35 Jahre

Rosen­bergsiedlung

 

Ein Beitrag zum Jubiläumsfest

vom 1. bis 3. September 2000

 

Gerhard Kaufung

 

Am 10. September 1965 wurde die Grundsteinlegung für ein neues Großwohngebiet im Bochumer Norden gefeiert. Anlass für solch ein großes Vorhaben, wie es der Bau einer Großsiedlung für 6.000 Menschen darstellt, war selbstverständlich die drücken­de Wohnungsnot. Die Einwohnerzahl Bochums hatte 1929 den Höchststand von 321.000 erreicht - ohne Wattenscheid, das erst 1975 ein Stadt­teil Bochums wurde. Bei Kriegsbeginn war sie auf etwa 300.000 Einwohner abgesunken. Im Kriege wurden von die meisten der 23.000 Häuser mit insgesamt 92.100 Wohnungen zerstört.

 

Trotz dieser Wohnraumvernichtung lebten 1962 etwa 367.000 Menschen in Bochum. Gegenüber der Einwohnerzahl bei Kriegsbeginn war also die Bevölkerung um die Größe einer Mittelstadt ange­wachsen. Um sie mit ausreichendem Wohnraum zu versorgen, reichten Wiederherstellung und Wiederaufbau beschädigter und zerstörter Wohnungen nicht aus, es mussten neue Siedlungsgebiete er­schlossen werden. Es wurde zwar viel gebaut, meistens aber zweckgebunden für bestimmte Bevölkerungsgruppen, etwa für Bergarbeiter, Stahlarbeiter, Flücht­linge und Zuwanderer aus der sowjetisch besetzten Zone; es gab besondere Mittel für derartige Vorhaben, etwa aus dem Marshallplan, der „normale“ Bürger hatte aber wenig Aussichten, je eine Wohnung zu erlangen.

 

Am 21. Dezember 1960 wurde die Zahl der Vertriebenen, Flüchtlinge und Zugewanderten aus der sow­jetisch besetzten Zone mit 72.0­00 angegeben, das waren also 19,6 % der Gesamtbevölkerung. Am 31. Dezember 1961 waren beim Woh­nungsamt der Stadt Bochum 12.530 Haus­halte für eine Wohnung vorgemerkt, davon 7.046 Familien als echte Dringlichkeitsfälle. Den größten Anteil bildeten jungverheiratete Ehepaare, die noch bei den Eltern wohnten, und kinderreiche Familien, deren Wohnungen im Laufe der Zeit zu klein geworden waren. Heiratswillige ließen sich oft standesamtlich trauen, um bei der Wohnungsbehörde als Wohnungssuchende eingetragen zu wer­den, blie­ben aber bis zur Zuweisung einer Sozialwohnung bei ihren Familien wohnen. Nach dem Bezug der gemeinsamen Wohnung wurde die kirchliche Trauung nachgeholt. Die Zuweisung wurde gelegentlich dadurch beschleunigt, dass sich Nach­wuchs einstellte.

 

Wie gering die Aussichten für sie waren, eine Wohnung zu bekommen, ergibt sich beispielsweise aus den Zahlen für 1958. In diesem Jahre haben 4.862 Haushalte den Antrag auf Zuteilung einer Wohnung gestellt. Durch Neubau und Wiederaufbau wurden 3.999 Wohnungen geschaffen, die von 13.490 Personen bezogen wurden - auf die nicht bevorrechtigten Bürger entfielen ganze 552 Wohnungen.

 

 

 

Ge­burtshelfer

der Rosen­bergsiedlung:

Die Ruhr-Universität

 

Um die Wohnungsnot zu lindern, plante die Stadt Bochum eine Gartenstadt in Querenburg südlich der Bu­scheystraße und nördlich des Lottentals. 1958 und 1959 erwarb sie für diesen Zweck drei Bauernhöfe in diesem Bereich. Ein städ­tebaulicher Wettbewerb lieferte die Pläne für die Bebauung. Es kam aber anders als geplant: Im Mai 1960 empfahl der Landtag Nordrhein-Westfalen, im Ruhr­gebiet eine wissenschaftliche Hochschule zu errichten. Bochum bewarb sich um den Standort und bot als Gelände die Fläche an, die für die Gartenstadt vorgesehen war. Der Landtag entschied sich unter meh­reren Bewerbern für das Bochumer Angebot, so dass für die Gartenstadt kein Raum mehr blieb. Die Stadtplaner mussten sich also nach Ersatzflächen umsehen.

 

Brinkmann schreibt in seiner Geschichte Bochums: „Bis zu den großen Eingemeindungen hatte Bo­chum den Charakter einer Sternstadt. Aus dem dicht besiedelten Stadtkern strahlte die Bebauung sternförmig entlang der Hauptverkehrswege aus. Zwischen den fadenförmig ins Gelände vorstoßenden Wohnsiedlungen blieben offene Flächen, die für Park- oder Friedhofsanlagen und Kleingärten ausgebildet, stellenweise, vor allem nach Norden und Nordosten auch noch landwirtschaftlich oder erwerbsgärtnerisch genutzt wurden.“ Eine dieser offenen Flächen lag zwischen den Strahlen des Castroper Hellweges und des Harpener Hellweges und führte die Bezeichnung „Auf dem Rosenberg“. Diese Fläche wurde für eine neue Großsiedlung mit 1.300 Wohnungen, davon 200 Eigenheime, ver­plant.

 

 

Die Bautätigkeit

auf dem Rosenberg

 

Im April 1964 beauftragte die Stadt die „Neue Heimat“, das gesamte Bauvorhaben in Zusammenarbeit mit anderen Bauträgern schlüsselfertig zu erstellen. Die anderen beteiligten Bauträger waren fast alle in Bochum vertretenen Bau- und Wohnungsgenossenschaften, etwa der Gemeinnützige Wohnungsverein, die Bochumer Heims­tätte, die Baugenossenschaft „Heimat“ in Bochum-Stiepel, die Baugenossenschaft Bochum e. G. und andere. Mit dem Erdaushub wurde am 15. März 1966 in aller Stille begonnen, und zwar für eines der achtstöckigen Häuser an der Hän­delstraße. Als der Rohbau dieses Hau­ses stand, feierte man am 10. September 1965 die Grundsteinlegung für die Rosenbergsiedlung.

 

Dass solch ein großes Bauvorhaben Zeit erforderte, ist selbstverständlich. Es gab aber auch zusätzliche Verzögerungen durch fehlende Gelder. Im September 1966 berichteten die Bochumer Tageszeitungen: „Am Rosenberg geht das Geld aus - bisher sind erst 473 von 1.300 Wohnungen gebaut - die Landesmittel sind verbraucht - ob und wann mit weiteren Geldzuweisungen gerechnet werden kann, ist ungewiß.“ Drei Jahre später, im Januar 1969, lauteten die Zeitungsmeldungen: „Die Trabantenstadt ‚Auf dem Rosenberg‘ wächst ihrer Vollendung entgegen. Von den 1.275 geplanten Wohnungen sind bereits 546 bezogen. Weitere Wohnungen sind im Bau, die restlichen 160 sollen noch in diesem Jahr mit öffentlichen Mitteln gefördert werden. Damit ist dann die Förderung dieses großen Wohnungsbauprojektes abgeschlossen.“

 

 

Fehlende

Versorgungs

-einrichtungen

 

 

 

Über den Woh­nungsbau schienen die Ent­scheidungsträger alles andere vergessen zu haben. Dr. Hans Heinrich Blotevogel schreibt in dem Buch „Bo­chum im Luft­bild“, das 1976 herausgegeben wurde und eine Luft­aufnahme der Siedlung aus dem Jahre 1970 enthält, unter der Überschrift „Rosenberg - ein neues Großwohngebiet im Bochumer Nordosten“: „Das Siedlungsbild ent­spricht der dominierenden städtebaulichen Konzeption der 60er Jahre: eine aufgelockerte gemischte Bauweise mit relativ großen Gebäudeabständen, die Raum für Rasenflächen lassen. Der Straßen­grundriß ist unregelmäßig und durch geschwungene Linienführung gekennzeichnet. Durch eine Mi­schung der Gebäude hinsichtlich Stock­werkzahl, Länge und Anordnung wurde versucht, einen monotonen Ein­druck zu verhindern. So finden sich mehrere sog. Punkthochhäuser, von denen die vier nebeneinander liegenden an der Händelstraße besonders auffallen. Den größten Anteil nehmen jedoch die drei- bis viergeschossigen Mehr­familienhäuser ein, die in lockeren Abständen rechtwinklig gegeneinander gruppiert sind, so daß ihre Balkonfronten nach Süden oder Westen weisen. Sie werden ergänzt durch Einfamilienhäuser, die - zum Auf­nahmezeitpunkt teilweise noch im Bau - am oberen Rand der Rosenbergsiedlung sicht­bar werden.

 

Die Siedlung bildet also ein typisches Beispiel für ein neues Großwohngebiet - doch nicht nur in städtebaulich-sozialplanerischer Hinsicht. So beobachten wir wie in allen neuen Großwohngebieten einen sehr hohen Anteil junger Familien. Die Folgen für die Stadtplanung: In den ersten Jahren eine sprunghaft ansteigende Nachfrage nach Kindergartenplätzen, danach hohe Schüleranteile, so daß sich brennende Probleme für die Versorgung mit Kindergärten und Schulen ergeben. Zwar wurde die Grundschule relativ früh fertiggestellt [...], doch der Mangel an Kindergartenplätzen war lange Zeit notorisch, und erst im April 1973 wurden - nach einem Provisorium seit 1970 - die beiden Kindergärten eröffnet.

 

Doch leider war nicht nur der Mangel an öffentlichen Versorgungseinrichtungen typisch; auch hinsichtlich der Ausstattung mit privatwirtschaftlichen Versorgungseinrichtungen bildet die Rosenberg-Siedlung (5600 Einw.) keine positive Ausnahme. Das Grundstück, auf dem seit 1971/72 das bescheidene Ladenzentrum mit einigen Geschäften des täglichen Bedarfs steht, war zum Aufnahmezeitpunkt noch unbebaut [...], und bis dahin war die Versorgung völlig unzureichend. Seitdem sind noch einige weitere Geschäfte hinzugekommen, so daß inzwischen ein ausreichender Versorgungsgrad erreicht ist.

 

Doch es gäbe ein schiefes Bild, wollte man nur von Planungsfehlern und Problemen sprechen. Trotz der vielgescholtenen Anonymität und Unwirtlichkeit der Großwohngebiete ist die Rosenberg-Siedlung heute ein durchaus attraktives Wohngebiet, nicht zuletzt wegen des vorn im Bild sichtbaren Freibades. So zeigt sich die Rosenberg-Siedlung in vieler Hinsicht als Großwohngebiet eines Ballungsraumes, typisch hinsichtlich ihrer Probleme, die aber dennoch das Zusammengehörigkeitsgefühl ihrer Bewohner nicht beeinträchtigen konnten, sondern eher zu einem verstärkten Gemein­schaftsbewußtsein geführt haben.“

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte

Beiträge zur Stadt­geschichte,

Heimatkunde und Denkmalpflege

Heft 8, Dezember 2000

 

Herausgeber:

Dr. Dietmar Bleidick

Yorckstraße 16, 44789 Bo­chum

Tel.: 0234 / 335406

e-mail: dietmar.bleidick@ruhr-uni-bo­chum.de

für die

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde,

Stadtgeschichte und Denkmalschutz

Graf-Engelbert-Straße 18

44791 Bochum

Tel. 0234 / 581480

 

Redaktion:

Dr. Dietmar Bleidick, Peter Kracht

 

Druck:

A. Budde GmbH

Berliner Platz 6 a, 44623 Herne

 

Verlag:

Peter Kracht ? Verlag

Limbeckstraße 24, 44894 Bochum

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e-mail: kracht.verlag@t-online.de

 

ISSN 0940-5453