Heimatgeschichte und

Heimatgeschichts­schrei­bung heute

 

Arnd Kluge

 

Heimat ist ein „Schlüsselbegriff“ nicht nur des neuen Brock­haus, der ihm fast drei Seiten widmet. Hei­mat ist, wo man sich zu Hause fühlt, sich räumlich und zeitlich orientiert, seine persönliche Identität und Sicherheit gewinnt und in eine Gemeinschaft integriert ist. Trotz­dem kann Heimat nicht eindeutig definiert werden. Für einen Bochumer mag Deutsch­land seine Heimat sein, wenn er auswandert, Nordrhein-Westfalen, wenn er sich im Urlaub in Bayern aufhält, Bochum, wenn er mit einem Essener spricht, oder Bochum-Werne, wenn er zum Ein­kauf in die Innenstadt fährt. Für Kinder ist Heimat noch enger begrenzt: die Straße, in der sie aufwachsen, oder das Haus, in dem ihre Familie wohnt.

 

Heimat ist durch Gefühle geprägt und deshalb ein stark umstrittener und eminent politischer Begriff. Sie ist an ihren siamesischen Zwilling „Heimatliebe“ gebunden. Wer etwas liebt, versucht es in dem Zustand zu erhalten, den er liebt. Heimatliebe ist daher tendenziell konservativ, ja sie kann sogar reaktionär sein, indem sie die Flucht vor den großen Problemen der Zeit ermöglicht. Ihr haftet der Geruch von Provinzialität an, von einer Einstellung, die nicht über den Kirchturmrand hinausblickt und alles Fremde ignoriert. Im Extrem kann die Abgrenzung vom Frem­den bis zu Fremdenhass und ausländerfeindlichen Ausschreitungen führen, wie die Entwicklung der letzten Jahre - nicht nur in Deutsch­land - mit zahlreichen Beispielen drastisch belegt. Heimatliebe, die Frem­denhass beinhaltet, ist selbst entfremdet, entwurzelt.

 

Seit den siebziger Jahren sind neben der traditionellen, fortschrittskritischen, bürgerlich bestimmten Richtung der Heimatliebe, die sich seit der Jahrhundertwende in der Heimatschutzbewegung organisierte, Heimatbewegungen meist jüngerer Men­schen entstanden, die das zu Verändernde gegenüber dem zu Bewahrenden betonen. Heimat ist ihnen nicht ein romantisch verklärter, auf bestehendem Niveau zu konservierender Zustand, sondern die dauernde Auf­gabe, Bedrohtes zu schützen und Bestehendes zu verbessern. Über dem Alltag im Nahbereich sollen die „großen“ Probleme nicht vergessen werden. „Global denken, lokal handeln“, ist eines der Schlag­worte dieser Bewegung. In Bürgerinitiativen, Heimat- und Naturschutzvereinen ziehen Traditionalisten und Modernisten bisweilen an einem Strang, doch sind die Unterschiede in den Auffassungen und Aktionsformen beider Gruppierungen nicht zu übersehen.

 

Grundlage der Heimatliebe ist Heimat­geschichtsschreibung. Heimatgeschichte ist nicht nur ein Sach­gebiet der Heimatpflege neben anderen, wie dem Umwelt- und Denkmalschutz oder der Volkskunde, sondern die Grund­lage aller heimatpflegerischen Tätigkeiten. Heimatliche Identität, die subjektive Bestimmung des heimatlichen Raumes, beruht auf historisch gewachsenen Verhältnissen. Wer sich als Westfale fühlt, bezieht sich - bewusst oder unbewusst - auf jahrhundertelange Entwicklungen vom sächsischen Teilstamm der Westfalen über zahlreiche mittelalterliche und frühneuzeitliche Herr­schaften auf dem Gebiet des heutigen Westfalen und die spätere preußische Provinz, bis zur Grün­dung des Landes Nordrhein-Westfalen und des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Wer sich als Bochumer fühlt, kann sich auf eine jahr­hundertealte Geschichte der Kernstadt berufen oder auf die Entwicklung Bochums seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, als die Stadt ihr Er­scheinungsbild völlig veränderte, oder auf den Zeitpunkt, in dem der Stadtteil, in dem er wohnt, nach Bochum eingemeindet wurde. Immer muss er sein Heimatgefühl an historischen Zeitpunkten und -räumen fixieren. Nur durch den Rückgriff auf die Geschichte können Maßstä­be gefunden werden, die ein begründbares Urteil darüber erlauben, welche natürlichen, architektonischen oder kulturellen Gegebenheiten des Heimatraumes erhalten, wiederhergestellt, verändert oder abgeschafft werden sollen.

 

Wie der Heimatbegriff allgemein, ist auch die Heimatgeschichtsschreibung emotional aufgeladen und daher besonders anfällig für weltanschauliche und politische Einflüsse. Die vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen bürgerlichen Heimat- und Geschichtsvereine pflegten häufig ein Ge­schichtsbild, in dem die „gute alte Zeit“ des Mittelalters und der frühen Neuzeit gegen die fortschreitende Industrialisierung und Demokratisierung der (damaligen) Gegenwart beschworen wurde. Elitäres Bewusstsein paarte sich mit der Angst vor „Gleichmacherei“, „Ver­massung“ und dem Verlust traditioneller Wertvorstellungen.

 

Die nationalsozialistische Propaganda hatte es nicht schwer, diese Saat zu kultivieren und den Heimatbegriff für ihre Zwecke umzudeuten. Aus Heimatbewusstsein wurde Heimattümelei, aus der Liebe zur Heimat der Hass auf Fremdes und für fremd Erklärtes.

 

Nach dem Untergang des na­tionalsozialistischen Deutschland knüpfte man - wie auch in vielen anderen Lebensbereichen - in der Heimatgeschichts­schreibung der Bundesrepublik wieder bei der unverdächtigen Wei­marer Zeit an. Die Modernisierungsbestrebungen der vom geographischen Ansatz her verwandten Landesgeschichtsschreibung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts waren al­lerdings an der Heimatgeschichte bis dahin fast spurlos vorübergegangen. Wirtschafts- und sozialgeschichtliche Themen, strukturgeschichtliche Ansätze und statistische Methoden, welche seit dem berühmten Streit über das Werk des Historikers Karl Lamprecht um die Jahrhundertwende unter dem Titel „Kul­turgeschichte“ vorsichtig Einzug in die Landesgeschichtsschreibung gehalten hatten, wurden von der Heimatgeschichte bis in die sechziger Jahre über­wiegend ignoriert. Zwischen der groß­räumigeren, moderneren Landes- und der kleinräumigen, veralteten Heimatgeschichte klaffte eine breite Lücke im wissenschaftlichen Niveau. Die traditionelle Verachtung, mit der professionelle Landeshistoriker auf die meist von Laien oder „Halbprofis“ (z.B. Geschichtslehrern) zur Belehrung eines lokalen Adressatenkreises betriebene Heimatgeschichte herabsahen, wurde zementiert, Vorurteile wurden bestätigt.

 

Anstöße zur Modernisierung der Heimat­geschichte erfolgten seit den sechziger Jahren aus verschiedenen Richtungen. Von der französischen „Schule der Annales“ (sozialgeschichtlich ausgerichtete Historiker, die sich um die Zeitschrift Annales d’histoire économique et sociale, gegründet 1929, gruppierten) und neopositivistischen wie auch „emanzi-patorisch-kritischen“ Ansätzen der Sozialphilosophie beeinflusst, gelangten strukturanalytische Verfahrensweisen in die deutsche Geschichtswissenschaft. Stilprägend wirkte die Bielefelder Schu­le der Geschichtswissenschaft. Wirtschafts- und sozialgeschichtliche For­schungen wurden ausgebaut und vielfach mit höheren statistischen Methoden unterlegt. Bildungsexpansion und wachsendes Interesse an Geschichte als Freizeitbeschäftigung ließ­en die Grenzen zwischen akademischer und laienhafter Geschichtsforschung verschwimmen. Der Kreis der akademisch vorgebildeten „Hob­byhistoriker“ wuchs stetig, wodurch neuere historiographische Methoden in die Heimat­geschichtsschreibung transportiert wurden.

 

Impulse erhielt die Heimatgeschichte ebenfalls von der Regionalgeschichte. Geburtshelfer der Regionalgeschichte war die DDR. In der DDR fiel die herkömmliche Landes- und Heimatgeschichts­schreibung unter Ideologieverdacht. Man unterstellte ihr imperialistische Neigungen (Ostforschung), dynastischen (Fürstenbezogenheit), partikularistischen (Klein­räumlichkeit) und Klassencharakter („Stäm­me“ verschleiern Klassen). Infolge ihrer konservativ-bürgerlichen Grundorientierung und ihres Missbrauchs in der nationalsozialistischen Zeit wurde die traditionelle Landes- und Heimat­geschichte unterdrückt. Als Gegenkonzept wurde Regionalgeschichte betrieben (teils auch unter den Termini „Heimatgeschichte“ oder „Landes­geschichte“), als eine auf kleinere geographische Einheiten (Bezirke als Nachfolger der Länder, Städte, Dörfer) bezogene sozialistisch geprägte Ge­schichtsschreibung. Dominierte zunächst die regionale Arbeitergeschichte, so ließ man seit den achtziger Jahren auch wieder andere Themen zu.

 

Da sich in den sechziger Jahren bei Historikern der Bundesrepublik zunehmend Unzufriedenheit mit der herkömmlichen Ausrichtung der Landes­geschichte einstellte, formulierte man Regionalgeschichte hier als neues Konzept in doppelter Gegnerschaft zur herkömmlichen Landesgeschichte und zur Regionalgeschichte der DDR. Was eine Region ist, richtet sich nach der Fragestellung der jeweiligen historischen Untersuchung: Wirtschaftsräume, Geschichtslandschaften, Gebietskörperschaften jeden Umfanges und andere Einteilungen können Objekte der Regionalgeschichte sein. Insofern lassen sich, obwohl das Konzept Regionalgeschichte aus der Landesgeschichtsforschung stammt, auch heimatgeschichtliche Arbeiten einbegreifen. Gemeinsam sind allen regionalgeschichtlichen Ansätzen die stark analytische Ausrichtung (im Unterschied zu erzählenden Gesamtdarstellungen), die Konzentration auf die neueste Zeit (anstelle der intensiven Erforschung des Mittelalters und der frühen Neuzeit) und das Bestreben, Mikro- und Makrohistorie zu vereinen: Kleine Einheiten werden als Konkretisierung, Differenzierung, Voraussetzung und Folge umfassender historischer Vorgänge verstanden. Hei­matgeschichte erhält in einer solchen Ge­schichtsauffassung ihren legitimen Ort als eine Detailanalyse, die nicht nur zur Vermittlung der „groß­en Geschichte“ bei interessierten Laien beiträgt, sondern ebenfalls der akademischen Disziplin Geschichtswissen­schaft Stoff für vergleichende Betrachtungsweisen liefert. Paradebeispiele dieser Ten­denz sind die vergleichende Städteforschung und die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Zeit „vor Ort“, die neben Universitätshistorikern und Kommunalarchivaren vor allem von Ge­schichtswerkstätten und engagierten (meist jüngeren) Einzelpersonen betrieben wird.

 

Heimatgeschichte ist damit als vollwertiger Teil in die Geschichtswissenschaft eingebettet. Sie verliert ihren Makel der Oberflächlichkeit, Rückständigkeit, Banalität, Laienhaftigkeit im schlechten Sinne. Sie steht aber auch vor weitaus größeren Anforderungen an die Qualität der Arbeiten als je zuvor. Schlich­te Ortschroniken, welche die (wie bestimmten?) „wichtigen Ereignisse“ eines Ortes aufzählen, genügen nicht mehr. Die Frage, wie Laien der Ge­schichtswissenschaft, weiterhin die Hauptträger der Heimatgeschichte, den methodologischen Ansprüchen der Fachwelt genügen sollen, stellt sich dringender denn je. Sind die Anforderungen mittlerweile so hoch, dass man Heimatgeschichte nur noch Profis zumuten kann? Verhindert die emotionale Bindung der Heimatforscher nicht von vornherein die wissenschaftlich objektive Betrachtung der Geschehnisse?

 

Der Subjektivitätsvorwurf gegen Heimatforscher ist alt und tief verwurzelt. „Sine ira et studio“ („Ohne Zorn und Eifer“), gefühllos, kalt und distanziert soll der Historiker dem historischen Geschehen gegenüber treten. Nur so könne er objektiv sein und die historische Wahr­heit herausfinden. Als Gegenposition zur bis dahin üblichen Bekenntnis- und Auftragsgeschichtsschreibung wurde diese Position von der beginnenden universitären Historikerzunft im 19. Jahrhundert formuliert. Leopold von Ran­kes Ziel, festzustellen, „wie es eigentlich gewesen ist“, wurde zum Glaubenssatz der deut­schen Historikerschaft. Liebe zum Objekt, wie sie den Heimatforscher auszeichnet, disqualifiziert in den Augen dieser Historiker jede Forschungstätigkeit, macht sie zur unwissenschaftlichen Spielerei.

 

Vieles kann gegen diese Position vorgebracht werden. Die scheinbar „objektiven“ Wissenschaftler stehen trotz ihrer hohen Ideale ebenfalls nicht über den Dingen, sondern mitten im Geschehen: Sie sind meist Beamte, also Staatsdiener, müssen sich um Drittmittel für ihre Forschungsvorhaben bei halbstaatlichen oder privaten Geldgebern bemühen und gehören, wie andere Menschen auch, be­stimmten sozialen Schichten, Glaubengemeinschaften und politischen Parteien an. Bereits Goethe betonte die unauflösliche Verwobenheit der Geschichtsfor­schung mit Interessen, wenn er meinte, das beste an der Geschichte sei der Enthusiasmus, den sie hervorbringe. Und wer ist schließlich bereit, sich über lange Zeit, vielleicht Jahrzehnte, einem Thema der Vergangenheit zu widmen, wenn er nicht irgendeine Absicht damit verfolgt? Einige neuere Richtungen der Ge­schichtswissenschaft (z.B. die feministische Richtung der Frauenforschung) gehen sogar so weit, jeder scheinbar interesselosen Beschäftigung mit Geschichte von vornherein den Wissenschaftscharakter abzusprechen.

 

Herz und Verstand, eine starke persönliche Mo­tivation und das Streben nach wissenschaftlicher Wahr­heit brauchen sich nicht auszu­schließen. Um bei der Nachprüfung der eigenen Ergebnisse vor Kollegen bestehen zu können, muss sich auch ein interessegeleiteter Forscher um Faktentreue bemühen. Intersubjektive Prüfung durch andere Fachleute vertritt in der Forschungspraxis die fehlende Objektivierbarkeit, da Experimente - wie in den Naturwissenschaften - in der Geschichtswissen­schaft infolge ihres rückblickenden Charakters bekanntlich nicht möglich sind. Die Chance, eine solche Prüfung unbeschadet zu überstehen, steigt, wenn man nicht nur auf die eigene Genialität vertraut, sondern auf anerkannte wissenschaftliche Methoden setzt.

 

 

 

Zielsetzung

 

Gleich zu Beginn einer Arbeit sollte man sich über die Ziele der Untersuchung klar sein. Ein bisschen „Selbsterfahrung“ hilft, rascher zu den Ergebnissen zu kom­men, die man sucht. Was soll er­reicht, was bewiesen oder widerlegt werden? Wie ändern sich die Ziele im Fortgang der Untersu­chung? Anlässlich der Veröffentli­chung der Ergebnisse sollte man über die Ziele, die man verfolgt hat, Rechenschaft ablegen. Der Leser oder der Hörer kann dann dem Gedankengang, der ihm vorgetragen wird, leichter folgen.

 

 

 

Themenwahl

 

Das Thema einer historischen Untersuchung sollte nicht zu umfangreich sein. Meist stellt sich später heraus, dass auch kleine The­men mehr Arbeit machen als man vorher dachte. Nachdem ein kleines Thema abgeschlossen ist, kann man problemlos ein neues Thema bearbeiten. Wählt man hingegen ein zu umfassendes Thema, so besteht die Gefahr, dass man die Lust verliert oder zur Oberflächlichkeit neigt, um fertig zu werden. Die zeitlichen Möglichkeiten, die man hat, sollten bei der Wahl des Themas so berücksichtigt werden, dass man in der Lage ist, das Thema innerhalb von höchstens zwei bis drei Jahren abzuschließen. Selbst für Dissertationen, die in der Regel drei bis fünf Jahre lang (ohne Nebenverpflichtungen!) bearbeitet werden, werden oft winzige The­menausschnitte gewählt. Je enger ein Thema räumlich, sach­lich und vor allem zeitlich abgesteckt wird, desto leichter fällt die Realisierung der Aufgabe. Nicht einmal erfahrene Berufshistoriker haben heute noch den Überblick über alle Gebiete ihres Faches. Eine zusammenfassende Ortschronik setzt umfangreiche Vorstudien voraus und einen in vielen Epochen und Sachgebieten sattelfesten Bearbeiter.

 

 

 

Gliederung

 

Der Inhalt der Untersuchung sollte von Beginn an gegliedert werden. Sicherlich muss diese Gliederung später mehrfach geändert werden, doch die Mühe lohnt sich, da man jederzeit einen Überblick über den Stand der eigenen Forschungen hat.

 

 

 

Vergleich

 

Wissenschaftliches oder wissenschaftlich orien­tiertes Arbeiten beruht auf dem Vergleich als der Basismethode schlecht­hin. Um den Wahr­heitsgehalt einer Quelle abschätzen zu können, muss man diese mit anderen Quellen vergleichen („Quellenkritik“). Die Ergebnisse einer Untersuchung sollten mit den Ergebnissen ähnlicher Untersuchungen in anderen Orten verglichen werden. Universitäts-, Landes- und Stadt­bibliotheken sowie Kommunal- und Staatsarchive können bei der Literaturbeschaffung behilflich sein. Zustände in verschiedenen Epochen sowie vergangene und heutige Zustände soll­ten eben­falls miteinander verglichen werden. Dies schärft den Blick für Besonderes und Allgemeines und relativiert man­che Position der Gegenwart.

 

 

Quellen

 

 

Bei der Wahl der Quellen zu einem Thema soll­te man nicht zimperlich sein. Nach Paul Kirn (Einführung in die Geschichtswissen­schaft, 6. Auflage, Berlin 1972, S. 29) sind Quel­len „alle Tex­te, Gegenstände oder Tat­sachen, aus denen Kennt­nis der Vergangenheit gewonnen werden kann“. Dazu zählen nicht nur die üblicherweise verwendeten Urkunden und Akten, sondern auch Karten und Pläne, Fotos und Flugblätter, die nicht nur illustrativen Charakter haben. Für die Zeitgeschichte sind ebenfalls Filme und Ton­aufnahmen sowie mündliche Überlieferungen wichtige Quellen. Interviews mit Zeitzeugen, eine Quellengattung, die der Heimatforschung besonders nahe liegt, können wich­tige Ergänzungen zum schrift­lichen Material darstellen, müssen allerdings besonders kritisch geprüft werden, da mit Vergessen und Verfälschen bei den Befragten gerechnet werden muss. Auch gegenständliche Quellen (z.B. Straßenverläufe, Architektur, Gegenstände im Heimatmuseum) können zum Sprechen gebracht werden. Das Gerüst einer heimatgeschichtlichen Darstellung wird jedoch in aller Regel durch schriftliche Unterlagen gebildet, die meist in öffentlichen Archiven, gelegentlich auch bei Kirchengemeinden, Vereinen, Firmen oder Privatleuten zu finden sind. Bei der Quellensuche sind die kommunalen Archive behilflich, die weitere Ansprechpartner kennen.

 

 

Begrifflichkeit

 

Bei jeder historischen Forschung besteht das Problem der angemessenen Begrifflichkeit. Inwieweit sind Begriffe der heutigen Sprache geeignet, historische Zustände zu beschreiben? Ein mittelalterliches Herr­schaftsgebilde ist kein moderner Staat, ein Han­delshaus des 16. Jahrhunderts kein Unternehmen. Hier muss man versuchen, entweder neue Kunst­begriffe zu bilden (z.B. „Personenverbands­staat“ statt „Ter­ritorialstaat“), oder die Ausdrücke der zeitgenössischen Quellen verwenden, die erläutert werden müssen. Quellenbegriffe müssen mit äußerster Vorsicht gelesen wer­den. Ein Ritter des 10. Jahrhunderts ist etwas anderes als einer des 15. Jahrhunderts. Was meint ein Adliger des 17. Jahrhunderts, wenn er sich selbst als Ritter bezeichnet, obwohl es Ritter nach dem üblichen Verständnis nur bis in das 16. Jahrhundert gab? Ein Blick in die geschichtswissen­schaftliche Fachliteratur oder ein historisches Begriffslexikon ist erforderlich, auch bei Begriffen, von denen man annimmt, ihren Bedeutungsgehalt sicher zu kennen. Da auf diesem Gebiet in den letzten Jahrzehnten bedeutende Forschungen durchgeführt worden sind, sind ältere Nach­schlagewerke kaum noch verwendbar.

 

 

 

Theorien

 

Alle Aussagen über geschichtliche Vorgänge und Verhältnisse sind Theorien, d.h. Anschauungen oder Ansichten. Selbst scheinbar „harte“ Fakten tragen Momente der Unsicherheit in sich. Dass Karl der Große am Weihnachtstag des Jahres 800 zum Kaiser gekrönt wurde, mag als unbestritten gelten, da es von mehreren Quel­len unabhängig voneinander belegt wird. Warum dieses Datum ein Gegenstand der Ge­schichte und keine unwesentliche Banalität ist, was die Krönung für Zeitgenossen und Nachwelt bedeutete und aus welchen Gründen sie erfolgte, ist aber keineswegs abschließend geklärt, sondern lediglich Objekt der mehr oder minder gut begründeten gelehrten Spekulation. Diese Schwierigkeit stellt sich grundsätzlich für alle historischen Epochen, einschließlich der jüngsten Zeitabschnitte. Immer wenn nach Ursachen und Folgen einzelner Ereignisse gefragt wird, also nach dem ge­schichtlichen Zusammenhang, tritt zu den historischen Ein­zelfakten die Interpretation des Historikers als be­stimmendes Element hinzu. Die „Fischer-Kontroverse“ zu den Thesen Fritz Fischers über die Schuld am ersten Weltkrieg oder der „Historiker-Streit“ zum historischen Stellenwert des Nationalsozialismus demonstrieren dies deutlich. Aus geschichtlichen Darstellungen sollte daher stets sichtbar sein, dass es sich um (begründete) Meinungen des Autors, nicht aber um feststehende Tatsachen handelt.

 

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Das Allgemeine,

Überindividuelle in

der Geschichtswissenschaft

 

 

Geht es in der Ge­schichts-schrei­bung darum, „forschend zu verstehen“, „wie es eigentlich gewesen ist“, wie Johann Gustav Droysen und Leopold von Ranke, die maßgeblichen deutschen Ge­schichtsmethodologen des 19. Jahrhunderts, meinten? Gehört Geschichtsfor­schung nach Wilhelm Windel­band zu den „idio­graphischen“, das Individuelle beschreibenden, oder zu den „nomothetischen“, Gesetze aufstellenden Wissenschaften? Die älteren Historiker - und ebenfalls viele der neue­ren, ge­stützt von Karl Raimund Poppers Verdikt des „Historismus“ - waren durchweg der Ansicht, Gesetze ermitteln und Prognosen aufstellen könne die Geschichtswissenschaft nicht. Dies sei den Naturwissen­schaften, allenfalls noch den „systematischen Sozialwissenschaften“ vorbehalten. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, was eine Wissenschaft soll, wenn sie keine Aussage für die Zukunft gestattet. Geschichte als Steinbruch anderer Wissenschaften zu benutzen, ist manch­mal durch­aus sinnvoll, aber dürftig: Eine Wis­senschaft ohne Eigenwert kann bedenkenlos aufgelöst werden.

 

Hier wird die These vertreten, dass Geschichtswissenschaft sehr wohl eine in vielfacher Hinsicht auf das Allgemeine, Überindividuelle hin orientierte Wissenschaft ist:

 

  1. Individuelles ist als solches nur durch den Vergleich mit anderem zu erkennen. Die Beschreibung des Besonderen setzt Allgemeinbegriffe voraus, die Beschreibung der Menschen­geschichte die Naturgesetze als Fixpunkte.

  2. Den Historiker interessieren Einzelereignisse häufig nur, wenn sie beispielhaft oder typisch sind. Untersucht wird Ritter Kunibert LXXXVI. nicht, weil er eine wichtige Persönlichkeit war, sondern lediglich als Vertreter der mittelalterlichen Ritterschaft, als einer unter vielen. Aus der Analyse einer größeren Anzahl Einzelpersonen wird geschlossen, wie „der“ Ritter des Mittelalters war.

  3. Was für Persönlichkeitstypen gilt, gilt natürlich ebenso für typische Ereignisfolgen. Wie sieht eine typische Revolution aus? Wie verläuft eine soziale Bewegung? Welche Stadien hat ein Krieg? Praktiker und praxisorientierte Wissenschaften haben derartige Untersuchungen historischer Teilgebiete schon immer durchgeführt, um aus der Geschichte zu lernen. Militär­geschichte stammt aus der Auseinandersetzung mit der Kriegsführung im Rahmen der Offiziersausbildung (man denke an Clausewitz), Sozialgeschichte wurzelt zu einem erheblichen Teil in dem Bestreben, das Los unterprivilegierter Schich­ten zu verbessern. Lediglich die Nationalgeschichtsschreibung des 19. und frühen 20. Jahr­hunderts leugnete strikt jede Praxisrelevanz historischer Verallgemeinerungen, um ihrem Paradigma der historischen Einzigartigkeit der Nation gerecht zu werden.

 

Für den Heimatforscher haben diese Ausführungen vor allem zwei oben bereits angedeutete Konse­quenzen: Stets die verwendete Begrifflichkeit in Fachlexika zu überprüfen und Einzelnes mit dem Allgemeinen zu vergleichen. Inwieweit lässt sich die Ent­wicklung eines Ortes unter die übliche historiographische Be­grifflichkeit subsumieren? Inwieweit weicht sie ab? Lassen sich Gründe für Übereinstimmungen und Abweichungen angeben? Welche Schlüs­se lassen sich aus der Untersuchung für die Zukunft des Ortes ziehen? Wird Heimat­geschichtsschreibung mit dieser umfassenden Perspektive betrieben, hat sie Bedeutung weit über ihr geographisches Bezugsfeld hinaus.

 

 

 

Statistik

 

Nachdem beschreibende Statistik selbstver­ständlicher Bestandteil der Wirtschafts- und Sozial­geschichte seit ihren Anfängen gewesen ist, haben seit den siebziger Jahren auch Verfahren der analytischen Statistik in die Ge­schichtsforschung Einzug gehalten. Computer machen möglich, was der Trend­wandel der Ge­schichtswissenschaft fordert. Einflüsse aus Frank­reich - „Schule der Annales“ - und den USA - „Clio­metrics“, die Verbindung von Geschichtsforschung („Clio“) und theoretischer Wirtschaftswissenschaft („[Econo-]metrics“) - sowie von Seiten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, veranlassten deutsche Historiker, sich quan­titativen Fragestellungen zuzuwenden, und Fortschritte bei Hard- und Software verführten zu Experimenten. Leider entsprechen die Ergebnisse statistischer Ana­lysen in der Geschichtsforschung nur selten dem Enthusiasmus bei ihrer Anwendung. Außer der Kenntnis der Computerprogramme setzt der erfolgreiche Umgang mit komplexen statistischen Methoden umfangreiche wissenschaftstheoretische und mathematische Kenntnisse voraus. Methoden der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften dürfen nicht einfach übernommen werden, da Spezifika des historischen Datenmaterials (Lückenhaftigkeit, Uneinheitlichkeit, niedrige Skalenniveaus) zu beachten sind. Besondere Vorsicht ist bei der Interpretation der mathematischen Resultate geboten, deren historische Relevanz oft überbewertet wird. Scheitern an diesen Hürden, obwohl mittlerweile umfangreiches Schrifttum vorliegt und ein Netz wissenschaftlicher Beratungs- und Schulungseinrichtungen geschaffen wurde, nach wie vor zahlreiche Universitätswissenschaftler, so dürfte dies in besonderem Maße für Laienhistoriker zutreffen. Von der Anwendung höherer statistischer Methoden in der Hei­matfor­schung ist daher im allgemeinen abzuraten, während einfache Tabellenauszählungen zum traditionellen und empfehlenswerten Handwerkszeug der Geschichtsforscher zählen.

 

 

 

Darstellung

 

Die Darstellung heimat­ge-schicht­licher Untersu­chungen kann sich der Form der Erzählung einer Ereignisfolge oder der analytischen Beschreibung bedienen. Beide For­men haben ihre Berechtigung. Die Erzählung, weil sie einen Ablauf kurz, elegant und unterhaltsam wiederzugeben gestattet, die Ana­lyse, weil sie den Argumentationszusammenhang deutlicher werden lässt. Auch eine dichte Erzählung setzt - zumindest implizite - Theorien voraus, die idea­lerweise offengelegt, also analysiert werden soll­ten. Der Unterschied zwi­schen Erzählung und Analyse, der in der ge­schichtstheoretischen Diskussion bisweilen pointiert wird, ist keiner der Untersuchungs-, sondern lediglich einer der Darstellungsmethode. Heimat­geschichtliche Darstellungen, die sich an einen breiten und nicht unbedingt fachlich vorgebildeten Emp­fängerkeis richten, tun gut daran, zwischen beiden Dar­stellungsweisen zu wechseln, um Einseitigkeiten zu vermeiden. Dass der Empfängerkreis heimat­geschichtlicher Arbeiten meist eine einfache, allgemein verständliche Sprache bedingt, braucht kaum erwähnt zu werden. Wohl­tuend, wenn eine Veröffentlichung nicht unter dem „Aküfi“ (Abkürzungfimmel) leidet, einer epidemischen Krankheit in Wissenschaftskreisen. Dies gilt insbesondere, wenn nicht in Buchform, sondern in Zei­tungsartikeln, Radio- oder Fernsehbeiträgen oder Vorträgen, also Medien, die eine rasche Auffassungsgabe des Empfängers voraussetzen, publiziert wird.

 

Die alte Frage, ob bei schriftlichen Veröffentlichungen zur Heimatgeschichte auf die Angabe von Anmerkungen verzichtet werden soll, ist nicht eindeutig mit Ja oder Nein zu entscheiden. Anmerkungen geben die Belegstellen des Autors wieder und ermöglichen dem Leser auf diese Weise, die Darstellung zu überprüfen. Sie sind Ausdruck der Ehrlichkeit des Autors, der sich nicht mit fremden Federn schmücken will, sondern klar seine eigene Meinung von der anderer unterscheidet. Wenigstens in Schrif­ten, welche den Umfang eines Zeitungsartikels über­schreiten, nicht bloß Bekanntes zu­sammenfassen und nicht rein essayistisch sind, sollten in der Regel Anmerkungen angegeben werden. Sie hem­men den Lesefluss nicht, wenn man sie aus­schließlich für Belegstellen benutzt, statt in ihnen längere Diskussionen zu führen, und sie an das Ende einer Seite, eines Kapitels oder des Gesamttextes stellt.

 

Sind angesichts all dieser Anforderungen heimatgeschichtliche Arbeiten überhaupt noch möglich? Selbstverständlich! Im Grunde betreffen die ge­nannten Punkte überwiegend Banalitäten. Nur konse­quent anwenden müsste man sie, was eher selten ist. Immer wieder sollte man sich selbst anhand dieser oder einer ähn­lichen „Checkliste“ kritisch kontrollieren, ob man gegen einen der Grundsätze verstößt. „Betriebsblindheit“ beugt man vor, indem man sämt­liche Vorhaben unter möglichst vielen und mög­lichst kritischen Kollegen zur Diskussion stellt, und zwar vor der endgültigen Veröffentli­chung. Man nimmt Teil an einem lebendigen Forschungsprozess, der anregend ist und zur weiteren Arbeit motiviert. Geschichtsarbeitskreise der Volkshochschulen, historische Vereine und Kom­munalarchive unterziehen sich gern den damit verbundenen Mühen. Die Ergebnisse lohnen den Aufwand und die zeitliche Verzögerung, die damit verbunden ist.

 

 

 

 

Zur Literatur

 

Zur Geschichte des Heimatbegriffs, der Heimatbewegung und der Heimatgeschichte sind zahlreiche Veröffentlichungen erschienen. Als einführende Literatur zum Thema wird auf folgende Titel verwiesen:

 

? Karlheinz Blaschke, Die Landesgeschichte in der DDR - ein Rückblick, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 1990, S. 243-261

? Carl-Hans Hauptmeyer (Hrsg.), Landes­geschichte heute, Göttingen 1987

? Edeltraut Klueting (Hrsg.), Antimodernismus und Reform. Zur Geschichte der deutschen Hei­matbewegung, Darmstadt 1991

? Martin Roth, Heimatmuseum. Zur Ge­schichte einer deutschen Institution, Berlin 1990

? Peter Sonnet, Heimat und Sozialismus. Zur Regionalgeschichtsschreibung in der DDR, in: Historische Zeitschrift, Bd. 235, 1982, S. 121-135

In die Theorie der Geschichtswissenschaft, ihre Methoden und die Interpretation historischer Quellen gibt es zahlreiche Einführungen, von denen jedoch keine alle Anforderungen an eine wissenschaftlich fundierte und gleichzeitig lesbare Darstellung erfüllt. Eine Lektüreempfehlung kann hier deshalb leider nicht gegeben werden.

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte

Beiträge zur Stadt­geschichte,

Heimatkunde und Denkmalpflege

Heft 7, Juli 2000

 

Herausgeber:

Dr. Dietmar Bleidick

Yorckstraße 14, 44789 Bo­chum

Tel.: 0234 / 335406

e-mail: dietmar.bleidick@ruhr-uni-bo­chum.de

für die

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde,

Stadtgeschichte und Denkmalschutz

Graf-Engelbert-Straße 18

44791 Bochum

Tel. 0234 / 581480

 

Redaktion:

Dr. Dietmar Bleidick, Peter Kracht

 

Druck:

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Verlag:

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ISSN 0940-5453