Wo wir die Russen einmal

reingelegt haben

 

Das Bochumer Denkmal zu Ehren

der ermordeten Sowjetbürger 1946-1964

 

Hans H. Hanke

 

Ein Sowjetstern bekrönte es weithin sichtbar, und ein übergroßer Zwangsarbeiter trat mit erhobener Faust aus ihm heraus – „Russendenkmal“ hieß es in Bochum. Vier große Tafeln mit kyrillischen Inschriften beschrieben den Anlass des Gedenkens: „Den Landsleuten, die in faschistischer Unfreiheit umgekommen sind zum ewigen Gedenken vom Sowjetischen Volk 1941-1945“1 war auf der Front­platte zu lesen. Heute ist die Erinnerung an dieses außergewöhnliche Mahnmal vor dem Friedhof am Freigrafendamm verblasst, denn 1964 wurde es durch die heute noch vorhandene niedrige und weniger auffällige Sarkophagplatte auf dem Freigrafendamm ersetzt. Seine Geschichte ist ein trauriges und beschämendes Kapitel in der Vergangenheit Bochums. Auch vor dem aktuellen Hintergrund der Entschädigungsleistungen für Zwangsarbeiter soll sie hier erzählt werden.

 

Luftbilder aus den frühen Nachkriegsjahren zeigen auf der Wiese vor dem Freigrafendamm zwischen dem Gitter vor der Trauerhalle und der Immanuel-Kant-Straße die lang gestreckte Grabreihe sowjetischer Zwangsarbeiter. Sie scheinen noch in den 40er Jahren auf das Gräberfeld verlegt worden zu sein, auf dem sie noch heute ruhen. Doch 1945 war die Situation auf der Wiese vor der großen Trauerhalle der Anlass für einen Besuch des sowjeti­schen Majors Senin. Als Verbindungsoffizier beim 1. Englischen Armeekorps Iserlohn gebot er, dass bei der Gräberreihe ein „Denkmal zur Ehre der wäh­rend der deutschen Nazi-Sklaverei gefallenen und in der Stadt Bochum auf dem Hauptfriedhof beerdigten Sowjetbürger“ zu errichten sei. Mit den künstlerischen Arbeiten nach einem anscheinend von Senin vorgelegten Entwurf wurde der Herner Bildhauer Wilhelm Hahn (1908-1961) beauftragt. Warum Wilhelm Hahn für diese Aufgabe ausgesucht wurde, ist zur Zeit nicht bekannt. In Herne ist nur eines seiner Werke zu sehen: Auf dem Süd­friedhof schuf er 1933 bis 1938 ein Ehrenmal für gefallene deutsche Soldaten. Auf einem steinernen Sarkophag steht dort ein bronzener Adler mit ausgebreiteten Flügeln.

 

Betreut wurde die Ausführung des Bochumer Sowjet-Ehrenmals wohl von der Sowjetischen Militärmission in Herne-Sundwig an der Elsa-Brandström-Straße. 180.000 RM soll das gesamte Bauwerk gekostet haben. Auf drei Stufen von 6 m x 6 m erhob sich der massiv aus Backsteinen ge­mauerte und mit Natursteinen verblendete Baukörper bis in 9 m Höhe. Im Zusammenhang mit den damals noch flankierenden Gräbern ist eine konzeptionelle Ähnlichkeit mit dem sowjetischen Ehrenmal in Berlin unverkennbar. Im Resultat besaß der beeindruckende Turm eine drastisch agitatorische Ausstrahlung, die sicherlich beabsichtigt war. Ganz im Sinn des sozialistischen Realismus sprachen hier die harte expressive Gestik und Ausführung der männlichen Figur, die kyrillischen Schriften und der hervorstechende Sowjetstern von den welt­politischen Hoffnungen und Absichten der erstarkten kommunistischen Staatsführung. Ihre Selbstdarstellung musste und sollte sicherlich ganz anders und weniger vertraut auf den Betrachter wirken, als die offizielle NS-Kunst, die ja auf dem Freigrafen­damm unbeanstandet überdauert hat.

 

Am 12. Dezember 1946 wurde das Monument feierlich eingeweiht. Anwesend waren der sowjetische General Rudschenkow, Bochums Oberbürgermeister Willi Geldmacher, der Polizei­kommandeur von Bochum und der englische Stadtkommandant. Eine englische Hundertschaft hielt die Ehrenwache und eine schottische Militärkapelle spielte auf. Nur wenige Bürger sollen aus der Ferne der Einweihung zugeschaut haben. Das Denkmal war und blieb sow­jetisches Eigentum, wurde der Stadt Bochum aber an diesem Tag in „Schutz und Obhut“ übergeben.

 

 

 

Da stand es nun - Hammer und Sichel über Bo­chum! Mit den Blockgegensätzen brach der kalte Krieg aus, der Zorn der Bochumer über ihr antifaschistischen Erbe soll immer lauter geworden sein. Für die CDU-Fraktion berichtete am 13.10.1952 der damalige Bürgermeister Josef Schirpenbach vor der Stadt­vertretung über den steigenden Unmut, weil „dieses durch die Besatzungsbehörde errichtete wuch­tige Denkmal nicht unserem Empfinden entspricht und es möglichst beseitigt werden sollte“. Schon zu dieser Zeit kostete es die Verwaltung einige Mühe, herauszufinden, wann und durch wen das Denkmal entstanden war. Überlegungen, das Denkmal auf den Freigrafendamm zu versetzen, lehn­te die Verwaltung ab, hier sei kein Platz mehr. Außerdem gab es dort bereits zwei auch nicht kleine Gedenksteine, von denen einer ebenfalls mit der Sowjetstern-Spitze ausgestattet war. Dennoch wurden die Umbaukosten veranschlagt. Drei Summen standen im Raum: Ein Abbruch sollte 3.000 DM und der Wiederaufbau 10.000 DM kosten. Eine Spren­gung wäre mit 800 DM zu Buche geschlagen.

 

 

Nun lebten damals viele im beständigen Glauben, „der Russe“ marschiere bei der ersten sich bietenden Gelegenheit in die Bundesrepublik Deutschland ein. Darum hatte man in Bochum offensichtlich Angst, sich ohne weiteres und aus offensichtlich antikommunistischen Gründen an den Abriss des Russendenkmals zu machen. Nur ungern wollte Bochum Anlass einer sowjetisch-deutschen Krise werden. Vorsichtig erkundigte man sich zwei Monate nach Schirpenbachs Vorstoß erst einmal beim British Residents Office in Dortmund, welche Chan­cen es gäbe, das Denkmal aus „verkehrstech-nischen Gründen zu versetzen“. Die bauernschlaue Lüge, die das Denkmal beseitigen sollte, hörte sich gut an: Das Denkmal sei schon etwas marode und da die Straße vor dem Friedhof verbreitert werden würde, könnte man bei dieser Gelegenheit das Denk­mal zu den Gräbern der Zwangsarbeitern auf den Freigrafendamm versetzen.

 

Das Projekt stieß bei den Briten auf Gegenliebe. Über „höhere Stellen“ gelangte der Vorschlag in die Sow­jetunion, die weiterhin Eigentümer des Mo­numents war. Tatsächlich wurde die Bochumer Ver­waltung Anfang 1953 von der Britischen Besatzungsbehörde über eine bevorstehende Inspektion des Denkmals durch sowjetische Vertreter unterrichtet. Man beschloss, den Abgesandten gegenüber die pflegetechnischen Aspekte besonders hervorzuheben und die sowjetischen Gäste im übri­gen einnehmend gut zu bewirten. Am 16.4.1953 besichtigten der sowjetische Oberst Gandybin und in seiner Begleitung ein Major das Denkmal, äußerte sich erfreut über den gepflegten Zustand der Zwangs­arbeitergräber und stimmte einer Versetzung des Denkmals dorthin zu. Er stellte allerdings die Bedingung, dass der Wiederaufbau nach drei Monaten vollständig abgeschlossen sein müsse. Im Mai 1953 kam die schriftliche Genehmigung, am 21. August war das Denk­mal „in seiner bisherigen Form auf dem Russenfriedhof (Feld 19) wie­der aufgebaut“. Davon über­zeugte sich am 19.11.1953 Oberst Gandybin persönlich. Er soll sehr zufrieden ge­wesen sein. In Bo­chum war man allerdings wohl weniger zufrieden, denn eigentlich sollte das ungeliebte Kunst­werk ja ganz ver­schwinden. Der Betrug hatte nur zu einem Teil­erfolg geführt.

1957 ging es weiter. Die „Vereinigung der Opfer des Stalinismus e.V., Bezirksgruppe Bochum“ beklagte sich am 20.4.1957 in einem langen Schreiben über Form und Botschaft der Gedenkstätte. „Aus dem Sockel tritt die drohende Gestalt eines Mannes hervor, die Rech­te geballt (...) Unter dem Stern wird gemordet und ge­quält.“ Die ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen und Vertriebenen wünsch­ten sich „bei allem Respekt vor dem Opfern der Nationalsozialisten“ und in Anbetracht ihrer eigenen sicherlich bösen Erfahrungen, die Beseitigung des sowjetischen Wahr­zeichens. Doch die Stadt­verwaltung ging in ihrer Antwort auf Distanz zu diesem Ansinnen. Das Denk­mal sei nicht Eigentum Bochums, Veränderungen müssten über die russische Bot­schaft beantragt werden. Wegen der angespannten Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion sei eine solche Bitte augenblicklich aber wohl kaum an­gebracht. Die Gegner des Russen­denkmals wurden damit vertröstet, dass es nun an einem unauffälligen Ort stehe, an dem es zuwachsen werde. Auch 1961 wurde wieder über das Schick­sal des Denkmals verhandelt. 1964 beschrieb man es dann als so baufällig­, dass es nur noch abgebrochen werden könne. Die überlieferten Fotos und Unterlagen spre­chen dieser Behauptung allerdings Hohn.

 

Der Abbruch erfolgte im August 1964, selbst das Relief und die Schrifttafeln scheinen vernichtet wor­den zu sein, wie im übrigen auch die kleineren Gedenksteine. Die Sow­jetunion als Eigentümer wurde an der Entscheidung nicht beteiligt. Die Angehörigen der Ermordeten hatten niemals eine Chan­ce mitzureden. Heute sind im Rahmen der „Ent­schädigungszahlungen“ die in der Nachkriegszeit veröffentlichten Listen der Firmen und Orte, an denen die Sowjetbürger gezwungen wurden, zu arbeiten, die wichtigsten Denkmäler ihrer Anwesenheit in Bochum. Die Grabanlagen und der neue Ge­denkstein am Freigrafendamm werden jetzt zwei­felsohne in Ehren gehalten. Die heute veränderten Zwangsarbeitersiedlungen in Gerthe und Grumme kann man sich noch anschauen, sie sollten in die Denkmalliste der Stadt Bochum eingetragen werden. Das wäre nur ein kleiner Ausgleich dafür, dass sich niemand in unserer Stadt Bochum an die Verpflichtung, dem eigentlichen Ehrenmal „Schutz und Obhut“ zu gewähren, rechtzeitig erinnerte.

 

Quellen und Literatur

Stadtarchiv Bochum, Akte BO 41/48 „Russen­denkmal“; Stadtarchiv Herne, Auskunft vom 31.3.2000 zu Wilhelm Hahn; Man­fred Grieger, Zwangs­arbeit in Bochum. Die Geschichte der ausländischen Arbeiter und KZ-Häftlinge 1939-1945, Bochum 1986; Günter Gleising u. a. (Red.), Widerstand und Verfolgung in Bochum und Watten­scheid. Ein alternativer Füh­rer zur Geschichte in den Jahren 1933-1945, Bochum 1988; Manfred Grie­ger, Die vergessenen Opfer der Bochumer „Hei­matfront“. Ausländische Zwangsarbeiter, Kriegs­gefangene und KZ-Häftlinge in der heimischen Rüstungswirtschaft 1939-1945, Bochum 1991; Jens Tampier, Historische Denkmäler der Stadt Bochum seit 1918. Magisterarbeit an der Fakultät für Ge­schichtswissenschaft der Ruhr-Universität Bo­chum, Bochum 1995

 

Abbildungen

Abb. 1 bis 4: Presse- und Informationsamt Bochum, Bildarchiv Film-Nrn. 426/29, 2529/6, 1287/23 und 2117/26; Abb. 5: Antifaschistische Bochumer Blätter 1/2000

1Für die Übersetzung danke ich Wolfram Eggeling.

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte

Beiträge zur Stadt­geschichte,

Heimatkunde und Denkmalpflege

Heft 7, Juli 2000

 

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