Was „Einige zum Com­fort,

Andere zum Bedürfniß“ rech­nen

 

Von der öffentlichen Verrichtung im alten Bochum

 

Hans Joachim Kreppke


Gustav Frielinghaus, Herr auf Haus Laer und Grubendirektor, brachte die Diskussion der Stadtverordnetenversammlung auf den Punkt: Was der weitläufige Stadtpark, der Stolz der Stadt, jetzt wirklich brauche, sei eine öffentliche Bedürfnisanstalt.1 Und dafür, so forderte er die Herren auf, möge man Verschönerungswünsche und „ästethische Beklem­mungen“ beiseite lassen. Der ungeregelte Seitensprung ins Buschwerk gehöre abgeschafft und der angesehene Stadtverordnete beschwor das Kollegium, dem Park zu bewilligen, was in der Stadt seit Jahren installiert sei. 1885 nämlich, als diese Debatte geführt wurde, war die öffentliche Verrichtung im Stadtkern Bochums schon runde acht Jahre gängige Praxis.

 

Das drängende Problem, das „Einige zum Comfort, Andere zum Bedürfniß“ rechneten, war schon im Jahre 1873 zum Thema geworden.2 Herr Hengstenberg, der Direktor des städtischen Gas- und Wasserwerks, bescheinigte den Anliegern des Wilhelmsplatzes damals in einem „Circular“, dass die fast vollendete Bebauung des so genannten neuen Stadtteils ein „sich stellenweise der Eleganz näherndes Gesammtbild“ bewirkt habe. Aber er rege neben der Verbesserung der Straßenbeleuchtung, die in seinen Zuständigkeitsbereich falle, auch die „nunmehrige etwas größere Reinhaltung der Straßen und Gossen“ an - und die „Errichtung von männlichen Befürfnißanstalten“.

 

Drei Jahre nach diesen Mahnungen nahm der Magistrat sich des genierlichen Themas an und be­schloss, das gut abgehangene Projekt eines öffentlichen Abtritts für Männer auf dem Marktplatz, im Herzen der Stadt, zu verwirklichen.3 Man ent­schied sich für die gusseiserne Bauweise, die um 1860 von Holland aus ins Land gekommen war, und mit Ornamenten in Renaissance- und Ba­rock-Manier etwas Ansehnliches darstellte. Vor allem aber war sie den Belastungen einer intensiven Nutzung eher gewachsen, als die vordem im Deutschen Reiche üblichen Holz­konstruktionen. Das Häus­chen sollte gleich dem jetzt in Berlin bevorzugten Bautyp mit „Bedachung, einer Laterne, zwei Ständen und mit beständigem Wasserzufluß“ ausgerüstet werden. Bittere 1800 Mark sollte den Fiskus das obligate Gehäuse kosten und der Plan, die Lage im Zentrum durch Aufstellung von zwei weiteren Anstalten durch­schlagend zu verbessern, musste zurück­gestellt wer­den. Letztere sollten die Gefängnismauer an der ABC-Straße zieren und den verkehrsreichen Zusammenfluss von Bahnhof- und Fried­richstraße, im heutigen Bermuda-Dreieck. Auf dem Markt wurde ein Standort am südöstlichen Rand des Platzes gefunden, im Rücken bzw. seitlich des Hauses Obere Marktstraße 17.4

 

Die Dringlichkeit „öffentlicher Pissoirs“ stand außer Frage. Einmal der innerstädtischen Sauberkeit wegen, nicht zuletzt aber auch zur „Wahrung des öffentlichen Anstands“. Zwar könne die Verunreinigung der Häuserwände mit drei Mark geahndet werden, doch sei die „rigorose Durch­führung dieser Bestimmung“ unmöglich; zumal dann, wenn es an geeigneten Anstalten überhaupt fehle. Das starke Wachstum der Stadt hatte den Men­schenauftrieb im Zentrum befördert. Besonders an Markttagen stieß das Landvolk hinzu, das nach beschwerlicher Anreise ganz dringend Erleichterung suchte. Der „Zink-Pavil­lon“ zeigte sich den Belastungen ge­wachsen, wenngleich zutage trat, dass es ein Fehler gewesen war, Bedürfnisse von Damen hintanzustellen. Leidtragende und Nutz­nießer des Ganzen waren die umliegenden Wirte, von denen August Rietkötter sich die geruchsdämmende Neuentwicklung des Zim­mermeisters Nolte zu eigen machte, die von den Herren der Handelskammer an Ort und Stelle besichtigt und günstig beurteilt worden war. Dem Verfertiger des nützlichen Geräts waren „mehrere sehr schmeichelhafte Schreiben“ zugegangen und Nolte hielt den Artikel noch mindestens 15 Jahre im Angebot.

 

Vorerst aber blieb die hygienische Aufrüstung im öffentlichen Raum den Herren vorbehalten. Die Gefängnismauer bekam das versprochene Örtchen, der Schwanenmarkt, der Bahnhofsvorplatz natürlich, der Moltkemarkt und der Neumarkt. Der traulichen Klei­nen Beckstraße wurde gar ein „Fünfständiges“ verpasst und dieses zum moderaten Preis von 750 Mark. Ob steigende Stückzahlen die Preise geebnet hatten oder eine schlichtere Ausführung für zureichend befunden wurde, wir wissen es nicht. Im Stadt­park freilich hatten die Frielinghausschen Anregungen zunächst zur Aufstellung hölzerner Abtritte geführt, die schon nach wenigen Jahren in atem­beraubendem Zustand waren. Dem unhaltbar gewordenen Umstand machte die Stadt 1890 ein Ende, indem sie dem Parkeingang eine „größere eiserne Bedürf­niß-Anstalt“ zum Preise von 4.000 Mark bewilligte, was im Kollegium zunächst Bedenken auslöste.5 Die Höhe des Preises, meinte Herr Döhmann, werfe die Frage auf, ob es nicht sinnvoller sei, in dem verzweigten Gelände zwei bis drei kleinere Anstalten zu verteilen. Doch kam es zur groß­en Lösung. Einem bedeutsamen Fortschritt, einem Meilenstein geradezu, denn erstmals wurde eine Damenabteilung angegliedert.

 

1901 legte sich der Magistrat mit Bürgern und Presse an, indem er sich anschickte, auf dem Wilhelms­platz „vor dem Kriegerdenkmal und im Angesicht des Königlichen Amtsgerichts“ einen gusseisernen Abort aufzurichten.6 Süffisante Kommentare begleiteten das Unterfangen und auch patriotische Gefühle wurden in Stellung gebracht, denn die vaterländischen Festakte wurden in Sonderheit auf diesem Platze bewerkstelligt. Wir lesen Erschütterung aus den Worten des Stadtverordneten Hackert, dass man „so etwas wohl in keiner anderen Stadt finde“. Justizrat Roemer bemerkte ärgerlich, dass für so viele Befürfnisanstalten in Bochum kein Bedürfnis vorhanden sei. Stadtbaurat Bluth freilich entgegnete, „er sei eigentlich mehr auf den entgegengesetzten Vorwurf gefaßt gewesen“ und er verfolge weitere Pläne in dieser Richtung. Im übrigen sei eine „gärt­nerische Umfriedigung“ des Ganzen in Aussicht genommen.

 

Doch ging die Zeit der „Gußeisernen“ langsam zu Ende. Durch Massivbauweise und Fliesen der Wände und Böden hoffte man, der ständig beklagten Verwahrlosung und der „unfläthigen Karikaturen und Schreibereien“ Herr zu werden. 1902 hatte Bochums erstes Institut auf dem Marktplatz nach einem guten Vierteljahrhundert in Ehren ausgedient. Stadtbaurat Bluth schlug statt dessen eine unterirdische Bedürfnisanstalt in der Mitte des Platzes vor, deren Kosten sich samt Herrichtung des Trottoirs auf 20.000 Mark belaufen würden.7 Herr Löchtermann befürwortete diese Platzierung, denn das gewährleiste „am ersten die Beobachtung von Ordnung und guter Sitte“. Herr Bluth versicherte, die Abstiegtreppe werde kaum sichtbar sein. Der Geheime Obermedizinalrat Prof. Dr. Karl Löbker vom Krankenhaus Bergmannsheil erinnerte sich der Über­raschung, als er im Anfang seines Hierseins bekannte Köpfe aus der bisherigen Anstalt habe hervorkommen sehen. Die unterirdische Anlage sei zu empfehlen und es dürfe bei der Ausstattung nicht geknausert werden. Aus seiner Klinikerfahrung wisse er, dass eine mangelhafte Einrichtung recht bald in einen verwahrlosten Zustand komme, „während sie im anderen Falle rein und nett bleibe“. Die einjährige Bauzeit wurde von weiteren Debatten begleitet, vor allem auch von Klagen der vorübergehend vertriebenen Markthändler und anderer sich geschädigt fühlender Geschäftsinhaber.

 

Im April 1903 wurde das neue Etablissement dem Verkehr übergeben und mit breiter Zustimmung begrüßt.8 Glasfenster in der Decke erfüllten den Raum mit „Tageshelle“, der Vorraum war mit einer „elegant ausgestatteten Waschtoilette mit geschliffenem Spiegel“ versehen. Neu und sicher von Nutzen war die permanente Betreuung durch eine Aufsichtskraft, deren Kosten mit 1.200 bis 1.500 Mark in Anschlag gebracht wurden. Drei Jahre später, das Institut stand unter der Obhut eines Ehepaares, geriet der gute Ruf des Hauses arg ins Wanken.9 Die „Mannsperson“, der wegen Abwesenheit der Ehefrau auch die Beaufsichtigung der Damenabteilung oblag, erlaubte sich gegenüber einer Besucherin zunächst verbale, schließlich auch handfeste Übergriffe, denen sich die „anständige Arbeiterfrau“ nur durch Flucht entziehen konnte. Leider erfahren wir nichts über die Folgen der Tat dieses „pflichtvergessenen Mannes“.

Mehr als ein Vierteljahrhundert hatte die flächendeckende Versorgung mit öffentlichen Abtritten in Anspruch genommen. Hielt der private Bereich mit der Entwicklung Schritt? Zwar war der Bau von Wasserleitung und Kanalisation bis Mitte der 1870er Jahre im wesentlichen abgeschlossen, doch war es eine andere Frage, ob alle Häuser an­geschlossen waren. 1904, es war zur Adventszeit, besprach das Stadtparlament einen Vorgang, der auch in den Nachbarorten - und darüber hinaus - fröhlich aufgegriffen wurde.10 Beim Abbruch des katholischen Schulhauses an der Propsteikirche hatte sich herausgestellt, dass auf dem Gemäuer der „ollen Schule“ eine Gerechtsame des Nachbarhauses ruhte - auf Abortbenutzung. Der Buch- und Kunst­händler Mummelthey pochte auf sein ersessenes Recht und die Stadt war geneigt, das anrüchige Örtchen zu konservieren und eine Verbindung zum Mummeltheyschen Hause herzustellen, was man für 300 Mark wohl bewerkstelligen könne. Undenkbar sei, so merkte Justizrat Roemer erregt an, dass es in Bochum noch Häuser gebe, deren Bewohner zu dem angedeuteten Zweck in ein Nachbarhaus gehen müssten. Der Zustand sei polizeiwidrig, die Latrine gehöre abgerissen.

 

1 Märkischer Sprecher Nr. 63 vom 16. März 1885. 

2 Märkischer Sprecher Nr. 192 vom 9. Dezember 1873.

3 Märkischer Sprecher Nr. 167 vom 26. Juli 1876.

4 Der Zeitpunkt der Aufstellung konnte nicht ermittelt werden.

5 Märkischer Sprecher Nr. 112 vom 16. Mai 1890.

6 Märkischer Sprecher Nr. 149 vom 28. Juni 1901 und Nr. 51 vom 1. März 1903.

7 Märkischer Sprecher Nr. 97 vom 26. April 1902.

8 Märkischer Sprecher Nr. 94 vom 23. April 1903. 

9 Märkischer Sprecher Nr. 160 vom 11. Juli 1906.

10 Märkischer Sprecher Nr. 284 vom 3. Dezember 1904.

11 Märkischer Sprecher Nr. 45 vom 22. Februar 1905.

 

Unter dem 31. Januar 1905 analysierte die „Chikago Free Press“ den Fall ausführlich11 und kam zu dem Schluss, dass in dieser Sache die westfälische Stadt Bochum vielleicht in „keinen guten Geruch“ geraten sei und empfahl dringend, das verschwiegene Örtchen nach Erlöschen der Rechtsansprüche zum Denkmal zu erklären und ins Stadtmuseum zu überführen, wenn es denn ein solches gäbe. Ein Stadt­museum besaß Bochum aber damals noch nicht. Und heute, wir wissen es, warten wir wieder auf ein solches. Wohl haben wir am Stadtpark ein Klo, das zum Denkmal wurde, doch das Stadtmuseum liegt in weiter Ferne.

 

Literatur

Erika Kiechle-Klemt / Sabine Sünwoldt, Anrü­chig. Bedürfnis-Anstalten in der Großstadt. München 1990.

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte

Beiträge zur Stadt­geschichte,

Heimatkunde und Denkmalpflege

Heft 8, Dezember 2000

 

Herausgeber:

Dr. Dietmar Bleidick

Yorckstraße 16, 44789 Bo­chum

Tel.: 0234 / 335406

e-mail: dietmar.bleidick@ruhr-uni-bo­chum.de

für die

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

Vereinigung für Heimatkunde,

Stadtgeschichte und Denkmalschutz

Graf-Engelbert-Straße 18

44791 Bochum

Tel. 0234 / 581480

 

Redaktion:

Dr. Dietmar Bleidick, Peter Kracht

 

Druck:

A. Budde GmbH

Berliner Platz 6 a, 44623 Herne

 

Verlag:

Peter Kracht ? Verlag

Limbeckstraße 24, 44894 Bochum

Tel.: 0234 / 263327

e-mail: kracht.verlag@t-online.de

 

ISSN 0940-5453