Neues Leben in alten Mauern

Nutzung eines steinernen Zeitzeugen

der Bergbaugeschichte an der mittleren Ruhr

im Bochumer Südwesten

 

Margrid Gantenberg

 

Umstrukturierung, Imagepflege und Veränderung einer Industrieregion sind Begriffe, die uns ständig begleiten. Der Prozeß einer solchen Neuorientierung bedeutet jedoch auch, daß sich mit der Geschichte der Region auseinandergesetzt werden muß, bevor diese verändert werden kann. Die Beschäftigung mit der Bedeutung der Dinge, welche die Geschichte ausmachen, ist notwendig, um Geschichte überhaupt zu begreifen. Der Schritt der Auseinandersetzung geht leider viel zu häufig verloren. Viel zu schnell werden Gebäude und somit „stumme Zeitzeugen” abgerissen. Was einst unsere Region ausmachte und zu Geschichte gehört, wird eingeebnet; durch ihren Abriß für immer ausgelöscht.

 

Jahrzehnte lebten Menschen mit Halden, Hüttenwerken, Hochöfen, Zechen, Arbeitersiedlungen und Industrieanlagen, die für die Bevölkerung Arbeit bedeuteten und teilweise noch bedeuten. Durch den Abriß verschwinden diese Anlagen von der Bildfläche und aus dem Leben der Menschen dieser Region. Vom Montanindustrie-Image, das mit rußiger Luft, grauem Himmel und rauchenden Schloten verbunden wird, soll Abstand genommen werden. Doch gehört die frühere Arbeits- und Wohnkultur zu der Geschichte unserer Vorfahren, und somit ist sie unsere Geschichte. Es ist die damalige Kultur, aus der die heutige entstand. Identität und historisches Bewußtsein sind an die Bauten der Industrie und an die Industrielandschaft gebunden. Stellvertretend für diese stehen auch viele kleine Zeugen und Zeugnisse, die sogenannten Solitäre der Industriegeschichte. Diese verschiedenen Fragmente der Bergbaukultur gibt es auch noch im Bochumer Südwesten. Hier wurde und wird zum Beispiel durch persönliches Engagement eines einzelnen Bürgers ein Zeitzeuge der Zechenkultur, ein Exemplar der sogenannten „Kathedralen der Arbeit”, erhalten und genutzt.

 

Die Zeche „Friedlicher Nachbar” in Bochum-Linden wurde 1961 stillgelegt. 1992 wurde eine Halle, in der sich ursprünglich die Kraftzentrale befand, von einem zu der Zeit dort ansässigen Industrieunternehmen äußerlich restauriert. 1994 wurde sie von dem Designer und Künstler Matthias Reckert gekauft.

 

In der Halle befand sich früher die für die Stromerzeugung der Zeche notwendigen Maschinen sowie eine Trafostation.

 

Diese Trafostation enthielt drei Trafos mit jeweils 1.000 kVA. In der Maschinenzentrale waren die Umspanner aufgestellt, die eine jeweilige Leistung von 1.000 kVA hatten und die Spannung auf 5 kV transformierten. Hier befand sich auch die 5 kV-Schaltanlage, von der die Stromverteilung zu den 5 kV-Unterverteilern erfolgte, die durch Kabel mit den Betriebsstellen über und unter Tage verbunden waren. Außerdem beherbergte die Halle den Ilgner-Satz für die elektrische Fördermaschine des Schachtes Baaker Mulde, einer der Schächte der Zeche Friedlicher Nachbar.

 

Die einzelnen Maschinen stehen jetzt nicht mehr in der Halle. Ein Anbau an die Halle wird noch von der Zentralen Wasserhaltung der Ruhrkohle AG für deren Trafostation genutzt. Seit Herbst 1994 befinden sich in der Halle die Arbeits- und Ausstellungsräume des Designers M. Reckert, der hier ein geeignetes Forum für seine Keramikwerkstatt gefunden hat.

 

Nach einer Töpferlehre studierte Matthias Reckert, Jahrgang 1948, an der Fachhochschule für Gestaltung in Bremen. Nachdem er 1974 die Witthüs-Töpferei in Keitum auf Sylt übernommen und sie 1980 in eine Werkstattgemeinschaft umgewandelt hatte, kam er 1990 ins Ruhrgebiet. Sein wichtigstes Ziel sieht Reckert in der gemeinsamen Arbeit mit anderen Künstlern und Designern. Er beschäftigt sich selbst mit wetterfester Baukeramik, besonders mit Stelen, deren Elemente als Bauteile zum Beispiel für Brunnen und Gartentoranlagen Verwendung finden. Zudem entwirft er Accessoires, Keramikschmuck und Stahlobjekte. Mit der alten Zechenhalle will Reckert einen Treffpunkt für Kunst und Design im Ruhrgebiet und darüberhinaus etablieren. Er finanziert das Hallenprojekt aus eigenen Mitteln ohne finanzielle Unterstützung von Außen.

 

Die Halle steht für die Bauweise einer industriellen Epoche. Sie wurde 1905 gebaut und 1910 durch einen Anbau erweitert und ist im Stil des Historismus gebaut. Rundbögen und Rundbogenfriese mit Mauervorlagen sind besonders an der Straßenfront, mit dem Blick zum Schacht Baaker Mulde, zu sehen. Eisenfachwerk ist am Giebel zu erkennen. In der Halle selbst sind das alte Treppengeländer und Geländer der Empore, auf der sich die Schalttafel befand, im Jugendstil noch vorhanden. Das Geländer wird von M. Reckert noch restauriert werden.

 

Zahlreiche Kapitälchen innerhalb der Halle dienen als Unterlage für eine Kranbahn, auf der zwei Kräne liegen. Ein Kran mit Kettenantrieb stammt von der Firma DEMAG und ist aus dem frühen 20. Jahrhundert. Er wäre noch funktionsfähig, wenn die Kette für den Handbetrieb nicht fehlen würde.

 

Der Fliesenboden, der mittlerweile unter einem Betonboden verschwunden ist, wird an einer Stelle “exemplarisch” im Originalzustand wiederhergestellt. Fragmente und Einzelstücke werden von Reckert restauriert und zusammengesetzt, um so als Demonstration des früheren Gesamtbodenbelags zu dienen.

 

Die Halle ist mit ungefähr 50 x 20 Meter für Reckerts Produktion allein zu groß. Er möchte sie gerne auch einem breiten Publikum und anderen Mitnutzern zeitweise zur Verfügung stellen. So werden hier in Zukunft Einzelveranstaltungen im kulturellen Bereich stattfinden können. Dabei soll auch zum Beispiel in Ausstellungen die Bergbaugeschichte der Region einbezogen werden.

 

Viele Ideen kommen zusammen, und da sich auch Regionales mit einschließen soll, möchte Reckert die Bevölkerung zum Mitmachen mobilisieren und sie einbeziehen. Die Halle bietet Raum für viele Projekte.

 

Den eigentlichen Charakter der Halle als Ort der Arbeit will Reckert jedoch beibehalten. Reckert betrachtet sich selbst als Handwerker, so soll auch das Handwerk immer im Vordergrund stehen. Die Werkstatt ist der Ort, an dem das Produkt entworfen und hergestellt wird. Der Mensch soll einen Bezug zu dem einzelnen Produkt finden, damit nicht nur bloße Fassade gekauft wird, sondern jeder Gegenstand seinen eigenen Charakter behält. Die Qualität und der individuelle Wert des Gegenstandes stehen als oberstes Prinzip.

 

Gemeinsam mit dem Kultur-Management Guido Röcken organisierte Matthias Reckert für 1997 wieder einige interessante Veranstaltungen, bei denen Kunst, Design und Kultur im Vordergrund standen.

 

Am 7. und 8. Mai 1997 fand in der Maschinenhalle in Bochum-Linden die Modemesse “Neu” statt. Es schloß sich sich am 10. und 11. Mai die Designerausstellung “FormArt” an, die schon zuvor zweimal erfolgreich stattgefunden hatte und ein interessiertes überregionales Publikum in den Bochumer Südwesten ziehen konnte. Im Rahmen dieser beiden Messen wurde ein mit 10.000 DM dotierter Designpreis vergeben, der in einer Feierstunde durch Oberbürgermeister Ernst-Otto Stüber überreicht wurde.

 

Am 20. und 21. September 1997 fand die Messe “Design unter hundert” statt.

Desweiteren sind noch interessante Projekte geplant. Die Halle findet mittlerweile auch im Ausland Beachtung.

 

Die Kulturlandschaft im Bochumer Südwesten wird durch deratige Veranstaltungen erweitert. Ein hoher Erlebnischarakter ist schon jetzt vorhanden, da in diesem Gebiet z.B. zahlreiche Bergbaurelikte erhalten sind. Bergbauwanderwege, die zum Teil ausreichend beschildert sind, weisen den Besucher in dieses Industriegebiet ein, das vor einigen Jahrzehnten viele Zechen beherbergte. Der für diese Region noch auszubauende Industrie-Tourismus findet hier gute und interessante Standorte für Besichtigungen und Erkundungen für Gruppen und Einzelreisende.

 

Dieses Beispiel zeigt, daß denkmalgeschützte Bauwerke auch denk-malgerecht erhalten bleiben können. Persönliches Engagement und das Verständnis, alte Bauten möglichst weitgehend zu erhalten und stilgerecht neue Funktionen zu integrieren, sind Beweis eines sinnvollen Umgangs mit erhaltenswerten Bauten.

 

Daß aber Gebäude, die einmal als erhaltenswert und schützenswert befunden werden, auch langsam verfallen und in ihrer ursprünglichen Bausubstanz völlig zerstört werden können, zeigt ein anderes Beispiel im Bochumer Südwesten. Ein vor Jahren als denkmalwürdig befundenes Industriegebäude, das ebenfalls auf dem Gelände der ehemaligen Zechen Friedlicher Nachbar in unmittelbarer Nähe von der Reckertschen Maschinenhalle steht, ist mittlerweile durch gedankenloses Umbauen, Abreißen und Anbauen von Einzelelementen völlig zerstört. Solche Bauten stehen für eine unsensible Art und Weise mit denkmalwürdigen Gebäuden in der Stadt Bochum umzugehen. Eine Beschreibung der Veränderungen an diesem Gebäude wäre müßig, die Fotos sprechen für sich und dokumentieren traurig den Verfall des Gebäudes.

 

 

Literatur

Katalog FORMART Design-Messe vom 2. bis 5. Juni 1994

Herten, Knepper, Oberste-Brink, „Zechen-beschreibung”. Die Schachtanlage Friedlicher Nachbar in Bochum-Linden, Band I, II und III, in der Reihe: Die Steinkohlenbergwerke der Vereinigten Stahlwerke A.-G., Essen 1939

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte

Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege

Heft 5, Mai 1998

 

Herausgeber:

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde, Stadt­geschichte und Denkmalschutz

Graf-Engelbert-Straße 18, 44791 Bochum

Tel.: 0234/581480

 

Redaktion:

Eberhard Brand, Dr. Hans H. Hanke,

Gerhard Kaufung, Peter Kracht

 

Druck:

A. Budde GmbH

Berliner Platz 6 a, 44623 Herne

 

Verlag:

Peter Kracht 2 Verlag

Limbeckstraße 24, 44894 Bochum

Tel.: 0234/263327

ISSN 0940-5453