“Attentat“ zu Kaisers Zeiten auf die Kirmes in Weitmar

 

Hans W. Bimbel

 

Die guten Beziehungen Weitmars zum benachbarten Linden sind alt und besonders an den gemeinsamen Kirmestagen immer froher Natur gewesen. Dies änderte sich auch nicht, als der Bochumer Landkreis 1885 geteilt wurde und Linden zum neuen Kreis Hattingen kam, Weitmar aber bei Bochum verblieb.

 

Längst war der Krammarkt zu Linden, der seit alters am 24. August abgehalten wurde, die erwünschte Verlängerung des nicht minder lauten Kram- und Viehmarktes in Weitmar geworden, der immer einige Tage vorher, am 21. August stattfand.

 

Das königliche Landratsamt Bochum sah die Sache praktisch, als mehrere Einsprüche eingingen und stellte nüchtern fest: “Der Verkehr auf diesen Märkten ist ein lebhafter, da die Arbeitsbevölkerung darauf angewiesen ist, den größten Teil ihrer Haushaltsbedürfnisse von demselben zu entnehmen“.

 

Nicht so die örtliche Kirche. Die witterte da schon immer Gefahr für Leib und Seele - und dagegen mußte angegangen werden. Das damals wöchentlich erscheinende Sonntags-blatt für die evangelische Kirche Weitmar berichtete dann auch in seiner Ausgabe vom 20. Februar 1898: “Das Presbyterium hat sich in der Sitzung am 15. Februar einstimmig für die Aufhebung der Kirmes ausgesprochen, weil dieselbe das christliche Leben in der Gemeinde tief schädige, und hat Pastor Kraemer mit einer diesbezüg-lichen Eingabe an den Gemeinderat beauftragt“.

 

Doch als die Eingabe der frommen Weitmarer Presbyter in beiden Gemein-den bekannt wurde, erhob sich lautstarker Protest. Immerhin zählte Weitmar damals rund 12.000 und Linden fast 6.000 Einwohner, darunter gewiß eine stattliche Anzahl jener Unentwegter, die sich ihr jährliches Vergnügen nicht nehmen lassen wollten.

 

Und so kam es, daß das Sonntagsblatt schon am 6. März resignierend feststellen mußte: „Am vergangenen Sonntag (!) fand in der Rothermund-schen Wirtschaft [Blankensteiner Straße] eine Versammlung von Freunden der Weitmarer Kirmes statt. Wie uns gesagt worden ist, mochten sich ihrer etwa 50 eingefunden haben. Es handelte sich darum, Stellung zu nehmen zu dem »fürchterlichen Attentat«, das man auf die Weitmarer Kirmes geplant hat. Leider haben wir nicht die Gründe gehört, welche in der oben erwähnten Versammlung für die Beibehaltung der Kirmes ins Feld geführt worden sind. Uns ist nur das betrübende Resultat dieser Versammlung bekannt geworden: Man war sich einig, daß die Kirmes beibehalten werden müsse“.

 

In der Tat, die Protestler wehrten erfolgreich das “Attentat“ ab, denn die Kirmes ist geblieben.

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte

Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege

Heft 4, Oktober 1996

 

Herausgeber:

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde, Stadt­geschichte und Denkmalschutz

Graf-Engelbert-Straße 18, 44791 Bochum

Tel.: 0234/581480

 

Redaktion:

Eberhard Brand, Dr. Hans H. Hanke,

Peter Kracht, Andrea Schmidt

 

Druck:

A. Budde GmbH

Berliner Platz 6 a, 44623 Herne

 

Verlag:

Peter Kracht 2 Verlag

Limbeckstraße 24, 44894 Bochum

Tel.: 0234/263327

ISSN 0940-5453

 

Für namentlich gekennzeichnete Beiträge sind die Verfasser persönlich verantwortlich.