Der Chinesische

Garten an der

Ruhr-Universität

Bochum

 

Martin Beilmann

 

Es war immer einer dieser besonderen Orte. Einer von den Punkten in unserer Stadt, die ich dann frequentiere, wenn sie einmal da ist, die Zeit für den müßi­gen Gang. Durch viel üppiges Grün - im nördlichen Zugang wissenschaftlich betreut, im Süden selbstüberlassen - erreicht man ihn, den „Chi­nesischen Garten“. Wobei der Ausdruck „Garten“ vordergründig befremden mag: eine An­sammlung weiß­er Mauern - niezuhoch, fein dimensioniert, schön bekrönt - vermitteln erst einmal eine „Behausung“, in der Ansammlung von Dächern gar ein klei­nes Dorf. Garten kommt später. Nachdem man sich über den Zickzackweg durch die schwe­re Eingangstür in das Innere des „Dorfes“ begeben hat, öffnet sich der Garten, öffnet sich eine Zauberwelt: ein zentraler Teich, in seiner Fläche gebrochen von Felsen, kleinen Inseln, von Architektur und natürlich Pflanzen, diese allerdings nur pointiert gesetzt. Eine disziplinierte Ansammlung von Formen, und doch im Erscheinen vielfältig, ver­lockend, verwirrend. Voller Symbolik ist jedes Detail bei stetig wech­selnden Perspektiven. Ein chinesischer Traum. Diesen nahe zu bringen vermag der nachfolgende Text, feinfühlig verfasst von Herrn Dipl. Ing. Bernd Kirch­ner (Technischer Leiter des Botanischen Gar­tens), der dem Leser eine kurzweilige Hil­festellung für den Besuch des Gartens sein mag.

 

Bernd Kirchner

Qian Yuan - Pfirsichblütenland

 

Als Ausdruck der Partnerschaft zwischen der Ruhr-Universität Bochum und der Tongji-Universität in Shanghai entstand in der Zeit von Mai bis November 1990 in Bochum ein Chinesischer Garten, der eingebettet im Botanischen Garten südlich der N-Gebäude liegt. Vorausgegangen waren die Planung des Architekten Zhang Zhen und seiner Mitarbeiter, außerdem umfangreiche Vorarbeiten an den hölzernen Bauteilen. Diese wie die keramischen Teile und einige ausgewählte Steine wurden für das Bauvorhaben aus China importiert. Die Arbeiten in Bochum wurden in Zusammenarbeit mit hiesigen Firmen und chinesischen Handwerkern ausgeführt.

 

Der Chinesische Garten, im südchinesischen Stil errichtet, weist in Anlage und Gestaltung seiner einzelnen Elemente über sich hinaus, er will Symbol sein für Welt und Natur. Beim Durch­wandern der Gartenanlage kann der Besucher nicht nur Ruhe und Entspannung, sondern auch Anregungen zur Bewältigung seines Lebens in Har­monie finden. In diesem Sinne ist der Chinesische Garten ein Lehrgarten, der Harmonie und Ausgeglichenheit in der Welt und zwischen Mensch und Natur als erstrebenswertes Ziel vermittelt.

 

Der Zugang zu diesem Chinesischen Garten wird durch eine hohe Wand mit verschließbaren Toren zunächst versperrt. Oberhalb des Tores steht in chinesischen Schriftzeichen „Garten des Qian“, das ist der Dichter Tao Yuan Ming (365-427) mit dem persönlichen Vornamen Qian. Von diesem bedeutenden Dichter stammt die Sage vom Pfirsichblütenquell, die kurz wiedergegeben werden soll: Ein Fischer, der seiner täglichen Arbeit nachgeht, ent­deckt unerwartet einen Wald aus blühenden Pfirsichbäumen. Er rudert flussaufwärts, bis er das Ende des Pfirsichhains und die Quelle des Flusses erreicht, die in einer Berggrotte liegt. Aus dem Berg­inneren leuchtet es hell, und der Fischer begibt sich durch einen engen Zugang hinein. Im Inneren liegt eine lichte Ebene mit Feldern, Wasserflächen, schö­nen Häusern. Die Menschen sind glücklich und zufrieden. Sie nehmen den Frem­den mit großer Gast­freundschaft auf und bewirten ihn großzügig. Nach einiger Zeit des Aufenthalts nimmt der Fischer Abschied. Auf seinem Heimweg ist er bemüht, sich den Weg genau einzuprägen, um ihn wieder finden zu können. Seine Erinnerung verblasst jedoch, und niemand hat den Weg in die Welt der glücklichen und zufriedenen Men­schen je wiedergefunden.

 

Soweit die Sage. Betritt man nun den Garten, wird der Blick auf eine waagerechte Schrifttafel in der Eingangshalle ge­lenkt, die oberhalb des Fächerfensters angebracht ist. Die Schrift­zeichen bedeuten etwa „Pfirsichblüten­land/Oase der Ruhe außerhalb der Welt/Paradies“. Die Benennung dieses Gartens nach dem Dichter Tao Yuanming in Verbindung mit der Umschreibung Paradiesgarten führt zum Sym­bolgehalt dieser Anlage. Ein kleines Beet unterhalb der Schrifttafel schließt den Eingangs­bereich ab. Bambus und Stein sind bedeutungsvolle Elemente in dieser Komposition. Der Bambus spie­lt eine hervorragende Rolle in der chinesischen Kul­tur. Er steht für das Wesen des idealen Lebens: so wie der Bam­bus sich bei Wind, Schn­ee und anderen Belastungen neigt und sich wieder aufrichtet, ohne gebrochen zu sein, soll der Mensch sich zeitlebens in der Kunst üben, sich in sein Schick­sal zu fügen, übermächtige Gefahren zu erkennen und gelassen zu bestehen, um zur gegebenen, rechten Zeit zu han­deln. Dem biegsamen, aber stabilen Bam­bus steht der starre Stein gegenüber, der, durch­löchert und abgerundet, die Spuren äußerer Einflüsse zeigt, seine wesenseigene Festigkeit aber beibehalten hat. Dieser Stein stammt aus dem Tai-hu-See westlich von Shanghai. Mit Lochsteinen dieser Gegend werden alle original Chi­nesischen Gärten ausgestattet.

 

Beginnt man nun mit dem Rundgang, fallen zur Rech­ten die Fensteröffnungen auf, die durch ihre dekorativen Verbauungen eher verschleiern als eröffnen. Mit diesem gestalterischen Moment soll das Interesse der Besucher für das hell durchscheinende Innere geweckt, Spannung und Neugier erhöht werden. Durch vasenförmige Türöffnungen, die auch dem Zeichen für Frieden entsprechen, gelangt der Besucher zu einem Ort, der zum ersten Mal einen wei­ten Überblick in das Garteninnere zulässt. Die Haupt­gestaltungselemente Wasser und Stein treten deutlich hervor. Dem Wasser, weich und an­schmiegsam, jede Form annehmend, ohne sich zu verändern, ist komplementär der feste Felsen zugeordnet, das mächtige Gebirge, das seit alters her als Sitz der Götter in der chinesischen Mythologie besondere Verehrung genoss. Mit der Gestaltung des Wasserfalls, der von der Wasserhalle aus gesehen vor dem Betrachter liegt, wird betont, dass das Wasser in der Lage ist, auf Dauer den harten Felsen zu besiegen: die überströmten Felsen sind in den Berg zurückversetzt, um die Leistung des fließen­den Wassers zu zeigen.

 

Die auffallendsten Pflanzen aus dieser Perspektive sind die Trau­erweiden. Tao Yuan Ming wird der Dich­ter der Trauerweiden genannt, da er sie selbst in seinem Garten kultivierte. Mit ihrem frischen Aus­trieb symbolisieren sie den Früh­ling, die Ju­gend. Darüber hinaus steht das Bild ihrer sanft im Wind be­wegten Zweige für weibliche Grazie, aber auch für Freundschaft, indem sie an die hin und her wandernden Gedanken der Freun­de erinnern.

 

Im Weitergehen wird der Blick eingeengt. Ein Miniaturgarten, einem Gemälde ähnelnd, wechselt mit der Weite des vergangenen und nachfolgenden Aus­blicks. Der über­dachte Wandelgang führt in Kurven und Winkeln zur Wasserhalle. Diese Art der Wegeführung steigert den Eindruck der Größe der Gartenanlage einerseits, weist andererseits auf einen Zusammenhang mit dem mensch­lichen Lebensweg hin, der selten gradlinig verläuft, sondern Umwege geht und Hindernisse umläuft. Von der Wasserhalle fällt der Blick ohne Ein­engung auf den „Pavillon des lauen Windes in der Mond­nacht“, dessen Dachspitze die Figur des Kranichs ziert. Der alles überragende und über­blickende Kra­nich steht als Symbol für ein langes Leben. Die vorgelagerte flache Insel soll die Weite des Aus­blicks unterstreichen und die Mächtigkeit der Felslandschaft betonen. In den Nischen der Felsen wach­sen hängende Zwergpflanzen, die den Ein­druck des Hochgebirges vermitteln sollen. Pflanzen sind nur sehr sparsam gesetzt worden, lediglich um den Charakter der bedeutenderen Felsen zu unterstreichen.

 

Auf dem weiteren Rundweg, der auf der Nordseite des Gartens im schattigen Halbdunkel verläuft, fallen die ornamentalen Aussparungen in der Außenmauer auf, deren Formen an geöffnete Lotosblüten erinnern. Diese belichten den Weg und stellen gleich­zeitig eine Verbindung zur Außen­welt her. An der Wand sind drei Relieffragmente angebracht, die eine Aufsicht auf diesen Garten zeigen. Bei einfallender Abendsonne erlangen diese Darstellungen eine reizvolle Plastizität. Dem Rundgang weiter folgend gelangt der Besucher in den Brunnenhof. Die Öffnung in der Außenmauer zeigt die Form einer Kalebasse, des Gefäßes zum Schöpfen und Aufbewahren von Wasser, dem Elixier des Lebens und darüber hinaus der Unsterblichkeit. Gelbe Chrysan­themen, die Tao Yuan Ming in seinem Gar­ten pflegte, verkörpern das Motiv der Ausdauer und Beständigkeit, denn sie blühen bis zum Frost, ohne Schaden zu nehmen.

 

An der Verbindungstür zu einem geplanten Erweiterungstrakt (Gesellschaftsraum, Teeküche) vorbei, gelangt man zur Bootshalle. Sie ist bewusst schlicht und einfach gehalten: das Dach ist mit Reet ge­deckt, die tragenden Teile sind rohe Rundhölzer ohne aufwendige Bearbeitung. Das tief herabge-zogene Dach lenkt den Blick auf die Wasserfläche und das Spiegelbild des Himmels. Der Besucher wird eingeladen, in entspannender Atmosphäre mit dem Boot seiner Imagination durch die Welt zu fahren und sie in ihrer Vielfalt und Wechselhaftigkeit zu erleben. Nach Verlassen des Bootshauses verläuft der Weg im Freien. Vorbei an Trauerweide, Pfirsichbaum, am Fuß des Gebirges entlang wird der Besucher in eine Berghöhle geführt, die ihm ein Gefühl von Geborgenheit, aber auch ein weiteres sensorisches Erlebnis vermittelt: den Wech­sel der Temperatur. Die Kühle der Grotte wird durch einen nach innen geleiteten Teil des Wasserfalls ver­stärkt. Vor Erreichen der Eingangshalle lädt der Pavillon mit seinen Sitzbänken zum Verweilen ein. Von hier aus wird der Rundblick auf die inneren Gartenanlagen frei.

 

Auf diesem Rundgang, der sich seinem Ausgangspunkt nähert, konnten längst nicht alle erwähnenswerten Aspekte beleuchtet werden. Dies ist auch nicht beabsichtigt. Vielmehr soll der Besucher selbst seine Wahrnehmung schärfen und ermuntert werden, die vielfältigen Aspekte dieser Gartenanlage und ihrer Symbolik mitzuerleben. Der Chinesische Garten ist ein Modell der Natur, facettenreich, erlebnisträchtig und anregend. Wenn der Besucher sich einlassen kann auf den meditativen Impetus dieser Gartenanlage, kann er hier Muße und Entspannung finden und eine Ahnung von der anzustrebenden Harmonie zwischen Mensch und Natur bekommen.

 

 

Der Verfasser dankt den Herren Professoren Zhang Zhenshan und Dr. Alfred Hoffmann für anregende Gespräche und Informationen.

 

Dieser besondere Ort nun ist seit rund fünf Jahren gefährdet: undichte Ziegel haben Wasser in die Dach­konstruktion eindringen lassen, unterliegende und auch tragende Bauteile sind teilweise zerstört. Aus diesem Grund wurde der Chinesische Garten im Winter 1999/2000 geschlossen.

 

Um diesen Prozess zu stoppen, haben wir gegen Ende des März den Förderverein „Der Chinesische Garten“ begründet. Die geschätzten Sanierungskosten - und somit das „Sammelziel“ des Vereins - liegen bei rund DM 1.000.000,-. Ab Juli 2000 ist der Garten in Teilen wieder geöffnet, auch, um interessiertem Publikum weiterhin kleinere Besuche zu ermöglichen. Mit ersten baulichen Maßnahmen ist zum Spät­sommer zu rechnen, sofern sich der Ver­ein wie erhofft ent­wickelt.

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte

Beiträge zur Stadt­geschichte,

Heimatkunde und Denkmalpflege

Heft 7, Juli 2000

 

Herausgeber:

Dr. Dietmar Bleidick

Yorckstraße 14, 44789 Bo­chum

Tel.: 0234 / 335406

e-mail: dietmar.bleidick@ruhr-uni-bo­chum.de

für die

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde,

Stadtgeschichte und Denkmalschutz

Graf-Engelbert-Straße 18

44791 Bochum

Tel. 0234 / 581480

 

Redaktion:

Dr. Dietmar Bleidick, Peter Kracht

 

Druck:

A. Budde GmbH

Berliner Platz 6 a, 44623 Herne

 

Verlag:

Peter Kracht ? Verlag

Limbeckstraße 24, 44894 Bochum

Tel.: 0234 / 263327

e-mail: kracht.verlag@t-online.de

ISSN 0940-5453