Kulturstadt Bochum

- vor hun­dert Jahren

 

Clemens Kreuzer

 

Bochum sieht sich im ausgehenden 20 Jahrhundert als „Kulturstadt“. Daraus ergibt sich in kulturgeschichtlicher Retrospektive die Frage, wie das hiesige Kulturangebot denn hun­dert Jahre zuvor - am Ende des 19. Jahrhunderts - aussah. Was war damals schon da von der heutigen „Kulturstadt“? Dieser Frage soll mit Hilfe der Berichterstattung des „Märkischen Sprecher“, der namhaften Bochumer Lokalzeitung dieser Zeit, nachgegangen werden. Der Verfasser hat die Monate Mai bis Dezember des Jahrgangs 1899 systematisch auf die enthaltene Kulturbe­richterstattung durchgesehen und zum Ausgangspunkt weiterer Nachforschungen gemacht.1

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Der Jahr­hundert-

wechsel

vor 100 Jahren

 

Als Jahrhundertwechsel galt offenkundig auch im damaligen öffentlichen Bewusstsein der Übergang von Sylvester 1899 auf den Neu­jahrstag 1900 und nicht erst die Jahreswende 1900/1901. Jedenfalls schreibt der Mär­kische Spre­cher am 30. Dezember 1899: „ (...) wenn die Sylvester-Glocken erkingen, dann läuten sie mit dem neuen Jahr ein neues Jahrhundert ein“, und in seiner ersten Ausgabe des Jahres 1900 (MS 2.1.1900) berichtet er über die „Jahrhundertfeiern“. Die ganze Titelseite nimmt neben einem „Glück Auf zur Jahrhundertwende“ die im Wort­laut wiedergegebene „An­sprache Sr. Majestät des Kaisers und Königs an die Offiziere der Garnison Berlin bei der Jahrhundertfeier im Jahre 1900“ ein. Im Lokalteil wird kürzer über den örtlichen Jahrhundertwechsel berichtet: „Die Jahrhundertfeier ist in Stadt und Land fest­lich begangen worden. In Bo­chum begannen mit dem Schlage 12 von den Thürmen der Kir­chen sämmt­liche Glocken zu läuten. Auf dem Rundgang der Christuskirche hatte sich die städtische Kapelle eingefunden, die von dort mehrere Choräle blies. In den Straß­en herrsch­te ein fröhliches Treiben (...).“

 

 

 

 

Ein städtisches

philharmonisches

Orchester

 

 

Was es an Veranstaltungen zum Jahreswechsel 1899/1900 gab, ist der am 30.12.1899 erschienenen Jahresschlussausgabe des Märkischen Sprecher (Syl­vester fiel damals auf einen Sonntag) zu entnehmen. Das Stadttheater bot an Sylvester 1899 in einer Nachmittagsaufführung Friedrich Schillers „Ma­ria Stuart“ und abends gemeinsam mit „vol­lem Orchester der Stadtkapelle“ ein „Festspiel in 1 Aufz. v. Agnes Conradi“ mit dem Titel „Zum neuen Jahr­hundert“. Was sich hinter diesem „Festspiel“ verbarg, hat die Zeitung weder vor noch nach der Veranstaltung berichtet. Es handelte sich wahr­scheinlich um eine musikalische Revue, denn Agnes Conradi, die in der Ankündigung genannt wird, war die Ehefrau und tatkräftige Fachgehilfin des für die Win­tersaison 1899/1900 mit seiner Schau­spieltruppe an das Stadttheater verpflichteten Theaterdirektors Paul Conradi und auch später wieder Haupt­figur in einem „Schau­spiel mit Gesang“ (MS 10.2.1900). Ihrem Festspiel schloss sich die als „grosse Posse mit Gesang“ avisierte Aufführung des „Lumpaci Vagabundus“ von Nestroy an.

 

In der Tonhalle, einem Gasthaus mit großem Theatersaal im Bereich der heutigen „Drehscheibe“, gastierte bereits seit den Vorweihnachtstagen das „Platt­kölnische Volkstheater“ ­des Wilhelm Josef Millo­witsch, Großvater des erst kürz­lich verstorbenen Kölner Theateroriginals Willy Millo­witsch2. In der Nachmittagsvorstellung des Sylvestertages brach­te es eine - so die Ankündi­gung - „urkomische Operette“ mit dem Titel „Der Mikado oder Kölsche Japanese“. Abends folg­te eine „Volks­posse“, die nicht weniger köl­nisch gefärbt war: „Der Tünnes und der Teufel“. Am Neu­jahrstag bot das Millowitsch-Thea­ter nachmittags eine „gros­se Posse“, die zum Zeitpunkt pass­te: „Ein Aben­teuer in der Neujahrsnacht“. Abends folg­te das Musikspiel „Drei Tage aus dem Kölner Leben“, ein „Kölner Lebensbild mit Gesang von W. Millo­witsch“.

 

Auch das Stadttheater lag am Neujahrstag ganz auf der Linie der leichten Muse. Nachmittags wurde „Im weißen Rössl“ gegeben, angekündigt als Lust­spiel mit musikalischer Begleitung des städtischen Orchesters. Die gleichnamige Operette ist erst später entstanden. Abends folgte eine „grosse Operetten-Posse“ mit dem Titel „500 000 Teufel“, wiederum mit „vollem Orchester“. Es hat sich aber diesmal wohl nicht um das örtliche gehandelt, denn das philharmonische Orchester der Stadt unter Musikdirektor Heinrich Hammer gab am Abend des Neujahrstages ein „grosses Konzert“ im Hotel „Vik­toria“ an der Alleestraße. Bleibt zum musikalischen Angebot des Jahreswechsels noch zu ergänzen, daß das Restaurant Eldorado an der Wiemelhauser Straße an beiden Tagen zu einem „Monstre-Concert“ einlud.

 

Dass beim Jahreswechsel 1899/1900 bereits ein „Stadttheater“ und ein städtisches „philharmonisches Orchester“ existierten, überrascht den heutigen Zeitgenossen. Wurde nicht vor wenigen Jahren erst das 75jährige Bestehen des Schauspielhauses und der Symphoniker gefeiert, als Schöpfungen des 20. Jahr­hunderts? Wer, nunmehr neugierig geworden, den Märkischen Sprecher des Jahres 1899 durchsieht, trifft bereits auf ein Stadttheater, ein städtisches Orchester und darüber hinaus auf ein erstaunlich reichhaltiges Kulturleben. Städtische Festredner der Gegenwart sollten vorsichtig sein, wenn sie in der heutigen Stadtkultur nur Aufbauleistungen des 20. Jahrhunderts feiern. Gewiss ist in diesen hundert Jahren manches hinzugekommen und vieles wesentlich professioneller geworden, doch was Bochum scheinbar erst im jüngsten Jahrhundert an kultureller Substanz geschaffen hat, ist in großen Teilen nich­ts völlig Neues, sondern Weiterentwicklung und Ergänzung eines am Ende des 19. Jahrhunderts bereits vorhandenen Angebots.

 

Was die Ausgaben des Märkischen Sprecher - schon dem Umfang nach nur ein Bruchteil heutiger Zeitungen - an kultureller Berichterstattung brachten, versteckte sich zumeist zwischen einer langen Ansammlung von Kurznachrichten unter der Überschrift „Lokales und Provinzielles“. Lokale Kulturberichte, die in ihrem Umfang über diese Kurz­nachrichten hinausgehen, kamen nur sporadisch vor. Einen besonderen Kulturteil gab es weder im lokalen, noch im überregionalen Teil des Blattes. Der in unregelmäßigen Abständen, insbesondere in den umfangreicheren Wochenendausgaben, unter der Bezeichnung „Feuilleton“ oder „Kleines Feuilleton“ publizierte Teil der Zeitungen enthielt im wesentlichen die Fortsetzungen eines Romanabdrucks oder Kurzgeschichten und nur selten und dann in ganz geringem Umfange ein wenig Kulturberichterstattung.

 

Eine hilfreiche Informationsquelle über das kulturelle Geschehen ist neben der redaktionellen Berichterstattung der Inseratenteil, denn keine Veranstaltung, die auf einige öffentliche Resonanz ziel­te, kam ohne grafisch und typographisch auffällig gestaltete Anzeigen aus: So finden sich über Theateraufführungen und Konzerte, Bilderausstellungen und Vortragsveranstaltungen, sobald sie von einigem Rang waren bzw. diesen für sich beanspruchten, vergleichsweise auffällige Anzeigen. Doch diese informieren zwar über das Ereignis, sagen aber zumeist nur wenig über dessen Seriosität und Qualität.

 

Trotz der dargestellten Einschränkungen erweist sich der Märkische Sprecher bei der Auswertung seiner Text- und Anzeigenseiten als brauchbare Quelle über das Bochumer Kulturleben des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die mindestens Anlässe und Stichworte zum Weiterforschen liefert.

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Im Bochumer Musikleben des ausgehenden 19. Jahr­hunderts war das städ­tische philharmonische Orchester sowohl der Qualität als auch der Brei­te und Intensität seines Angebots nach von besonderer Bedeutung. Bo­chums damalige Phil­harmoniker waren ein erstaunlich fleißiges Orchester. Es präsentierte sich allein an den beiden Pfingstfeiertagen des Jahres 1899 mit acht verschiedenen Konzerten (MS 3.5.), und auch die Absichten zum Winterhalbjahr 1899/1900 belegen ein starkes Engagement:

 

Im Spätsommer kündigte der Märkische Sprecher das erste von zehn im Winterhalbjahr 1899/1900 geplanten Symphoniekonzerten an (MS 2.9.). Darüber hinaus wollte das Orchester an jedem Freitag- und Sonntagabend mit Familienkonzerten und jeden Sonntagmorgen mit einem Frühkonzert bei freiem Eintritt im großen Saal des Viktoria-Hotels an der Alleestraße aufspielen (MS 21.9.). Schließlich bot es neben diesen Konzertreihen in regelmäßigen Abständen „grosse Concerte“ an, die im Stadtpark-Restaurant oder im Viktoria, im Sommer auch als Freiluft-Konzerte im Stadtpark oder im Viktoria-Garten stattfanden.

 

Hinzu kamen musikalische Auftritte der unter­schiedlichsten Art. Als Ende Mai 1899 ein Operetten-Ensemble anreiste, um „Die Geisha“ von Sidney Jones mit „50 Sängern und Sängerinnen“ sowie „mit glänzender Ausstattung an Decoration, Requisiten, Möbeln“ (MS 27.5.) aufzuführen, oblag dem philharmonischen Orchester „der instrumentale Theil der Aufführung“ (MS 1.6.). Dasselbe war im Herbst bei den Aufführungen des „Sommer­nachtstraum“ (MS 10.11.) und verschiedener Operetten im Stadttheater der Fall. Im Juni bestritt es gemeinsam mit dem preisgekrönten Männer­gesangverein (MGV) „Iduna“ aus Bärendorf ein „Doppel-Monstre-Concert“ in der Engelsburg, das durch ein „prachtvolles Feuerwerk“ abgeschlossen wurde (MS 12.6.). Die Philharmoniker erschienen in der Reihe der „Vereinshauskonzerte“ ebenso wie in der Abonnementreihe des Musikvereins, sie wirk­ten mit beim Sommerfest des Gesangvereins „Liedertafel-Schubertbund“, und als der Landwehr- und Kriegerverein sein Sommerfest traditionsgemäß mit einem Festzug begann, marschierte ebenfalls traditionsgemäß die städtische Kapelle an der Spitze mit (MS 24.7.).

 

Mit solchen Traditionen machte Orchesterchef Hein­rich Hammer aber Schluss. Dass sein Orchester wie ein dörf­licher Spielmannszug die Festzüge der örtlichen Vereine anführte, mochte den Intentionen der kleinstädtischen Gründer von 1870 entsprochen haben. Doch er war dabei, „die obligatorischen Marsch- und Standmusiken zu­gunsten anspruchsvoller symphonischer Konzerte“ abzuschaffen3 und aus der vormaligen „Städtischen Kapelle“ nicht nur dem Namen nach ein „philharmonisches Orchester“ zu machen.

 

Heinrich Hammer, der die Leitung der städtischen Kapelle 1898 übernommen hatte, war ein hoch qua­lifizierter und international erfahrener Orches-ter-Chef, der nach seinem Musikstudium in Deutsch­land und Italien als Orchesterleiter in Stock­holm, Den Haag, Paris und Amsterdam tätig gewesen war, bevor er nach Bochum kam. Dass er schon 1901 als Musikdirektor nach Lausanne berufen wurde und darauf nach Genf wechselte, wo er die Grundlagen zu dem später weltberühmten Orchestre de la Suisse Romande schuf, und dass er 1904 nach mehreren Gastdirigaten bei den Berliner Philharmonikern für deren Leitung im Ge­spräch war4, belegt die herausragenden Fähigkeiten des Mannes, der um die Jahrhundertwende den Takt­stock in Bochum führte und hier neue Maßstäbe in der Musik setzte.

 

Dass er dennoch manches populistische Zu­geständnis machen musste, hatte wohl finanzielle Gründe. „Städ­tische“ Kapelle war das Musiker-Ensemble seit seiner Grün­dung nämlich nur insofern, als die Stadt einen „Städ­tischen Kapellmeister“ engagierte, dem sie einen festen Betrag in bescheidener Höhe als Jahreszuschuss zur Verfügung stellte. Die­ser hatte nun ein Orchester zusammenzustellen, indem er Musiker auf eigene Rechnung verpflichtete; mit den Ein­spielergebnissen der diversen Kon­zerte und dem städtischen Zuschuss hatte er sie zu bezahlen und sonstige Kos­ten zu bestreiten. Was übrig blieb, war sein Honorar.

 

An dieser Situation hatte sich bis zur Jahrhundertwende lediglich geändert, dass der Jahreszuschuss der Stadt, der seit Mitte der 80er Jahre 2.400 Mark betragen hatte, mit Hammers Einstellung auf 3.600 Mark angehoben worden war. Doch auch die reichten, wie in einem im Märkischen Sprecher veröffentlichten Leserbrief am 9.8.1899 steht, nicht annähernd aus. Der Briefschreiber hielt es an der Zeit, „an eine grundsätzliche Regelung unserer Bochumer Konzertverhältnisse“ zu denken. „Wir hätten dann endlich in Bochum stabile Verhältnisse und einen Dirigenten, um den uns Essen und Dortmund beneiden könnten. Und wenn wir auf Oper, auf Schau­spiele mit großer Ausstattung, auf Gemäldegalerien und ähnliche Kunstgenüsse verzichten, wäre ein gutes Koncert nicht wenigstens etwas für unsere gewerbefleißige Stadt?“ (MS 9.8.)

 

Dass die Bochumer ihr mit großem Engagement und steigenden Leistungen auftretendes Orchester zunehmend schätzten, belegt die Teilnahme an einem „Wohlthätigkeits-Concert“, das es am 12.12.1899 zugunsten einer Unterstützungskasse für die Bochumer Musiker gab. Während zu den Symphoniekonzerten im Winter etwa 200 und im Sommer lediglich 70 Besucher gekommen waren (Leserbrief im MS 9.8.), erlebte diese Aufführung mit fast 700 Besuchern eine Resonanz, wie es sie nach Darstellung der Zeitung mit Ausnahme eines Bochumer Gastkonzertes der Berliner Philharmoniker noch nie gegeben hatte (MS 16.12.). Zu dem Konzert, in dem die Leonoren-Ouvertüre von Beethoven, die Polonaise von Liszt und Beethovens 9. Symphonie gegeben wurden, ist im Märkischen Spre­cher von „orchestralen Leistungen auf sehr hoher Stufe“ und von teilweise „enthusiastischen Beifallsstürmen“ die Rede (MS 16.12). „Zur Zeit besitzen wir ein hervorragendes philharmonisches Orchester unter Leitung des Musikdirectors Hammer“, schrieb denn auch Max Seippel 1901 in seinem längst zum stadthistorischen Klassiker gewordenen „Rück- und Rundblick bei der Wende des Jahrhunderts“5.

 

 

 

Konzert-

veranstaltungen

der örtlichen

Gastronomie

 

 

Die Konzerte des philharmonischen Orchesters fanden zumeist im Stadtparkrestaurant statt, häufig aber auch im groß­en Saal des Hotels Viktoria und manchmal im evangelischen Vereinshaus. Das evan­gelische Vereins­haus, „ein Gesellschaftshaus mit Restauration, Gesellschaftsräumen und großem Saale sowie Garten“ an der Mühlenstraße6 (heute Windmühlenstraße), war Ende des 19. Jahrhunderts ohnehin Auf­führungsort regelmäßiger Musikveranstaltungen. Die „Vereinshauskonzerte“, im Abon­nement angebotene Konzertreihen von vierteljährlich drei bis vier Veranstaltungen, sind im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zu einem festen Begriff im Bochumer Kulturleben geworden. Im Juni 1899 lief bereits die 34., im Dezember die 36. Reihe der Ver­einshauskonzerte. Offenbar war ihr musikalisches Angebot vergleichsweise anspruchsvoll, denn der Märkische Sprecher vom 10.6.1899 rühm­te ein „reichhaltiges und feingewähltes Programm“ der zuvor stattgefundenen Konzertveranstaltung, beklagte aber zugleich, dass „der Besuch sehr zu wün­schen übrig ließ“.

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Konzertabonnements boten auch Bochumer Restaurantbetriebe an. Die „Felsenburg-Concerte“ etwa, die in den Sommermonaten in der „Felsen­burg“, dem an der Wittener Straße gelegenen „größ­ten Garten-Etablissement der Stadt“ (MS 16.6.), stattfanden, waren im Sammel-Ticket zu buchen: „12 beliebig verwendbare Einzelkarten“ kosteten drei Mark (MS 16.6.). Darüber hinaus gab es zahlreiche Einzelkonzerte. Im Märkischen Sprecher erschienen in den Sommermonaten zu jedem Wochenende drei, vier oder fünf Konzertanzeigen der hei­mischen Gastronomie. Jedes größere Restaurant, das etwas auf sich hielt, bot - wenn schon nicht kontinuierliche Reihen, so doch sporadisch immer wieder - Musikveranstaltungen an. Neben der „Fel­senburg“ traten 1899 u. a. der „Bochumer Gürzenich“, das Hotel Viktoria, das Stadtpark-Restaurant, das Restaurant Kortum, die „Reichskapelle“, die „Engelsburg“ und das Weitmarer Restaurant Garthmann für Konzerte werbend in Erscheinung.

 

„Wirte als Kunstmäzene“ hat Dieter Bloch in seiner Bochumer Musikgeschichte ein Kapitel über­schrieben, in dem er darstellt, dass sich „im ganzen vorigen Jahrhundert ein reges musikalisches Leben in den Gaststuben und Hotelsälen Bochums“ abspielte.7 Die Wirte hätten „als Haupt­vermittler zwi­schen Musik- und Zehrgenüssen ihren zahlreichen Gästen ein klingendes Kaleidos­kop“ geboten. Dass sie dadurch zahl­reiche Gäste an das Haus binden konnten, zeigt das Bei­spiel der „Engelsburg“. Bei ihr bestand ein „geschlossener Ver­ein zu sonntäglichen musikalischen Unterhaltungen und Tanzvergnügen, dessen Sommerkonzerte zwi­schen Mai und September solchen Zulauf hatten, daß einheimische Nicht­mitglieder selbst gegen Entgelt keinen Einlaß fanden“8.

 

Die sommerlichen Freiluft-Kon­zerte, die insbesondere in den Gartenanlagen der Felsenburg und des Restaurants Kortum sowie beim Stadtpark-Restaurant stattfanden, waren offenbar sehr beliebt. Da sie jahreszeitlich an die Monate Mai bis August/An­fang September gebunden waren, war in diesen Mo­naten auch das Kon­zertangebot der Gastronomie am größ­ten. Aber auch im Win­ter wusste man sich jahreszeitlich einzurichten: Mitte November 1899 zum Beispiel boten ungarische Zigeunerkapellen sowohl in der „Reichskapelle“ als auch in der „Felsenburg“ heiße Rhythmen zur kalten Jahreszeit (MS 18.11.), und Ende Dezember machten man­che Gartenrestaurants aus der Not eine Tu­gend, indem sie zum „Eiskonzert“ bei „spiegel­blanker Eisbahn“ einluden (MS 23.12.).

 

 

Die potentiellen Konzertbesucher und gleichzeitigen Restaurantgäste wurden mit Schlagworten und Superlativen umworben. Kaum eine Veranstaltung dieses Genres, die nicht als „grosses Concert“ her-ausgestellt wurde, doch diese Charakterisierung allein reichte den Veranstaltern häufig nicht. Das „Gros­se Concert“, für das der „Bochumer Gürzenich“ im Märkischen Sprecher (MS 6.5.) warb, wurde dem Wortlauf der Anzeige nach „ausgeführt von den größten Instrumentalisten der Welt“. Die „Engelsburg“ veranstaltete im Juni 1899 „ein grosses Doppel-Monstre-Concert“, das so bezeichnet wurde, weil es gemeinsam von dem philharmonischen Orchester und dem preisgekrönten Männergesangverein „Iduna“ aus Bärendorf dargeboten wurde und ein „prachtvolles Feuerwerk“ den musikalischen Abend abschloss (MS 12.6./15.6.).

 

Gelegentlich wurde das gastronomische Musikinteresse mit patriotischen Anlässen verbunden. Wegen des Sedan-Gedächtnistages - die im wilhelminischen Deutschland jährlich gefeierte Wiederkehr der siegreichen Schlacht bei Sedan im deutsch-fran­zösischen Krieg von 1870/71 - veranstaltete etwa der „Restauranteur Traß“ am Wilhelmsplatz (heute Husemannplatz) im September 1899 „in seinem Lokale ein patriotisches Freikoncert“, bei dem immerhin das philharmonische Orchester spielte (MS 2.9.), und im November fand „im Garthmannschen Locale in Weitmar ein Concert zugunsten der im Transvaal-Krieg in Südafrika verwundeten Buren und Deutschen“ statt (MS 8.11.).

 

Die „Restauranteure“ verpflichteten zwar hin und wieder auch die örtlichen Philharmoniker, doch vor­wiegend wurden auswärtige Musikergruppen engagiert, die um so gefragter waren, je exotischer sie auftraten. Bei den bereits erwähnten Auftritten von Zigeuner-Kapellen Anfang November 1899 wetteiferten die „Reichskapelle“ mit ihrer „original-ungarischen Zigeuner-Kapelle aus Budapest“ und die „Felsenburg“ mit ihrer „beliebten ungarischen Magnaten-Zigeuner-Kapelle in Husarenuniform“ um die Gunst des Publikums (MS 18.11.).

 

Uniformierte Musiker waren - preußischem Zeitgeist entsprechend - ohnehin besonders beliebt. Es gab 1899 kaum einen Monat, in dem nicht die eine oder andere renommierte Militärkapelle konzertierte. So spielte z. B. im Juni das Musikkorps der kaiserlichen 4. Matrosen-Artillerie-Abteilung aus Cux­haven, „die Lieblingskapelle der entschlafenen Kaiserin Augusta“ (MS 13.6.) im Stadtpark auf und veranstaltete das Weitmarer Restaurant Garthmann ein „Grosses Militair-Concert mit nachfolgendem Tanzkränzchen“, das von der Kapelle des Königlichen Infanterie-Regiments Nr. 171 aufgeführt wurde (MS 15.6.). Anfang Oktober fand im Schützenhof ein „Elite-Concert der gesamten Kapelle des I. Garde-Regiments zu Fuss unter pers. Leitung des königl. Musikdirektors Fritz Möller aus Potsdam“ statt. Die als „Lieblingskapelle Seiner Majestät des Kaisers“ angekündigte Kapelle bot „historische Musik“ aus der Zeit von 1491 bis 1899, wobei die „36 Original-Heroldtrompeten, Fanfaren, Feld­trommeln und Kesselpauken“ sowie „altdeutsche Fanfaren von 16 Antilopen-Kriegshörnern“ als besondere Attraktion galten (MS 30.9.). Der Märkische Sprecher meinte, dass ein Konzert „dieses illustren Musikkorps zu den bedeutendsten Ereignissen unseres Musiklebens gerechnet werden“ dürfte (MS 30.9.). Auch die Kapelle des Regiments Garde du Corps, die im November im Schützenhof gastierte, zählte nach dem Urteil des Blattes „zu den auserlesensten Elite-Kapellen, welche infolge ihrer häufigen Mitwirkung bei gros-s­en Paraden und den Empfängen fremder Fürstlichkeiten berufen sind, den Glanz der deutschen Armee nach außen zu repräsentieren“ (MS 7.11.).

 

 

 

Gesangvereine und

Gesangabteilungen

 

Eine bedeutende Rolle spielten in der Bochumer Musikwelt des ausgehenden 19. Jahrhunderts die zahl­reichen Gesangvereine und Gesangabteilungen der übrigen Vereine. In der zwei­ten Jahrhunderthälfte war ein unge­wöhnlich breites und vielfältiges Vereinswesen aufgeblüht. Seippel schreibt kritisch über die Vereinsmeierei um die Jahrhundertwende, „daß die Aben­de von Vielen nur den Vereinen gewidmet werden und für Manchen die 7 Wochentage nicht ausreichend sind, den Vereinsverpflichtungen nach­zukommen“.9 Das 1899 erschienene „Adress­buch der Stadt Bochum und der angrenzenden Bezirke von Altenbochum, Weitmar und Wiemelhausen“ verzeichnete für dieses Gebiet nicht weniger als 178 Vereine, unter denen 27 Gesang- und Musikvereine waren. Alle übrigen heutigen Bochumer Stadt­teile, die hier noch nicht einbezogen waren, hatten natürlich eben­falls ihre Gesangvereinskultur; allein in Langendreer gab es damals 14 Männergesangvereine10.

 

Dabei beschränkte sich die Pflege des mehrstimmigen Gesangs aber keineswegs auf die Gesangvereine. Viele der übrigen Vereine hatten ihre eigene „Gesangabtheilung“. So traten zum Beispiel im Monat Juli 1899 in den Ankündigungen des Märkischen Sprecher die „Gesangabteilung des ev. Bürgervereins von Grumme, Vöde und Umgebung“ (MS 12.7.), der „Gemischte Chor des ev. Jünglings- und Männervereins“ (MS 18.7.) und die Gesangabteilung des „Landwehr- und Kriegervereins“ (MS 24.7.) mit musikalischen Darbietungen in Erscheinung. Besonders ausgeprägt war die Pfle­ge des Gesangs bei den Knappenvereinen, von denen die meis­ten eigene Gesangsgruppen be­saßen.11

 

Der Chorgesang hatte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer echten Breitenkultur entwickelt. Was sich im internen Vereinsleben an Chor­proben, Übungsabenden, „Ständchen“ aus den verschiedensten Anlässen und Musikdarbietungen bei den eigenen Vereinsfeiern ergab, ist kaum noch zu quantifizieren, aber zweifellos ganz erheblich. Aus den Veröffentlichungen des Märkischen Sprecher lässt sich nur noch das publizierte Angebot der Gesangvereine und der Gesangabteilungen anderer Vereine nachvollziehen.

 

Da zeigte man in öffentlichen Konzerten, was man konnte. So präsentierte sich etwa der bereits er­wähnte „Gemischte Chor des ev. Jünglings- und Männervereins“ mit einem „Liederabend im Kaisersaal des ev. Vereinshauses“ (MS 17./19./22./ 28.7.). Andere sangen für einen guten Zweck, wie dies zum Beispiel die Langendreerer Gesangvereine „Niegedacht“, „Germania“ und „Lie­derkranz“ zusammen mit dem örtlichen Posaunenchor im Lan­gendreerer Ortsteil Crone (heute ein Stadtteil von Witten) in ihrem „Wohlthätig­keitsconcert zum Besten der Kleinkinderschule“ (MS 20.9.) taten.

 

Mancher Verein lud auch zu einem Sommerfest mit musikalischen Darbietungen ein. So bot der renommierte Gesangverein „Liedertafel-Schubertbund“ bei seinem Sommerfest Mitte Juli 1899 eigene Gesangsdarbietungen sowie Konzertaufführungen des hinzu geladenen philharmonischen Orchesters und darüber hinaus noch „Feuerwerk, Fackel-Polonaise und Festball“ (MS 17.7.). Etwa zur selben Zeit warb auch die Gesangabteilung des „Ev. Bürgervereins von Grumme, Vöde und Umgebung“ für ihr Sommerfest mit „Concert, Theater, lebenden Bildern und Ball“ (MS 12.7.).

Jeder Verein, der auf sich hielt, feierte sein jährliches Stiftungsfest mit Spiel und Gesang. So fanden im Juli 1899 u. a. das 9. Stiftungsfest des Männergesangvereins „Borussia Wiemelhausen“ mit „Con­cert, Gesangvorträgen und Ball“ sowie das 28. Stiftungsfest ­des Knappen-Vereins „Glückauf“ in Laer-Uemmingen „mit Festzug, Concert und Ball“ (MS 20.7.) statt. Zu den Stiftungsfesten wurden auch befreundete andere Vereine eingeladen, so dass im musika­lischen Programm zumeist eine ganze Reihe Chöre miteinander wetteiferten. Als zum Beispiel der Gesangverein „Männer-Quartett Querenburg“ am 5.Juli 1899 sein 2. Stiftungsfest feierte, waren die Vereine „Deut­sche Eiche“ und „West­falia“ aus Herbede sowie „Eintracht und Lie­be“ aus Querenburg dabei und „verschönten die Feier durch ihre Lieder“ (MS 6.7.) In gleicher Weise wurde das 23. Stif­tungsfest des Gesangvereins „Wachtel“ in Hamme von den Vereinen „Ein­tracht“ Marmelshagen, „Preziosa“ Grumme und „Heideröslein“ Hamme unterstützt (MS 19.7.).

 

Aus besonderem Anlass, etwa eines Jubiläums, kam es zu einem Sängerwettstreit. Im Sommer 1899 wur­den im Bochumer Raum mehrere solcher Wettbewerbe ausgetragen. An dem „großen nationalen Gesangwettstreit“, den der Langendreerer Gesangverein „Westfalia Bahnhof 1889“ am 9. Juli in drei Sälen des Langendreerer Ortsteils (Alter) Bahnhof veranstaltete, nahmen immerhin 30 Vereine aus Rheinland und Westfalen teil. Preis- und Ehrenpreissingen sowie Festzug und Kaiserhoch be­stimmten den Ablauf des Ereignisses (MS 3./12.7.). Wenig später veranstaltete der MGV „Ein­tracht“ Werne einen „grossen Gesangwettstreit“ mit „Preis­singen in 4 Klassen“ (MS 22.7.), und zur 25-jährigen Jubelfeier des MGV „Sängerbund“ Hamme fand ebenfalls ein „großer nationaler Gesangwettstreit“ statt (MS 13./22.7., 3.8.). Als der MGV „Einigkeit“ Anfang September 1899 von einem Wettstreit in Münster mit einem Preis heimkehrte, stand das natürlich in Bochum in der Zeitung (MS 7.9.).

 

Aus der Phalanx der zahlreichen Gesangvereine ragte der seit 1860 existierende Musikverein, auf den der heutige Philharmonische Chor zurückgeht, durch ein anspruchsvolleres musikalisches Pro­gramm heraus. Am 27.9.1899 avisierte er im Märkischen Sprecher „für die bevorstehende Saison“ einen für Mitte November geplanten musikalischen Goethe-Abend, für Dezember ein „Künstler-Concert“, für Februar 1900 das „neue Oratorium ‚Manasse‘ von Heger“ und für Anfang April die „Apotheose des Hans Sachs aus den ‚Meistersingern‘ von Wagner“. Das „Künstler-Konzert“ im Dezember ist insofern erwähnenswert, als dazu ein „neu gebildetes Instrumental-Trio“ engagiert wurde, von dem der Märkische Sprecher staunend feststellte, „daß sämtliche Mitwirkende Damen sind“ (MS 29.11.).

 

Höhepunkt des Musikverein-Programms war aber wohl der Goethe-Abend, der als „musikalische Erinnerungsfeier“ zum 150. Geburtstag des Dichters stattfand. Sie bot Tonwerke dar, die es zu Goethe-Dichtungen gab, so u. a. Beethovens Ouvertüre zum „Egmond“, Schuberts Vertonung des „Erlkönig“ und Mendelssohns „Erste Walpurgisnacht“ für Soli, Chor und Orchester (MS 17.11.). Die Veranstaltung hatte auch Lokalkolorit, denn als Pianistin wirkte Elsa Krüger mit, die Tochter des Musikdirektors Krüger, der auch den Musikverein leitete. Sie galt als künstlerisches Talent, hatte ihr doch „der berühmte Komponist“ Engelbert Humperdinck bescheinigt, sie habe ihm „verschiedene Kompositionen auf dem Klavier vorgespielt und dabei eine sehr anerkennenswerte pianistische Gewandtheit (...) sowie eine höchst erfreuliche Begabung in Bezug auf echt musikalischen Vortrag bekundet, welche Vorzüge zu den schönsten Hoffnungen für die Zukunft berechtigen“ (MS 9.11.).

 

Kurze Zeit nach der Goethe-Veranstaltung war ein Dichter von nicht ganz so großem Namen und eher lokaler Bedeutung Anlass eines hiesigen Konzertereignisses: Carl Arnold Kortum. Auch bei ihm ging es um ein Jubiläum, die 100jährige Wiederkehr seiner erstmals 1799 in vollem Umfang er­schienenen Jobsiade. Der Männergesangverein Liedertafel-Schubertbund nahm dies zum Anlass, unter dem Dirigat des Christuskirchen-Kantors und Komponisten August Große-Weischede eine musikalische Bearbeitung eben dieser Jobsiade im Bochumer Stadttheater vorzustellen: „Hieronymus Jobs, Schwank in vier Akten“ (MS 29.11.). August Große-Weischede, von dem die Komposition stamm­te, war 1879 als Mu­sikdirektor an die neu erbaute Christuskirche gekommen. Die dort von ihm zur Aufführung ge­brachten Oratorien galten in Bochum als besondere musikalische Ereignisse, seine Dirigier-, Spiel- und Kompositionskunst „stell­te die von ihm geleitete Christuskirchenkantorei unstreitig mit in den Mittelpunkt des gesamten Bochumer Kulturlebens um die Jahrhundertwende“.12

 

Auch Vereine, deren Zweck nicht im Singen lag, mochten zu ihren Festlichkeiten nicht auf musikalische Darbietungen verzichten, ob sie nun eine eigene Gesangabteilung hatten oder nicht. Der Landwehr- und Kriegerverein z. B. feierte sein Som­merfest mit einem Programm, in dem es u. a. Musikstücke der Philharmoniker und Gesangvorträge der eigenen Gesangabteilung gab. Der Knappenverein „Schlägel und Eisen“ in Steinkuhl beging sein Sedanfest mit Konzert, Ansprache und Ball (MS 24.9.), wie auch der „Ümminger Raucher-Club“ zum Sedan-Fest „Concert, Ball und brillantes Feuerwerk“ offerierte (MS 9.9.).

 

 

 

Theaterangebote

am Ende des

19. Jahrhunderts

 

 

­Zwar dominierte die Musik im kulturellen Angebot der damaligen Jahrhundertwende, doch das Thea­ter nahm - wenngleich mit deutlichem Ab­stand - den zweiten Rang ein. Im Vereinsleben gehörte das Laienspiel neben dem Chorgesang zu den beliebtesten Be­schäftigungen. Viele Vereine, namentlich auch die bergmännischen Knap­penvereine, hatten neben ihren Gesangabteilungen auch eigene Theaterabteilungen13, andere betrieben das Theaterspiel als Teil ihrer allgemeinen Vereinsarbeit. Vereine, die das Laienspiel zum ausschließlichen Vereinszweck mach­ten, sind im Bochumer Adressbuch von 1899 nicht verzeichnet, existierten aber in der Umge­bung - so z. B. in Stiepel seit 1889 der Theaterverein Preziosa14 - und zeitweise auch in der Stadt.

 

­Das Theaterspiel, ob in eigenen Einstudierungen des Laienspiels oder durch professionelle auswärtige Grup­pen, gehörte neben dem Chor­gesang zur Gestaltung vereinsinterner wie öffentlicher Feiern. So sah das Programm zum Stif­tungsfest des „Ev. Arbeiter-Ver­eins von Bochum und Umgebung“ neben „Concert, Chor- und Sologesang“ auch „Büh­nenaufführungen“ vor (MS 28.9.), das bereits erwähnte Som­merfest des „Ev. Bürgervereins von Grum­me, Vöde und Umgebung“ neben konzertanten Dar­bietungen auch Thea­terspiel und „Lebende Bilder“, also bildhaft gestellte Szenen. Die Konzertgesell­schaft Harmonie in Stiepel bot im dortigen Wirts­haussaal Voh­winkel Konzert und Thea­ter ­­(MS 18.10.).

 

Alle Gaststätten, die über einen größeren Veranstaltungssaal verfügten, hatten diesen selbstver­ständlich auch mit einer Bühne ausgestattet. Das erforderten schon die Musik- und Laienspieldarbietungen in den geselligen Veranstaltungen der Vereine. Manche Gastwirte engagierten aber auch professionelle Theatergruppen, um Gäste ins Haus zu be­kommen. So kam der „Klg. Hofschauspieler August Junkermann“ und das berühmte Berliner Fritz-Reuter-Ensemble in die Bochumer Ton­halle (MS 19. + 21.10.), die dann über die Weih­nachtstage und zum Jahresende das Millowitsch-Theater aus Köln zu Gast hatte. Die Tonhalle, Nach­folgerin eines schon in den 70er Jahren entstandenen, spä­ter abgebrannten „Stadt­theaters“, hat mit einer gewissen Regel­mäßigkeit Theatervorstellungen professioneller Wan­derbühnen angeboten. In allen diesen Fällen stand die „leich­te Muse“ im Vor­dergrund der Darbietungen.

 

Das galt natürlich erst recht für die Bochumer Variete-Theater, die ein mehr oder minder attraktives, fast immer reißerisch angekündigtes Pro­gramm hatten, das häufig - so zum Beispiel am 30.9.1899 für das Central-Theater - als „Große Specialitäten-Vorstellung“ angepriesen wurde. Die „zwei Specialitätenbühnen für leichte Sachen“ in Bochum hatten, wie Max Seippel berichtet, „einen besseren Besuch als das Theater“, womit er das damalige Bochumer Stadttheater meinte.15

 

 

 

Das Stadttheater

zur Jahrhundert-

wende

 

 

Dieses Stadttheater befand sich an der Südseite der Ecke Rottstraße/ Kaiserstra­ße (heute Süd­ring/Humboldtstraße). Dort hatten 1884 zwei finanzstarke Bochumer Bürger, der Baumeister Son­tag und der Justizrat zur Nedden, hinter ein bereits vorhandenes vier­geschossiges Grün­derzeitgebäude, in dessen Erdgeschoss sich die Gastwirtschaft „Zum deut­schen Haus“ befand, einen für damalige Verhältnisse groß­zügigen Theatersaal anbauen lassen, in dem mehr als 1000 Zu­schauer Platz finden konnten.16 Dank guter Verbindungen der „Investoren“ zum Magistrat hatte der Saal den Namen „Stadttheater“ erhalten. Eine eigene Theaterleitung und ein eigenes Ensemble gab es dort allerdings noch nicht. Statt dessen wurde das Thea­ter, manchmal nur für eine Wintersaison, an eine der zahlreichen Theatergesellschaften verpachtet, die es damals in Deutsch­land gab und die dann mit ihrem Ensemble anreisten. In den 90er Jahren handelte es sich häufig um eine derjenigen „Theaterdirektionen“, die auch in Dortmund oder Essen das Bühnen­programm bestritten.

 

­Doch 1899 war dies anders. Der Märkische Sprecher meldete am 16.5.1899, die Stadttheaterbühne werde „für die nächste Saison eine neue Leitung in der Direktion ‚Triebel-Schlegel‘ aus Leipzig erhalten“. Mit ihr sei ein Kontrakt für die Zeit vom 1.10.1899 bis 1.2.1900 geschlossen worden. Dem „theater- und kunstliebenden Publikum“ seien mit dieser Direktion „die besten Garantien für vorzügliche Leistungen geboten“, meinte die Zeitung und verwies auf „die große Fülle der Dekorations­stücke“, über welche die Direktion verfüge. Ungeachtet solcher vordergründigen Gesichtspunkte gehörte das Theaterunternehmen Triebel-Schlegel offenbar zu denjenigen, die ein vergleichsweise niveauvolles Theater anboten. Der Redakteur wuss­te wohl, wovon er schrieb, wenn er zur hiesigen Akzeptanz dieser Bühne angesichts der in Bochum bevorzugten „leich­ten Kost“ Befürchtungen äußerte: „Hof­fentlich wird dem Theater nicht durch anderweitige Schaustellungen eine allzu große Kon­kurrenz geboten, damit wir endlich eine gute Thea­terdirektion dauernd in Bochum behalten“ (MS 16.5.).

 

 

Das hier angedeutete Problem beschrieb auch Max Seippel zwei Jahre später: Leider seien die Vorstellungen im Stadttheater nicht ausreichend genug besucht, „um einen Theatherdirector zu ermuthigen, dauernd hier zu bleiben. Die Directoren, die einmal hier waren, kommen meist nicht wieder, da sie nicht auf die Kosten kommen. Zum Theil hat der schlechte Besuch des Theaters seinen Grund darin, daß meist nur klei­nere Lustspiele, Schauspiele und Operetten gegeben werden können, da für große Opern die Bühne und vor Allem die Requisiten nicht ausreichen, zum Theil auch darin, daß ein groß­er Theil unserer Bevölkerung lieber beim Glase Bier seine Erholung sucht, als im Thea­ter.“17

 

An die neue Saison und die neue Theaterdirektion knüpfte der Mär­kische Sprecher im Som­mer 1899 noch die Erwartung, dass es diesmal anders werde. Er verfolgte die Vorbereitungen der neuen Direktion mit groß­em Interesse und regel­mäßigen Mitteilungen. Am 28.7. meldete er, der Direktor des Leip­ziger Sommertheaters, Paul Conradi in der Firma Triebel-Schle­gel, werde das Bochumer Stadt­theater im nächs­ten Winter leiten, und am 17.9. hieß es, Con­radi sei eingetroffen und habe mit den Vor­bereitungen der am 1.Okto­ber beginnenden Thea­tersaison begonnen. Am 21.9. wusste die Zeitung zu berichten, das Ensemble setze sich „aus tüch­tigen Kräften zusammen“ und habe „Künstler von bedeutendem Ruf gewonnen“. Man dürfe wohl annehmen, „daß unsere Thea­terverhältnisse sich fortan befriedigend gestalten“. Es sei nun Sache des „kunst­freundlichen Publi­kums“, die guten Absichten der Theaterdirektion „auch durch einen regen Besuch der Thea­terabende zu unterstützen“.

 

Die Pro­benzeiten waren offenbar sehr kurz. Nachdem der neue „Intendant“ zu Beginn der 3. Septemberdekade angekommen war und am 23.9. seinen Spiel­plan für die Wintersaison veröffentlicht hatte, mel­dete die Zeitung am 27.9., nun sei auch das „Thea­terpersonal (...) zum größten Theil hier eingetroffen“, und die Proben hätten begonnen. Doch schon am 2. Oktober eröffnete das Theater mit Grill­parzers „Des Meeres und der Liebe Wellen“ die Saison. Die Aufführung fand im Märkischen Sprecher viel Lob; zufrieden stellte er fest: „Das Haus war, wenn auch nicht bis zu dem berühmten ‚letzten‘ Platz, so doch ganz annehmbar besetzt“ (MS 4.10.).

 

Dem Trauerspiel von Grillparzer folgten im Oktober als „erste Novität des (...) Ensembles“ ein Schwank in drei Akten mit dem Titel „Der Schlafwagenkontrolleur“ (MS 4.10.), dann die Operette „Gasparone“ (MS 5.10.), die Oper „Nachtlager von Granada“ (MS 17.10.) und die Lustspiele „Herr und Frau Doktor“ (MS 21.10.) sowie „Der neue Stiftsarzt“ (MS 24.10.). Ein erstaunlich breites Angebot folgte im November. Da gab es u.a. die Millöcker-Operette „Der Bettelstudent“ (MS 4.11.), den Schwank „Die beiden Reichenmüller“ (MS 4.11.), das Theaterstück „Der Mohr des Zaren“ (MS 7.11.), das Lustspiel „Die goldene Eva“ (MS 11.11.­), eine „Operettenposse“ namens „Der Walzerkönig“ (11.11), Shakespeares „Sommernachtstraum“(MS 10.11.), das Lustspiel „Der Weg zum Herzen“ (MS 14.11.), die Schauspielaufführungen „Ein Tropfen Gift“ (MS 16.11.) und „Das Erbe“ (MS 20.11.) sowie das Lustspiel „Im weißen Röß’l“ (MS 24.11). Im Dezember bot die Theaterbühne die Mär­chenstücke „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (MS 2.12.) und „Goldmarie und Pechmarie“ (MS 9.12.), dann die Burleske „Der Professor und sein Affe“, die als Stück mit „einem etwas derben Humor“ vorgestellt wurde (MS 5.12.), das Volks­stück „Die Herren Söhne“ (MS 7.12.), „voll köstlichen Humors und dramatischer Verwicklungen“ (MS 12.12.), das Schauspiel in fünf Akten „Philippine Welser, die schöne Augs­burgerin oder Deutsche Fürstenliebe“ (MS 12.12.), Ibsens „Ein Volks­feind“ (MS 13.12.), Shakespeares Hamlet (MS 22.12.), den „Trompeter von Säckingen“ (MS 28.12.) und Schillers Maria Stuart (MS 30.12.). Reich­haltig und vielfältig war der Spielplan des Bochumer Stadt­theaters also schon.

 

Am 19. Oktober äußerte sich der Märkische Sprecher grundsätzlicher zu den Bochumer „Theaterverhältnissen“, insbesondere zur Finanzierung des Theaters, das damals noch keinerlei städtische Zu­schüsse erhielt. Die Saison, so die Zeitung, habe im Großen und Ganzen gut begonnen. „Eine kundige, mit den Kunstinteressen vertraute Direktion schwingt das Scepter über ein strebsames Bühnenvölkchen.“ Eine Reihe von Vorstellungen könne sich sehr wohl sehen lassen. Das werde auch „Rück­wirkungen auf den Besuch des Theaters“ haben, so dass künstlerischer und Kassenerfolg ins richtige Verhältnis zueinander treten könnten. Dies sei nötig, denn ohne Geld lasse sich weder Krieg führen noch Theater spielen. Daran müsse sich erinnern lassen, wer „höhere Anforderungen an die Bühnenaufführungen“ stelle und „mit mehr oder weniger Grund auf die heimische Kunst herab­sieht“. Es folgte die Aufforderung, das Theaterbillet für Essen oder Dortmund durch ein Abon­nement in Bochum zu ersetzen. Wenn sich „die Antheilnahme des Publikums“ in dieser Weise äuße­re, dann komme „auch in Bochum das Theater - ohne Zuschüsse der Stadtkasse - auf einen grünen Zweig“.

 

Diese Wünsche erfüllten sich jedoch nicht. Selbst zur Aufführung des Hamlet am 21.12.99 mußte die Zeitung am folgenden Tag berichten, der Besuch sei leider „nur mäßig“ gewesen. Dementsprechend schwierig war die finanzielle Situation des Theaters. In der Stadtverordnetenversammlung vom 22.12.1899 verlas der Stadtverordnetenvorsteher eine Petition des Theaterdirektors Conradi, „in wel­cher um Gewährung einer städtischen Beihülfe zu den Kosten des Theaterunternehmens gebeten wird“ (MS 23.12.). Der „Petent“ habe in seiner Ein­gabe auf sein Bestreben verwiesen, die Bühnendarbietungen auf „künstlerischem Niveau“ zu halten und dann dargelegt, „daß es unter den obwaltenden Verhältnissen nicht möglich sei, das Theater ohne eine angemessene Subvention in der bisherigen Weise weiterzuführen“. Allein der Monat Oktober habe bei Einnahmen von 3.500 Mark einen Zu­schuss von 2.000 Mark erfordert. Conradi habe um einen städtischen Zuschuss von monatlich 1.000 Mark gebeten und Bürgermeister Graff dazu im Namen des Magistrats erklärt, er sei nicht prinzipiell gegen eine städ­tische „Beihülfe“, doch das lasse sich nicht „von heute auf morgen“ machen und müsse auch mit Verpflichtungen verbunden werden. Die Stadtverordnetenversammlung überwies die Petition daraufhin dem Magistrat „zur wei­teren Erwägung“ (MS 23.12.), und der lehnte im Februar des folgenden Jahres ab18. Conradi soll sich angesichts der ablehnenden Haltung direkt an den Kaiser gewandt und damit in Bochum einen großen Krach provoziert haben19. Die Direktion zog es jedenfalls im Frühjahr 1900 „mit Rücksicht auf ihre zahllosen Gläubiger vor, aus Bochum zu ver­schwinden“.20

 

 

 

Repräsentations­kunst

und Denkmalplastiken

 

­

Zwar hatte sich das örtliche Musikangebot ­Ende des 19. Jahrhunderts recht breit und das Theaterangebot trotz aller Probleme immerhin einiger­maßen entwickelt, doch war von der Bildenden Kunst im Bochum jener Jahre ver­gleichsweise selten die Rede.

 

Gewiss, es gab in den alten Kirchen der Stadt und des Landkreises und auch in man­chem Wohnsitz des Landadels der Um­gebung wertvolle Kunst aus der vorindustriellen Zeit; und auch in den zahl­reichen, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Bochumer Raum neu entstandenen neoromani­schen und neogoti­schen Kirchen hatte man sich um eine qualitätvolle künstlerische Aus­gestaltung bemüht. Eine öffentliche Kunstförderung und Kunstpflege sind am Ende des Jahrhunderts jedoch kaum zu erkennen.

 

Das Wenige, das um die Jahrhundertwende im „offiziellen“ Bochum an Malerei und Plastik entstand, war nicht aus Ge­sichtspunkten der Kunst­förderung motiviert, sondern aus Repräsentationsabsichten. So hatte der Magistrat schon 1895 die Ausmalung des Ratssaales im neu errichteten Anbau des damaligen Rathauses mit lokalhistorischen Sze­nen und Allegorien in einem Künst­lerwettbewerb ausgeschrieben und schließlich dem Düs­seldorfer Historienmaler Prof. Fritz Neuhaus auch den Auftrag dazu erteilt21. Sie waren aber zur Jahr­hundertwende noch in Arbeit und spiel­ten daher in der öffentlichen Dis­kussion des Jahres 1899 keine Rolle; erst 1901 wur­den die Wand­gemälde fertig. Gleich­falls in Auf­trag gegeben, aber ebenfalls noch nicht fertig gestellt war ein repräsentatives, allegorisch ge­schmücktes Denk­mal für Kaiser Wilhelm I. auf dem Platz vor Villa Marck­hoff und Goethe­schule. Am 30.9.1899 berichtete der Mär­kische Spre­cher über den Beschluss, „das Kaiser Wil­helm Denkmal unserer Stadt“ nicht in dem bislang vorgesehenen Jura-Kalk­stein, sondern auf „Vor­schlag des ausführenden Künstlers“ im Interesse besserer „Wertbeständigkeit“ in „Untersbergener Marmor“ herzustellen, womit sich die Kosten al­lerdings von 75.000 Mark auf 80.000 Mark erhöhen würden.

 

Während das Kaiser-Wilhelm-Denkmal erst im neuen Jahrhundert fertiggestellt wurde, gab es 1899 die Einweihung einer anderen Großplastik: das Stand­bild des langjährigen Generaldirektors des Gussstahl­werks Bochumer Verein, Louis Baare. Der 1897 Verstorbene hatte Bochums bedeutendstes Industrieunternehmen der zwei­ten Hälfte des 19. und ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu seiner Größe geführt und im übrigen als wirtschafts- und sozialpolitischer Berater Bis­marcks weit über Bochum hinaus Bedeutung erlangt. Nachdem der Mär­kische Sprecher bereits am 3. Juni die Ankunft der 17 Zentner schweren Bronzeplastik am Bahnhof Bochum-Nord und am 20. Juni die Umgestaltung des Baare-Platzes vor dem Kosthaus Stahlhausen „zu einer prächtigen Anlage“ mitgeteilt hatte, druck­te er am 29. Juli ein langes „Weihegedicht“ zu der am folgenden Tag vorgesehenen Enthüllung des Denkmals. Der Bericht über die am 30. Juli statt­gefundene Einweihung nahm eine ganze Zeitungsseite ein (MS 31.7.). Das war weitaus mehr Raum, als die Zeitung jedem anderen lokalen Ereignis des Jahres 1899 gewidmet hat. Das von Prof. Schapers entworfene Stand­bild sei „lebensgetreu“­ gelungen, der Künstler habe „das Wesen des verstorbenen Herrn Generaldirektors trefflich charakteri­siert“. Baares Gestalt sei „in schlich­ter Einfachheit“ dargestellt: „Die linke Hand lehnt auf dem Rücken, die rech­te stützt sich auf ein Pos­tament, auf dem Schrift­blätter liegen. Der Blick ist hinüber zur Arbeiterkolonie Stahlhausen gerichtet (...).“ Die 2,75 m hohe Bronze­figur stand auf einem Posta­ment glei­cher Höhe aus poliertem schwe­dischen Granit und trug die Aufschrift „Louis Baare 1821-1897“.

 

 

Denkmäler berühmter Persönlichkeiten waren „die verbreitetste öffentliche Kunst­form dieser Zeit“; „ähnlich wie die Brunnen waren sie als dekorative Gestaltungen der öffentlichen Plätze angelegt“22. Bochum bildete da mit dem Baare-Stand­bild von 1899, der schon einige Jahre zuvor vor dem Staatlichen Gymnasium aufgerichteten Bismarck-Plastik und dem zur Jahrhundertwende noch in Arbeit befindlichen Kaiser-Wilhelm-Denk­mal keine Ausnahme. Auch ein repräsentativer Brun­nen wurde noch kurz vor der Jahr­hundertwende geplant und in Auftrag gegeben. Der Märkische Sprecher berichtete dazu am 3. Oktober 1899: „Der wegen seines guten Trink­wassers geschätzte Born auf dem hiesigen Schwa­nenmarkt soll demnächst durch einen neu zu errichtenden Mo­numentalbrunnen ersetzt werden.“ Die Vorarbeiten dazu seien im Gange. Fertig wurde auch er erst nach der Jahrhundertwende.

 

 

 

Ansätze örtlichen

Kunstschaffens

 

 

Mit den Steinmetzarbeiten zu diesem Brunnen wurde der Bochumer Bild- und Steinhauer Schmidt beauftragt. Das Bochumer Adressbuch von 1899 nennt insgesamt elf „Bild- und Steinhauer“, und man­ches Grabmal der Jahrhundertwendezeit auf dem alten Friedhof an der Wittener Straße (heute Kor­tumpark) sowie auf dem damals neuen Friedhof an der Blumenstraße, das über handwerkliche Stan­dards hinaus künstlerischen Anspruch erhob, mag von ihnen gewesen sein. Doch eine öffentliche Resonanz auf künstlerisch anspruchsvolle Arbeiten gab es 1899 nur ausnahmsweise. So berichtete der Märkische Sprecher am 24.10. über „ein prachtvolles Grabgitter auf dem neuen Friedhof“, bei dem es sich um eine Kunstschmiedearbeit der örtlichen Werkstatt C. Franken handelte.

 

Wohl hat Bochum damals die Fotografie als Kunstform entdeckt. In der Stadt gab es 1899 sechs Berufsfotografen. Einer von ihnen war der „Hofphotograph Edmund Risse“. Von ihm hatte das Württembergische Landesmuseum in Stuttgart eine ganze Reihe künstlerischer Fotoarbeiten im Rahmen einer Ausstellung gezeigt, mit der es den Aufbau einer kunstfotografischen Sammlung beginnen woll­te, und sechs Arbeiten des Bochumers dazu auch angekauft. Risse zeigte alle Arbeiten, die in der Stuttgarter Ausstellung zu sehen gewesen waren, ab Ende Oktober/Anfang November 1899 in den Schau­fenstern seines Bochumer Ateliers. Schon am 30. Oktober wies der Märkische Sprecher empfehlend darauf hin: „Kunstinteressenten legen wir eine Besichtigung der Risse’schen Ausstellung recht dringend ans Herz.“ Am 4.11. berichtete er ausführlich über diese „Ausstellung von Kunst-Pho­tographien.“ Er mein­te, „eine ganz neue Richtung“ gewinne mit der Kunstphotographie an Boden, denn sie empfange ihre Anregungen „von der modernen Kunst“. Ihre Leistungen seien so hervorragend, dass man „von einer Kunst der Photographie“ sprechen könne.

 

Das Blatt schildert dann, was der Bochumer Fotograf in der Stuttgarter Ausstellung und nun in Bochum zeigte: „Neben charakteristischen Portraits finden wir malerische Gruppen, Seestücke, Idyllen, darunter auch solche in secessionistischer Ausführung. Ganz reizend ist die nach lebenden Bildern hergestellte Danaidengruppe, dann eine zarte Jungfrauengestalt. Grandios erscheint eine Scene von der See, darstellend ein Segelschiff auf erregten Wellen. (...) Viel Stimmung liegt auch auf dem Bilde Gräberstraße von Pompeji, dann auf der ‚Villa Deste‘ in Tivoli bei Rom etc. Als das Vollendetste er­scheint uns aber eine landschaftliche Darstellung, die wir ‚November‘ überschreiben möchten: ein einfacher Feldweg, zur rechten ein paar alte knor­rige Weiden, links Hecken und Strauchwerk, in der Ferne verschwimmend im trüben Nebeldunst des Spätherbstes. Auch die Seemannsköpfe von der ‚Waterkant‘, wettergebräunte, furchendurchzogene Gesichter, sind vortrefflich gelungen.“

 

Dass Edmund Risse ein Meister seines Fachs war, klang dann später auch in einem vorweihnachtlichen Bericht des Märkischen Sprecher durch, in dem dieser unter der Überschrift „Wanderungen über den Weihnachtsmarkt“ von den weihnachtlichen Auslagen der Bochumer Geschäfte berichtete und zu den Arbeiten im Schaufenster des Hofphotographen Risse anmerkte, „daß diese Art von Photographie etwas ganz besonderes darstellt“ (MS 16.12.). Offensichtlich waren Risses Arbeiten auch der Anstoß, sich in Bochum breiter mit der an­spruchsvolleren Fotografie zu beschäftigen. Jedenfalls hat der Kaufmännische Verein, dessen Vortragsabende sich auch sonst durch ein vergleichsweise hohes Niveau auszeichneten, (er befasste sich beispielsweise mit der zeitgenössischen Kunst und den Kunst­schätzen Venedigs), im November 1899 den Direktor einer fotografischen Lehranstalt in Berlin zu dem Thema „Die Photographie in Kunst und Wissenschaft“ nach Bochum gebeten (MS 9.11.).

 

Während die Kunstfotografie 1899 eine gewisse Rolle spielte und sich die Bildhauerei vom öffentlichen Denkmal und Brunnen bis zum privaten Grab­denkmal wenigstens in Ansätzen präsentierte, waren andere Sparten der Bildenden Kunst, na­mentlich die Malerei, in dieser Zeit in Bochum wohl völlig bedeutungslos. Hinweise auf ein diesbezügliches Kunstschaffen sind jedenfalls 1899 weder im Mär­kischen Sprecher, noch im örtlichen Adress­buch zu finden.

 

 

 

­Von Galerien

und Museen

 

 

Auch Gemäldegalerien ver­zeichnete das Bochumer Adress­buch noch nicht. Wand­schmuck boten der Schreibwaren- und der Buchhandel mit an. Der Schreib- und Kunstwarenhändler W. Mummelthey hatte dazu die Räume des früheren Cafes Miebach an der Ecke Kanal­straße / Hein­richstraße (heute Kort­umstraße) gemietet und dort eine Dauerausstellung eingerichtet, deren Exponate wohl etwas anspruchsvoller waren als das, was der Handel gemeinhin anbot. Jedenfalls schrieb der Märkische Sprecher am 3.8. von einer „Bilderausstellung vornehmen Genres“, die von 9 Uhr bis 20 Uhr geöffnet sei und „Stahl- und Kupferstiche, Gravuren, Radierungen etc. in jeder Ausstattung“ enthalte. Auch im September 1899 lud Mummelthey wieder ein „kunst­liebendes Publikum“ zu einer „wirklich sehenswerthen“ „großen Bilderausstellung“ (MS 9.9.) ein, und Anfang Dezember berichtete der Mär­kische Sprecher, diese Ausstellung habe „eine bedeutende Bereicherung erfahren“: „Land­schaftsbilder, Portraits, Idyllen, Seestücke usw.“ seien „in den verschiedensten Reproduktionsarten vertreten“ (MS 5.12.). Mummelthey kündigte vorübergehend auch „zwei in Privatbesitz befindliche große Oelgemälde von bedeutendem Wert“ als Anziehungs­punkte für seine Ausstellung an. Natürlich waren diese Bilderausstellungen geschäftlich motiviert. Die Darstellung Bildender Kunst in ihren ästheti­schen Bezügen, ihrer künstlerischen Bedeutung und ihren kunst­geschichtlichen Zusammenhängen war damals - jedenfalls in Bochum - noch kein The­ma. „Und wenn wir auf (...) Gemäldegalerien und ähnliche Kunst­genüsse verzichten“, so hatte es in dem bereits erwähnten Leserbrief vom 8.8.1899 ge­heißen, solle wenigstens das Konzertangebot entsprechend sein.

 

Kunstmuseen gab es damals aber auch in den anderen Ruhrgebietsstädten noch nicht. Die ersten um die Jahrhundertwende gegründeten Museen entstanden mit regionalhistorischen Zielsetzungen. Dortmund hatte 1883 eine „öffentliche Sammelstelle für historisch, künstlerisch oder kunst­gewerblich bemerkenswerte Gegenstände, die zu der Stadt Dort­mund nebst Umgebung und ihrer Geschichte in Beziehung stehen“, eingerichtet und dafür ein kleines Museum gegründet.23 In Witten hatte der 1886 gegründete „Verein für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark“ ein Museum aufgebaut, das sich u. a. um regionale Kunst bemühte, indem es zum Beispiel 1895 beim Abbruch der mittelalterlichen Ümminger Kirche die dortigen spätmittelalterlichen Skulpturen übernahm. In Dort­mund, Witten und anderen Revierstädten fanden „Kunstwerke aus der Region“ zunächst nur „als heimatgeschichtliche Dokumente“ Eingang in lokalhistorische Museen und wurden auch zeitgenössische Werke „bevorzugt gesammelt, wenn sie in einem engen Bezug zur jeweiligen Stadt oder ihrer Umgebung stan­den“24. Daraus entwickelten sich dann Kunstabteilungen der lokalhistori­schen Museen und aus diesen - jedoch erst im beginnenden 20. Jahrhundert - die Kunstmuseen späteren Typs. Dass es am Ende des 19. Jahrhunderts in Bochum noch kein Museum für die Bildende Kunst gab, ent­sprach also der Situation in allen Ruhrgebietsstädten.

 

Aber auch in bezug auf regionalgeschichtliche Museumsaktivitäten, die sich bereits in mehreren anderen Revierstädten entwickelt hatten, zeigte man sich in Bo­chum nicht ambitioniert, obwohl der Mär­kische Sprecher etwa am 5.12.1899 von der Generalversammlung des Wittener „Vereins für Orts- und Hei­matkunde in der Grafschaft Mark“ berichtete, dass dort die Beschaffung von Geldmitteln zum Bau eines Mu­seums beschlossen wurde. Museen, gleich welcher Art, waren im Bochum der Jahrhundertwende kein Thema.

 

Die einzige größere Sammlung, die damals schon bestand, war die mineralogisch-geologische Samm­lung der 1864 gegründeten Westfälischen Berggewerkschaftskasse. Schon im Jahr ihrer Grün­dung hatte sie die Samm­lungen der alten Märki­schen und Essen-Werdenschen Bergämter sowie der Berg­schulen in Essen und Bochum übernommen und zusammengefasst, darüber hinaus dann 1868 auch eine ständige Ausstellung „Bergbauliche Utensilien“ eingerichtet.25 Das waren frühe Vorläufer des späteren Bergbaumuseums, aber ohne erkennbare öffentliche Resonanz, denn im Märki­schen Sprecher des Jahres 1899 war ebenso wenig von ihnen zu finden wie noch 1908 in dem vom Ver­kehrsverein herausgegebenen „Führer durch Bochum“, der lediglich er­wähnte, dass die Bergschule über „bedeutende geologische und berg­technische Sammlungen“ verfüge.26

 

Nur für einen kurzen Moment leuchtete 1899 eine für die damalige Zeit ungewöhnlich moderne Museumsidee in Bochum auf, so kurz nur, dass außer einer bereits dementierenden Nachricht nichts von ihr zu ermitteln war. Unter der Überschrift "Kein Industriemuseum“ schrieb der Märkische Sprecher am 28.7.1899, dass die Nachricht von der beabsichtigten Gründung eines Industriemuseums in Bo­chum „von A bis Z erfunden“ sei. Von wem und wo diese Nachricht zuvor in die Welt gesetzt worden war, ließ er offen.

 

 

Bürger­schaftliches

Kunstinteresse

­

 

Auch wenn es am Ende des 19. Jahr­hun-derts in Bochum nur wenig künstlerisches Schaf­fen, kein Kunst­museum und keine Kunstgalerien, auch keine öffentliche Kunstförderung gab, war ein bürgerschaftliches Interesse an Bildender Kunst durchaus vorhanden.Am 19.7. schrieb der Märkische Sprecher, dass im Schaufenster der Kunst­handlung von Ad. Stumpf Nachf. ein An­sichtsexemplar des Prämienblattes ausgestellt sei, das den Mitgliedern des „Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen“ für 1899 zustehe. Wer in den Besitz des „gediegenen und künstlerisch wertvollen Zimmer­schmuckes“ gelangen wolle, solle dem Kunstverein beitreten. Dann bestehe auch die Möglichkeit, an der Ende Juli statt­findenden „Verlosung einer groß­en Anzahl werth­voller Gemälde“ teilzunehmen.

 

Einen örtlichen Kunstverein gab es damals in Bochum noch nicht. Doch die überregionalen Kunstvereine, der „Westfälische Kunstverein“ in Münster ebenso wie der „Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen“ in Düsseldorf, hatten regionale Organisationsstrukturen entwickelt, indem sie außer­halb ihres Sitzes lokale Stützpunkte mit einem örtlichen ehrenamtlichen Geschäftsführer bildeten, der die Mitgliedschaft vor Ort betreute. Die Geschäftsstelle des Düsseldorfer Kunstvereins war „für Bochum und Umgegend“ schon seit Jahrzehnten beim Kaufmann Wilhelm Mummenhoff an der Berg­straße. Der „Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen“ hatte 1896 in Bochum 42 Mitglieder und ein Mit­glied in Weitmar.27 Die Mitgliederzahl stieg um die Jahrhundertwende rapide an, denn 1903 verzeichnete er in Bochum bereits 78 Mitglieder sowie je zwei in Weitmar und Langendreer.28 Der Westfälische Kunstverein Münster, des­sen für den Bochumer Raum zuständiger örtlicher Ge­schäftsführer der Apotheker Schulte-Herweling aus Hamme war, hatte in Bochum 22 Mitglieder, davon acht in Hamme und Marmelshagen sowie eins in Langendreer.29

 

Das bei Stumpf Nachf. ausgestellte Prämienblatt und der Hinweis auf die Verlosung wertvoller Gemälde entsprachen der Praxis der großen Kunstvereine, mit der sie verdienstvoll für die Verbreitung der Kunst des 19. Jahrhunderts sorgten. Da gab es für die Mitglieder die regelmäßige Jahresgabe in Gestalt eines Kunstblattes, gelegentlich auch eine ganze Mappe. Außerdem wurde jährlich eine bestimmte Anzahl von Ölgemälden und Grafiken durch Auslosung auf die Mitglieder verteilt, worauf auch der Märkische Sprecher in dem genannten Artikel hinwies. Da erwarben die Kunstvereine aus den selbst veranstalteten Ausstellungen einen Teil der Exponate, die anschließend im Wege der Verlosung - das Los kostete zumeist eine Mark - an die Mitglieder gelangten, eine gleichzeitige Förderung der Künstler und der Verbreitung von Kunst. Dass die Herstellung von Lithographien und Kupferstichen im 19. Jahrhundert einen gewaltigen Auf­schwung nahm, ist auch auf diese Aktivitäten der Kunst­vereine zurückzuführen.

 

 

So belegt der Märkische Sprecher des Jahres 1899, dass es schon Ende des 19. Jahrhunderts in Bo­chum ein ungewöhnlich umfang- und facettenreiches Musikleben, auch bereits ein überraschend vielfältiges Theaterangebot gab, und dass sich ein öffentliches und bürgerschaftliches Interesse an der Bildenden Kunst - wenngleich noch sehr von zeitbedingten und eher kleinstädtisch-provinziellen Vor­stellungen geprägt - herauszubilden begann. Dass Bo­chums kulturelles Angebot zur damaligen Jahrhundertwende eher Breiten- als Spitzenkultur bot, darf nicht verwundern, hatte die Stadt doch ihren strukturellen Wan­del vom verschlafenen Acker­bürgerstädtchen zur Industriestadt mit nun 64.000 Einwohnern erst wenige Jahrzehnte hinter sich und den letzten städtischen Kuhhirten, dem sie wenige Jahre später ein Denkmal setzen sollte, keine drei Jahrzehnte zuvor verabschiedet.

1 Im Stadtarchiv Bochum fehlt leider der Zeitraum Januar bis April 1899. Die Belegstellen aus dem Märkischen Sprecher werden im nachfolgenden Text mit MS und dem Erschei-nungstag zitiert.

2C. Bernd Sucher (Hg.), Theaterlexikon, Bd. 1, München 1996, Stichwort „Millowitsch“.

3Dieter Bloch, Fünfzig Jahre öffentliche Musikpflege in Bochum, in: Kulturamt der Stadt Bochum (Hg.): Bochumer Aspekte 69, Bochum 1969, S. 106.

4Dieter Bloch, Vom Stadtmusicus zum Philharmonischen Orchester, Bochum 1973, S. 76

5Max Seippel, Bochum einst und jetzt. Ein Rück- u. Rundblick bei der Wende des Jahrhunderts, Bochum 1901, S. 291.

6Ebd., S. 290.

7Bloch, Stadtmusicus (wie Anm. 4), S. 58.

8Ebd.

9Seippel, Bochum (wie Anm. 5), S. 288.

10Herbert Danz, Sangesfreude - Sangesfreunde. Eine Doku-mentation der Gesangvereine in Langendreer und Werne. Bochum 1993 (Übersicht S. 3 ff.).

11Evelyn und Werner Kroker, Solidarität aus Tradition. Die Knappenvereine im Ruhrgebiet, München 1988, S. 34; Clemens Kreuzer, Mit Kreuz und Hammer. Ein Beitrag zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Bochum 1979, S. 15.

12Bloch, Stadtmusicus (wie Anm. 4), S. 86

13Kroker, Knappenvereine (wie Anm. 11), S 15.

14Theaterverein Preziosa (Hg.), 100 Jahre Theaterverein Preziosa Bochum-Stiepel, Bochum 1989.

15Seippel, Bochum (wie Anm. 5), S. 293.

16Susanne Brachetti, Kultur und Kommerz. Geschäftstheater in Bochum während des ausgehenden 19.Jahrhunderts, Herne 1996, S. 41 ff.

17Seippel, Bochum (wie Anm. 5), S. 293.

18Brachetti, Kultur (wie Anm. 16), S. 53.

19Karl Brinkmann, Bochum. Aus der Geschichte einer Großstadt des Reviers (Neue Bochumer Reihe, Bd. 2), Bochum 1968, S. 270-271.

20Karl Brinkmann, Der Leidensweg des Bochumer Theaters, in: Festschrift zur Eröffnung des Schauspielhauses Bochum September 1953, Bochum 1953, S. 47.

21Paul Küppers, Rathausbilder, Bochum 1929.

22Marina von Assel, Kunst auf Schritt und Tritt in Bochum, Bochum 1992, S. 8.

23Thomas Parent, Theater und Museen, in: Wolfgang Köll-mann u. a. (Hg.): Das Ruhrgebiet im Industriezeitalter, Bd. 2, Düsseldorf 1990, S. 361-418, hier S. 396.

24Ebd., S. 398.

25Ebd., S. 396.

26Verkehrsverein e.V. Bochum (Hg.), Führer durch Bochum und Umgegend, Bochum 1908, S. 59.

2767. Jahresbericht des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen 1895/96 incl. Nachtrag.

2874. Jahresbericht des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen 1902/03.

2928. Jahresbericht des Westfälischen Kunstvereins Münster 1898/99.

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte

Beiträge zur Stadt­geschichte,

Heimatkunde und Denkmalpflege

Heft 6, Januar 2000

 

Herausgeber:

Dr. Dietmar Bleidick

im Auftrag der

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde,

Stadtgeschichte und Denkmalschutz

 

Redaktion:

Dr. Dietmar Bleidick, Peter Kracht

 

Herne 2000