„Immer Ärger um Mary“

 

Die konfliktreiche Geschichte der

Bochumer Marienkirche

 

Rüdiger Jordan

 

Einst galt die Marienkirche als eines der prächtigsten Gotteshäuser des 19. Jahrhunderts in Bochum. Konflikte prägten ihre Geschichte, war doch bereits die Wahl des Bauplatzes für diese zweite katholische Kirche Bochums Anlass jahrelanger Streitereien. Nach den Bombennächten der Jahre 1943 und 1944 wiedererstanden, war sie für mehr als 125 Jahre lebendiger Mittelpunkt der katholischen Ge­meinde im Westen der Bochumer Innenstadt. Heute blickt der bemerkenswerte, aber geschädigte neugo-tische Turm einem ungewissen Schicksal entgegen.

Erbaut von 1868-72, in einer Zeit, in der das explo-sionsartige Wachstum der Bochumer Arbeiter­schaft und damit der katholischen Gemeinde einen An-dachts­ort zur Entlastung der alten St. Peter und Pauls Kirche in der Altstadt mehr als dring­lich erscheinen ließ, stellt der seit Jahren anhaltende Schwund der Gemeindemitglieder heute den Bestand des Gotteshauses in Frage.

 

Bis zum Zeitpunkt der Abpfarrung St. Mariens im Jahre 1888 galt die katholische Gemeinde Bo­chums mit etwa 38.000 Seelen als die größte des ganzen Königreichs Preußen. Bereits um die Jahrhundertwende war allein die Tochtergemeinde im Griesenbruch wieder auf 15.000 Mitglieder angewachsen. Heute zählt der katholische Pfarrbezirk gerade noch ein Zehntel dieses Spitzenwerts.

 

Verständlich, dass die Gemeinde nun auf diese Entwicklung reagieren muss und einen Zusammen­schluss mit der einstigen Muttergemeinde anstrebt. Mit dieser Entscheidung stellt sich unausweichlich die Frage, was aus der Kirche am Marienplatz werden soll, wenn in Zukunft hier keine Gottesdienste mehr gefeiert werden. Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat haben bereits mit großer Mehrheit für den Abriss des sanierungsbedürftigen Gotteshauses und den Verkauf des an der Viktoriastraße günstig gelegenen Grundstücks entschieden. Derzeit liegt dieser Beschluss dem Bistum in Essen zur Prüfung vor, eine Entscheidung des Bischofs wird bis zum Ende des Jahres erwartet.

 

Gegen die Abrisspläne werden jedoch Stimmen laut, die eine Erhaltung der nicht als denkmalwert eingestuften Marienkirche mit ihrem außergewöhnlichen Turm als Zeugen eines bewegten Kapitels Bochumer Zeitgeschichte wünschen und die Frage nach Möglichkeiten alternativer Nutzung stellen, zumal der Turm der Kirche ein stadtbildprägendes Zeichen der Bochumer Innenstadt ist.

 

„Wie kann man in eine Wildnis hinein, wo viel Was­ser fließt und steht, wo viele Steine gebrochen werden, wo aber kaum eine Menschenseele sich befindet, eine Kirche bauen.“ Gemeint ist der bis dato als Steinbruch genutzte Griesenbruch, und diese Polemik von 1867 ist bezeichnend für den Streit, der Bürger und Presse Bochums seinerzeit in Atem hielt und den Chronisten als im Bistum Paderborn „ohne Beispiel“ nennen. Bereits 1862 trugen sich Katholiken mit dem Wunsch, eine zweite Kirche zu bauen, nachdem sich vor der kleinen Kirche in der Altstadt regelmäßig Menschentrauben bildeten, die den Gottesdiensten im Freien folgen mussten. Ein eilig gegründetes Comité um Jacob Mayer, dem Mitbegründer der Gussstahlfabrik Mayer & Kühne, seit 1854 Bochumer Verein, betrieb zunächst den privat finanzierten Bau einer stattlichen „Kapelle“ an der Kaiserstraße (heute Viktoriastraße) im Herzen der Bochumer Neustadt nahe der jüngst eröffneten Bürgerschule. Das Volk verspottete das Projekt, das über den 1863 begonnenen Rohbau nie hinauskam, als „Krinolinenkapelle“, die lediglich der Bequemlichkeit der Reichen diene. Erst 1866 wurden die Pläne für einen Kirchenneubau wieder konkreter, doch spaltete der Streit um den günstigsten Bauplatz die Katholiken Bochums bald in zwei Lager. Die Mehrzahl und der Klerus befürworteten eine Lage der Kirche im Nordwesten der Stadt, in der Nähe der großen Landgemeinden und Zechensiedlungen. Eine kleine, wenngleich einflussreiche Minderheit um Bürgermeister Max Greve und wiederum Fabrikdirektor Mayer machte sich - nicht nur der christlichen Nächstenliebe verpflichtet - für die heutige Lage in der „Wildnis“ des Griesenbruchs südwestlich der Stadt stark. Das bislang unbebaute Gelände lag in unmittelbarer Nähe zu der expandierenden Gussstahlfabrik und sollte, ab 1869 spekulativ erschlossen und sukzessive bebaut, in den folgenden Jahren unter der Obhut des Marienkirchturms wie geplant zum dichtbesiedelten Arbeiterquartier des Bochumer Vereins heranwachsen.

 

Ursprünglich wollte man 1867 mit der Wahl eines Repräsentantenkollegiums zur Entscheidung der Bauplatzfrage unter Leitung eines neutralen „bischöflichen Commissarius“ zwischen den stur auf ihren Standpunkten beharrenden Parteien eine „demokratische“ Entscheidung herbeiführen. Mit Hilfe einer „legalen“ Manipulation der Wahl gelang es der einflussreichen Minderheit jedoch, im Kollegium die Majorität zu stellen. So schaffte die Gussstahlfabrik ihre Arbeiter am Wahltag in einem Sonderzug nach Witten, woraufhin Werkmeister berechtigt waren, im Namen ihrer abwesenden Arbeiter zu stimmen - natürlich im Sinne der Direktion für den Bauplatz beim Werk. Trotz großer öffentlicher Empörung fällte das bischöfliche Ordinariat in Paderborn nach Stiftung eines passenden Bauplatzes die endgültige Entscheidung für den heutigen Standort.

 

Ein Jahr später wurde nach Plänen des Barmer Kirchenbaumeisters Gerhard August Fischer (1833-1906), einem ehemaligen Mitarbeiter des Paderborner Diözesanbaumeisters Arnold Güldenpfennig, mit dem Bau einer backsteinsichtigen dreischiffigen Hallenkirche begonnen. Hart erkämpft, war das 1872 konsekrierte Haus der Stolz der jungen Rektoratsgemeinde und wurde auch wegen seines Schmuck­es „in so zierlichen gotischen Formen, wie man selten kirchliche Bauten aus den letzten Jahren sieht“ sehr geschätzt. Doch die Freude währte nur kurz. Im Kulturkampf wurden die Katholiken 1876 durch staatliche Order zu „Untermietern“ in der eigenen Kirche degradiert, indem die preußische Regierung der nur wenige Dutzend Mitglieder umfassenden altkatholischen Gemeinde die Marienkirche und die günstigsten Gottesdienststunden zuteilte. Der Einzug der Altkatholiken wurde von einem stattlichen Polizeiaufgebot geschützt, denn bei der Erregung der Gemeinde fürchtete man tätliche Auseinandersetzungen. Seitdem boykottierten die Romtreuen ihr Haus und erhielten es erst nach sechsjährigem Kampf und zahllosen Eingaben wieder zum alleinigen Gebrauch zurück. Die seinerzeit hochgelobte Pracht der gotischen Schmuckformen ist heute nur noch am Westturm sichtbar. Die aus Sand­stein gearbeiteten Architekturdetails an Langhaus und Chor, wie eine oberhalb des Hauptgesimses umlaufende Balustrade sowie die schlanken, die Strebepfeiler bekrönenden kreuzblumenverzierten Fialen und das Fenstermaßwerk, wurden 1952-53 beim Wiederaufbau des im Zweiten Weltkriegs stark beschädigten Kirchenschiffs durch den Bochumer Architekten Dr. Ing. Kurt Hubert Vieth rest­los beseitigt.

 

Im Inneren ersetzte Vieth das zerstörte Kreuzrippengewölbe durch eine von spitzbogigen Gurt- und Scheidbögen getragene flache Holzkassettendecke. Noch heute ist der Raumeindruck geprägt von der fast kargen Bescheidenheit der frühen fünfziger Jahre, der sich auch die Umgestaltung des Chorraumes (1963 Roman J. Reiser Bochum) unterordnete. Den Blick des Betrachters ziehen drei Chorfenster auf sich, die der Bochumer Heinrich Wilthelm 1969 modern gestaltete. Der plötzliche Tod des Künstlers verhinderte die damals geplante Verglasung aller Fenster nach seinen Entwürfen. Bemerkenswert ist die filigrane, sehr graphische Zeichnung der Motive, nur durch wenige Farbflächen in warmen Rot­tönen kontrastiert. Die Illustrationen in den Wandnischen hinter den Seitenaltären wurden von einem Schüler Wilthelms ausgeführt. Leider sind sie, wie große Teile des Baus, durch Feuchtigkeit bereits heute in Mitleidenschaft gezogen. Von der ur­sprünglichen neugotischen Ausstattung haben lediglich zwei Kommunionbänke und eine hölzerne Figurengruppe der Heiligen Familie die Zeiten über­dauert.

Am Außenbau zeigt neben den erhaltenen Wimpergen an den Seitenportalen vor allem der im Krieg nur gering beschädigte 70 Meter hohe Westturm, reich gegliedert durch Blendnischen, Maßwerk, Fialen und Strebewerk das Talent Fischers, der sich während seiner Ausbildung wohl vor allem von seinem Kasseler Lehrmeister Georg Gottlieb Ungewitter (1820-1864) für die Gotik begeistern ließ. Unbedingt bemerkenswert ist der massiv aus Backstein

aufgemauerte schlanke oktogonale Turmhelm. Fein gegliedert und durch Vierpassornamente und Lanzettöffnungen durchbrochen, ist er eine Seltenheit in der Region. Birkenbewuchs macht auch ihn zum Sanierungsfall.

 

Einstmals wie ein Fanal über dem Bauerwartungsland des zukünftigen Arbeiterquartiers aufragend, ist die Marienkirche, obwohl in der Nachkriegsplanung manche Sichtverbindungen durch Änderungen in der Straßenführung oder hohe Neubauten verstellt wurden, noch heute von verschiedenen Standpunkten aus als städtebauliche Dominante erlebbar. So beherrscht der Marienkirchturm - bereits von weitem sichtbar - eindrucksvoll die Blickachse der Königsallee, die 1904 als Prachtstraße zur Er­schließung der südlichen Stadterweiterung auf dem Ehrenfeld angelegt wurde.

 

Fragt sich nur, wie lange noch ...

 

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Bochumer Zeitpunkte

Beiträge zur Stadt­geschichte,

Heimatkunde und Denkmalpflege

Heft 8, Dezember 2000

 

Herausgeber:

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