Ein Bochumer Bataillon von 1870/71

 

Heinz Brandt

 

Wie breit gefächert und für viele heutige Leser ungewohnt das Spektrum heimatgeschichtlicher Erinnerungen sein kann, beweist der Autor des folgenden Beitrages, den er - als versierter Sammler heimatkundlicher Zeugnisse - im Anschluß an eine interessante Neuerwerbung zusammengestellt hat.

 

 

Auf einer Auktion in Dortmund konnte ich den auf der folgenden Seite abgebildeten Militärpaß eines Angehörigen des Bataillons Bochum von 1871 erwerben. Der Inhaber des Passes war in Bochum geboren. Im Paß fand ich auch Siegelabdrucke des 1. Bataillons Bochum und die Eintragung der Entlassung nach Höntrop. Eine Freude für einen Heimatsammler! Aber sehen Sie selbst.

 

Dieser Fund brachte mich auf den Gedanken, einmal nachzuforschen, wer von Bochum um diese Zeit noch dem Regiment bzw. Bataillon angehört hat. Schon bald wurde ich fündig. In dem Feldzug 1870/71 war das Bochumer Bataillon nicht an großen Ereignissen beteiligt. Es war mehr im rückwärtigen Raum tätig und mußte dort oft unter schwierigsten Verhältnissen, insbesondere zum Schutze der Armee gegen die Überfälle durch Franktireurs [= Freischärler/Partisanen] und zur Aufrechterhaltung der Verbindung mit der Heimat, seine Pflicht tun.

 

Bei den Persönlichkeiten des Bataillons stieß ich auf Gustav Frielinghaus, den Rittergutsbesitzer von Haus Laer. Er gehörte von 1857 bis 1858 dem 2. Garde-Regiment zu Fuß in Berlin an und zwar als Einjährig-Freiwilliger. 1860 wurde er zum Leutnant der Landwehr, 1871 zum Premier-Leutnant befördert. Im Jahre 1866 war er in Königgrätz eingesetzt und kam 1870 als Adjutant zum Bataillon Bochum. Er war Träger des Roten Adlerordens und des Kronen-Ordens sowie einiger anderen Auszeichnungen. In Bochum war er Generaldirektor der Aktiengesellschaft der Zeche Dannenbaum, Präsident der Handelskammer, Mitglied des Vorstandes der Berggewerkschafts-kasse, Mitglied des Vorstandes des Allgemeinen Knappschaftsvereins und Mitglied des Bezirksausschusses in Arnsberg. Für seine vielen Verdienste wurde er zum Kommerzienrat ernannt. Am 28.12. 1911 verstarb er zu Haus Laer.

 

Auch der Amtmann und Major a.D. Arthur Wyneken gehörte zweitweise dem Infanterie-Regiement 56 an. Wyneken war lange Jahre Amtmann in Hordel und Ehrenmitglied des Krieger-Vereins Hordel und des damaligen Artillerie-Vereins Riemke.

 

Weiter ist zu nennen der Premier-Leutnant Wulff, der zur ersten Kompagnie des Bataillons Bochum gehörte. Er war lange Jahre Staatsanwalt in Bochum und später Oberstaatsanwalt. Wulff verstarb als Oberstaatsanwalt a.D. in Detmold. Auch er war Inhaber des Roten Adlerordens I. Klasse.

Vizefeldwebel Mummenhoff war Offizier-Diensttuer vom Bataillon Bochum, 2. Kompagnie. Im Zivilberuf war er Hauptkassierer des Bochumer Vereins und Mitarbeiter der Firma Mummenhoff und Stegmann in Bochum. Im Jahre 1898 verstarb er in Münster.

 

Vizefeldwebel Dach war ebenfalls Offizier-Diensttuer im Bataillon Bochum und gehörte zur 3. Kompagnie. Von 1865 bis 1867 war er Direktor der Zeche Engelsburg, von 1867 bis 1874 Direktor der Gewerkschaft Constan-tin der Große. Weiter war er Mitglied des Grubenvorstandes der Zeche Schlägel und Eisen und Vorstandsmitglied des Bergbauvereins. Ferner gehörte er dem Stadtverordneten-Kollegium zu Bochum als Vorsteher an. Am 1.6.1875 verstarb er als Direktor der Zeche Königin Elisabeth.

 

Über den Unteroffizier Franz Exmann gibt es eine besondere Geschichte zu berichten. Exmann war Kosthausverwalter beim Bochumer Verein. Er war schon 1864 bei der Erstürmung der Düppeler-Schanzen dabei und der erste Preuße, der vor Alsen in einem Kahn die Stellungen der Dänen erkundete. Für die Tat erhielt er damals das Militär-Ehrenzeichen II. Klasse und die Österreichische Tapferkeitsmedaille. Beim Bochumer Bataillon wurde er wegen einer besonderen Tat mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.

 

Es ergab sich für Exmann die Gelegenheit, sich auf Grund seines tapferen Verhaltens beim Prinzen Carl von Preußen vorzustellen. Dieser lobte ihn und sagte, wenn er einmal ein Anliegen hätte, möchte er sich ruhig an ihn wenden. Eine solche Gelegenheit sollte sich später ergeben.

Der Generaldirektor des Bochumer Vereins, Kommerzienrat Louis Baare, hatte, als die Industrie in den siebziger Jahren infolge des Freihandels schwer darniederlag, die Absicht, durch eine Abordnung von Arbeitern dem Fürsten Bismarck die große Not, in der sich auch die Arbeiterschaft befand, auseinanderzusetzen. Er besprach die Angelegenheit mit Exmann, der das Kosthaus verwaltete. Schwierig war die Frage, wie man an den Fürsten Bismarck herankommen könnte. Da erinnerte sich Exmann der Begebenheit aus dem Feldzug. Er wandte sich brieflich an den Prinzen Friedrich Carl und trug ihm das Anliegen vor. Dieser gab den Brief unter Befürwortung an den Fürsten Bismarck weiter und sofort wurde die Abordnung nach Berlin geladen. Als nun der wohlbeleibte Exmann die Notlage der Arbeiter geschildert hatte, meinte Fürst Bismarck scherzend: „Nun, bei Ihnen ist aber von dieser Notlage nicht viel zu sehen.“ Ein anderes Mitglied der Ab-ordnung erwiderte schlagfertig: „Ja, der ist aber auch bei der Menage!“

 

Geheimrat Louis Baare ist im übrigen für die Besserung der Arbeitsverhältnisse verdienstvoll tätig gewesen. Er hat den ersten Entwurf eines Unfallversicherungsgesetzes ausgearbeitet und mit dem Fürsten Bismarck auf dessen Wunsch persönlich erörtert.

Zum Schluß noch ein Bericht über die Rückkehr des Bochumer Bataillons aus Frankreich, der hier als Zitat aus den Kriegserinnerungen der Veteranen des Kreis-Krieger-Verbandes Bochum (S.580 f.) wiedergegeben ist.

Über den Einzug ist, nach einem Bericht des „Märkischen Sprechers“ vom 14. März 1871, folgendes mitzuteilen:

 

Am 12. März, 8 Uhr abends, fuhr der Extrazug, welcher das Bochumer Landwehr=Bataillon aus dem fernen Frankreich nach fast achtmonatlicher Trennung wieder in den heimatlichen Kreis führte, unter dem Jubelrufe der nach Tausenden zählenden Menge und unter den Klängen der Nationalhymne in den hiesigen Bahnhof ein. Die Zeit des Eintreffens des Zuges war zuerst auf 5 1/2 Uhr signalisiert, wurde jedoch im Laufe des Nachmittags mehrmals geändert und schließlich durch einen Aufenthalt in Köln um fast drei Stunden verzögert. Nahezu unbeschreiblich war das Wogen und Treiben der Volksmengen auf den Straßen, welche nach dem Bahnhof führten. Aus der Umgegend waren große Scharen nach der Stadt geströmt, und Extraposten, ja sogar Extrazüge brachten immer größere Massen von Ankömmlingen, welche dem Eintreffen der Landwehrleute entgegenharrten. Vor dem Bahnhofe und auf diesem selbst war gegen Abend die Menge bis zur Undurchdringlichkeit angewachsen und wartete auf den bald kommenden Zug. Die verschiedenen Vereine aus der Stadt, denen sich auch einige Kriegervereine aus der Nachbarschaft, wie aus Eickel, Eppendorf, Witten usw., zum Teil mit Musik= Korps an der Spitze, angeschlossen hatten, bewegten sich vom Wilhelmsplatz aus ebenfalls nach dem Bahnhofe hin und nahmen vor dem Empfangsgebäude Stellung. Die Turnerfeuerwehr hatte sich mit Pechfackeln auf dem Perron aufgestellt und tat auch hier ihre guten Dienste beim Eintreffen des langen Wagen-trains. Nachdem das Bataillon, geführt vom Hauptmann Schalle, im Bahnhofe nach Kompagnien aufgestellt war, bewegte sich unter Böllerschüssen und Glockengeläute der endlose Zug mit klingendem Spiel durch die zum Teil recht hübsch illuminierte Bahnhof=, Bongard= und Viktoriastraße nach dem Wilhelmsplatze hin, an dessen Eingang ein Triumphbogen errichtet war, unter welchem das Bataillon vom Oberst Scheppe und Bürgermeister Greve begrüßt wurde. Bürgermeister Greve hieß in einer kurzen Ansprache die Heimgekehrten willkommen, er gedachte der ehrenvollen Teilnahme unserer Landwehr an den Gefahren und Errungenschaften des blutigen Krieges, der Gefallenen, die für das Vaterland gestritten und ihr Leben dahingegeben, sowie des Dankes, den wir alle unserem wackeren Heere schulden, und bat schließlich darum, die Fahne des Bataillons mit dem verdienten Lorbeerkranze schmücken zu dürfen.

 

Alsdann brachte der Bezirkskommandeur, Oberst Scheppe, ein Hoch aus auf den König von Preußen und Kaiser von Deutschland, der bis zum Ende des furchtbaren Kampfes an der Spitze der deutschen Armeen im Felde vor dem Feinde ausgeharrt. Zum Schluß dankte der Führer des Bataillons für den herzlichen Empfang. Eine junge Dame, Fräulein O. Würzburger, heftete sodann mit einigen passenden Worten an die Bataillonsfahne einen Lorbeerkranz. Die Fahne wurde darauf unter klingendem Spiel von der 1. Kompagnie in das Zeughaus gebracht und die Mannschaften bei der hiesigen Bürgerschaft einquartiert. Einige Tage später fand dann die Entlassung der Landwehrleute statt. Möchten sie, so schließt der Bericht, nie wieder in ihrem friedlichen Berufe, den sie jetzt wieder aufnahmen, gestört werden und die Segnungen des Friedens, den sie unter Mühen und Anstrengungen mancher Art haben mit herbeiführen helfen, auch ihnen in reichem Maße zu teil werden!“

 

Literatur und Fotos

Kriegserinnerungen der Veteranen des Kreis-Krieger-Verbandes Bochum, Bochum-Land, 1913, Buchdruckerei Wilhelm Stumpf GmbH

Archiv des Autors

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte

Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege

1/1994 (Heft 3 der Gesamtzählung)

 

Herausgeber:

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde, Stadt­geschichte und Denkmalschutz

Graf-Engelbert-Straße 18, 44791 Bochum

Tel.: 0234/581480

 

Redaktion:

Eberhard Brand, Dr. Hans H. Hanke,

Peter Kracht

 

Druck:

Satz & Druck, Harald Gilbert

Schattbachstraße 77, 44803 Bochum

 

Verlag:

Peter Kracht2 Verlag

Limbeckstraße 24, 44894 Bochum

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