiefsten Orchesterwerken zählt, bildete den grandiosen Abschluß eines Konzerts, dessen einzigartiges Gelingen der genialen Leitung des berühmten Kapellmeisters und der beispielhaften Hingabe sämtlicher Mitwirkenden zu danken ist.

Paul Zenke.”

 

 

Literatur

 

Stadtarchiv Bochum: BO 41 BS/28; darin enthalten u.a.: Klaus Nettstraeter: Bericht über den Einsatz des Städtischen Orchsters Bochum im Aufnahmegau Pommern im Monat Dezember 1943, 5.2.1994.

Zeitungsausschnitte

Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1938-1948, Bochum 1949, S. 194

Die Pommersche Zeitung, Folge 39/26.9.1987; Folge 40/3.10.1987.

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte

Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege

1/1994 (Heft 3 der Gesamtzählung)

 

Herausgeber:

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde, Stadt­geschichte und Denkmalschutz

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Eberhard Brand, Dr. Hans H. Hanke,

Peter Kracht

 

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