Nierentisch und Hula-Hoop

 

Die Becker-Leuchte von 1957 in der

heutigen Heinrich-Böll-Schule

 

Hans H. Hanke

 

Wie 1998 beim Stadtbad-Abschiedsfest versprochen, konnte im Mai vorigen Jahres das einmalige Kunstwerk aus Mitteln der Stadtbad-Versteigerung restauriert werden. Mit erkennbarer Begeisterung hatten sich 100 Schüler und Schülerinnen und ihre Lehrer und Lehrerinnen in eigenen Arbeiten mit dem gewagten Mobile der 50er Jahre beschäftigt, das in ihrer Gesamtschule an der Agnesstraße das ge­schwungene Treppenhaus ziert.

 

Die Lampe ist ein Spielzeug: Wir sehen eine mobile-ähnliche Konstruktion aus drei bunten, frei geformten Körpern. Eine weiße Platte wird von farbigen Stäben durchdrungen. Auf einer horizontalen Platte scheint eine Igel zu krabbeln. Eine mit Riesen-Pastillen besetzte Platte gibt durch ihre dunk­le Farbe dem Ganzen Gewicht. Wie Sonne, Mond und Sterne flankieren Glasbälle und andere Leuchtkörper die typischen rundlich-asymmetrischen „Fifty-Formen“. Die Lampe reagiert auf Bewegung, denn wenn wir sie auf der Wendeltreppe umkreisen, bietet sie ständig neue und ausgewogene Untersichten und Aufsichten, Perspektiven und Farb­spiele. Und die ganze Kunst funktioniert auch noch als Lampe. Das ist wirklich ein großartiges Stück Innenarchitektur.

 

Geschaffen wurde der Beleuchtungskörper 1956/57 vom namhaften Bochumer Künstler Egon Becker (1910-1989), dessen Werk wesentlich von seiner Zeit am weltbekannten Bauhaus als Schüler von Josef Albers und Wassily Kandinsky beeinflusst worden war. Die freiplastische Arbeit brach 1957 mit allen Konventionen und ist als kinetischer Beleuchtungskörper wohl einmalig in Deutschland. Bunt, abwechslungsreich und strahlend sollte sie die Phantasie und den Alltag der Schülerinnen bele ben, die in Bochums ehrgeizig gestaltetem ersten Nachkriegsgymnasium zur Schule gingen. Es galt als sehr gewagtes innenarchitektonisches Experiment, das riesige Mobile in die damaligen Freiherr-vom-Stein-Schule zu hängen. So gegenstandslose Formen waren in konservativen Kreisen als „Picasso-Kunst“ verschrieen und damit als gefährlich unmoralisch eingestuft. Man befürchtete, die Seelen der jungen Mädchen hätten Scha­den leiden können. Heute wirken die abstrakten Formen wie die Inkarnation von Nierentisch und Hula-Hoop.

 

Egon Becker aus Bochum-Langendreer studierte direkt nach seinem Abitur 1930 am Bauhaus in Des­sau und machte dann seinen Gesellen als Maler und Anstreicher. Er wurde Innenarchitekt, bevor er dann Freie Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf studierte und dort 1940 in einem Architekturbüro tätig wurde. Nun herrschte Krieg und Becker musste sich als Architekt mit Bun­kerbauten be­schäftigen, arbeitet aber auch während dieser Zeit als Maler. 1945 grün­dete er den Bochumer Künstlerbund mit, war dann Mitglied in der Künstler­gruppe „Hell­weg“. Ab 1964 wirkte er als Kunsterzieher an der Goethe­schule und am Albert-Einstein-Gymnasium. Sein Bild und seine Biographie hat die Heinrich-Böll-Schule im Treppenhaus aufgehängt.

 

Egon Becker war sehr stark in der Werbegrafik engagiert, von seinen Projekten für Architektur ist dieser Leuchter sicherlich das auffälligste Werk. Die Verglasung vieler Trauerhallen in Bochum stammt von Becker, in einem Gymnasium hängt eine Drahtplastik.

 

Beckers Bauhaus-Leuchte war im Laufe der Jahrzehnte stark beschädigt und verschmutzt worden und sollte wegen ihres üblen Zustandes sogar schon entfernt werden. Für das Werk machten sich jetzt einige unter Federführung der Kortum-Gesellschaft stark: Hildegard Vörös-Rademacher engagiert sich als Direktorin der Heinrich-Böll-GS für die stilvolle Erhaltung des Gebäudes. Die Kunstlehrerinnen Frau Franzke, Frau Grigo, Frau Hunold und Frau Krause begeisterten ihre Klassen für das Thema. Architekt Holger Rübsamen war ein Schüler und Freund des Künstlers Egon Beckers. Die Firma Elektro-Grawe und die Malerwerkstätten Mohr haben die notwendigen Restaurierungen fachgerecht und zu symbolischen Preisen durchgeführt. Ihnen allen ist sehr dafür zu danken, dass sie die Restaurierungsidee mit so viel eigener Energie aufgegriffen und weitergeführt haben.

 

Nur wenige scheinen daran zu denken, dass in den Gebäuden der 50er-Jahre mittlerweile zwei Generationen leben, denen diese Architektur „Heimatkult“ geworden ist. Dass Egon Beckers 50er-Kunst heute wieder die Jugendlichen an dieser Schule begeistern kann, ist ein wichtiges Vermächtnis des abgerissenen Stadtbades. So wird das Verständnis für diese wegweisende Epoche Bochums bei künftigen Entscheidungen um die Erhaltung solcher Zeitzeugnisse vielleicht stärker ausgeprägt sein.

 

 

 

Literatur

Ulrich Hermanns (Bearb.), Basis Bauhaus ... Westfalen, Katalog Münster 1995; Volker Jakob, (Hg.), Lichtbilder auf Papier. Fotografie in Westfalen 1860-1960, Münster 1999. Siehe auch Katalog Egon Becker aus dem Museum Bochum.

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte

Beiträge zur Stadt­geschichte,

Heimatkunde und Denkmalpflege

Heft 7, Juli 2000

 

Herausgeber:

Dr. Dietmar Bleidick

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