Das Gefallenen-Ehrenmal in der Goethe-Schule in Bochum

 

Eberhard Brand

 

Manche Denkmäler sind wie Meilensteine am Wegrand der Geschichte, oft zeugen sie von historischen Ereignissen und Zuständen, die Menschen einmal bewegt haben. Manchmal widerfahren Denkmälern auch merkwürdige Schicksale: sie werden angefeindet und bekämpft, sie werden beschmiert, zerstört oder einfach nur abgeräumt. Diese Praxis ist nahezu so alt wie das Aufstellen von Denkmälern selbst, da Denkmäler - das liegt in der Natur der Sache - häufig “Steine des Abstoßes” sind: Der verantwortliche Umgang mit ihnen will gelernt sein ...



Dieser Aufsatz wurde erstveröffentlicht in der “Festschrift der Goethe-Schule / 1995 / anläßlich der Verabschiedung ihres Schulleiters Dr. Wolfgang Elben”, S. 123-132, und schildert die wechselvolle Geschichte eines wohl wenig bekannten, dafür aber typischen Denkmals in unserer Stadt.

 

 

“Auf dem neuen Ehrenmal ist auch Dein Onkel Heinz eingemeißelt.” Diesen Satz bekam mein Bruder eines Tages von seiner Großmutter mit auf den Weg zu Goethe-Schule. - Onkel Heinz war einmal der Stolz seiner Eltern; seine Vita ist schnell erzählt: geboren 1909, Goethe-Oberrealschule von 1919 bis 1928, Abitur mit Auszeichnung, Jurastudium aus finanziellen Gründen aufgegeben, Ehe, ein früh verstorbenes Kind, bescheidene, aber hoffnungsvolle Berufslaufbahn, freiwillige Frontmeldung, im September 1941 gefallen in seinem allerersten Kampfeinsatz vor Odessa in der Ukraine. Sein Grab - er wurde nach Mitteilung des Wehrmachts-Gräber-Offiziers in Lenintal, gegenüber der Schule, beigesetzt - ist sicherlich dem Erdboden gleichgemacht worden, wie Millionen deutscher Soldatengräber im Osten, seine Eltern haben es nie besuchen können. Die einzige sichtbare Spur, die sein Leben in der Öffentlichkeit hinterlassen hat, ist sein Name auf dem Gefallenen-Ehrenmal in der Goethe-Schule. Sein Name steht dort in der langen Reihe der Goethe-Schüler und Lehrer, die in den beiden Weltkriegen unseres Jahrhunderts um ihr Leben gebracht wurden.



Die Geschichte dieses Gefallenen-Ehrenmals soll hier aufgezeigt werden, soweit sie nachempfunden und nachvollzogen werden konnte.



Die Oberrealschule in Bochum, die heutige Goethe-Schule, wurde 1851 als Provinzial-Gewerbeschule gegründet. Vermutlich haben Schüler und Lehrer dieser Bildungsstätte auch an den Kriegen von 1864, 1866 und 1870/71 teilgenommen, und es ist nicht auszuschließen, daß aus ihren Reihen schon Kriegstote zu beklagen sind. Das Ehrenmal besagt hierüber nichts. - Sichtbaren Niederschlag finden erst die gefallenen Schüler und Lehrer des Ersten Weltkrieges in der “Festschrift zur 75-jährigen Jubelfeier der Oberrealschule zu Bochum” (Juli 1926), dort wird der acht Lehrer (S. 49 f.) und mit einer “Ehrentafel” (S. 195) der 27 “im Weltkrieg gefallenen Schüler der Oberrealschule I zu Bochum” gedacht. Ein Gefallenen-Ehrenmal gab es bis dahin offenbar nicht, es war aber geplant, ein solches rechtzeitig zum Jubiläum fertigzustellen und einzuweihen. Der gedruckte Bericht über das Schuljahr 1926/27 der “Städtischen Oberrealschule an der Goethestraße zu Bochum” gibt Kunde davon. Im Abschnitt “Chronik der Schule” (S. 24f.) wird im Kontext der 75-Jahr-Feier unter anderem die Denkmaleinweihung am Sonntag, dem 25. Juli 1926, beschrieben: “... Nach dem Festakt begaben sich die Gäste in die im ersten Stock liegende Halle zur Einweihung des Denkmals für die gefallenen Lehrer und Schüler der Anstalt. Das Denkmal, ein Werk des Düsseldorfer Bildhauers Lindner, stellt einen jungen Kriegsfreiwilligen in voller Kriegsausrüstung dar. Es ist eine Stiftung des Vereins der Bochumer Oberrealschul-Abiturienten. Nach einleitenden Musikvorträgen eines Quertetts von Herren des städtischen Orchesters und Liedern des Schulchores nahm Herr Rechtsanwalt Dr. Dörpinghaus als Vorsitzender des Vereins der Bochumer Oberrealschul-Abiturienten die feierliche Enthüllung des Ehrenmals vor, an die anschließend Herr Studienrat Nocke die Weiherede hielt. Mit dem gemeinsamen Liede: »Ich hatt´ einen Kameraden« fand die Feier ihren Abschluß.”



“Eingeweiht” wurde eine überaus symmetrisch gehaltene Denkmalssituation, in deren Zentrum die Reliefdarstellung eines voll ausgerüsteten, kampfbereiten Soldaten stand: Der Stahlhelm war mit dem Sturmriemen festgezurrt, der Karabiner geschultert, die Linke umfaßte eine Stielhandgranate, die Rechte war zum Schwur erhoben. Uniformmantel, Schaftstiefel und Patronentaschen am Koppel vervollständigten das Bild ebenso wie der bezeichnende, die Situation krönende Sinnspruch “WIR WIRKEN / UND DAS / REICH / WIRD / LEBEN”, der für ideologische Eindeutigkeit der Gesamtaussage sorgte. Der Soldat stand auf einem Sockel mit Widmungsschrift; rechts und links - von Zierkonsolen gehalten - waren symmetrisch zwei Tafeln mit den Namen der Gefallenen angebracht, darunter jeweils ein steinerner Kranzhalter. Der gesamte Bereich oberhalb der Tafeln war ausgefüllt durch strahlenartige Verzierungen, die als Ursprung und Zentrum einen (gedachten) Punkt hinter dem Kopf des Soldaten hatten. In diesem Strahlenhalbrund befanden sich neben dem behelmten, linksgerichteten Kopf auch die Gewehrmündung, der rechte Arm mit Schwurhand und der “Weihespruch” des Denkmals, kurz, alles für damaliges Verständnis Wesentliche. Der ausgesprochen statische Charakter der Gesamtanlage wurde noch nachhaltig durch zeitverhaftete, uns heute pathetisch-steif anmutende Elemente wie antikisierende Säulen und wuchtige Kübelgewächs-Partien unterstützt. Lediglich die Kriegerdarstellung im Zentrum mit ihrer martialisch geprägten Symbolik wirkte - vordergründig betrachtet- in Ansätzen der bedrückenden Symmetrie entgegen.



Dieses war nun die Ehren-, Gedenk- und Weihestätte der Goethe-Oberrealschule, an der aber nicht nur der Gefallenen des Weltkrieges gedacht wurde: Auch zur Verfassungsfeier und wohl noch zu manch anderen Feiern kam man dort zusammen. Das Ehrenmal begleitete die Goethe-Schüler und -Lehrer wie Elternschaft und Ehemalige durch die Zeit der blühenden und der niedergehenden Weimarer Republik, durch die Jahre nationalsozialistischer Herrschaft in Deutschland, in Bochum und in der Goethe-Schule - was mag das Ehrenmal alles erlebt haben! - und somit auch durch die Jahre des Zweiten Weltkriegs. Das Schulgebäude wurde durch manchen alliierten Bombentreffer beschädigt, einige Gebäudeteile wurden völlig zerstört, das Ehrenmal - “im Herzen” des Hauptgebäudes gelegen - blieb intakt.



Mit dem Kriegsende - über 50 Jahre ist das nun her - kehrten die evakuierten Bochumer Schulen mit Schülern, Lehrern und Eltern - soweit sie die unsäglichen Zeitumstände überlebt hatten - aus Pommern oder anderen luftkriegsverschonten Gebieten zurück in das weitgehend zerstörte Bochum. Das Gebäude der Goethe-Schule war nur teilweise stark beschädigt, so daß es nach Aufräum- und Sicherungsarbeiten und notdürftiger Instandsetzung wieder als Schulgebäude zur Verfügung stand, wenn auch für eine Reihe von Jahren für die Goethe-Schüler und die Freiherr-vom-Stein-Schülerinnen zu abwechselndem Vormittags- und Nachmittagsunterricht. Und der steinerne Kriegsfreiwillige zierte immer noch vollausgerüstet und kampfbereit und mit dem ungebrochenen Heldenmut seiner Entstehungszeit das Gefallenen-Ehrenmal der Goethe-Schule.



Doch die meisten Schülerinnen und Schüler, vermutlich auch viele Lehrer, sahen dieses Ehrenmal, das aus dem Zeitempfinden der späteren Weimarer Republik mit all ihren Irrungen und Wirrungen erwachsen war, nun wohl mit anderen Augen: Der totale Krieg der vielen großen und kleinen Hitler, Himmler, Goebbels und Streicher hatte Deutschland, Bochum und die Goethe-Schule weitgehend zugrunde gerichtet, die Reihe der gefallenen, vermißten oder verkrüppelten, der ausgebombten, entwurzelten und vertriebenen Goethe-Schüler und -Lehrer war schier endlos geworden. –



So trist die unmittelbare Nachkriegszeit, so bedrückend und mangelhaft die damaligen Verhältnisse auch waren, in der Goethe-Schule wie allenthalben bemühte man sich um einen Neuanfang. Eine winzige Meldung in der “Westfalenpost” vom 11. Dezember 1948 zeugte davon: “Ehemalige Schüler melden sich. Die Goethe-Schule blickt 1951 auf ein 100jähriges Bestehen zurück. Daher soll schon jetzt ein Verein ehemaliger Goethe-Schüler ins Leben gerufen werden. Alle ehemaligen Goetheschüler werden gebeten, sich zu melden. Auch Angaben über ehemalige Schüler, die gefallen, vermißt oder gestorben sind, oder die nicht mehr in Bochum wohnen, sind sehr erwünscht. Meldungen an die Goethe-Schule, Goethestraße 5.”



Die Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Schule im Jahr 1951 zeigte deutlich, daß die Kriegergedenk-stätte von 1926 nun als problematisch angesehen wurde und man nach Ersatz strebte. Dr. Paul Dierichs, Vorsitzender der “Vereinigung ehemaliger Goetheschüler” seit ihrer Gründung und nimmermüder Geldsammler für Zwecke der Schule, vermerkt dort zu den Aufgaben der Ehemaligen: “Die Sammlung des nächsten Jahres muß die Kosten für das Ehrenmal erbringen, dessen Entwurf jetzt aus einem Wettbewerb unter den Bochumer Künstlern ausgesucht werden soll” (S. 65).



Noch deutlicher wurde ein Schreiben der Vereinigung ehemaliger Goetheschüler, datiert “Mitte Dezember 1954", mit dem sich Paul Dierichs an die Angehörigen der gefallenen Goetheschüler wendet. Dort wurde berichtet, daß die Ehrenmal-Ausschreibung unter den Bochumer Künstlern zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt habe und daß auch der Plan, die Fenster der Schulaula als Gefallenen-Ehrenmal zu gestalten, zwar künstlerisch gelöst worden, aber an der Kostenfrage gescheitert sei. Weiter führte Dierichs aus: “... Nunmehr ist ein neuer Plan für eine würdige Ehrung der Gefallenen entwickelt worden. Wir wollen das alte, durch die unkünstlerische Figur des Handgranatenwerfers belastende Ehrenmal behutsam abändern und in schöner Weise mit der Ehrung der Gefallenen des zweiten Weltkrieges verbinden. Die Gefallenen dieses letzten Ringens - es sind uns zur Zeit die Namen von 136 gefallenen ehemaligen Schülern und Lehrern bekannt - sollen lebendig gehalten werden durch ein Ehrenbuch.



In dieses Ehrenbuch werden von jedem Gefallenen oder vermißten nicht nur die wichtigsten Daten aufgenommen, sondern auch Fotos aus Schule und Kriegszeit, dazu noch Erlebnisberichte oder eigene Briefe auszugsweise oder im Original, die geeignet sind, Leben und Haltung der Betreffenden als Erinnerung für die Mitschüler und Vorbild für die nachwachsende Jugend festzuhalten. Das Buch soll zugleich Kultur- und Zeitdokument werden, von dem alle Angehörigen unserer Gefallenen wissen, daß die Erinnerung an ihr Familienmitglied als ehemaliger Schüler der Goetheschule in würdiger und zugleich lebendiger Form erhalten bleibt. Dieses Ehrenbuch wird dort vor dem Ehrenmal eine schöne Aufbewahrungsstätte finden. Wir wollen diese Arbeit so vorwärtstreiben, daß im zehnten Jahr nach Kriegsende das umgestaltete Ehrenmal eingeweiht werden kann. ...”



Dieses Schreiben verdeutlichte die stark angewachsene Distanz der Überlebenden zu dem alten Ehrenmal und seiner nicht mehr als konsensfähig empfundenen ideologischen Aussage. Es zeugt aber auch von den intensiven Bemühungen der Davongekommenen, die Erinnerung an ihre toten Mitschüler und Lehrer in einer angemessenen Weise zu dokumentieren und wachzuhalten. Das hob insbesondere die beabsichtigte Anlage des Ehrenbuches hervor. Daß der Umgang mit dieser Materie ausgesprochen schwierig war, konnten die Ausführungen Dierichs´ nicht verdecken: Heute euphemisch und paradox klingende Formulierungen sollten offenbar dazu dienen, die grausamen Tatsachen der Kriegsfolgen für die Hinterbliebenen und die überlebenden Schüler und Lehrer abzumildern.



Der geplante Zeitpunkt der Fertigstellung des neuen Ehrenmals im Jahr 1955 konnte nicht realisiert werden. Regelmäßig wiederholte Spendenaufrufe und eine unermüdliche Sammel-tätigkeit für die neue Gedenkstätte zeigten aber, daß das Projekt weiterhin mit Nachdruck verfolgt wurde. Einen überzeugenden Verzögerungsgrund für die Ehrenmalserrichtung nannte ein Ehemaligen-Rundschreiben, datiert “Mitte Oktober 1956": “... In Verbindung mit dem Umbau des Gebäudes ... ist auch eine Umgestaltung des Ehrenmals geplant. Die Stadtverwaltung wird im Rahmen der Gebäudekosten wahrscheinlich einen Anteil der Aufwendungen übernehmen. Uns bleibt lediglich die künstlerische Ausgestaltung, für die ein sehr geeigneter Entwurf vorliegt und der während des Winters durchgeführt werden soll, so daß wir im nächsten Jahr unser Treffen [gemeint war ein großes Ehemaligentreffen] zusammenlegen mit der Einweihung des Ehrenmals für die Gefallenen beider Kriege.” –



Die nächste Station in der Ehrenmals-Geschichte war im neubegrün-deten Goethe-Rundbrief Nr. 1 vom 15. Januar 1957 auf den Seiten 5 und 6 nachzuvollziehen, dort waren eine Denkmalsskizze und die folgende Beschreibung zu finden: “Ehrenmal der Goetheschule / Das neue Denkmal steht an der Stelle des alten Ehrenmals in einer Nische der Treppenhalle im ersten Obergeschoß. Die Nische ergibt sich aus der Pfeilerstellung der vorhandenen Architektur. Der Grundgedanke zur Gestaltung des Denkmals war folgender: Die gesamte Wandfläche der Nische wird mit einem dichten Muschelkalk bekleidet. Diese Fläche wird durch zwei sich kreuzende, etwas vertieft liegende, schwarze Balken asymmetrisch in vier Felder aufgeteilt. Das Material dieser Balken ist schwedischer Granit. In das größte der so entstandenen Felder werden die Namen der Gefallenen der beiden Kriege steinmetzmäßig eingeschlagen. Außerdem erscheint als Symbol ein Eisernes Kreuz frei vor das linke obere Feld montiert in Guß oder Schmiedetechnik. Für die Niederlegung von Kränzen sind zwei metallene Kranzhalter vorgesehen. Eine niedrige Stufe aus Travertin schafft den notwendigen Abstand vom Publikum.”



Mit unbedeutenden Abweichungen hat man das Denkmal wie beschrieben verwirklicht: Das Eiserne Kreuz wurde in Gußmetall, die beiden Kranzhalter in Stein ausgeführt; der vertikale Kreuzbalken erhielt eine Breite von 24 cm, der horizontale von 48 cm. Die Fläche, in der sich beide Balken überlagerten, war poliert, ansonsten bestanden die Kreuzbalken aus mattschwarzem Granit.



Ende September 1957 war es soweit: Paul Dierichs lud im Auftrag der ehemaligen Schüler die Angehörigen der gefallenen Goetheschüler zur “Weihe” des neuen Ehrenmals am 19. Oktober 1957 ein. Das Programm der “Totenfeier mit Weihe des Ehrenmals” hatte folgenden Ablauf: Der Schülerchor eröffnete mit “Es geht eine dunkle Wolk´ herein”, gefolgt von Perikles´ Rede an die Gefallenen und Gedenkworte von Paul Dierichs, dem Hauptinitiator und rastlosen Betreiber des Projekts. Nächste Punkte waren die Kranzniederlegung und die Entgegennahme des Ehrenbuchs durch den Schulleiter Dr. Rother. Den Beschluß bildete wieder der Schülerchor mit dem Lied “Das Laub fällt von den Bäumen”. - Der Hinweis, daß das Ehrenmal von Architekt Dipl.-Ing. Hans Knirsch, Bochum (Stadtverwaltung) entworfen wurde, ein Spendenaufruf und die Bitte um Beiträge zum Ehrenbuch schlossen das Programmblatt ab.



In der lokalen Presse wurde die Feier ausführlich gewürdigt: “Gedenkstätte mahnt zum Frieden”, so lautete beispielsweise die Überschrift in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung vom 21. Oktober 1957. Einige interessante Details enthalten die nachfolgenden Ausführungen, zum Beispiel wird vermerkt, daß die Gedenkworte von Paul Dierichs durch Auszüge aus dem Ehrenbuch der Gefallenen ergänzt wurden, “letzte Gedanken und Worte, erschütternde Dokumente einer furchtbaren Zeit, ihrer Nöte, Zweifel und Ängste.” Außerdem wurde festgehalten, daß das Ehrenbuch von dem Bochumer Kunstmaler K. Willy Heyer gestaltet wurde und von Studienrätin Dr. Wilma Gephart künstlerisch bearbeitet werden sollte. Auch die entscheidenden Verdienste von Paul Dierichs bei der Realisierung des neuen Ehrenmals wurden ausdrücklich hervorgehoben.

Der Goetheschule-Rundbrief Nr. 3 vom 1. Juli 1958 zeigte auf der Titelseite eine Abbildung des neuen Ehrenmals, das mit zwei Kränzen und einem Blumenstrauß geschmückt war. Auf der Seite 6 bemerkte der Nachfolger des inzwischen nach Kassel verzogenen Dr.Paul Dierichs, Dr. F.A. Schmidt, unter anderem: “... Das antiquierte Ehrenmal wurde in einer wahrhaft ernsten Feierstunde am 19. Oktober 1957 durch ein schlichtes Mahnmal, durch eine große Tafel, ersetzt (Entwurf Dipl.-Ing. Knirsch, Stadtbauamt).” –



Damit ist die Entstehungsgeschichte des Goethe-Schul-Ehrenmals erzählt; es bedarf nur noch einiger weniger ergänzender Bemerkungen:



- Auf der Travetinstufe, vor dem Ehrenmal rechts, steht auf einem 19 cm hohen Marmorsockel eine verschließbare Holzschatulle in den Abmessungen 53 cm Breite, 47 cm Tiefe und 24 cm Höhe. Sie diente nach ihrer Aufstellung der Aufnahme des Ehrenbuchs, das sich aber - aus nachvollziehbaren Gründen - seit etlichen Jahren in der Obhut des Schulleiters befindet.



- Ein Weiteres: Die 14 Namenszeilen mit Toten des Ersten Weltkrieges und die 48 Namenszeilen zum Zweiten Weltkrieg wurden nach 1957 zweimal durch je einen Namensnachtrag ergänzt, zuletzt im Jahr 1992, so daß heute insgesamt 63 Namenszeilen vorhanden sind. Nun ist der horizontale Kreuzesbalken, der in seiner doppelten Breite wie ein massiver Schlußstrich wirkt, erreicht.



- Ein Letztes: Irgendwann - vermutlich in den 60er Jahren - wurde das antikisierende Rundsäulenpaar vor der Anlage durch eine schlichtere Säulenlösung mit quadratischem Querschnitt ersetzt und im Äußeren den rechteckigen Halbsäulen des Denkmals angeglichen.



1945 war der unsagbare fürchterliche Zweite Weltkrieg zu Ende. Gut 50 Jahre trennen uns inzwischen von dieser schlimmen Zeit, eine Zeitspanne, die etwa der zweiten Generation entsricht: Die verantwortlichen Träger des damaligen Geschehens leben nicht mehr oder treten schrittweise ab von der Bühne aktiven Handelns. Welchen Stellenwert, welche Existinzberechtigung hat das Ehrenmal heute?



Das, was einmal die wirkliche Betroffenheit der wirklich Betroffenen durch die Schaffung des neuen Ehrenmals 1957 hervorgebracht hat, war tatsächlich eine Umwertung: Das einstmals gültige Pathos der Kampfes- und Helden(tod)-Verehrung wurde im verhaltenen und bescheidenen Aussagestil des neuen Ehrenmals in überzeugender Weise überwunden. Die Verantwortlichen für das Ehrenmal von 1957 verzichteten auf jeglichen “Weihespruch”, auf Ruhm und Leben vorspiegelnde Lebens- und Lorbeerbäume von einst, auf den “Vaterlands-Altar-Charakter” der ersten Anlage, auf ihre aufdringliche symmetrische Gestaltung und ihre in Ansätzen durchaus aggressiven Elemente -, im Gegenteil, der nicht provozierende Habitus des neuen Ehrenmals - es wird kaum einmal von Schülern bekritzelt oder beschmiert - seine unmißverständlich reduzierte und korrigierte Symbolsprache und der völlige Verzicht auf Kriegs- und Hel-den(tod)-Glorifizierung lassen es im Schulalltag kaum als etwas Besonderes, etwas “Anstößiges” hervortreten.



Der immer wieder zu beobachtende unbefangene Umgang der wohl meist uninformierten und wohl auch meist uninteressierten Schülerinnen und Schüler mit diesem Kontext - man balgt sich zum Beispiel um einen Sitz- oder Stehplatz auf der “Kiste” (Ehrenbuchschatulle) oder spielt bedenkenlos Fangen im Ehrenmalbereich - zeigt, daß das Gefallenen-Denkmal der Goethe-Schule weitgehend in den Schulalltag integriert ist. Der Ehrenmal-Charakter wird von nicht Sensibilisierten kaum oder gar nicht wahrgenommen, vielleicht auch bewußt nicht als solcher akzeptiert, weil die dort repräsentierten Werte vielfach aus dem Unvermögen, sie als historisch bedingt und legitimiert zu verstehen, pauschal abgelehnt werden.



Auch von der anderen Erfahrung gilt es neuerdings zu berichten: Aufgeschlossen durch eine kritisch-forschende und die Vergangenheit entdeckende Beschäftigung mit der Kriegergedächtnisstätte im alten Turm der Bochumer Christuskirche (1931) wurde das Gefallenen-Ehrenmal in der Goethe-Schule vor kurzer Zeit zum Untersuchungsobjekt einer “Geschichts-AG”. Betreut wurden die engagierten Schülerinnen und Schüler von Geschichtslehrer Dr. Rudolf Tschirbs und von Pastor Martin Röttger, der mit Koordinationsaufgaben im Bereich zwischen Evengelischer Kirchengemeinde und Bochumer Schulen betraut ist. In aufwendigen Untersuchungen wurden zum Beispiel eine Vielzahl vonDaten des “Ehrenbuchs der Gefallenen” und andere Materialien dieses Kontextes systematisch bearbeitet und ausgewertet. Ihre ersten Ergebnisse hat die “Geschichte-AG” in der Projektwoche vor den Sommerferien des Jahres 1995 vor- und ausgestellt; viele Schülerinnen und Schüler, aber auch viele Erwachsene haben die beeindruckenden Resultate gesehen und zur Kenntnis nehmen können.



Dort Desinteresse und Distanz - hier Engagement und neue Betroffenheit: Diese Bochumer Schule lebt mit dieser Hinterlassenschaft zweier Weltkriege, so bedenklich, so tragisch - bezogen auf die jeweiligen Zeitkontexte - sie in jedem Einzelfall auch gewesen sein mag, und sie lebt mit dieser Hinterlassenschaft gut - als mit einem Symbol eines zu überwindenden barbarischen Umgangs mit Menschenleben. Diese schlimmen Erfahrungen sind für Schülerinnen und Schüler von heute leider keine historische und leider keine überwundene Größe, es ist für sie weltweit fürchterlicher Alltag. Und deshalb ist es gut, daß es das Mahnmal für den Frieden, dieses unverwechselbare Kennzeichen dieser ehemaligen Jungenschule in Bochum gibt; die Namen, die dort dokumentiert sind, sollten zum Frieden mahnen, und sie bleiben ein wesentlicher Teil der Geschichte der Goethe-Schule - wie einst die Menschen, die sie repräsentieren.

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte

Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege

Heft 4, Oktober 1996

 

Herausgeber:

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde, Stadt­geschichte und Denkmalschutz

Graf-Engelbert-Straße 18, 44791 Bochum

Tel.: 0234/581480

 

Redaktion:

Eberhard Brand, Dr. Hans H. Hanke,

Peter Kracht, Andrea Schmidt

 

Druck:

A. Budde GmbH

Berliner Platz 6 a, 44623 Herne

 

Verlag:

Peter Kracht 2 Verlag

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ISSN 0940-5453

 

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