Carl Albert Spude

(1852 bis 1914)

 

Landrat in Bochum von 1887 bis 1900

Eine biografische Skizze

 

Ernst-Albrecht Plieg

 

Carl Albert Spude, geboren 1852 in Driesen im Kreis Friedeberg in der Neumark, war Landrat in Bochum seit dem 7. Juli 1887 und blieb es bis zum Mai 1900, als er zur Regierung Arnsberg versetzt wurde. Er war ein energischer Beamter, der nicht an seinem Amtssessel klebte und sich nicht hinter Akten verschanzte, son­dern gelegentlich mit Antragstellern in einer ländlichen Gastwirtschaft verhandelte, also „vor Ort“ ging, wenn das die Sache weiter­brachte. So hielt er es während der Entstehung der Blumenfeldstraße, die zwischen 1889 und 1893 aus einem privaten Feldweg in einen „Com­munalweg“ verwandelt wurde. Dazu waren Gespräche mit den Anliegern erforderlich, von denen die meisten, aber nicht alle, bereit waren, das benötigte Gelände unentgeltlich abzugeben. Ein besonders zäher Ge­sprächspartner war der Bauer Carl Röttger aus Nevel, der seine hohen Forderungen nur zögernd herabsetzte, aber nie ganz aufgab. Auch las Spude stets sorg­fältig alle Sitzungsprotokolle der Amts- und Gemeindevertretungen seines Kreis­gebietes, fragte nach, warum Sitzungen wegen Beschlussunfähigkeit nicht hatten durch­geführt werden können, und ersuchte die Amtmänner, die Herren Gemeindevertreter dienst­lich an ihre Pflichten zu erinnern, „damit [...] nicht die Annahme Platz greife, als wollten die fortan noch unentschuldigt Fernbleibenden damit die Absicht ausdrücken, ihr Gemeindeamt niederzulegen“. An seinem Widerspruch scheiterten zwei Versuche, Strafgebühren gegen Amts- bzw. Gemeindeverordnete in einer Geschäftsordnung zu verankern. Der Weitmarer Amtmann Roeding wollte gegen sozialdemokratische Abgeordnete vorgehen können, falls diese sich ungebührlich benähmen. Es ging um kleine Strafgebühren bei Verspätungen, aber auch um die Möglichkeit, einen Gemeindeverordneten von der Sitzung auszu­schließen. Aber hierzu gab es keine Grund­lage in den Gesetzen.

 

Von diesem Landrat Spude ist bekannt, dass er 1871 in Küstrin das Abitur machte und dann in Heidelberg, Göttingen und Greifswald Rechtswissenschaften studierte. Er leistete sein Jahr als Einjährig-Freiwilliger bei der Artillerie in Stralsund ab und wurde 1876 Gerichtsreferendar beim dortigen Appellationsgericht. Drei Jahre später wechselte Spude in die höhere Verwaltung über.

Ab hier verwahrt das Nordrhein-Westfälische Staats­archiv Münster im Bestand „Regierung Arns­berg“die 1879 einsetzende Personalakte, die, als kleines Paket zusammengebunden, aus sechs Bänden unterschiedlichen Umfangs besteht und unter demTitel „Acta des Königlichen Regierungs-Präsidii zu Arnsberg betreffend Personalia des Ober-regierungs-Rathes Spude von 1900 bis ...“ vorgelegt wird. Sie enthält die Akten aller dienstlichen Stationen Spudes, weil die Personalakten bei Versetzungen von einer Behörde zur nächsten mitwanderten, jedes Mal eine mehr.

 

Der zeitlich erste Band mit 50 Blättern heißt „Acta des königlichen Regierungspräsidiums zu Stralsund betr. den Regierungs-Referendarius Carl Albert Spude“. Er beginnt am 21. September 1879 mit dem Gesuch, Spude zum Regierungs-Refendarius zu ernennen, und endet am 21. Februar 1882 mit der Mitteilung des Regie­rungspräsidenten, er halte Spude „für genügend vor­bereitet zur Ablegung der großen Staats­prüfung“.

 

Diese Prüfung ging nicht so glatt vonstatten wie gewünscht, denn der nächste dünne Band „Acta betreffend die Beschäftigung des Regierungs-Refendarius Spude - Regierungs-Praesidial-Registratur zu Frankfurt a. O. Tit. XXVIII Abth. 73 [...]“beginnt am 7. Oktober 1882 mit der Überweisung Spu­des an die Regierung zu Frank­furt/Oder für sechs Monate. Der Grund: Die Königliche Prü­fungskommission für höhere Verwaltungsbeamte hatte beide schriftlichen Prüfungsarbeiten als „ungenügend“ befunden. Im zweiten Anlauf erreichte Spude das Prüfungsziel. Unter dem 17. Oktober 1883 konnte er dem Königlichen Regierungs-Präsidenten von Heyden-Cadow in Frankfurt/Oder „ganz gehor­samst [...] berichten, daß ich am heutigen Tage die große Staats­prüfung bestanden habe und zwar mit dem Prädikat ‚Gut‘ für die mündliche Prüfung und den Vortrag“. Mit der Gesamtnote „ausreichend“ wurde Spude unter dem 29. Oktober 1883 zum Regie­rungsassessor ernannt. Das An­schreiben, mit dem ihm das Patent übersandt wurde, liegt bei den Akten, das Patent nicht. Vier Tage später trat Spude seinen Dienst bei der Regierung in Münster an.

 

Deshalb hat der nächste schmale Band den Titel „Regierung Münster. Acta betreffend Spude, Regierungs-Assessor“. Er beginnt mit dem Schreiben des Preußischen Ministers des Innern vom 2. November 1883 betreffend die Überweisung an die Regierung in Münster, adressiert „an den Königlichen Regierungs-Assessor Herrn Spude Wohlgeboren zu Driesen a. d. Ostbahn“ und endet am 15. August 1886. Am nächsten Tag begann nämlich dessen Dienst als kommissarischer Landrat des Landkreises Bochum. Bochum blieb Spudes Dienstort für die folgenden 14 Jahre.

 

Der nun folgende Band ist deshalb auch umfangreicher als die vorigen. In dem ersten Schriftstück vom 7. Juli 1887 wurde Spude die Leitung des Land­ratsamts Bochum definitiv übertragen. 1888 heiratete er Anna Müllensiefen aus Crengeldanz bei Witten und bat am 5. Oktober um vier Wochen Urlaub „zur Feier meiner Hochzeit und zur Zurücklegung der damit zu verbindenden Reise [...] anfangend mit dem 13. Oktober d. J.“

 

Ein weiterer relativ dünner Band „Acta des Königlichen Regierungs Präsidii zu Arnsberg betreffend Personalia des Landraths Spude in Bochum“ wurde parallel zu dem vorgenannten Aktenband geführt. Er beginnt 1887 mit zwei tabellenförmigen Nachweisungen, springt dann in das Jahr 1899 und endet im gleichen Jahr: Der Regierungspräsident in Arnsberg, Winzer, schrieb an den Preußischen Minister des Innern, er habe „nachträglich den Landrath Spude in Bochum zur Beförderung in die Stelle eines Oberregierungsraths in Vorschlag gebracht“. Dieser habe „sich als ein gut befähigter und praktisch tüchtiger Beamter bewährt und seit dem Vorfall, der zu dem Erlasse vom 27. Juli 1898 - C 8281 - Veranlassung gegeben hatte, in seinem dienstlichen und außerdienstlichen Verhalten von Übereilungen, wie solche früher gerügt worden sind, frei zu halten gewußt“. Beigefügt ist eine ausführliche hand­schriftliche Beurteilung, in der es u.a. heißt: „Ich nehme keinen Anstand, den Genannten für die Stelle eines Oberregierungsrathes bei einer größeren Regierung [...] in Vorschlag zu bringen. Ihm selbst würde eine solche Beförderung erwünscht sein. 28.9.99 gez. Winzer.“ Die erwünschte Stelle schloss die Stellvertretung des Regierungspräsidenten ein.

 

Der umfangreichste Band reicht von 1900 bis 1920. Es ist der, der dem ganzen Paket die Bezeichnung gegeben hat: „Acta des Königlichen Regierungs-Präsidii zu Arnsberg betreffend Personalia des Oberregierungs-Rathes Spude von 1900 bis ...“. Als erstes liegt darin eine Nachweisung der Ge­haltsstufen, dann folgt das Bestallungsschreiben des Preußi­schen Ministers des Innern vom 24. Mai 1900. Am 28. Mai 1900 wurde Spude die Vertretung des Regierungspräsidenten bei einem Gehalt von 6.000 Mark und 540 Mark Wohnungsgeld, spä­ter noch mit einer weiteren Zulage, übertragen. In bunter Folge, ähnlich wie in den Akten über die Bochumer Amtszeit, folgen Nachweisungen zu Besoldung und Dienstalter, die Amtseinführung, Urlaubsgesuche und -genehmigungen, die Ver­abschiedung aus dem Militärverhältnis als Hauptmann der Reserve, die Teilnahme am Provinzial-Landtag in Münster 1902 u.v.a.m.

 

Am 13. November bescheinigte Prof. Binswanger, Hofrat, dass eine durchgreifende Erho­lungskur von mindestens vier Wochen erforderlich sei.

 

1903 beschwerte sich der Bürgermeister von Soest seitenlang darüber, dass er wegen eines nicht pünkt­lich eingesandten oder unzureichend abgefassten Berichtes von dem Oberregierungsrat Spude mit einer Ordnungsstrafe bedroht worden sei. Er hatte „schon einmal eine mir unvergeßliche Un­freundlichkeit erfahren [...]“, wollte die Sache begleichen und Besuch machen, „erhielt aber in einer geradezu verletzenden Form [von dem Bedienten] mündlich den Bescheid zurück, daß Herr Oberregierungsrath mich nicht annähme“. Es muss mehrere Vorfälle dieser Art gegeben haben. Wie schon als Landrat in Bochum war Spude auch als stellvertretender Regierungspräsident und Dezernent der Regierung ein gestrenger Herr. Auch der Landrat des Landkreises Dortmund bekam das zu spüren. Aber mehr als einmal war der Regierungspräsident selber mit dem Vorgehen seines Stellvertreters nicht einverstanden und teilte mit, dem Dezernenten sei „das Erforderliche eröffnet worden“.

 

Das Attest von Prof. Binswanger und die genannten Vorfälle und „Übereilungen“ zeigen an, dass Spudes Gesundheit nachließ. Seine Laufbahn endete denn auch vorzeitig im Jahre 1906 aus gesundheitlichen Gründen. Auf einer Orientreise zog Spude sich durch Blendung und Staub eine heftige Bindehautentzündung zu, und da er überarbeitet war, wurde ihm eine vollständige Enthaltung von jeglicher Arbeit für die nächsten drei Monate verordnet, danach nochmals für sechs Monate. Die Diagnose von Dr. Bruno Leicek, Oberarzt am Evangelischen Kran­kenhaus Witten, spricht von „reizbarer Schwäche des Zentralnervensystems mit Störungen seitens der Augen“ (14. Januar 1906). Der zweite Urlaub wurde ge­währt, aber die Rückkehr in die alte Stelle konn­te Spude nicht mehr zugesagt werden, da die Vorgesetzten diese wichtige Stelle nicht so lange verwaist lassen wollten.

 

1906 erbat und erhielt Spude nochmals sechs Monate Urlaub, hielt sich in Crengeldanz auf und ließ sich von Prof. Dr. Theodor Rumpf, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Bonn, am 14. Juli 1906 ein Attest ausstellen. Bereits am 6. Juli 1906 hatte der Preußische Minister des Innern beim Regie­rungspräsidenten in Arnsberg angefragt, ob Spude nach Ablauf des sechsmonatigen Urlaubs seine Ver­setzung in den Ruhestand beantragen wür­de, und zwar zum 1. Februar 1907. Diese Anfrage wurde Spude vom Regierungspräsidenten in Arnsberg unter dem 28. Juli 1907 weitergereicht, worauf Spude am 2. August 1906 in einem vierseitigen Schrei­ben antwortete, diese Eröffnung habe ihn „in hohem Maße ergriffen“. „Ew. Hoch­wohlgeboren werden mir das Zeugniss nicht versagen können, daß ich mich zu allen Zeiten dem Königlichen Dien­ste mit allen mir zu Gebote stehenden Kräften hingegeben habe [...].“

 

Am 10. August 1906 schrieb der Preußische Minister des Innern an den Regierungspräsidenten eigenhändig: „Spude wird in mangelnder Erkenntnis seiner Dienstunfähigkeit auf dem auch in der Eingabe vom 2. d Mts ausgesprochenen Wunsche beharren, in den Dienst ‚als Dirigent einer ersten Abtheilung bei einer kleineren Regierung‘ zurückzukehren. Da er aber infolge seines Leidens sich der Stellung als zweiter Oberregierungsrath bei dem Regierungspräsidenten nicht gewachsen gezeigt hat [...]“, werde dies wohl in jeder anderen Dienststellung ebenso der Fall sein. So hat Spude sich dann wohl in das Unabänderliche geschickt und am 22. August 1906 aus Ilsenburg/Harz beim Regierungspräsidenten in Arnsberg die Versetzung in den Ruhestand ab 1. Februar 1907 beantragt. Diesem Antrag wurde auch stattgegeben, und zwar bereits zum 7. November 1906. Spude war 55 Jahre alt. Ob der Rote Adlerorden III. Klasse ihm das vorzeitige Ausscheiden versüßt hat, steht dahin. Der Regierungspräsident in Arnsberg hatte die Verleihung am 6. September 1906 beim Preußischen Minister des Innern beantragt. In der Akte liegt das Verleihungsschreiben für den Orden an vorletzter Stelle.

 

Der Oberregierungsrat a.D. Spude lebte seit dem Beginn seines Ruhestandes 1906 in Kassel und erlag dort am 30. Dezember 1914 einem Schlaganfall, 62 Jahre alt. Die Todesanzeige wurde unterzeichnet von der Witwe, Anna Spude geb. Müllensiefen, von zwei Töchtern und von drei Söhnen, die als Kriegsfreiwillige bzw. Fahnenjunker „z. Zt. im Felde“ stan­den. Der stellvertretende Landrat des Landkreises Bochum, Werther, veranlasste eine Kranzspende und einen ehrenden Nachruf und spra­ch seine Anteilnahme sowie die des Kreistages und des Kreis­ausschusses des Landkreises Bochum aus. Nach einer Trauerfeier am 2. Januar 1915 in Kassel fand die Beisetzung am Sonntag, 3. Januar 1915 in Crengeldanz bei Witten statt. Anna Spude dankte Werther mit einem Brief vom 9. Januar 1915. Darin schri­eb sie: „Das Interesse meines Man­nes für die Entwicklung und das Wachstum seines geliebten Landkreises Bochum, der Mitte seiner ersten selbständigen Tätigkeit, ist bis zu seinem Tode immer das gleiche gewesen, es ist auch hinter seiner späteren Amtstätigkeit nicht zurückgetreten“. In Bo­chum, fügte sie hinzu, wurzelten ihre schönsten Erinnerungen an eine glückliche Zeit ihres Lebens.

Fünfeinhalb Jahre später sah Frau Anna Spude sich genötigt, mit einem Brief vom 14. September 1920 an die Regierung Arnsberg darum zu bitten, „eine Regelung meiner Pensionsverhältnisse baldigst herbeizuführen. Die Aufbesserung meiner Pension ist im Gegensatz zu den hiesigen Beamtenwitwen bisher nicht eingetreten.“

 

 

Quellen

- Stadtarchiv Bochum, Landratsamt (LA), Bd. 1051: Verhandlungen über den Ausbau des Weges von Weitmar durch das Blumenfeld zur Eppendorfer Heide (heutige Blumenfeldstraße) 1889-1893- Stadtarchiv Bochum, Amt Weitmar (AWei), Bd. 83: Angelegenheiten der Gemeindeverordneten und deren Einladung zu den Sitzungen (1856-1925), und Bd. 85: Einführung einer Geschäftsordnung für die Gemeinde- und Amtsversammlung

- Stadtarchiv Bochum, Eine Kurzbiographie unter „Le­bensläufe der Landräte“ im Bestand „Landratsamt“, Find­buch Bd. I (Einleitung, S. 54)

- Nordrhein-Westfälisches Staatsarchiv Münster, Regierung Arnsberg: Acta des Königlichen Regierungs-Präsidii zu Arnsberg betreffend Personalia des Oberregierungs-Rathes Spude von 1900 bis...

- Stadtarchiv Bochum, Kreisausschuß (KrA), Bd. 316/1: Geschäftsverwaltung des Kreisausschusses 1911-1920, darin die Todesanzeige (Ausschnitt aus Kölnische Zeitung 1. Januar 1915), der Nachruf Werthers (Ausschnitt aus Märkischer Sprecher 2. Januar 1915) und der Brief Anna Spudes

 

Abbildung

Alfred Bruns (Hrsg.), Die Abgeordneten des Westfalenparlaments 1826-1978, zusammengestellt von Josef Häming (Land­schaftsverband Westfalen-Lippe, Westfälische Quel­len und Archivverzeichnisse, Bd. 2), Münster 1978, S. 592, Bild Nr. 1562.

 

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Beiträge zur Stadt­geschichte,

Heimatkunde und Denkmalpflege

Heft 8, Dezember 2000

 

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