Nomen est omen -

Wie die Goethe-Schule wirklich zu ihrem Namen kam

 

Eberhard Brand

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„Diese Schule hat eine sonderbare Carrière ge­macht. Zuerst war sie Königliche Gewerbeschule; dann wurde sie höhere Bürgerschule, dann Realschule, jetzt Oberrealschule. Nächs­tens wird sie vielleicht noch zur Universität erhoben ...“, witzelte ein Redakteur im Rhei­nisch-West­fälischen Tageblatt vom 7. Mai 1892 über Bochums älteste, 1851 gegründete Oberschule, die heu­tige Goetheschule.

 

Eine „Universität“ ist sie nie geworden - darin irrte der journalistische Prophet - doch ihre „sonderbare Carrière“ führte Ende des letzten Jahrhunderts über den pracht­vollen Neubau an der Goethestraße und im Laufe der folgende Jahrzehnte über mehrere verschiedene Benennungen bis hin zum Namen „Goethe-Schule“, den dieses älteste der drei Bochumer Innenstadt-Gym­nasien auch noch heute trägt und in etwa in einem Jahr - zur Feier des 150. Geburtstags im Jubeljahr 2001 - unverändert tragen wird.

 

Eine andere Geburtstagsfeier liegt jetzt etwa ein Jahr zurück: Der 250. Geburtstag Johann Wolf­gang Goethes bot im Jubeljahr 1999 will­kommenen Anlass für eine schier unübersehbare Fülle kultureller Aktivitäten, Goe­the vom engs­ten bis zum wei­testen Sinne betreffend. Welt- und europaweit, im besonderen Maße in unserer wieder vereinigten Republik und dort vor allem an den Goethe-Stätten und in den Goethe-Städten beschäftigten sich die Men­schen mit dem illustren Jubilar.

 

Doch auch in der Nicht-Goethe-Stadt Bochum - sicherlich kannte der Olympier ihren Namen, sein Reiseziel oder Objekt seiner besonderen Zuwendung war Bochum bekanntlich nie - spielte Goethe in diesem besonderen Jahr mit den drei Neuen eine größere Rolle als in gewöhnlichen Jahren und natürlich auch speziell - wen wundert?s? - an der nach ihm benannten Bochumer Goethe-Schule.

 

Dass es im einstmals wenig bedeutenden Verwaltungs- und Ackerbürgerstädtchen Bochum, das ab der Mitte des 19. Jahrhunderts - und somit Jahrzehnte nach Goethes Erdenwandel - von der Industrialisierung im Westen Deutschlands schubweise mehrfach massiv überrollt und in beein­druckender Rasanz in den folgenden Jahrzehnten zur Großstadt wurde, deren Bevölkerungszahl durch Geburtenzunahme, Zuzug, Eingemeindungen und andere Faktoren schließlich die 400.000 über­schritt, dass es in dieser recht Goethe-fernen Kohle- und Stahlstadt Bochum im Herzen des Ruhrgebietes überhaupt eine nach Goe­the benannte Oberschule gibt, sollte aufmerken lassen und allemal den Versuch wert sein, die Hintergründe dieser Merkwürdigkeit einmal auszuleuchten.

 

 

Wie kam die

Goethe-Schule

zu ihrem Na­men?

 

 

Offensichtlich birgt diese Frage keine großen Geheimnisse: Die groben Fakten sind - auch an der Goethe-Schule selbst - hinreichend dokumentiert und leidlich bekannt. So steht in der „Festschrift zum hundertjährigen Bestehen der Goetheschule zu Bochum / 1851 - 1951" auf der Seite 28 aus der Feder des damaligen Schulleiters Dr. Friedrich­ Lam­mert Folgendes zu lesen: „Seitdem die ab 1910/11 im gleichen Gebäude entstandene Schwesteranstalt, die heutige Graf-Engelbert-Schule, mit ihrem zweiten Jahre in die Humboldtstraße umgesiedelt war, nahm unsere Schu­le [als Oberrealschule I - zur besseren Unterscheidung von der dann selbständig gewordenen Oberrealschule II „an der Hum­boldtstraße“] den Zusatz ‚an der Goethe­straße‘ an. Sie nun­mehr Goetheschule [richtig: „Goethe-Oberrealschule“] zu nennen, geht auf Anregung des Geheimrats Dr. Wehrmann [Direktor der Schule von 1900 bis 1922] bei der Fünf­undsiebzigjahrfeier [1926] zurück und wurde durch Erlaß des Herrn Ministers XI. Nr. 19400 vom 9. Dezember 1927 genehmigt.“ - Somit war höchstoffiziell am 9. Dezember 1927 aus der „Städtischen Oberrealschule an der Goethestraße zu Bochum“ die „Städ­tische Goethe-Oberrealschu­le zu Bochum“ geworden.

 

Etwa zehn Jahre hat es dann noch gedauert, bis - in der Folge einer „Schultypen-Vereinheitlichung“ - der Name der Schule sich gegen Jahresende 1937 noch einmal änderte: Wurde die Reifeprüfung im Herbst 1937 noch unter der Bezeichnung „Goethe-Oberrealschule“ durchgeführt, so wurden die Vor­schläge für den deutschen Aufsatz für die Reifeprüfung Ostern 1938 bereits am 22. Dezember 1937 unter der neuen Schulbezeichnung „Goethe-Schule / Oberschule für Jungen / Bochum“ beim „Herrn Oberpräsidenten der Provinz Westfalen - Abteilung für höheres Schulwesen“ in Münster eingereicht.

 

Seitdem hat die Goethe-Schule diesen Namen bis auf den heutigen Tag beibehalten, geändert haben sich nur noch die jeweiligen Zusätze, zum Beispiel wurde ab 1950 aus der Unterzeile „Städtische Ober­schule für Jungen, Bochum“ der Mammut-Zusatz „Städtisches mathematisch-naturwissenschaftliches und neusprachliches Gymnasium für Jungen, Bochum“, der 1974 aus gegebenem Anlass noch um die Erweiterung „und Mädchen“ bereichert wurde. Von der Reifeprüfung im Sommer 1975 bis heute lautet die Unterzeile: „Städtisches Gymnasium für Jungen und Mädchen, Bochum“, wobei sich ab und an noch - parallel dazu - die Ergänzung „mit differenzierter Mittel- und Oberstufe“ findet.

 

Die Frage, wie die Goethe-Schule zu ihrem Namen kam, kann und muss hiernach wohl als beantwortet gelten. Die Wahrheit scheint - wenn auch nicht bitter, so doch recht prosaisch auszufallen: Kein überraschendes Aufflammen hehrer Bildungsbeflissenheit seitens der Bochumer Stadtväter, kein idealistisches Streben nach höchsten Weihen tiefster Vergeistigung unter Bochumer Schulmännern, kein Bochum-patrizischer Bildungsbürgerstolz, kurz, keinerlei goethischer Genius soll der Goethe-Schule zu ihrem Namen verholfen haben? Schlicht ihre Lage an der Goethe-Straße soll letztendlich den Aus­schlag gegeben haben für die Benennung nach Deutschlands bedeutendstem Dichter und Denker?!

 

Einer solchen Tatsache ins Auge zu blicken, fiele wohl niemanden leicht, dessen Herz nur irgendwie für Bochums älteste Oberschule schlägt, und so erhebt sich die Frage: Gibt es noch Rettung vor dem schnöden Eingeständnis: Jawohl, dieser Schulname wurde irgend­wann einmal lediglich der Straßen­bezeichnung angepasst, Punkt.?!

 

 

 

Da ist doch noch

die Sache mit der

Henne und dem Ei!

 

 

Das alte Problem, wer von beiden zuerst auf der Welt war, konnte zwar bis auf den heutigen Tag nicht gelöst werden, für die hier anstehende Schick­salsfrage scheint es aber einen Weg aufzuzeigen, der nicht unbestritten bleiben darf: Wer war zuerst da, die Straße oder die Schule? - Genauer gefragt: Hieß die Straße schon Goethestraße, bevor man plante, an ihr das Oberrealschulgebäude zu er­richten oder hat man das Oberrealschulgebäude bereits an einer noch nicht benannten Straße geplant, die man nach der Stand­ortentschei­dung für die Ober­realschu­le - und gewiss unter deren angemessener ideeller Berücksichti­gung - zur Goethestraße erhoben hat? Dies genau gilt es zu klären, und wenn noch Ehrenrettung für den Akt der Namensgebung der Goethe-Schule und für sämt­liche daran Beteiligten möglich ist, dann allenfalls aus der positiven Klärung dieser Frage:

 

 

 

Wann ist die Goethe

-straße entstanden und

wann erhielt sie ihren Namen?

 

 

Das ist nicht mit zwei Sätzen gesagt, vielmehr bietet es sich an, den Kontext der Goethe-straßen-Ent­stehung einmal kurz zu rekapitulieren. Seit der Mitte der 1860er Jahre existiert bereits die hinreichend ausgebaute Bergstraße, die älteste nach Norden in die Gemeinde Grumme führende Straße. Nach Um­wandlung von Teilen der Kleinen Vöde (Viehweide) in den Bochumer Stadtpark - die erste Ausbauphase war 1878 mit Fertigstellung des „Park­hauses“ abge­schlossen - mühten sich die Verantwortlichen im Bochumer Magistrat darum, neben der Berg­straße, der einzigen Parkzuwegung von der Stadt aus, eine neue, repräsentative Parkstraße zu bauen, die insgesamt attraktiver und leistungsfähiger als die alte Bergstraße sein, dem Park weiter west­lich wohnende Bevölkerungskeise zuführen und eine angemessene Anbindung an die geplanten „hochherrschaftlichen“ Villenbereiche rings um den Stadt­park garantieren sollte. Lange bevor diese Stra­ße gebaut werden konn­te, stand ihr Name schon fest: „Kaiser-Wilhelm-Straße“, in unerschütterlicher und nicht zu übertreffender Bochumer Hohenzollerntreue untertänigst benannt nach Wilhelm I., dem Großen, dem Deut­schen Kai­ser und König von Preuß­en (1797-1888).

 

Haupthindernis für den Bau­beginn der Straße war - laut Magistratsbericht 1891/92 - ein langwieriger Streit zwischen der Stadt Bochum und der preußi­schen Landesregierung um die Brei­te einer Unterführung der seit 1874 betriebenen Rhei­nischen Eisenbahn, deren Bahn­damm bis auf den heutigen Tag - mit den anderen Bahndämmen und Unterführungen des Bochumer Gleis­dreiecks - ein Verkehrshindernis von durchaus beträchtlichem Ausmaß für die Bochumer Innenstadtentwicklung darstellt.

 

Die Kaiser-Wilhelm-Straße - heute der nördlichste, am Stadtpark endende Teil der Kortumstraße - wurde in den Jahren 1894/95 endlich fertig gestellt, und so konnte

sie - neben der Gartenstraße, der heutigen Schillerstraße - zur „Geburtshelferin“ für die nachmalige Goethestraße werden. Der „Bericht des Magistrats der Stadt Bochum über die Verwaltung und den Stand der Ge­meindeangelegenheiten für das Jahr 1895/96", 1897 gedruckt bei Adolf Stumpf in Bochum, führt unter Kapitel V. (Bauwesen) auf der Seite 52 Folgendes aus: „... Weiter wurde aber dann für die Oberrealschule ein Neubau erforderlich. Als geeigneter Bauplatz wurde ein Grundstück unweit der Kaiser-Wilhelm-Straße, westlich derselben belegen, zur Größe von ca. 55 Ar käuflich erworben. Das Grund­stück wird von einer von der Kaiser-Wil­helmstraße spitzwinklig abzweigenden, durch die Grund­stücke der Erben C. Kentz­ler zur Gar­tenstraße führenden Straße zugänglich; in der Abzweigung zwischen der Kaiser Wilhelm- und der neuprojectirten Straße wird nach den Kauf­bedingungen für das Ober­realschulgrundstück ein ca. 14 Ar großer freier Platz unentgeltlich freigelegt ...“

 

Das ist deutlich: das Oberrealschul-Grundstück war bereits gekauft, eine die Schule zugänglich ma­chende, noch namenlose Straße war „neuprojectirt“ worden.

 

Noch eindeutiger wird’s im Magi­stratsbericht für das Rechnungsjahr 1896/97 (S. 48): „Die Festsetzung des Bebauungsplanes in der Nähe der Kaiser-Wilhelmstraße führte zu der Einfügung einer von der Kaiser-Wilhelmstraße schräg nach der Gartenstraße verlaufenden neuen Stra­ße (der Göthe­straße). Diese Straße war als ein Ver­kehrsbedürfnis nicht anzuerkennen und hätte die Bebauungsfähigkeit der in der spitz verlaufenden Gabelung beider Straß­en liegenden Grund­stücke in ungünstiger Weise beeinflußt. Um diesem Einwande zu begegnen, verstanden sich die Interessenten dazu, der Stadt dieses in dem spitzen Winkel liegende Gelände unentgeltlich zur Anlage eines dreiecki­gen Platzes zu überlassen. Außerdem wurde für den beabsichtigten Bau der Oberrealschule ein ausreichend großes Gelände an der neuen Straße zum Preise von 120 Mk für die ??Ruthe [= Quadratrute] der Stadt zur Verfügung gestellt. Somit ist durch die Auflegung dieser Stra­ße für die neue Schu­le eine sehr vorteilhafte Lage gewon­nen ...“

 

Hier taucht erstmals der Name „Göthestraße“ auf; es wird zudem festgestellt, dass ein „Verkehrsbedürfnis“ für die neue Straße nicht bestanden hat; sie wurde in erster Linie gebaut - und deshalb nahm man eine Reihe ungünstiger Faktoren in Kauf -, um der neuen Ober­realschule eine angemessene Zuwegung zu verschaffen, und so wurde „durch die Auflegung dieser Straße für die neue Schule eine sehr vorteilhafte Lage ge­wonnen.“

 

 

 

Und zum Schluss

- ein merkwürdiges Fazit

 

 

Das neue, von der Stadt Bochum ehrgeizig betriebene und groß­zügig ausgestattete Oberrealschulprojekt - die Bochumer Ober­realschule war seinerzeit die erste und einzige Schule dieses modernen, attraktiven und erfolgreichen Typs in der gesamten preußi­schen Provinz Westfalen - hatte ohne jeden Zweifel die Priorität für die Verantwortlichen; die Straße, die gebaut wurde, um die Schule optimal anzubinden und zugänglich zu machen, hatte ganz eindeutig eine dienende, nachgeordnete Funktion.

 

So darf und muss konstatiert werden, dass die damals verantwortlichen Bochumer Stadtväter die Straßenbenennung nach Goethe durchaus ganz bewusst und gezielt mit Blick auf den neuen Schulstandort gewählt haben, um diesen zumindest indirekt mit dem großen Namen Johann Wolfgang Goethes zu verknüpfen - nomen est omen! -, da individuelle Benennungen einzelner Schulen Ende letzten Jahrhunderts in Bochum nicht üblich und höchstwahrscheinlich auch nicht statthaft waren.

 

Eine Merkwürdigkeit - die Goethestraße betreffend - sei noch angefügt: Neben der Kaiser-Wilhelm-Stra­ße von 1894/95 - ihrem Typ „Herrschertitel und -namen“ (E. Schmidt) folgten die Graf-Engelbert-Straße (1903), die Kurfürsten- (1907), die Markgrafen- und die Burggrafenstraße (beide 1912) - wurde die Goethestraße (1897) Vorbild für ausgesprochen viele Straßenbenennungen im west-

lichen Stadtparkbereich vom Typ „Dichter der nationalen Selbstfindung“ (E. Schmidt). Der Goethestraße folgten die Körnerstraße (1901), die Lessingstraße (1904), die Uhland- und die Freiligrathstraße (beide 1905), die Schiller- (vorher Garten-) und die Wielandstraße (beide 1929) sowie die Herderallee (1947), die früher Auguste-Viktoria-Allee hieß.

Es ist ganz offensichtlich, dass die Goethestraße, die als eigentliche Straße so unbedeutend war, dass sie „als Verkehrsbedürfnis nicht anzuerkennen“ war, durch ihren überragenden Namensgeber Goethe eine Strahlkraft entfaltete, die im Bochumer Stadt­parkbereich über Jahrzehnte hindurch die nach­haltigsten Akzente setzte. Und an dieser begrüßenswerten Entwicklung hat die heutige Goethe-Schule, gleichsam als auslösender Faktor für die damalige Straßenbenennung, einen nicht unbedeutenden Anteil ...

 

Anmerkung

Der vorstehende Aufsatz erschien in leicht geänderter Fassung in der Jubiläums-Festschrift „1749 - 1999 / 250. Geburtstag / Johann Wolfgang Goethe / Dies ist mein Goe­the“ der Goethe-Schule, Bochum 1999, S. 13-16.

Erika Schmidt, Der Bochumer Stadtpark und sein städtebauliches Umfeld im 19. Jahrhundert, Hannover 1988

 

Abbildungen

Abb. 1, 3, 4, und 5 Postkarten aus der Sammlung Brand; Abb. 2 aus: Neue Fibel ... von Gabriel und Supprian, Bielefeld + Leipzig, Verlag Velhagen und Klasing, 1903.

 

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Bochumer Zeitpunkte

Beiträge zur Stadt­geschichte,

Heimatkunde und Denkmalpflege

Heft 7, Juli 2000

 

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