In schlechter Würde?

 

Der Freigrafendamm und seine NS-Bauten

 

Hans H. Hanke

 

1935 bis 1941 entstanden die Bauten des Hauptfriedhofes „Freigrafendamm“ konsequent im Sinn repräsentativer nationalsozialistischer Bauauffassung. Die Traueranlage am Freigrafendamm ist - soweit ersichtlich - das einzige vollendete und erhaltene Beispiel einer heroisch-faschistischen Staats- und Parteiarchitektur im Ruhr­gebiet. Architekten des Frei­grafendamms waren der Bochumer Stadtbaurat Heinrich Tim­mermann und sein Mitarbeiter Wil­helm Sei­densticker. Der Freigrafen­damm besitzt architektonische Qualität und ist bis ins Details hinein durchdrungen von nationalsozialistischer Ideologie. Die Anlage löste ein breites öffentliches Echo aus. So schrieb der be­rühmte Paul Bonatz an Stadtbaurat Timmer-mann:­ „Die Seitenfront des Kre­matoriums hat wirk­lich einen groß­en Rang. Ich be­glückwünsche Sie zu diesen schönen Bauten.“ Auch der nicht min­der prominente Fritz Schuh­macher äußer­te aus Ham­burg seine Meinung: „Ihr Werk hat mir einen schö­nen Ein­druck ge­macht. Die ungewöhnlich groß­zügige Anlage ­muß von feierlicher Wir­kung sein. Aus der Schlicht­heit der architektonischen Gestaltung spric­ht eine stille Wür­de.“

 

Die wichtigsten Bauten der ausgedehnten Anlage sind zwei große Trauerhallen, von denen die größe­re die Aufbahrungshalle eines Krematoriums ist, wäh­rend die andere für Andachten zu Erdbestattungen eingerichtet wurde. Ein nied­riger Verbin­dungs­trakt zwischen den Hallen sowie eine gegenüberliegende lange Reihe unterschiedlicher, eben­falls nied­riger Bauten nehmen die Nebenräume auf. Die Hallen und ihre Nebengebäude rahmen drei Sei­ten eines großen, für die Hallen konzipierten Plat­zes. Die Ausmaße des Platzes sind offenbar für große Menschenmengen, aber auch als monumentalisierende Abstandsflä­chen vorgesehen gewesen. Außer diesem Hauptplatz besitzt die Anlage neben der groß­en Trauerhalle eine Terrasse, die an einen Urnenhof grenzt. Alle Bauwerke sind mit grau­grünem Ruhrsandstein in flacher Schichtung verblendet. Ur­sprünglich stand die Farbe des Mauerwerks im

 

Kon­trast zum roten Sollingstein der Trep­pen, Terrassen und Wege, die heute aber vergraut sind. Der ­Bochumer Anzeiger bemerkte 1939 dazu: „Dem großartigen heimischen Material ist hiermit wieder erstmalig Geltung ver­schafft worden.“

 

Die „Große Trauerhalle“ ist der Sicht- und Bezugspunkt des architekto­nischen Konzeptes. Betritt man den Vorplatz des Fried­hofes, zieht die Halle allein durch ihre überragende Höhe von rund 15 m den Blick nach rechts auf sich. Mit Anklängen an klassische Tempelgestaltung öffnen hohe Pfeiler die Außenmauern der Trau­erhalle an drei Seiten.

 

An der zum Vorplatz gerichteten Schmalseite liegt hinter zwei Pfeilern und umgeben von inneren Pfeilern eine ungedeckte Vorhalle - ein Atrium, mit dem typischen im Nationalsozialismus bevorzugten Zwielicht. Es folgt das Hallenportal, dessen äußere Türgewände sehr tief gezogen und mit Diabas gefasst sind, einem schwarzen, marmorähnlichen Stein. In der monumentalen Eingangszone der groß­en Trauerhalle bilden zwei Reihen überlebens­großer Steinskulpturen eine Totenwache. Alle sechs Figuren sind weit über Kopf­höhe angebracht, so dass der Be­trachter von keinem Stand­punkt aus ihnen ins Gesicht sehen könn­te, sondern in der schlucht­ähnlichen Situation den Kopf in den Nack­en legen muss. Die Figuren schuf der Hamburger Bildhauer Ludwig Kunst­mann. „Die alte Generation“ und „die junge Generation“ sollten als „Ver­körperung des heldischen Kampfes“ die „Kämp­fer des Weltkrieges“ und die „Kämpfer des neuen Reiches“ darstellen. Sie tragen Schilde mit den Jahreszahlen 1914-1918 für den Ersten Weltkrieg und mit den „Parteidaten“ des Auf­stiegs der NSDAP 1920- 1933. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden Jahreszahlen ergänzt.

 

Unterhalb der linken Figuren befindet sich ein heute verschlossenes kreisrundes Loch von etwa 8 cm Durchmesser, das im Halbdunkel des Eingangsbereiches kaum auszumachen ist. Hinter diesem Loch liegt eine separat zugängliche kleine Kammer, die nichts anderes sein kann, als eine Abhör- und Be­obachtungseinrichtung, aus der heraus das Kommen und Gehen der Trauergäste belauert werden konnten.

In der Halle sind Wände und Pfeiler mit schwarzgrünli­chem Diabas verkleidet. Die Wand­verkleidung steht im Kontrast zum hellen Mar­morfußboden. Die Halle trägt eine in hellem Grau­blau getönte Stuckdecke und öffnet sich durch diese kon­trastierende Farbgebung optisch nach oben, eine deutliche Versinnbildli­chung einer „Him­melsvorstellung“ die bereits im Atrium angesprochen wurde. Ein Zitat von 1937 verdeutlicht diese Bezüge allgemein: „Ger­manisch heißt Ausfluß der Seele des nordi­schen Mythos, der Glau­be an den gestirnten Himmel über mir und das ewige Gesetz in mir.“ An der Stirnseite des Krematoriums liegt die Apsis, die in ganzer Höhe mit Putzornamenten überzogen ist, auf dunkel gestrichenem Putz liegen goldene Rauten und Sternmuster. 36 farbige Fenster von 12 m Höhe und 70 cm Breite be­herrschten bis zur ihrer Zerstörung durch eine Luftmine den Raumeindruck. Sie nahmen insgesamt eine Fläche von 340 m² ein. Sie trugen verflochtene Band- und Kreisornamente, zum Teil mit abstrahierten Schlangendarstellungen. Wahrscheinlich wurde hier auf die Midgardschlange als Todessymbol angespielt. Jedes zweite Fenster enthielt eine 2,50 m hohe Figur. Ein „Totentanz“ war das Thema der Figurenfolge: Der „Trommler Tod“, der „Hand­werker“, der „Bergmann“, der „Ar­beiter“, der „arme Mann“, der „reiche Mann“, „der Geizhals“, der „Greis“, ein „Gelehrter“, die „Braut“, der „König“ und die „Königin“. Hinzu trat der „Kämpfer“, ein uniformierter SA-Mann mit Hakenkreuzfahne, deren weißer Kreis wie ein Heiligenschein hinter dem Kopf des SA-Mannes er­schien. Weiteres ist über die einzelnen Figuren nicht überliefert, sie sollen sich zu den Begriffen „Staat“ und „Familie“ gruppiert haben.

 

Die Fenster entwarf Prof. Paul Perks aus Bremen. Perks starb 1939 und wurde auf eigenen Wunsch am Freigrafendamm beigesetzt. Er war Lehrer an der 1934 gegründeten Nordischen Kunsthochschule. Die Schule propagierte die von der völkischen Rassenidee inspirierte Kunstauffassung des Nationalsozialismus.

 

Zur Entwurfsgeschichte der Verglasung ist überliefert, dass Perks und Stadtbaurat Timmermann deutsche und nordfranzösische Kathedralen besuchten, um sich dann ausdrücklich auf die gotische Kir­chenverglasung als Vorbild ihrer Fenster zu berufen, die „im Stil und Wesen [...] nordische Art“ besäßen. Von der Weltausstellung in Paris schrieb Perks 1937 an Timmermann: „Nach meinen Eindrücken von der Pariser Ausstellung bin ich überzeugt, daß auf der ganzen großen Ausstellung keine Glasmalerei vorhanden war, die den Ernst meines Werkes aufweist und ich hoffe, daß es mir gelingen wird, mich der Arbeit der Alten zu nähern.“ Timmermann schrieb kurz darauf an Perks: „[...] betone ich, daß von den sämtlichen Kathedralen, die ich mir in Frankreich angesehen habe, ganz allein Char­tres meine 100%ige Befriedigung gefunden hat [...] wir müssen uns immer wieder darüber klar werden, daß der ganze Raum durch­aus mystisch wirken muß.“

 

Die „Kleine Trauerhalle“ trägt an der linken Seite der Front eine Statue, benannt „Das Leben“, ebenfalls von Ludwig Kunstmann ausgeführt. „Es ist

eine symbolische Darstellung des Lebens, aus heimischem Ruhrsandstein modelliert [...] Von der Gestalt geht ein starker Eindruck aus. Sie mahnt den Lebenden, des Lebens zu Gedenken, ein schönes Sinnbild des Lebens an der Stätte des Todes.“ Hier haben wir den Gegenpol zum Totentanz in der groß­en Halle und zum christlich vorbelegten „memento mori“ - „Gedenke des Todes“. Die hohe, über­längte Männerfigur wirkt ärmlich, aber kraftvoll - fast wie ein aus der Schlacht heimgekehrter Gefährte der „Jungen Generation“ vor der großen Halle. Die Halle betrat man durch eine Bronzetür mit Hakenkreuzen. Vielfältige Variationen des Hakenkreuzes sind bis heute in „germanischer“ Manier als schwarzweißes Sgraffito in die Kassettendecke der Halle eingelassen. Mittelalterlichen Architekturmotiven entlehnt wurden auch die offenen Wandelgänge im Trakt an der Straßen­seite. Im südlichen Wandelgang sollte die Atmosphäre alter Klos­tergänge mit Grabplatten und Urnen „verdienter Männer“ erzeugt werden. Paul Perks ist allerdings der einzige Tote, dessen Grabstein hier gesetzt wurde.

 

„In Anlehnung an die Antike hat die Halle ein Atrium erhalten [...] Das Antike ist jedoch durch ein gotisches Element belebt, wodurch eine gewaltige Spannung hinein getragen wird. Gedacht wird hier an ein rein geistig gotisches Element. Überträgt man das in den Bauwerken zum Ausdruck gebrachte künstlerische Wollen auf eine politische Grundlage, so sind die äußere Ruhe der Linienführung und die Massigkeit in der Form den ruhigen Grundlagen des Staates vergleichbar und das in der Innenarchitektur aufstrebende Element der treibenden Kraft der Bewegung, die nach ewiger Verjüngung strebt.“ Dieses zeitgenössische Zitat zur „Großen Trauerhalle“ beweist, wie stark und unmittelbar die Architektur durch nationalsozialistisches Gedankengut und seine politische Umsetzung auch in Bochum durchzogen wurde.

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Das Konzept der gesamten Traueranlage beruhte, so wird es in vielem deutlich, auf dem „Nordischen Glauben“. Dieses nationalsozialistische Weltbild war vor allem von Alfred Rosenberg und Heinrich Himmler entwickelt und vertreten worden. Nach deren Vorstellung hatten die Germanen ohne Priester und Kirche in Einheit mit der Natur gelebt. Der Tod galt als natürlicher Vorgang und als „Gevatter“. Das Christentum habe den „Nordischen Glauben“ verdrängt, dessen Vorstellungen aber in der deutschen Gotik und Mystik überdauert hätten, um letztlich im Nationalsozialismus neu aufzuleben. Es galt, sich glaubwürdig der moralischen Prinzipien zu entledigen, die dem nationalsozialistischen Anspruch auf Weltherrschaft entgegenstanden. Tatsächlich gibt es kein christliches Zeichen in der Anlage, worüber die Betrachter aber wohl durch die Kathedralfenster, die „germanischen“ Kreuze, vielleicht sogar durch Details wie den „Heiligenschein“ des SA-Mannes im Totentanz hinweggetäuscht wur­den. Letztlich ist wohl auch das Fehlen einer Kanzel auf atheistische Intentionen zurückzuführen.

 

Am Freigrafendamm gewann der „Nordische Glaube“ Gestalt. Die Architektur folgte damit einer Ideo­logie von Bildungsbürgern, die sich zwar selbst und handgreiflich nicht mit den näheren Umständen von „Endlösungen“ oder der „Ausweitung deut­schen Le­bensraumes“ belasten wollten, aber geduldig darauf hinarbeiteten, unendliches Unglück über die Men­schen zu bringen, um eigenen Vorteil daraus zu ziehen. Der Freigrafendamm legitimierte den Rassen­wahn, verkündet wurde hier der Krieg, gefördert wurde der NS-Terrorstaat. Die damalige Ver­herrlichung der Feuerbestattung an diesem Ort muss in Gedenken an die Ver­brennungsöfen der Konzentrationslager als ungeheuer zynisch empfunden werden.

 

Der Freigrafendamm verein­nahmte die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er bleibt ein sehr viel­schichtig zu deutendes, nationalsozialistisches Symbolwerk, dessen verquaster Tiefgründigkeit nicht bis ins Letzte nachgegangen werden muss. Zu Recht wurden die Bauten in die Denk­malliste der Stadt Bochum aufgenommen. Sie müssen erhalten und gepflegt werden, denn längst ist die nationalsozialistische Botschaft durch den demokratischen und christlichen Umgang mit den Bauten entkräftet wor­den, nur der interessierte und auf­merksame Betrachter bemerkt die fatale Absicht der Architektur. Diese Chance muss ihm gelassen werden, so dass die Mahnung stets vor Augen geführt werden kann.

 

Literatur

Hans H. Hanke, Erschütternd auf den Besucher wirken. Bauten des Hauptfriedhofes Freigrafendamm als nationalsozialistische Kultgebäude in Bochum, in: Denkmalpflege in Westfalen-Lippe, Bd. 76 /1998 der Zs. Westfalen, Münster 1999/2000, S. 402-441 (dort genaue Nachweise) (s. zetipunkte-online/ geschichte/ aufsätze)

 

Fotonachweis

Die Abbildungen wurden freundlicherweise vom Westfä­lischen Amt für Denkmalpflege in Münster zur Verfügung gestellt.

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte

Beiträge zur Stadt­geschichte,

Heimatkunde und Denkmalpflege

Heft 9, Juni 2001

 

Herausgeber:

Dr. Dietmar Bleidick

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