Das Wattenscheider

Post­amt an der Hochstraße

(1930-1933)

 

Thomas Dann

 

Das Postamt an der Hochstraße gehört zu den bemerkenswerten Architekturen Wattenscheids und seit der Eingemeindung auch Bochums. Dennoch hat der Bau noch keinen Eingang in die bau- und kunstgeschichtliche Literatur gefunden. Der Verfasser möchte mit dem vorliegenden Artikel einen Beitrag dazu leisten, das Gebäude einem größeren, interessierten Leserkreis bekannt zu machen.

 

Ende der zwanziger Jahre mehrten sich die Klagen unter den Wattenscheidern über die beengten Verhältnisse des alten Postamtes in der Hochstraße 15. Zahlreiche Berichte in Zeitungen und Eingaben an das Reichspostministerium führten schließlich dazu, dass ein Neubau des Postgebäudes - nur hundert Meter von der alten Post entfernt - bestimmt wurde.

 

Mit dem Neubau sollte zugleich auch ein Selbstanschlussamt eingerichtet werden. Bis zu dem Zeitpunkt waren die Wattenscheider mit ihren Selbstwählapparaten an drei verschiedene Fernsprechämter an­geschlossen, so in Gelsenkirchen, Wanne-Eick­el und Bochum. Die Folge davon war, dass teil­weise Haus an Haus wohnende Wattenscheider Bürger nicht zum Ortstarif miteinander telefonieren konn­ten.

 

­1930 war der Entwurf für das neue Gebäude fertig. Er stamm­te aus der Bauabteilung der Oberpostdirektion (OPD) Dortmund. Zur Prüfung wurden die Unterlagen an den Reichspostminister in Berlin ge­schickt.

 

Am 14. Juni 1932 wurde mit den Arbeiten auf dem von Swidbert- und Hochstraße begrenzten­ Grund­stück begonnen. Postbaurat Karl Lach­mann von der OPD Dortmund war der Leiter des Bau­büros, bis er durch seinen Kollegen Lütje abgelöst wurde. Die Erdarbeiten führte die Bochumer Firma Max Sgattoni durch, mit der Bauausführung wurde die Firma Kös­ter & Adolphs aus Dortmund und Wuppertal-Nächs­tebreck betraut.

 

Das ausgewählte Baugrundstück der Swidbert-Schu­le lag inmitten eines von zahlreichen Wohnhäusern mit historistischen Architekturdetails gebildeten Viertels Wattenscheids. Der Einbruch in diesen Stadbereich war im Sinne der progressiven Moderne eine hervorragende neuzeitliche Lösung. Für den Kulturbewussten und den das ältere Wattenscheid Liebenden war es ein Akt schlimms­ter Barbarei.

Auf dem durch den Verlauf von Hoch- und Swidbertstraße spitzwinklig vorgebildeten Baugrundstück wurde ein annähernd rechtwinkliger, zwei-flügliger Baukomplex mit abgerundeten Ecken errichtet. Die 24 Meter lange Gebäudeseite zur Hoch­straße hin ist dabei kaum merklich gerundet; so mar­kiert ein Kreis­bogenabschnitt, zu dem ein Radius von 118 Metern gehört, die Fassadenlinie. Städ­tebaulich entstand durch ein leichtes Zurücksetzen der gesamten Baumasse gegenüber der Fluchtlinie der bereits existierenden Hochstraßenbebauung ein klei­ner Vorplatz. Der an den Ecken abgerundete Gebäudeblock wird zwischen zwei je an den Flü-gelenden stehenden, kantigen Treppenhaustürmen verspannt, die dem Komplex einen vertikalen Akzent verleihen. Bei genauer Be­trachtung fällt auf, dass die beiden Türme nicht additiv an den Hauptbau angefügt sind, sondern in dessen Baumasse einschneiden. Sowohl der Haupt­trakt als auch die beiden Treppenhaustürme sind mit einem Flachdach gedeckt. Die Dachunterseite bildet durch ihre schwar­ze Farbe einen Kontrast zum hellen Baukörper.

 

Die weitgehend schmuck­losen, silber-weißen Putzflächen des Postgebäudes kontrastieren mit den grau-schwarzen Basalt-Lava-Einfassungen der zu horizontalen, umlaufenden Bändern angeordneten Einzelfenster. Im Gegensatz zu den nicht durch­brochenen, abgerundeten Ecken der beiden Gebäudeflügel greifen die Fenster der Treppenhaustürme um die Ecken hinüber und lösen diese optisch auf.

 

Betrachtet man das Wattenscheider Postgebäude aufmerksam, so bemerkt man das klassische, horizontal geschichtete, dreiteilige Fassadenschema: entsprechend Postbereich, privates Wohnen und Dachgeschoss.

Die breiten Fenster des Erdgeschosses erscheinen sehr sinn­voll, weil dadurch die dahinter liegenden Diensträume gut belichtet werden. Im ersten Stock nehmen die Fensterdimensionen ab; dahinter liegen Wohnräume. Und schließlich geben kleine Fenster des zweiten Geschosses und der farblich abgesetzte Dachüberstand dem kubischen Baukörper einen „klassischen“ oberen Ab­schluss.

 

Einziger Schmuck neben den horizontal orientierten Kellergeschossgittern ist ein von einem gewissen Bildhauer Wecklein für die Eingangsachse gearbeiteter, 25 Zentner schwerer Reichsadler aus Basalt-Lava, dem gleichen Material, aus dem auch die Fenster­einfassungen zur Hoch- und Swid­bertstraße gefertigt sind. Allein die zum Hof gerichteten Fenster sind mit dunklem Kunststein eingefasst.

 

­Der Postkunde betrat vom Vorplatz aus über die Freitreppe einen Windfang, der zur Vorhalle überleitet. Durch ein Roll­gitter konnte hier vom Schal­terhauptraum ein so genanntes „stummes Postamt“ abgetrennt werden, in dem sich Schließfächer und Telefonzellen befanden, die noch nach Dienst­schluss bis 21 Uhr in Anspruch genommen werden konn­ten.

 

Dahinter erschloss sich die Schal­terhalle, die Paket-annahme und Dienst- bzw. Amtszimmer im Erdgeschoss. Im Obergeschoss befanden sich Dienstwohnungen für den Amtsvorsteher und den Telegraphenwerkführer. Hinzu kam der Wäh­lersaal für das Selbstanschlussamt. Das Dach­geschoss wurde nur über den straßen­seitigen Räumen und dem Flur hoch­geführt. Die entstehenden Räume dienten als Toilette, Ablagen und Waschküche. Die beiden Gebäudeflügel bildeten zur Mitte des Grund­stücks einen Hof, an dem neben einer Verladerampe auch Lagerräume und ein Stall eingerichtet waren.

 

Traditionelle und moderne Konstruktionsmethoden sind für den Hauptbau verwendet worden. Stahlbetonpfeiler und Unterzüge wurden mit massiv aus Ziegeln gemauerten Außenwänden kombiniert.­ Stahl­betonrippendecken trennten die Geschosse. Das Betonskelett im Inneren sorgte für Transparenz und erlaubte spätere bauliche Veränderungen. Die Außen­wände wurden noch zusätzlich durch um das Haus laufende Betonringanker gegen Bergschädenrisse gesichert.

 

 

Am 9. Dezember 1933 waren alle wesentlichen Bau­arbeiten abgeschlossen und das Postgebäude wurde für den Publikumsverkehr geöffnet. Eigentümerin war die Versorgungsanstalt der Deut­schen Reichspost. Die Stadt Watten­scheid hatte einen Bau­kosten­zuschuss von 70.000 Reichs­mark geleistet und das Grundstück zur Ver­fügung ge­stellt.

 

Sowohl in der Ent­wurfszeichnung als auch in dem davon nur geringfügig abweichend ausgeführten Bau sind Anlehnungen an Formen des sogenannten „Neuen Bauens“ offensichtlich. Hierbei handelt es sich um eine Bewe­gung fort­schrittlicher Architektur, die sich nach dem Ersten Welt­krieg entwickelte und eine betonte Abkehr von traditionellen bzw. historistischen Architekturformen, wie sie im Wilhelminischen Zeit­alter gebräuchlich waren, zum Ziel hatte. Es ent­standen zunächst auf dem Papier und später auch in gebauter Architektur vereinfachte Gebäude­blöcke mit weißen Putz­flächen und sich davon häufig in Schwarz­weißkontrast absetzenden, horizontalen Fens­terbändern.

 

Verbunden war mit den neuen Formen im Woh­nungsbau der Wunsch der Architekten nach einer besseren Gesellschaft. Ziel war es, Klassenunterschiede aufzuheben und neue, ehrlichere Beziehungen zwischen den Menschen herzustellen. Wesentlichen Beitrag in der Entwicklung des „Neuen Bauens“ bildete das Bauhaus-Gebäude in Dessau von Walter Gropius aus dem Jahre 1926. Plastisch modellierte Bau­körper aus weißen Putzflächen und horizontalen Fensterbändern bildeten eine ausgewogene Asym­metrie im Raum. Die Fläche wird vor allem durch den Kon­trast von Wand und Fenster strukturiert. Hier finden sich bemerkenswerte Parallelen zu dem Wattenscheider Postgebäude.

 

Das „Neue Bauen“ wurde erst um 1930 von Postbauräten in einem bescheidenen Rahmen umge­setzt. Es handelt sich dabei nur um vereinzelte Bauten, die in der Republik errichtet wurden. Eine Ausnahme bildet hierbei Bayern, wo zahlreiche Postbauten im Stil der Avantgarde ausgeführt wurden.

 

­Auch auf die Innenräume des Watten­scheider Postgebäudes griff die Formensprache der neuen Moderne über. Die Schalterhalle, der zentrale Raum eines Postamtes, ist der Ort des direkten Kontaktes von Bürger und Staat und bedarf folglich einer besonderen Behandlung. Wesentlich ist die Gestaltung der Schalterhalle nach den Erfordernissen des Postbetriebes und im Sinne eines neuen, demokratischen Verhältnisses zwischen Behörde und Bürger. Diese Neuerung muss den Watten­scheidern um so drastischer ins Auge gefallen sein, als sie im alten Postgebäude noch die aus Wilhelminischer Zeit stam­mende Einrichtung mit ihren ver­schlagartigen Schal­terkabinen kennengelernt hatten. Sie waren stumme Zeugen eines Autoritätsverhältnisses zwischen Beamtenschaft und Bürgern und somit Herr­schaftsinstrument kaiserlicher Macht. Licht­durchflutete, saubere und freund­liche Räume ersetzten die düsteren Amtsstuben. Jedoch wurde eine ausreichende Belichtung der Schal­terhalle mit zunehmenden Raumdimensionen problematisch.

 

Beim Wattenscheider Postamt wurde der Typus der fensternahen Schalterhalle gewählt. Die unmittelbare Präsenz der Kundenhalle an der Swidbertstraße sorgt für eine ausreichende Belichtung sowohl des Schal­ters als auch des Kundenraumes. So berichtet die „Allgemeine Wattenscheider Zeitung“ vom 6. Dezember 1933 über die Schalterhalle der neuen Post: „Überaus freundlich und an­heimelnd in ihren hellen Farben bietet sie sich dar.“ Große, glatte weiße bzw. helle Farbflächen dominierten die Haupt­halle; auf Ornamente und dekorative Details wurde verzichtet. Das Design sollte eben­so wie das der Fassade von funk­tioneller und ökono­mischer Zielsetzung bestimmt werden. Die Wand wurde als neutrale Flä­che, weitgehend ohne Sock­el und Gesims interpretiert.

 

Der Schalter selbst ist aus glatten Flächen gefügt. Sach­liche, funk­tionsbetonte For­men stehen im Vor­dergrund. Die Abtrennung der einzelnen Ge­schäftsbereiche erfolgt durch wink­lig gebogene Metallrohre, die Trans­parenz und Leich­tigkeit vermitteln. Diese Neue­rung wird auch in der Ausgabe der „Allgemeine Wattenscheider Zeitung“ vom 6. Dezember 1933 hervorgehoben: „Alle Trenn­wände zwischen Postkunden und Postpersonal sind fortgefallen und der berühmte ‚Schal­ter‘ hat hier wirklich ausgedient. Nach allen Seiten offene und sichtfre­ie Boxen stellen die Schal­ter dar.“ Die weiteren Mobilien der Diensträume sind jedoch weitgehend aus älteren Beständen übernommen und daher in diesem Zusammenhang nicht von Interesse.

 

Sehr aufschlussreich ist ein Vergleich des Wat­tenscheider Gebäudes mit einem weiteren Postbau aus der Entwurfsabteilung der OPD Dortmund, nämlich dem Postamt am Maiplatz 3 in Plettenberg. Es handelt sich um einen rechteckigen, zwei- bis viergeschossigen, flachgedeckten Bau, der 1930 von Postbaurat Karl Lachmann entworfen wurde.

 

Im Gegensatz zu dem Wattenscheider Bau erscheint das Plettenberger Postgebäude kompositorisch differenzierter. Alle jene für Wattenscheid beschriebenen Elemente wie kubischer Baukörper mit Flachdach, helle Putzflächen mit sich davon dunkel abhebenden Fensterrahmen und horizontal ausgerichtete Fensterreihen finden sich auch am Plettenberger Bau wieder. Jedoch fällt die Durchdringung der beiden Treppenhaustürme mit dem Hauptblock am Wattenscheider Postgebäude vergleichsweise wenig auf. Im Ergebnis zeigt sich an der Hochstraße eine aus ähnlichen Elementen wie in Plettenberg angelegte Architektur, die aber weitgehend spannungslos und lagernd wirkt.

 

Wie bereits angesprochen, zeichnete für den Plettenberger Entwurf Postbaurat Lachmann aus der OPD Dortmund verantwortlich, der gleiche Mann, der ab 1932 kurzfristig auch das Baubüro für das in der Entstehung befindliche Wattenscheider Postamt leitete. Da die Entwürfe für beide Amtsgebäude annähernd zeitgleich entstanden und zudem weitgehend übereinstimmende formale, kompositorische und stilistische Elemente aus dem Bereich des „Neu­en Bauens“ aufweisen, wäre es denkbar, dass Lachmann auch die Entwürfe für das Wattenscheider Postamt anfertigte.

 

Mit dem Bau des Wattenscheider Postgebäudes entstand seinerzeit ein hochmodernes Dienst­leistungsgebäude, das sich von eher konventionellen Lösungen im privaten und öffentlichen Bausektor der Stadt grundlegend unterscheidet. Allein das Filmtheater Lichtburg (1931-33, heute zerstört) und das evangelische Paul-Gerhard-Gemeindehaus (1929/ 30, nur teilweise erhalten) in Bochum und das von Bruno Paul in Gelsenkirchen errichtete Kauf­haus Sinn (1928, heute zerstört) lassen sich mit dem Wat­tenscheider Bau vergleichen.

 

Wattenscheids Postamt hat jedoch den großen Vorzug, dass es fast unbeschädigt den Zweiten Weltkrieg überstand und noch heute trotz einiger modernen Veränderungen Zeugnis ablegt von Architekturtendenzen aus der späten Weimarer Republik. Die Fertigstellung des Gebäudes fiel jedoch bereits in die Zeit nach Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933, und so sprach anlässlich des Festaktes zur Übergabe des Baus durch die OPD Dortmund der Bauleiter einige Worte, „in denen er auf den neuen Geist des nationalsozialistischen Deutschlands hinwies, der in Zukunft die Hallen durchdringen werde.“

 

Mit der Einweihung des Postamtes an der Hochstraße war denkbar spät der Einfluss des „Neuen Bauens“ in Wattenscheid spürbar geworden. Das Gebäude stellt in der Stadt zugleich das erste und letzte Beispiel des radikal-modernen Stiles dar. Mit dem Einsetzen der Nazizeit wurden diese Bauten als kulturbolschewistisch hingestellt und ihre Architekten verfehmt.

 

Wünschenswert wäre es schließlich, das Postamt in die Liste der denkmalschutzwürdigen Gebäude aufzunehmen und damit seinen unveränderten Bestand für die Zukunft zu sichern.

 

 

Der vorliegende Artikel erschien in ähnlicher Form bereits im Heft 1 der Post- und Telekommunikationsgeschichte, 1997 (Regionalbereich West), S. 83-87 unter dem Titel „Postarchitektur West­deutschlands unter dem Einfluß des ‚Neuen Bau­ens‘: Das Wattenscheider Postamt an der Hoch­straße (1930-33)“ und unter „Das Postamt an der Hochstraße (1930-33)“, in: Heimat- und Bürgerverein Wattenscheid (Hrsg.), Wat­tenscheider Ge­schichte(n). Eine Sammlung von Beiträgen zur Stadtgeschichte, Bochum-Wattenscheid 1999, S. 125-128.

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte

Beiträge zur Stadt­geschichte,

Heimatkunde und Denkmalpflege

Heft 6, Januar 2000

 

Herausgeber:

Dr. Dietmar Bleidick

im Auftrag der

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde,

Stadtgeschichte und Denkmalschutz

 

Redaktion:

Dr. Dietmar Bleidick, Peter Kracht

 

Herne 2000