Vom nicht alltäglichen Engagement eines unbe­deutenden Pädagogen

Aus dem Leben des Lehrers Peter Schie­fer

 

Peter Kracht

 

Einführung

 

Aus dem Leben eines Werner Lehrers in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zu berichten, ist an und für sich nichts Besonderes und rechtfertigt nicht unbedingt die nachfolgenden Ausführungen. Und zu behaupten, der Lehrer Peter Schiefer habe für die Nachwelt besonders erwähnenswerte und nachwirkende, beeindruckende Leistungen voll­bracht, wäre anmaßend und nicht korrekt. Und doch gibt es Grün­de, über sein Leben zu berichten: Aus christlicher Überzeugung setzte er sich nicht nur im schulischen Alltag sondern auch in Bereichen seines außerschulischen Wirkungskreises für andere ein. Exemplarisch ist hier zu erkennen, was heute vielfach vermisst wird: Pflichterfüllung und ehrenamtliches Engagement.i

 

Darüber hinaus gibt sein persönlicher Werdegang auch einen Einblick in die frühere allgemeine und örtliche Schulpraxis­: Welchen Wunsch und welche Hoffnung gab die Elementarschule ihren Abgängern über die sachliche Benotung hinaus mit auf den Weg? Wie erfolgte die Ausbildung zum Lehrer um die Jahrhundertwende? Welche Anforderungen stell­te die Schulbehörde an einen damaligen Volksschullehrer? Welche Weiterbildungs-, Einsatz- und Aufstiegsmöglichkeiten hatten diese Lehrer da­mals?

 

Auch Schiefers kreatives Mittun in diversen Lehrerorganisationen und in caritativen Verbänden spiegelt seinen sozialen Einsatz wider.

 

Ein drittes Argument für die nachfolgenden Ausführungen: Im Nachlass des Peter Schiefer befinden sich seine Auf­zeichnungen über die Tätigkeit des Vaterländischen Frauenvereins im Roten Kreuz, Ortsgruppe Werneii, sowie über die Flucht einiger Schüler der Jacob-Mayer-Schule aus deren Evakuierungsort in Pommern Anfang 1945. Der Wortlaut seiner Rede vor einer Abschlussklasse derselben Schule im Jahre 1949 gibt einen Einblick in sein pädagogisches Denken und die daraus erhofften Ziele.

 

Die nachfolgenden, meist grob chronologisch angeordneten Ausführungen sind mosaikartig und schei­nen bei erster Betrachtung vielleicht zusammenhanglos. In ihrer Gesamtheit ermöglichen sie jedoch ein Bild von den Vorstellungen eines engagierten Pädagogen und Bürgers seiner Zeit.

 

 

Ausbildung

 

Am 15. April 1887 wurde Peter Schiefer als vier­tes Kind der bereits seit 1876 verwitweten Cäcilia Weber, geborene Schiefer, - und somit als filius naturalis - in Pulheim geboren und katholisch getauft; dort wuchs er in einfachen Verhältnissen auf.iii Pulheim liegt etwa 15 km nordwestlich von Köln und war im Jahre 1885 ein Bauerndorf mit über 1.500 Einwohnern.iv Er besuchte die „Elementarschule zu Poul­heim / Bürgermeisterei Poul­heim / Landkreis Köln“ bis zu seiner Entlassung aus der „I. Kl. I. Abt. 8. Schul­jahr“ am 3. April 1901. Sein Entlas­sungszeugnis endet unter dem Passus „Besondere Bemerkungen“ mit dem vorgedruckten Wunsch und den hand­schriftlichen, geschlechtsspezifischen Eintragungen, nachfolgend in kursiver Schrift: „Der Schü­ler... wird mit den besten Wün­schen für sein Wohl­ergehen aus der Schu­le entlassen, zugleich ermahnt, die erworbenen Kenntnisse zu erhalten und zu erweitern und namentlich den genossenen Unterricht durch einen sittlich-religiösen Lebenswandel zu bethätigen.“

Danach besuchte er die „Präparanden-Anstalt zu Köln-Ehrenfeld“. Präparanden-Anstalten waren anfänglich private und später zum Teil verstaatlichte Einrichtungen für Volkschulabsolventen zur Vorbereitung auf die Lehrerseminare. Die Aus­bildung in Preußen richtete sich nach den Bestimmungen des Kultusministeriumsv vom 1. Juli 1901 und dauerte drei Jahre. Sie wurde in schulmäßig aufgebauten Vorbereitungskursen durchgeführt.vi

 

Sein Zeugnis der I. Klasse im Winterhalbjahr 1903/04 mit Datum vom 24. Februar 1904 weist folgende Disziplinen aus: „I. Betragen / II. Fleiß / III. Leistungen in den Unterrichts-Gegenständen Religion / a) Kathechismus b) Bibl. Ge­schichte / Deutsch a) Lesen, b) Politik, c) Sprach­lehre, d) Recht­schreiben, e) Aufsatz / Rech­nen / Raumlehre / Geographie / Geschichte / Naturbeschreibung / Naturlehre / Schreiben / Zeichnen / Gesang / Harmonielehre / Violinspiel / Turnen / Französisch // IV. Schulbesuch // V. Besondere Bemerkungen“.

 

Nach der erfolgreichen Präparanden-Ausbildung besuchte Schiefer das „Königl. Schullehrerseminar Arnsberg“.vii

 

Lehrerseminare waren Staatsanstalten, die in Preu­ßen dem Provizial-Schulkollegium unterstellt waren und zur Ausbildung zum Volks­schullehrer bzw. zur Volksschullehrerin dienten. Der Unterricht war unentgeltlich und die Internate gewährten „freie Wohnung, Licht und Feue­rung u. gegen billige Entschä-digung Kost“.viii Die Seminaristen waren meist im Alter zwischen 17 und 20 Jahren. Die Ausbildung richtete sich nach den preußischen Lehrplänen vom 1. Juli 1901, dauerte zwischen zwei und vier Jahre und schloss mit der Lehramtsprüfung ab. Der Abschluss berechtigte auch zum einjährigen freiwilligen Militärdienst. Die Seminarausbildung endete mit der ersten Lehrerprüfung, die aus einem schriftlichen und einem mündlichen Teil bestand und nach Bestehen „zur Übernahme einer kündbaren Lehrer- oder Hilfslehrerstelle“ berechtigte.ix Nach der ersten Lehrerprüfung war zunächst nur eine provisorische Anstellung mög­lich; eine „definitive Anstellung setzt bei Lehrerinnen praktische Bewährung, bei Lehrern außerdem die Ablegung einer zweiten Prüfung voraus [...]“.x

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Exkurs

 

Während der Industrialisierungsphase im Ruhrgebiet nahmen in Werne die Zeche Heinrich Gus­tav mit ihren Schäch­ten Jacob (1859) und Arnold (1862) und die Zeche Amalia (1885) die Förderung sowie die Zeche Vollmond ab Mitte der 1840er Jahre einen lohnenden, leistungsfähigen Betrieb auf.xi Daneben gingen 1881 die West­fälischen Drahtwerke in Produktion.xii Zunehmend zogen die von diesen Firmen benötigten Arbeitskräfte von auswärts zu. Zur Versorgung der Bergarbeiter und ihrer Familien siedelten sich parallel Handwerker, Ge­schäftsleute und Dienstleister an. Das erste Bevölkerungsmaximum mit etwa 20.300 Personen er­reichte die „typisch schnell­wuchernde Industriekommune[...]“xiii Werne im Jahre 1922.xiv

 

Im Jahre 1907 lebten im damals selbständigen und noch kontinuierlich wachsenden Amt Wernexv rund 15.500 Menschen, von denen knapp 25 % als Bergleute beschäftigt waren.xvi

 

Im Verwaltungsbericht des Kreis-Aus­schusses Bochum für das Jahr 1906 werden für Werne 1.870 evan­gelische Schülerinnen und Schü­ler verteilt auf 33 Klassen und 33 Lehrer sowie 734 katholische Schülerinnen und Schüler verteilt auf 14 Klassen und 14 Lehrer genannt. Bei einer Einwohnerzahl von 13.494 Personen im genannten Jahr errechnen sich die schul­pflichtigen Kinder auf 19,3 % der Gesamtbevölkerung. Die Bevölkerungszunahmen von 556 Personen im Zeitraum 1905 bis 1906 macht - rein rechnerisch und unter der Annahme eines gleich­bleibenden Anteils an schul­pflichtigen Kindern und gleicher Konfessionsverteilung - ein statistisches Mehr von etwa 107 zugezogenen schul­pflichtigen Kin­dern aus, von denen 43 katholisch waren. Nebenher sei ange­merkt, dass sich eine durch­schnittliche Klassenstärke von 56,6 evangelischen und 52,4 katholischen Kindern errechnet.xvii

 

 

Die ersten Berufsjahre

 

Die Gründe dafür, dass der Rhein­länder Peter Schie­fer sich auf eine Schulstelle in Werne bewarb und diese antratxviii, lassen sich heute wohl nicht mehr feststellen; wahrscheinlich besteht jedoch ein Zusammenhang mit einer neu eingerichteten Schulstelle.

 

Denn Ende April 1907 entschied der Vorstand der Werner Schulgemeinde: „Wegen der großen Zahl der Lernanfänger an dem kath. Schulsystem Bismarckschulexix wird die Errichtung einer neuen Lehrerstelle an diesem System beschlossen. Die Gemeindevertretung wird um Bewilligung der erforderlichen Geldmittel gebeten“.xx

 

Im Alter von gerade zwanzig Jahren trat Schiefer am 1. Juli 1907 seinen Dienst als Lehrer an der Voll­mondschulexxi in Werne an.

 

Diese Volkschule im Werner Ortsteil Vollmond - benannt nach der damals dort gelegegenen Zeche Vollmond - wurde 1879 bezogen und war anfänglich eine Simultan­schule; also eine Schule, „in der Kinder beider christlichen Bekenntnisse unterrichtet [...] und die Lehrer der beiden Bekenntnisse im Ver­hältnis zur Bekenntniszahl der Kinder angestellt [wurden]“.xxii Die Um­wandlung der Vollmondschule in zwei konfessionelle Schu­len erfolgte im Jahre 1890.xxiii

 

Die katholischen Klassen der Voll­mondschule waren dem katholischen Schul­system Bismarckschule zugeordnet. Zu dieser Zeit existierten in Werne drei evangelische und zwei katholische Schul­systeme: 1. evangelisches System Kaiserschule, 2. evange­lisches System Arnoldschule, 3. evangelisches System Vollmondschule, 1. katholisches System Bismarckschule, 2. katholisches System Kolonie Deutsches Reich.xxiv

 

Eine Volksschule, auch Ele­mentar-schu­le genannt, erfasste die Kinder im Alter zwischen 6 und 14 Jahren und wurde damals als eine Schule definiert, „in der alle Kin­der des Volks, die nicht besondere Schu­len besu­chen, ohne Rücksicht auf Geschlecht, Stand u. Beruf den notwen­digen Unterricht erhalten“.xxv Die Aufgabe der Volksschule war „die religiöse, sittliche und vaterländísche Bildung der Jugend durch Erziehung und Unterricht, sowie ihre Unterweisung in den für das bürgerliche Leben nötigen allgemeinen Kennt­nissen und Fertigkeiten“.xxvi

 

Aus der „Nachweisung über die ruhegehaltsberechtigten Diensteinkommen der Lehrer und Leh­rerinnen an den öffentlichen Volksschulen im Amtsbezirk Werne am 1. Oktober 1907 geht hervor, dass Schiefer 1.500 Mark Grundgehalt „in bar“ und 250 Mark Wirtschaftsentschädigung erhielt.xxvii

Vom 11. November 1908 datiert eine Bescheinigung über die erfolgreiche Teilnahme Schiefers an einem „im Auftrage der Königlichen Regierung zu Arnsberg vom 22. Juni bis zum 20. September d. Js. in Bochum abgehaltenen Kursus zur Ausbildung von Leitern von Volks- und Jugendspielen“.xxviii

In zwei Schreiben der Königlichen Regierung, Abteilung für Kirchen- und Schulwesen in Arnsberg vom 24. Mai und 11. November 1909 an den „Schul­amtsbewerber“ Peter Schiefer wurde ihm „auftragsgemäß die Verwaltung einer Schul­stelle zu Werne, Kreis Bochum“ zum 1. April bzw. 1. November 1909 übertragen.xxix Dabei erhielt er die Besoldung eines „einstweilig angestellten Lehrers“. Die ihm durch die Ge­meindeverwaltung zugewiesene Schule war das Schulsystem Bismarckschule.

Zum letztgenannten Datum wurde ihm auch eine Urkunde zugestellt, die Aufschlüsse über die damaligen Ansprüche an das Lehreramt gibt:

 

„Der katholische Schulamtsbewerber Peter Schie­fer zu Werne wird hiermit einstweilig zum Volksschullehrer in dem Schulverband Werne Kreis Bochum mit dem Vorbehalt des Widerrufs ernannt. Hierbei erwarten wir, daß er Se. Majestät von Preußen, unserem allergnädigsten Könige und Herrn in unverbrüchlicher Treue stets gehorsam sein, alle mit seinem Amte verbundenen Pflichten und Vorschriften gewissenhaft erfüllen, in der ihm anvertrauten Jugend tiefe Ehrfurcht vor den heiligen Lehren des Christentums und lebendigen Sinn für wahre Frömmigkeit wecken, sie zu verständigen und gottesfürchtigen Menschen und zu getreuen und nützlichen Untertanen zu bilden sich bemühen, ihr auch in seinem ganzen Benehmen ein Vorbild sein, Alles, wodurch es Eltern und Kindern an­stößig werden könnte, sorgfältig vermeiden und in allen Angelegenheiten seines Amtes sich gegen die Ratschläge und Weisungen seiner Vorgesetzten folg­sam beweisen werde.

 

Dabei wird bestimmt, daß er ohne unsere Genehmigung kein Nebenamt übernehmen und kein Privatgeschäft führen darf, die mit seiner Stelle etwa verbundenen Kirchendienstexxx je­doch versehen muß und ohne unsere Genehmigung nicht niederlegen darf; ferner auf Verlangen gegen eine angemessene, im Streitfalle von uns festzusetzende Entschädigung bis wöchentlich einer Unterrichtsstunde an den im Schulbezirk vorhandenen oder noch zu errichtenden Fort­bildungsschulen übernehmen muß. Wenn er das ihm übertragene Amt verlassen will, darf dieses nur zum Schluß eines Schulhalbjahres und nach vorangegangener dreimonatlicher Kün­digung erfolgen.

 

Dagegen soll er, solange er sein Amt untadelhaft versieht, die mit der ihm übertragenen Stelle verbundenen Einkünfte, Rechte und Vorteile zu genießen haben. Vorbehalten bleibt hierbei, daß er sich alle diejenigen Abänderungen, welche durch Veränderung des Schulbezirks, Vermehrung der Schulklassen, sowie des Schul- und Kirchenpersonals oder sonst herbeigeführt werden, ohne An­spruch auf jede andere, als die erforderlichenfalls von uns etwa festgesetzte Entschädigung gefallen lassen muß und in Beziehung auf die Klassen, in welchen er unterrichten soll, seine hinsichtlich der wöchentlich von ihm zu erteilenden Unterrichtsstunden die Weisungen seiner nächst vorgesetzten Behörden zu befolgen hat.

 

Urkundlich unter Siegel und Unterschrift.

Arnsberg, den 11. November 1909.

[Siegel:] Königlich Preussische Regierung Arnsberg

Königliche Regierung,

Abteilung für Kirchen- und Schulwesen

[Unterschrift]“

 

Nachdem er am 13. Oktober 1910 die zweite Lehrerprüfung vor dem Königlichen katho­lischen Lehrer-Seminar zu Arnsberg abgelegt hatte, wurde ihm am 19. November 1910 „die Befähigung zur endgültigen Anstellung als Lehrer im Volksschuldienst“ zuerkannt.

 

Allgemein wurde zwei bis fünf Jahre nach der ersten Lehrerprüfung die zweite Lehrerprüfung abgelegt, wobei „besonderer Wert auf die prakt. Tüchtigkeit“ des Prüflings gelegt wurde. Die zweite Prüfung mach­te eine „Anwartschaft auf definitive Anstellung“ möglich.xxxi

 

Am 14. Dezember 1910 wurde er durch die Königliche Regierung, Abteilung für Kirchen- und Schulwesen Arns­berg, im Schulverband Werne endgültig angestellt. Dazu hielt der Vorstand der Schul­gemeinde Werne fest: „Gegen die endgültige Anstellung des Lehrers Schiefer hat die Schul­deputation Einwendungen nicht zu erheben“.xxxii

 

Zu diesem Zeitpunkt bestand die Bismarckschule aus 595 Schülerinnen und Schülern, verteilt auf zehn Klassen bzw. zehn Lehrkräfte; die Klas­sen eins bis vier waren einfach und die Klas­sen fünf bis sieben doppelt vorhanden. Rech­nerisch kamen in Werne 20,24 Volksschüler auf 100 Einwohner.xxxiii

Ende Oktober 1911 wurde Schiefer die erfolgreiche Teilnahme an einem „Turn- und Spielkursus zur Ausbildung als Jugendpfleger“ testiert, welcher über einen Zeitraum von vier Monaten stattgefunden hatte.

 

Am 13. Dezember 1919 erwarb er sein Zeugnis als Mittelschullehrer in den Fächern Mathematik und Physik und erhielt die Befähigung zur endgültigen Anstellung als solcher am 30. Januar 1920.

Laut den Bestimmungen vom 15. Oktober 1872 soll­ten die Mittelschulen „den Bedürfnissen des sog. Mittelstands entsprechen; Ziele und Einrichtung passen sich den örtlichen Verhältnissen an. Zu den M. rechnet man auch solche Schulen, die keine anschließende Bildung geben, sondern den kleinen Städten die Unterstufe einer höheren Lehranstalt ersetzen [...]. Rechtliche Unterschiede zw. M. und Volksschulen: Zulässigkeit des Schulgelds, Freiwilligkeit ihrer Einrichtung u. ihres Besuchs, besondere Lehrbefähigung ihrer Leiter u. Lehrer, Aufnahme von 1 od. 2 Fremdsprachen (Lat. u. Franz. od. Franz. u. Engl.). Von den höheren Schulen unterscheiden sich die M. durch das Fehlen besonderer Berechtigungen. [...] Die Lehrberechtigung für M. kann [...] von Volks­schullehrern, welche die 2. Prüfung bestanden haben, sowie von Bewerbern mit absolviertem akad. Triennium [= Zeitraum von drei Jahren; dreijährige Studienzeit] durch ein besonderes Examen von einer vom Provinzial­schulkollegium eigens eingesetzten Kommission erworben wer­den“.xxxiv

 

 

Militärzeit

 

Die allgemeine Wehrpflicht begann mit dem vollendeten 17. und endete mit dem vollendeten 45. Lebensjahr. Der aktive Wehrdienst dauerte im Friedensfall in der Regel zwei Jahre, wobei Einjährig-Freiwillige und Volksschullehrer bereits nach einem Jahr in die Reserve entlassen wurden.xxxv Zu den Einjährig-Freiwilligen: „Um die höhere wissen­schaftliche und gewerbliche Ausbildung mög­lichst wenig durch die Dienstpflicht zu stören, ist der einjährig freiwillige Dienst zugelassen. Junge Leute, welche die erforderliche Bildung durch Zeugnisse der hierzu be­rechtigten Lehranstalten oder durch Bestehen einer Prüfung nachweisen und sich selbst bekleiden und verpflegen, brauchen nur ein Jahr bei der Fahne in einem selbst gewählten Truppenteile zu dienen.“xxxvi Sie „bilden die Haupt­quelle des Ersatzes für das Reserve-, Landwehr- u. Seewehr-Offizierskorps. [...] Volksschullehrer stehen [...] den anderen E[injährig-Freiwillige]n gleich [...]“.xxxvii

 

Daneben wurde für Volksschullehrer ab 1896 der „einjährig-aktive Dienst“ eingerichtet. Diese Sonderform ähnelte dem zuvor beschriebenen Militärdienst der Einjährig-Freiwilligen, hatte jedoch den Vorteil, von den finanziellen Verpflichtungen (Bekleidung, Verpflegung) befreit zu sein und den Nach­teil, nicht deren Privilegien in Anspruch nehmen zu können und die Laufbahn nicht als Reserveoffizier sondern als Unteroffizier zu beenden.xxxviii

 

Über Schiefers Militärzeit ist nur wenig bekannt. Foto-Postkarten und weitere Angaben für den Zeitraum zwischen Oktober 1914 und Mai 1916 lassen eine Ausbildung im einjährig-aktiven Dienst vermuten und eine anschließende Tätigkeit in der Schreib­stubexxxix des 3. Korps im „Ers.-Bataillon Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 53“ in Köln erkennen. Die Aufgabe eines Ersatz-Bataillons konnte zum einen in der Versorgung mit Nachschub und zum anderen in der militärischen Ausbildung von Rekruten und höherrangigen Soldaten bestehen.

 

Seine Entlassung von der Kölner Einheit nach Werne erfolgte am 18. September 1916.xl Am 27. Juli 1918 wurde der Unteroffizier Peter Schie­fer durch die Marine-Intendantur in Wilhelmshaven mit der „Wahrnehmung einer Beamtenstelle“ beauftragtxli: „Sie werden anläßlich des gegenwärtigen Krieges mit der Wahrnehmung einer Mari­ne-Intendantur-Sekretärstelle widerruflich beauftragt. Für die Dauer dieser Beauftragung bleiben Sie Person des Soldatenstandes und führen den Diensttitel ‚Beamtenstellvertreter‘ [...] und tragen die Uniform der Marine-Zahlmeisteraspiranten [...].“

 

Intendanturen waren dem Kriegsministerium unterstellte Behörden und für die gesamte Heereswirtschaft mit den Bereichen Unterkunft, Ver­pflegung und Bekleidung der Truppen sowie für das Lazarett-, Kassen- und Rech­nungswesen zuständig.xlii Zahlmeister waren obere Militärbeamte mit Leutnantsrang und Vorsteher der Kassenverwaltung bei selbst­wirtschaftenden Trupp­enteilen. Zahlmeister wurden Unterzahlmeister im Feldwebelrang mit Zahlmeisteruniform, welche die Zahlmeisterprüfung abgelegt hatten. Die Unterzahlmeister rekrutierten sich aus den Zahlmeister-Aspiranten; diese waren Unteroffiziere der Truppe. Als Vorbildung waren der einjährige Besuch der Prima einer neunklassigen Lehranstalt und zwei Zahlmeisterprüfungen erforderlich.xliii

 

 

Jünglingsverein, Vinzenzkonferenz und Gartenbauverein

 

Die Katholiken Wer­nes waren in früherer Zeit der Pfarrei Lütgendortmund bzw. Kirch­linde zugeordnet. Durch das starke Anwachsen Wernes und der umliegenden Ortschaften wurden im Jahre 1886 die Katholiken des östlichen Teils Werne der Kirche in (Dortmund-)Lütgendortmund und die des westlichen Teils der Kirche in (Bochum-)Langendreer zugeordnet. Am 20. Juli 1893 wurden Lütgendortmund (St. Maria Magdalena) wieder und am 22. März 1896 Langendreer (St. Marien) durch Witten neu zu Pfarreien erhoben. Die Grenze zwischen dem östlichen und dem westlichen Bereich wurde etwa durch den Verlauf der Streckenführung des alten Eisenbahnanschlusses zur Zeche Heinrich Gus­tav wiedergegeben. Diese verlief von der Straße Salz­bach aus über den noch heute erkennbaren Damm, überquerte die Heinrich-Gustav-Straße, vor­bei am anliegenden Sportplatz, über die Wittekind- und die Von-Waldthausen-Stra­ße bis auf das Zechengelände.xliv Die selbständige Pfarrei Werne wurde am 10. März 1910 errichtet.xlv

 

Da die Bismarckschule im westlichen Teil von Werne und daher 1907 im Einzugsbereich der Pfarrei Langendreer lag, betätigte Schiefer sich im dortigen Jünglingsverein, wurde aber schon 1908 von Vikar Engelbert Keespexlvi zur Mitarbeit im katholischen Jünglingsverein des östlichen Teils von Werne gewonnen. In beiden Vereinen arbeitete er bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs.

 

Am 4. März 1913 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Vinzenz-Konferenzxlvii und übernahm das Amt des Schriftführers. Die caritative Tätigkeit dieser Konferenz gründete sich auf die Armenfürsorge und Seelsorgehilfe des Vinzenz von Paul im 17. Jahrhundert. Während des Ersten Weltkriegs half die Werner Vinzenz-Konferenz „bedürftigen Gemeindemitgliedern mit Geld- und Milchunterstützungen, mit Kartoffelspenden und mit der Verteilung von Woll­decken“xlviii und in „der Nachkriegszeit [...] wurden Familien mit Kartoffellieferungen bedacht, bedürftige Kommunionkinder unterstützt und erholungsbedürftige Kinder wurden aufs Land geschickt“.xlix

 

Während seiner Beurlaubung vom Militärdienst im Jahre 1918 gehörte Schiefer dem Kriegshilfsausschussl von Werne an und rief mit dem ersten Pfarrer der 1910 gegründeten katholischen Kirchengemeinde Herz-Jesu Werneli Philipp Rekerlii, dem evangelischen Pfarrer Johannes Müllerliii und dem Knapp­schaftsältesten und späteren Amtsbeigeordneten Heinrich Schulzliv den Gartenbauverein Werne ins Leben, aus dem im Jahre 1926 der „Klein­gartenverein Familienwohl“lv hervorging. Das Gelände dieses Vereins erstreckt sich südlich vom Freibad und östlich vom Friedhof am unausgebauten Teil der Straße Lütge Heide.

 

 

Flurhüter

 

In der Zeit des Ersten Welt­kriegs und in den Jah­ren danach verschlechtere sich die Lebenshaltung der Ruhrgebietsbevölkerung auf Grund verschiedener Ursachen zum Teil drama­tisch.lvi Der Mangel an lebensnotwendigen Dingen führte ab 1916 zur Rationierung von Nahrungsmitteln.lvii Als Folge der Ver­knappung kam es in der Nach­kriegszeit zunehmend zu Hungermärschen, Krawallen, Käuferpanik, Schwarz­markthandel und Felddiebstählen.lviii Dass diese Diebstähle nicht zur Anhäufung von Eigentum, sondern zur Linderung der Not begangen wurden, ist nachvollziehbar; jedoch erfüllten sie den Tatbestand einer rechtswidrigen Handlung.lix Zur vorbeugenden Vermeidung von Felddiebstählen bzw. zur Überführung von Tätern, wurden vermehrt Feldhüter eingesetzt.lx

 

Auf der Grundlage des Preußischen Feld- und Forst­polizeigesetzes vom 1. April 1880 waren Gemeinden und Gutsbesitzer ermächtigt, bei Bedarf Feld- und Forsthüter als ausführende Personen der Feldpolizei anzustellen. Diese waren für den Feld- bzw. Forstschutz zuständig und hatten die Stellung eines öffentlichen Beamten. Ihre Aufgabe bestand in der Überwachung der gesetzlichen Rechtsvorschriften und behördlichen Anordnungen, z. B. zum „Schutz der Grund­stücke, Pflanzungen u. Bodenfrüchte gegen Beschädigung durch Menschen (Feld­diebstahl)“.lxi Aus der „Dienst-Anweisung für die Flur­hüter der Gemeinde Weitmar“ von 1917 ist bekannt, dass diese während ihres Dienstes eine Mütze - wie die Polizeibeamten -, ein Schild mit der Aufschrift „Flurhüter“ und einen Revolver, der ihnen nebst Munition vom Amt gestellt wurde, trugen. Ihr Dienst begann um 20 Uhr und endete morgens um 7 Uhr.lxii

 

Im Unterschied zu diesen angestellten Personen konnten „Ehrenfeldhüter“lxiii von den Gemeinden gewählt und ehrenamtlich eingesetzt werden. Sie waren während ihrer Tätigkeit verpflichtet „ein Dienst­abzeichen bei sich zu führen und auf Verlangen vorzuzeigen“.lxiv

 

Eine „Einführung in das Amt des Ehrenflurhüters“ und die damit verbundene Verpflichtung „mittels Hand­schlag an Eidesstatt für ihren Dienst“ im Amt Weitmar von 1917 gibt Auskunft über deren Aufgaben, Weisungen und Wei­sungsbefugnisse: „Ihre Aufgabe sei es, das Interesse der Feldfluren nach Kräften wahrzunehmen und den Weisungen der Polizeibehörde, bezw. des Amtmanns unweigerlich Folge zu leis­ten. Ihre Anzeigen und Anträge haben sie an den Amtmann zu richten.

 

Die Ehrenfeldhüter [haben bei] Ausübung des Diens­tes stets den vom Amtmann ausgestellten Aus­weis bei sich zu führen.

 

Die Ehrenfeldhüter sind vorzugsweise verpflichtet, Beschädigungen, Entwendungen und Frevel aller Art in den Feldfluren der Gemeinde Weitmar zu verhindern, die vorkommenden Aus­schreitungen zu ermitteln, die Täter mit Nachdruck zu verfolgen und ohne Ausnahme und Ansehen der Person zur Bestrafung anzuzeigen.

 

Die Ehrenfeldhüter haben zu ihrer persönlichen Sicherheit es so einzurichten, dass sie stets zu 2 die Aufsicht und Kontrolle in den Feldfluren ausüben.“lxv

 

Mit Datum vom 30. Juli 1920 liegt ein querformatiger, 14,5 cm x 9,5 cm großer, mit Schreib­maschine auf Pappe geschriebener „Auswe­is für den als Ehrenflurhüter bestellten Lehrer Schiefer im Dienste der Gemeinde Werne“ vor, der von der Polizeiverwaltung Werne ausgestellt und gestempelt und von „Polizei-Commissar“ Sartoriuslxvi unterschrieben ist. Die Eintragung „Lehrer Schiefer“ erfolgte von Hand.

 

 

Rotes Kreuz

 

Das Rote Kreuz wurde auf der Grundlage der Genfer Konvention vom 22. August 1864 gegründet. Seine Aufgabe bestand darin, „in Kriegs­zeiten im An­schluss an die militärische Lazarett- und Hospitalverwaltung, bei der Heilung und Pflege der im Felde verwundeten und erkrankten Krieger mitzuwirken, in Friedenszeiten die dazu geeigneten Vorkehrungen zu treffen“.lxvii

 

Seit 1907 arbeitete Schiefer im Vaterländischen Frauenverein mit und trat 1912 in die neu gegründete Sanitätskolonne Werne ein.lxviii Vaterländische Frauenvereine waren weibliche und Freiwillige Sanitätskolonnen männliche Gruppierungen innerhalb des Roten Kreuzes.lxix

 

Der Vaterländische Frauenverein wurde am 11. November 1866 von Königin Augusta in Berlin gegründet und war ein Landesverband vom (Deut­schen) Roten Kreuz. „Der Verein übt in Kriegszeiten unter Oberleitung des preuß. Landesvereins vom Roten Kreuz, jedoch unter Beibehaltung seiner eigenen Organisation, Fürsorge für die im Felde Verwundeten und Erkrankten, in Friedenszeiten liegt es ihm ob, seine Kriegstätigkeit vorzubereiten, bei der Linderung außerordentlicher Notstände in allen Teilen des Vaterlandes Hilfe zu leisten und bei Förderung der Krankenpflege, sowie bei allen Aufgaben und Unternehmungen sich zu beteiligen, welche die Beseitigung und Verhütung wirtschaftlicher und sittlicher Not bezwecken. Eine Tätigkeit des Ver­eins auf politischem und kirchlichem Gebiet ist grundsätzlich ausgeschlossen.“lxx

 

Über diese allgemeinen Aufgaben hinaus hatte sich der örtliche Vaterländische Frauenverein folgende Ziele gesetzt: „In Frie­denszeiten beteiligt er sich, abgesehen von der Vorbereitung seiner Kriegstätigkeit bei Linderung ausserordentlicher Notstände in allen Teilen des Vaterlandes, sowie bei Abhülfe aller in der Ge­meinde Werne hervortretenden Not. Insbesondere stellt sich der Verein zur Aufgabe: Die Gründung und Leitung von Wöchnerinnenheimen, Austeilung von Wöchnerinnenkörben an Bedürftige, Beteiligung an der Aufsicht und Fürsorge für in Familien untergebrachten Waisenkinder, Inslebenrufen von Ferienkolonien, sowie von Badekuren für skrophulöse [= (tuberkulöse) Haut- und Lymphkno­tenerkrankung] Kinder, Mitwirkung bei der Bekämpfung epidemischer Krankheiten sowie Gründung und Leitung von Kinderheimen auf konfessioneller Grundlage und Beschaffung von Säuglingsmilch“.lxxi

 

Im Gründungsjahr zählte der Vaterländische Frau­enverein Werne 1.100 Mitglieder.lxxii

 

Die Sanitätskolonnen hatten den Zweck, „im Frieden freiwilliges Personal für den Kriegsfall an Kran­kenpflegern und -trägern auszubilden, und die erforderlichen Bekleidungs- und Ausrüstungs­stücke, sowie Lagerungs- und Transporteinrichtungen sicherzustellen, im Kriege dagegen Krankenpfleger für die Reserve-, Etappen- und Kriegslazarette, sowie für den Trans­port der Verwundeten und Kranken aus dem Etappenbereich nach den Lazaretten zu stel­len, Hilfeleistung auf den vom Roten Kreuz errichteten Verbands- und Erfrischungsstationen auf den Bahnhöfen zu gewähren und ausnahmsweise auch bei Feldlazaretten und Sanitätskompagnien Dienste zu tun. Die S. sind seit dem Jahre 1905 ausnahmslos dem Vorsitzenden der Män­nervereine vom Roten Kreuz unterstellt und in ihrer überwiegenden Mehrzahl diesen Vereinen angeschlossen“.lxxiii

 

Über die Aufgaben der Sanitätskolonne Werne besagt § 1 der „Satzung der freiw. Sanitätskolonne vom Roten Kreuz für die Gemeinde Werne“: „Die Sanitätskolonne hat den Zweck, sich in Kriegszeiten dem Roten Kreuz zur Verfügung zu stellen. [...] In Friedenszeiten stellt sie ihre Hilfe bei Unglücksfällen, wie besonders bei Feuers- und Wassernot, bei Eisenbahn- und anderen Unfällen und Seuchen zur Verfügung; sie übernimmt die Anlegung von Notverbänden, namentlich auch den Transport zu den Krankenhäusern oder den Stellen, wo ärztliche Hilfe zu haben ist“.lxxiv

Nachfolgend ist eine rückblickende Aufzeichnung Schiefers über seine Tätigkeit in beiden Gruppierungen wiedergegeben:

 

„Bochum-Werne, den 18. August 1959

Meine Tätigkeit im Deutschen Roten Kreuz

Sämtliche Akten und Aufzeichnungen über die Grün­dung und Tätigkeit des Vaterländischen Frauenvereins vom Roten Kreuz und der Sanitätskolonne von Werne sind durch Bomben vernichtet worden, so daß die Angaben nur aus dem Gedächtnis, aus mageren persönlichen Aufzeichnungen und verschiedenen mündlichen Rücksprachen mit älteren Mitgliedern erfolgen konnten.lxxv Die Tätigkeit des Schriftführers vollzieht sich in der Regel fast automatisch (Einladungen, Vorbereitungen der Ver­sammlungen, Jahresbericht, Niederschriften, Ausführung von Be­schlüssen, Verkehr mit dem Vorstand und übergeordneten Stellen), kann aber hier wegfallen. [...]

 

Der Vaterländische Vereinlxxvi vom Roten Kreuz, Wer­ne, (VFV) wurde am 6. Januar 1906 gegründet.lxxvii Am 1. Juli 1907 kam ich als junger Lehrer an die hiesige Bismarckschule zu Herrn Rektor Ri­schen, der Schriftführer im VFV war. Er spann­te mich in die Vorbereitungen für den am 26./27. Julilxxviii im Ewaldschenlxxix Saal und Garten stattfindenden Wohltätigkeitsbazar ein, der einen Überschuß von 6.000 Marklxxx brachte. Für die Folge wurde ich dann ständig als Hilfe für den Schriftführer und bei Veranstaltungen des Vereins und seiner Jugend­gruppe eingesetzt. Im Jahre 1912 gründete Herr San. Rat Dr. Lueder die Sanitätskolonne, in die ich eintrat. Diese Ver­bindung von VFV und Sanitätskolonne erwies sich für die Folge als sehr vorteilhaft, vor allem bei den Sammlungen und den Theatervorführungen der Jugendgruppe des VFVs. Ich hatte seit 1920 die Leitung der gewerblichen Berufsschule und ließ durch die Sanitätskolonne verschiedene Vorträge über erste Hilfe halten und schlug vor, eine Jugendgruppe der Sanitätskolonne zu bilden (Jungsanitäter). Diese hat bis zum Kriege bestanden.

 

Als durch das Ausscheiden von Herrn Rischen mir sein Amt übertragen wurde und ich wegen meines Eintretens für die San. Kol. von dieser zum Ehrenmitglied ernannt wurde, kam die große Erwerbslosigkeit. Meine Mit­gliedschaft im Kath. Vinzenzverein ließ mich erkennen, daß die Sorge für die Notleidenden durch die caritativen Vereinigungen in der geübten Form der Unterstützungen große Ver­zettelung der Mittel brachte, weil eine einheitliche Form fehlte. Ich rief die Vorstände der Inneren Mission, der Arbeiterwohlfahrt, des Vinzenzvereins und des VFVs zusammen, und es wurde eine Not­gemeinschaft gegründet, in der der VFV die Füh­rung bekam und ich Geschäftsführer wurde. Wöchentliche Versammlungen der Vorstände stellten die Bedürftigkeit unter ihren Mitgliedern fest und vereinbarten die Höhe und Art der Unterstützung. In einer wöchentlichen Sammlung mit Pferd und Wagen half die Sanitätskolonne, die auch die Ausgabe übernahm.

 

Nach Rücksprache mit dem Vorstande des VFVs, Bochum-Altstadt, erreichte ich es, von diesem aus den Spenden des Bochumer Vereins jeden Tag 100 Portionen Mittagessen zu bekommen und im Winter alle 14 Tage 2 Kisten Fi­sche, frei nach hier gebracht. Zu diesen Hilfen kam noch die Einrichtung von 14 Kochgruppen zu 7 Frauen, die Kranken ein kräftiges Mittagessen kochten, vor allem Wöchnerinnen.

 

Zu erwähnen wären noch Vorführungen und Veranstaltungen zum besten des VFVs, ver­schiedene Koch- und Backkurse, Kurse in der ersten Hilfe und der Säuglingspflege, Lichtbild- und Filmvorführungen. Als geprüfter Kinovorführer stand mir der Film­apparat für Schule und Jugendpflege zur Verfügung, und seit 1925 spiel­te ich alle 14 Tage einen Kulturfilm, den ich auch den beiden Jugendgruppen zeigte.

 

Die straffere Zusammenfassung aller weiblichen DRK-Vereine führte zur Bildung eines Stadtverbandes, dessen Kassenwart ich wurde. Im hiesigen Blin­denfürsorgevereinlxxxi war ich Vertreter unseres Vereins.

 

1936 nahm ich an der Jubelfeier des Vaterlän­dischen Frauenvereins in Berlin teil, wo bei einer Kundgebung in der Deutschlandhalle der Minister Dr. Fricklxxxii in seiner Rede den Rot­kreuzfrauen höch­ste Anerkennung zollte, da sie stets für ihre Ideale größte Opfer gebracht hätten. (Ich hatte den Eindruck, als ob diese Worte mehr an die Mitglieder der Frauenschaft gerichtet waren, die wegen der begonnenen Gleichschaltung haufenweise vorhanden waren, als an unsere alten Mitglieder.) Es ging also bergab ...

 

Als das tausendjährige Reich zuende war, hieß es dann wieder aufbauen. Auf den Aufruf von Münsterlxxxiii habe ich zunächst die Mitglieder der Sterbekasse persönlich besucht und die in den Häusern wohnenden alten Mitglieder. Innerhalb eines Monats hatten wir den Verein wieder stehen.

[freier Platz für die Unterschrift]

Direktor-Stellvertreter i.R.“

 

 

Kassen und Lehrerverbände

 

1910 war Schiefer Gründungsmitglied der „Kran­kenkasse deutscher Lehrer (Sitz Dort­mund)“lxxxiv. Für den hiesigen Bereich ist seine Tätigkeit als Ge­schäftsführer belegt.lxxxv Als Vertreter der Kasse wohn­te er 1933 in Berlin dem Zusammenschluss mit der „Debeka“lxxxvi bei, deren Vertrauensmann er noch bis Ende der fünfziger Jahre war.

 

1921 leitete er die Verhandlungen mit der Gemeinde Werne zur Bildung einer Hilfskasse für Lehrer, weil die Gemeinde selbst die Errichtung einer Krankenkasse abgelehnt hatte.lxxxvii Das Amt Werne verpflichtete sich jedoch, regelmäßig Geld in diese Kasse einzuzahlen: „Zur Auffüllung des Geldbestandes der von der Lehrerschaft gegründeten Krankenkasse wurde ein Zuschuß der Gemeinde bewilligt, der mit Wirkung vom 1. Oktober 1921 bis auf weiteres auf jährlich 12 000,- M festgesetzt ist.“lxxxviii Diese Kasse wirkte sich Dank der finanziellen Unterstützung der Gemeinde bis zur Eingemeindung nach Bochum sehr segensreich für die hiesige Lehrerschaft aus.

 

Im Interesse der Lehrer wirkte Peter Schiefer im Lehrerausschuss Werne und in der Schuldeputation Werne sowie nach der Eingemeindung als zweiter Vorsitzender des katholischen Lehrervereins Bochumlxxxix und im Kreislehrerrat Bo­chum.

 

Die Schuldeputation war eine Kommission zur Verwaltung bestimmter Schulangelegenheiten. Ihr oblag insbesondere „[...] die Verwendung der Mitteln, Sorge für Gebäude, Ausstattung, hygienische Maßregeln, besondere Einrichtungen für arme und schwächliche Kinder, Pflege der Beziehungen zwischen Schule und Haus [...]“. Die Schuldeputation setzte sich zusammen aus Mitgliedern des Gemeindevorstands und „Erziehungs- und Volks­schulwesens kundigen“ Männern (hiervon mindestens ein Rektor oder Volksschullehrer) sowie die jeweils für den Schul­verband zuständigen Pfarrer beider Religionen.xc

 

Der Kreislehrerrat war die „gesetzlich anerkannte Vertretung der Volksschullehrerschaft“ und „Bindeglied zwischen der Lehrerschaft, den Schulauf-sichts- und Schulverwaltungsbehörden. Seine vornehmste Pflicht ist, das Vertrauensverhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, zwischen Verwaltung und Beamten zu befestigen; Zusammengehörigkeit und die Kameradschaft unter Lehrerschaft in jeder Weise zu pflegen und zu fördern“.xci Im Frühjahr 1932 bestand der Kreislehrerrat Bochum aus 52 Mitgliedern: neun vom Deutschen Lehrerverein, sechs vom katholischen Lehrerverein, fünf vom katholischen Lehrerinnenverein, drei vom preußi­schen Lehrerinnenverein, eins vom Rektorenverein, eins vom evangelischen Lehrer- und Lehrerinnenverein nebst jeweils einem Stellvertreter.xcii

 

 

Berufsschule

 

Vor 1921 wurden Berufsschulen als Gewerbe- oder Fortbildungsschulen bezeichnet.xciii

 

Gewerbliche, kaufmännische und landwirt­schaftliche Fortbildungsschulen waren somit die Vorläufer der Berufsschulen und „Veranstaltungen zu dem Zwecke, den aus der Volksschule entlassenen Knaben und Mädchen insbesondere während der Lehrzeit die erworbenen Kenntnisse zu erhalten und die allgemeinen Grundlagen für die Bildung im Berufe mitzuteilen“.xcivUr­sprünglich schloss sich die Fortbildungsschule an die Sonntagsschule an, einer kirch­lichen Katechese am Sonntagnachmittag. Später fand der Unterricht der gewerblichen Fortbildungsschule meist am Abend oder an Sonntagen statt, betrug wöchentlich sechs bis acht Stunden und umfasste Deutsch, Rechnen, Zeichnen sowie gewerbliche Fächer.xcv

 

Im März 1922 beendete Schiefer einen Aus­bildungsgang zum nebenamtlichen Lehrer an gewerblichen Berufsschulen erfolgreich. Dort erwarb er sich Kenntnisse in folgenden Disziplinen: „Gewerbliche Buchführung mit Preisberechnung, Vortragslehrgang über ‚Technologie der Metallgewerbe‘, Fachzeichnen für Maschinenbauer, Schmiede und Bauschlosser sowie Gewerbliche Buchführung mit Geschäfts- und Gesetzeskunde“.

 

Bereits seit 1919 unterreichtete er als Lehrer an der gewerblichen Berufsschule in Wernexcvi, deren Leitung er von 1920 bis 1931 inne hatte. Die gewerbliche Berufsschule Werne war während des Ersten Weltkrieges geschlossen und nahm den Unterrichtsbetrieb Mitte September 1919 in den Räumen der Arnoldschule wieder auf.xcvii Die Schulpflicht bestand für „sämtliche im Handwerks-, Bergwerks-, Fabrik- und Verwaltungsbetriebe beschäftigte gelernte und ungelernte Jugendliche bis zum vollendeten 17. Lebensjahr (Gesellen, Gehülfen, Lehrlinge, Hilfsarbeiter, Laufburschen usw.)“.xcviii Im Oktober 1922 waren hier 10 nebenamtliche Lehrer beschäftigt, die 178 gelernte und 151 ungelernte Arbeiter sowie 110­ Zei­chenschüler in vier bzw. sechs Wochenstunden unterrichteten.xcix Als Leiter dieser Schule war Schiefer auch Mitglied des Schulvorstands, der sich im Jahre 1923 wie folgt zusammen setzte: der Amtmann von Werne, der Schulleiter, drei weitere Mitglieder und drei Hand­werksmeister.c

 

Im August 1925 erwarb Schiefer die Befähigung „zum technischen Leiter von Lichtbildvorführungen an Schulen und in der Jugendpflege“. Seit dieser Zeit versorgte er die Werner Schulen mit Bildwerfern und leitete mit dem Film über die Südpolfahrt Robert Scotts „Das große weiße Schweigen“ die regelmäßige Vorführung von Kulturfilmen in der Arnoldschule für die Schulen und für Jugendpfleger ein.ci

 

Bis 1943 unterrichtete Schiefer an der Knabenberufsschule Bochum.cii

 

 

Realschule und

Evakuierung

 

1941 wurde er als Fachlehrer für Mathematik, Physik und Chemie an die 1939 gegründete Mittelschule für Jungen, später Jacob-Mayer-Schule, nach Bochum berufen.ciii Mit Schülern dieser Schule war er zwischen Juli 1943 und Februar/März 1945 in Greifenberg in Pommern evakuiert.civ Von seiner Flucht aus Pommern vor den herannahenden Russen berichtet er kurz nach seiner Rückkehr in Bochum wie folgt:

 

„Bochum-Werne, den 23. März 1945

Bericht über die Flucht der Jakob-Mayer-Schule vor den Russen.

 

Schon seit Wochen war der Geschützdonner der Front des Nachts in Greifenberg zu hören. Die Lehrerschaft beschloß, alle Schüler und deren Pflegeeltern, vor allem aber die mitgezogenen Mütter aus Bochum zu besuchen und sie auf den Ernst der Lage aufmerksam zu machen. Ich stell­te einen Alarmplan auf, der es mir gestattete, in etwa einer Viertelstunde alle unsere Schüler und deren Mütter mit einer Nachricht zu versehen, falls nach dem unaufhörlichen Vorgehen der Russen der Augenblick eintreten sollte, daß wir die Stadt verlassen müßten. Damit ein solcher Schritt nicht kopflos erfolgen sollte, bestellte Herr Schönenberg als Hauptvertrauensmann alle Mütter der Jakob-Mayer-Schule, der Arndtschule u. der Heinrich von Kleist-Schule auf Montag, den 26. März. Inzwischen hat Herr Schö­nenberg versucht, bei der NSVcv, bei dem Orts­gruppenleiter der NSDAPcvi, dem Jungbanncvii, dem Gaubeauftragten Müller in Stetin, dem Beauftragten für die offenen KLVcviii-Lager Pommerns in Misdroy Klarheit darüber zu erhalten, was im Ernstfall für uns geplant sei, bezw. wie wir uns zu verhalten hätten. Antworten kamen entweder nicht, oder sie waren nichts­sagend. Darüber wird aber wohl Herr Schönenberg einen Bericht einreichen, der seine Bemühungen belegen wird. Am 26. März waren die Russen wieder weiter gekommen und standen wohl nur noch 30 km von uns entfernt. Wir beschlossen, den Müttern den Rat zu geben und am anderen Tage die alleinstehenden Schüler zu veranlassen, Gepäck in der Weise zu packen, daß eine leich­te Auswechselung für den Fall einer Fußwanderung nicht zu schweres Traggepäck schaffte. In diese Ver­sammlung der Mütter kam auch Herr Sievers von der NSV, Bochum, der nach seinen Angaben als Beauftragter des Ortsgruppenleiterscix die Mütter beruhigen sollte, denn es bestände auch nicht die geringste Gefahr. Für den Ernstfall würden alle recht­zeitig herausgebracht und er hätte ja das größte Interesse daran, da er ja seine Frau mit seinen Kindern in Greifenberg habe und niemals mit diesen allein wegfahren würde. Am nächsten Tage be­schaffte er sich ein Zimmer, in dem er Sprechstunden abhielt. Nach Aussagen einiger Mütter untergrub er hier die Stellung des Hauptvertrauensmannes, indem er als mit den Verhältnissen fremd, die Behauptung aufstellte, daß nichts für den Abtransport der Schulen getan worden sei und er bestimmt längst alles mit Sonderzug herausgebracht hätte. Man vergleiche dazu die Erklärungencx des Gauleiters Schwede-Coburg, um den Unsinn einer solchen Behauptung einzusehen. Trotzdem wurde ihm von einigen Müttern geglaubt, weil sie mit Herrn Schönenberg unzufrieden waren, da er nach den an ihn ergangenen Bestimmungen sehr streng bei Reisen nach Bochum verfuhr. Ich betone noch einmal, daß der Bericht von Herrn Schönenberg abzuwarten ist und ggf. auch die betr. Mütter zu fragen seien. Ich aber muß sagen, daß unser Aufruf zum Abmarsch über die Landstraße bei einer Reihe Mütter wenig Widerhall fand und diese unsere Mitteilung zum Teil nicht weitergaben. Es war ihnen nicht bekannt, daß Herr Sievers trotz einer in der oben erwähnten Sitzung abgegebenen pathetischen Erklärung, nicht etwa mit seiner Familie abzuhauen, sondern nur gemeinsam mit allen Bochumern, schon am Samstag abend, dem 3. März, mit seiner und einer bekannten Familie getürmt war. Davon gab er Herrn Schönenberg Mitteilung, als dieser ihn zufällig auf dem Wege zum Bahnhof traf. Die Spitze zog gegen 10 ½ Uhr aus Greifenberg aus, und ich ging als letz­ter hinterher, um alles einigermaßen zusammen zu halten und den zurückbleibenden Frauen und Kindern zu helfen. Als wir uns am ersten Abend in Schwirsen trafen, war der Treck sehr klein geworden, da eine Anzahl Jungen und auch Mütter die Gelegenheit benutzt hatten, mit Wagen weiter zu kommen und dadurch den Anschluß an uns verloren. Am anderen Morgen ging es um 5 Uhr weiter gegen Cammin, wo wir gegen 11 Uhr ankamen. Da kein Schiff nach Dievenow fahren sollte, war die Spitze sofort zu Fuß weitergezogen, um den Bod­dencxi zu umgehen, während ich eine Pause von einer Stunde einlegte, um dann auch diesen Weg zu gehen. Inzwischen kam um 12 Uhr der Räumungsbefehl für Cammin und es gelang uns, auf einem Kohlenkahn über den Bodden gesetzt zu werden. Am Morgen stand der Russe schon in dem von Schwes­sow etwa 10 km südlich gelegenen Gülzow. Als wir etwa mitten auf dem Bodden waren, schlugen die ersten Granaten in Cammin ein.

 

Ein Teil des Greifenberger Trecks (Bauern und Kauf­leute mit Wagen) wurden auf dem Wege um den Bodden abgeschnitten, wie die Familie Cerbe (Mutter mit 3 Kindern), der Schüler Sauerbier. Jedoch ist zu hoffen, daß diese ihr nacktes Leben haben retten können, wie die Schüler Neyka und Braun, von denen ich in Heringsdorf diese Mitteilung bekam. Am Dienstag kamen wir nach Misdroy und hofften, dort den Beauftragten für die offene KLV in Pommern zu treffen, der aber mit allem abgerückt war. In Heringsdorf wollte man bei der Dienststelle KLV nichts mit uns zu tun haben. Da gerade ein Trans­port nach Schwerin und Holstein fuhr, wurde mir gestattet, mit den 22 Schülern ohne Mütter mitzufahren. Ich hatte gehofft, daß man uns in ein Lager bringen würde, mußte aber auf der Fahrt und in Schwerin erfahren, daß nur die Mitfahrt gemeint gewesen sei. Mit Hilfe der NSV fuhr ich dann mit den Schülern nach Westfalen. Ich hatte die Absicht, nur bis Lippstadt zu fahren und über die Weiterfahrt erst mit Bochum zu verhandeln. Ich wurde aber über War­stein geleitet und kam am Sams­tag, dem 17.3. in K[...]cxii an, von wo wir wieder zu Fuß bis nach Bochum weiterzogen. Die jüngeren Schü­ler ließ ich jedoch in Wetter, damit sie mit dem Zug des Abends bis Bochum fahren konnten.

 

Ich bin gern bereit, zu allen Punkten noch mündlich Näheres zu berichten. Es würde aber unehrlich von mir sein, einen Vorfall bei meiner Anmeldung hier in Werne nicht zu erwähnen. Was ich in den 14 Tagen für Frauen und Schüler getan habe, kann ich nicht schildern. Eine Anfrage bei denselben würde manches feststellen lassen. Selbst­verständlich war das meine Pflicht. Da ein Teil der Schü­ler keine Lebensmittelmarken und auch keine Lebensmittel bei sich hatten, habe ich Brot für diese besorgt und dabei von mir 6 ½ kg Reisemarken geopfert. Da wir nun auf der Fahrt nur dreimal war­mes Essen bekamen und nur etwa sechs­mal Kaf­fee, bestand das ganze Essen aus Brot. Nun wurde mir in Heringsdorf des Nachts in dem überfüllten Saal des Atlantik ein gro­ßes Brot gestohlen. Ich kam mit rund 2 kg Brot­scheinen hier an und hatte ge­hofft, daß mir wenigstens etwas Brot als Zulage gegeben würde. Das wurde hier in Werne ganz strik­te abgelehnt und es hätte auch keinen Zweck, mich an die Bochumer höhere Stelle zu wen­den, die man mir zudem nicht nennen wollte. Es liegt mir fern, die Ernährungslage von Bochum zu gefährden und hun­gere mich bis zum 8. April durch.cxiii

[Unterschrift] Schiefer

Mittelschullehrer

 

Zu bemerken ist noch, daß am Abend des 3.3. Regenwalde brannte, das etwa 20 km entfernt lag. Da um 21 Uhr eine Nachricht durch Greifenberg lief, die Panzerspitzen seien bis Plathe (15 km) vorgedrungen, wandte sich Herr Schönenberg an die Kom­mandantur, die den sofortigen Abmarsch anriet. Die Räumung für alle ist erst am 4. mittags aus­gesprochen worden. Der Russe soll am 6. morgens früh in Greifenberg eingerückt sein.“

 

 

Nach dem Krieg

 

Nach dem Krieg unterrichteten die ersten Bochumer Schulen wieder ab dem 10. September 1945, wobei es sich bis zum 25. April 1946 hinzog, bis alle Schü­ler Unterricht hatten.cxiv In der Jacob-Mayer-Schule wurde wieder ab dem 14. Januar 1946 Unterricht er­teilt und zwar bis Ostern 1949 im Gebäude der Volksschule an der Liebfrauenstraße in Altenbochum und danach bis zur Einweihung des neuen Schulgebäudes Westring 32 im Mai 1956 im Gebäude der katholischen Volks­schule an der Pestalozzistraße 21 in Weitmar.cxv

 

Ein „Arbeits-Pass“cxvi als „Ausweis über Registrierung und Beschäftigung“ mit Ausstellungsdatum vom 21. Februar 1947 belegt, dass Schiefer durchgehend vom 1. September 1941 bis zum 22. Juni 1948 als Mittelschullehrer an der „Mittelschule für Jungen“ - der späteren Jacob-Mayer-Schule - tätig war.

 

Da Peter Schiefer weder Mitglied der NSDAP noch Sympathisant des Hitler-Regimes war, wurde er am 7. August 1946 offiziell wieder zum Schuldienst zugelassencxvii und am 14. Januar 1948 formell „denazifi­ziert“.cxviii

 

Bereits vor dem 30. Juli 1946 wurde er vom Schul­aufsichtskreis Bochum II gebeten, sich als Dozent für „Notlehrgänge für 28- bis 40jährige Lehramtsbewerber“ zur Verfügung zu stellen.

 

Im September 1946 gehörte er in Dortmund zu den zehn Gründern des Realschullehrerverbandes Nordrhein-Westfalen.cxix Ziel war es damals, das System der ehemaligen Mittelschule weiter zu entwickeln und wieder neu als Realschule zu installieren. Denn die Nationalsozialisten hatten sich für die vierklassige Hauptschule und somit gegen die Mittelschule entschieden und die Ausbildung von Mittelschullehrern eingestellt.cxx

 

 

Die Entlassungs-Rede, ein Zeugnis seiner Einstellung

 

Von der Entlassfeier einer Klasse, in der auch einige Jungen waren, die mit ihrem Leh­rer Schie­fer aus Pommern ge­flüchtet waren, ist seine Redecxxi als Klassenlehrer überliefert. Hieraus lässt sich erkennen, welches pädagogische Denken hinter seinem Handeln stand und welche Ziele er sich für seine Zöglinge erhoffte.

 

„Meine lieben Jungen der ehemaligen Klasse 6.

 

Wie komisch sich das ‚ehemalig‘ anhört! Denn noch sind es keine 8 Tage, daß Euch das Ab­schlußzeignis ausgehändigt wurde und Ihr aus unserem Verbande ausschiedet, dem Ihr so lange angehört habt. Am 1. September des Jahres 1943 wurde Eure Klasse in Greifenberg in Pommern gebildet. Aus zeitbedingten Gründen war die Klasse klein, umfaßte sie doch nur 8 Schüler und 2 Schülerinnen aus Bochum und einige Gast­schüler. Bei der Wiedereröffnung unserer Schule am 14. Januar 1946 meldeten sich 6 wieder an, ein weiterer kam 1948 wieder zu uns zurück, einer schied aus und 6 erhielten jetzt das Zeugnis der Mittelschulreife. Die übrigen von der Klasse sind am 14. Januar 1946 oder später zu uns gestoßen, und ich möchte hier den Senior der Klasse besonders erwähnen, der nach erfolgter Lehrzeit noch die Energie aufbrachte, dort fortzusetzen, wo er 1944 durch die Macht der Ereignisse hatte abbrechen müssen. Wenn ich also feststellen muß, daß von den 25 nur 5 unter Euch sind, die der Klasse von Beginn bis zum Schluß angehört haben, während 19 aus den verschiedensten Klassen bezw. Schulen mit verschiedenster Vorbildung zu ver­schiedenen Zeiten zu uns kamen, so ist es erklärlich, daß die Klasse ein sehr unheitliches Bild zeigen mußte und damit eine Schwierigkeit bildete, die sich im Unterricht für uns Lehrer und auch für Euch stark hemmend auswirken mußte und auch so ausgewirkt hat.

 

Ich bin weit entfernt davon, mit dieser Uneinheitlichkeit der Schüler und ihrer Vorbildung nun alles zu entschuldigen, was gewesen ist. Wir wollen uns vor der Wahrheit nicht verkriechen, aber wir wollen das nicht heute und nicht hier machen. Denkt mal in einer besinnlichen Stunde darüber nach! Vielleicht in der Form, wie wir sie in Mathematik bei den Kon­struktionsaufgaben als ‚Determination‘ kennen gelernt haben! Ihr wißt es doch? Wie heißt noch die Frage? Wie würde die Figur aussehen, wenn man Fleiß und Mitarbeit etwas größer genommen hätte. Entschuldigt: es muß natürlich heißen: wenn Ihr die Strecke a oder den Winkel etwas größer genommen hättet. Ich merke: Ihr werdet Euch schon zurechtfinden. - Gelernt ist gelernt, und Ihr seht dann dabei, daß auch die Mathematik zu etwas nützlich sein kann.

 

Und warum diese Besinnung auf etwas, was man doch als erledigt betrachten könnte. Eine Antwort hierauf ist sehr einfach. Ihr habt mit der Erlangung der Mittelschulreife das erste vorgesteckte Ziel erreicht - Ihr habt den Grundstock gelegt, auf dem Ihr nun aufbauen könnt, um Euer ferneres Leben zu gestalten. Die Talente sind vom Schöpfer verschieden ausgeteilt worden. Aber daß Ihr die Mittelschule ganz durchlaufen habt, zeigt doch, daß bei Euch hoffnungslose Fälle nicht vorhanden sind. Und wenn Ihr nun das geistige Rüstzeug habt, mit dem Ihr im Leben arbeiten könnt, so kommt es doch nur auf Eure Einstellung an, daß man von Euch einmal sagen kann: Da steht der richtige Mann am richtigen Platz.

 

Und hier ist die Besinnung auf Vergangenes sehr wichtig, damit man nicht in alte Fehler zurückverfällt.

 

In der Schule haben die Lehrer hinter Euch gestanden, sie haben Euren Weg geleitet. Jetzt seid Ihr frei von diesem Antreiben, aber versteht diese Freiheit richtig! Nicht der ist frei, der jeder Laune nachgibt, sondern der, der mit festem Ziel vor Augen bewusst an seinem Wissen und Können arbeitet. Das ist nicht immer so ganz leicht ...

 

Beherzigt das Dichterwort:

 

‚Dein Müssen und Dein Mögen,

Die stehn sich oft entgegen.

Du tust am besten, wenn Du tust,

Nicht was Du magst, - nein, was Du mußt!‘

 

Vielleicht findet aber auch der eine oder andere in seinem Beruf ein Gebiet, das ihm besonders zusagt, und kommt dann die Befriedigung zu dem Muß, dann bin ich davon überzeugt, daß Euch nichts mehr von Eurem Wege ablenken kann.

 

Besonders dann nicht, wenn Ihr bedenkt, daß nicht die Stellung den Menschen adelt, sondern Pflichterfüllung und Leistung in dieser Stellung.

 

Wenn ich hiermit auch Eure Eltern meine und für die Schule herzlichste Glückwünsche ausspreche, so danke ich zugleich für die treue Hilfe und Mitarbeit, mit der Ihr unsere Arbeit unterstützt habt. Ihr habt, wie auch wir, immer das beste Eurer Jungen gewollt, habt zum Teil unter großen Opfern Euren Söhnen diesen Weg der Ausbildung ermöglicht. Nun wird Euch diese Last leichter, und ich darf erwarten, daß Ihr, meine Schüler, durch festes Zu­packen in Eurer zukünftigen Stellung ihnen den Dank für ihre Liebe und Sorge abstattet.

 

Lehrjahre sind keine Herrenjahre, lautet ein altes Sprichwort. Ohne Einschränkung gilt dasselbe auch heute noch. Es wird Euch nichts geschenkt werden. In unserem verarmten Deutschland brau­chen wir Arbeit und nochmals Arbeit. Und wenn es wieder aufwärts gehen soll, so müßt Ihr ein gerütteltes Maß dazu beitragen. Stellt Euch deshalb unentwegt in den Kreis der Schaffenden! Wenn jeder an seiner Stelle seine Pflicht tut, so hilft er beim Aufstieg unseres geliebten Vaterlandes, er schafft Bausteine für den Auf- und Ausbau und wird einmal den Nutzen seiner Mitarbeit ernten.

 

Sollte es Euch einmal schwer werden, so wollt bedenken, daß man leichter mit einer Sache fertig wird, wenn man den Schwierigkeiten fest ins Auge schaut. Und wenn Euch dann ein starkes Gottvertrauen die sittliche Festigung gibt, so habe ich um Euer Fortkommen keine Sorge. Und jeder Erfolg hilft, diese Schwierigkeiten abzubauen.

 

Ich möchte dem 2. Teil unserer heutigen Veranstaltung nicht vorgreifen, glaube aber kurz sagen zu dürfen, daß die Schule mit Eurem Abgang nicht das Interesse an Euch verloren hat. Wir Lehrer sind immer froh, wenn wir von Euch und Eurem Fortkommen etwas hören. Ihr seid als Ehrenmitglieder der Schule gern willkommen. Und solltet Ihr einmal vor eine etwas kitzliche Aufgabe gestellt werden, so würden wir Lehrer uns gern mit unserem Rat und auch zur Hilfeleistung zur Verfügung stellen. Es wäre bei uns nicht der 1. Fall, und ich darf Euch vertraulich mitteilen, daß gerade solche gekommen sind, die gemeint hatten, daß Mathematik im Leben doch nicht so ganz notwendig wäre. Sie waren vom Leben bekehrt worden.

 

Dankt Euren Eltern!

Ihr sollt am deutschen Vaterland bauen!

Vertraut auf Gott!

Vergeßt Eure Schule nicht!

Diese Gedanken können Euch helfen, Euer Leben zu Eurer und anderer Freude aufzubauen. Die Schu­le wünscht Euch dazu vollen Erfolg.

Das walte Gott!“

 

 

Verabschiedung

 

Am 30. September 1952 trat der Realschulkonrektor der Jacob-Mayer-Schule Peter Schiefer wegen Erreichung der Altersgrenze in Ruhe­stand.

 

Die offizielle Abschlussfeier fand am Nachmittag des 30. September in der Schulaula unter Leitung von Rektor Hausmann statt. Von Seiten der Stadt waren Stadtrat Dr. Franz, Amtmann Wilhelm und Oberinspektor Wurm anwesend.cxxii Die Feier begann mit einem Klaviervortrag von Beethovens Egmont-Ouvertüre. Nach einem Vor­spruch sang der Chor „Bis hierher hat mich Gott gebracht“, danach erfolgte eine Ansprache. Auf Hesses Gedicht „Stufen“ sang der Chor „Viel Glück und viel Segen“, worauf sich Geibels Gedicht „Ich sah den Wald sich färben“ vorgetragen wurde. Den Festakt beendete der Chor mit dem Lied „Keiner schöner Land“.

 

Neben dem offiziellen Festakt scheint es eine Gelegenheit für Schiefers Schüler und deren Eltern gegeben zu haben, ihrem scheidenden Lehrer zu gratulieren und ihm zu danken. Denn in Schiefers Nach­lass befinden sich drei kurze Reden in Reimform, die wahrscheinlich von Eltern bzw. Schülern vorgetragen wurden und über einige Tätigkeiten des Lehrers innerhalb der Schu­le, jedoch außerhalb des Unterrichts Auskunft geben: 1. Sieben Achtzeiler, die vom Verteilen einer Monatsschrift und von Elternbriefen sowie dem Einsammeln von Geldern berichten; als Dank dafür wurde ihm ein Portmonee überreicht. 2. Zehn Vierzeiler, die ihn als Leiter des Fundbüros der Schule ausweisen; als „Finderlohn“ wurden ihm Havanna-Zigarren geschenkt. 3. Zehn Vierzeiler, die seine häufigen schreiner- und schlossermäßigen Ausbesserungsarbeiten innerhalb des Schulgebäudes loben; dafür erhielt er einen Korkenzieher in Schlüsselform und einen Zigarrenabschneider in Form eines Vorhängeschlosses.

 

Eine große, besondere Überraschung erwartete Schie­fer am Abend des selben Tages: Ehemalige Schüler bekundeten ihrem einstigen Lehrer Dank und Anerkennung, in dem sie mit ihm einen Fackel­zugcxxiii durch seinen Wohn­ort Werne abhielten. Da-bei sangen sie immer wieder „Wir wollen unsern alten Lehrer Schiefer wieder hab´n, aber den, mit dem Bauch, aber den, mit dem Bauch!“ nach der Melodie des Hauptthemas vom Fehrbelliner Reitermarsch.

 

45 ¼ Jahre war Schiefer als Lehrer in Werne und Bochum tätig, was wohl heute einen Rekord darstellen dürfte.

 

Als Pensionär ging Schiefer seinen zuvor oft vernachlässigten Leidenschaften nach: seinem Schrebergarten, dem Radiohören, einer dicken Zigarre und einer guten Tasse Kaffee.

 

 

Zum Schluss

 

Schiefer heiratete 1912 die Tochter eines Werner Zechenbeamten. 1913 bekamen sie eine Toch­ter und 1920 einen Sohn. Seine Frau verstarb bereits 1939.

 

Anfänglich wohnte er in der Bismarckstraße (heu­te: Wittekindstraße), an­schließend Werner Straße (heute: Am Heerbusch), dann Zur Werner Heide und zuletzt in der Straße Deut­sches Reich.

Peter Schiefer starb am 16. Januar 1961 im Alter von 73 Jahren an geriatrischen Erkrankungen in einem Dortmunder Krankenhaus.

 

Was in der Festschrift des Realschullehrerverbandes Nordrhein-Westfalen über die fünf zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbenen Grün­dungsmitgliedercxxiv gesagt wird, trifft auf Peter Schiefer im vollen Umfang zu: „Die verstorbenen Kollegen wirkten im Hauptvorstand des RLV in den Jahren nach dem Zusammenbruch erfolgreich am Aufbau des Realschulwesens im Lande NRW und der Berufsorganisation der Real­schullehrer mit. Sie waren beharrliche Streiter für die grund- und eigenständige Realschule, unermüdlich tätig, die eigene Gesundheit niemals schonend, voller Schaffensdrang und Verantwortungsbewußtsein. Das Leben galt ihnen als Inbegriff ihrer Pflichten. Über die Interessen des Tages haben sie dem Gemeinwohl ge­dient.“cxxv

 

Im Nachruf der Jacob-Mayer-Schule, an der Peter Schiefer zuletzt unterrichtete, heißt es: „Seine humorvolle Art, seine sieghafte Lebensauffassung mach­ten ihn an den Schulen, an denen er unterrichtete, fast unentbehrlich.“cxxvi

 

Die selbe Schule zeichnet drei Jahre nach seinem Tod in ihrer Festschrift ein Bild von der Persönlichkeit ihres Konrektors, welches er auch bei seinen ehemaligen Werner Schülern und den hiesigen Vereinen und Gruppierungen, in denen er tätig war, hin­terließ: „Herr Schiefer erreichte ein Alter von 73 Jahren, und die große Trauergemeinde, die sich auf dem Friedhof in Werne eingefunden hatte, war beredter Ausdruck für die Wertschätzung, die dem allseits beliebten Lehrer stets entgegen­gebracht wurde.“cxxvii

 

 

 

Anmerkungen

 

iZur Wertung des Ehrenamtes und Aufrufe zur ehrenamtlichen Tätigkeit finden sich zur Zeit immer wieder Artikel in der Tagespresse; darüber hinaus vgl. u.a.: Demokratie lebt vom Ehrenamt, Ansprache des Bundespräsidenten Roman Herzog am 5. Dezember 1997 anläßlich der Veranstaltung zum „Tag des Ehrenamtes“, in: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bulletin Nr. 103 vom 29. November 1997, S. 1323 f; Weihnachtsansprache 1997 des Bundespräsidenten Roman Herzog im Hörfunk (24. Dezember 1997) und im Fernsehen (25. Dezember 1997­), in: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bulletin Nr. 103 vom 29. Dezember 199­7, S. 1321; Ansprache des Bundeskanzlers Helmut Kohl zum Jahreswechsel 1997/19­98 im Deutschen Fernsehen am 31. Dezember 1997, in: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bulletin Nr. 1 vom 6. Januar 1998, S. 1 f; Der Stellenwert des Ehrenamtes in der heutigen Gesellschaft. Rede des Ministerpräsidenten Dr. h.c. Johannes Rau auf dem Westfalentag in Espelkamp am 20. September 1997, in: Heimatpflege in Westfalen 10. Jahrgang, 6/1997, S. 1-4; Rede von Bundespräsident Johannes Rau bei der Verleihung des Hans-Böckler-Preises 2000 am 13. Oktober 2000 in Postdam, hier besonders Abschnitt VII, in: www.waz.de (WAZ-Online-Dienst vom 14. Oktober 2000). Die UN-Vollversammlung hat das Jahr 2001 zum „Internationalen Jahr der Freiwilligen“ ausgerufen, an dem sich 123 Nationen beteiligen; nähere Informationen hierzu vgl. u.a.: Freiwillig! Magazin zum Internationalen Jahr der Freiwilligen 2001, hrsg. von der Geschäftsstelle Internationales Jahr der Freiwilligen im Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge, im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Frankfurt, 1. Ausgabe, 5. Dezember 2000.

ii

Im Folgenden ist mit Werne der heutige Bochumer Ortsteil und nicht die gleichnamige Stadt an der Lippe gemeint.

iiiDie nachfolgende Biografie ist lückenhaft; die wesentlichen Stationen sind jedoch erwähnt. Sämtliche Angaben und Zitate stammen, wenn nicht anders belegt, aus dem Nachlass von Peter Schiefer, der sich im Besitz des Verfassers befindet. Vgl. auch die Zeitungsartikel in der Bochumer Zeitung vom Dienstag, dem 30. September 1952 und in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, Langendreer-Werner Zeitung, vom 1. Oktober 1952. Zur weiteren Schreibweise: Die damals üblichen Binde- und Ergänzungsstriche als Doppelstriche wurden in den Zitaten durch Einfachstriche ersetzt.

ivNach der Volkszählung von 1885 lebten in Pulheim 1.566 Einwohner. Zur „Bürgermeisterei Poulheim“ gehörte zu diesem Zeitpunkt auch die Spezialgemeinde Geyen mit 837 Einwohnern. Ende 1997 zählte Pulheim 19.105 Einwohner; Auskunft vom Stadtarchiv Pulheim.

vDem Kultusministerium als staatliche Behörde Preu­ßens waren die Bereiche Kultur, Kirchen-, Schul- und Gesundheitswesen unterstellt; die genaue Bezeichnung lautete „Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten“; vgl. Robert Graf Hue de Grais, Handbuch der Verfassung und Verwaltung in Preußen und dem Deutschen Reiche, Berlin 1910, S. 62 f.

viVgl. Herders Konversations-Lexikon, 3. Auflage, 7. Bd., Freiburg 1907, Sp. 83, Stichwort „Präparand“ und von Bitter, Handwörterbuch der Preußischen Verwaltung, 2. Auflage, 2. Bd., Leipzig 1911, S. 70, Stichwort „Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalten“.

viiAus dieser Zeit datiert ein Buch „Deutsche Schiffahrt in Wort und Bild von Hans Bohrdt“ aus dem „Verlag von A. Molling & Comp. Comm.-Ges., Hannover“ ohne Jahresangabe mit den Abmessungen 30 cm x 24 cm. Auf der inneren Titelseite findet sich die handschriftliche Eintragung: „Durch Verleihung seiner Majestät des Kaisers und Königs erhält dieses Werk als Prämie zum 27. Januar 1907 der Schüler des Seminar-Oberkurses Peter Schiefer, Arnsberg, den 26. Januar 1907. Der Seminardirektor Dr. Prinz.“ Am 27. Januar 1859 wurde Wilhelm II. in Berlin geboren.

viii Herders Konversations-Lexikon, a.a.O. 7. Bd. (1907) Sp. 1515 f., Stichwort „Seminar“.

ix Vgl. Herders Konversations-Lexikon, a.a.O., 5. Bd. (1905) Sp. 633, Stichwort „Lehrerprüfungen“, sowie von Bitter, Handwörterbuch, a.a.O., 2. Bd., S. 69 f., Stichwort „Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalten“.

xVon Bitter, Handwörterbuch, a.a.O., 2. Bd., S. 67, Stichwort „Lehrer und Lehrerinnen an Volksschulen (Anstellung, amtliche Stellung)“.

xi

Vgl. Joachim Huske, Die Steinkohlenzechen im Ruhrrevier. Daten und Fakten von den Anfängen bis 1986, Bochum 1987, S. 439 f. und 943. Auf der Zeche Vollmond, die bereits 1750/55 weiter nördlich als Stollenbau betrieben wurde, stellte Franz Dinnendahl 1801 die älteste Dampfmaschine im Ruhrgebiet auf, wodurch der eigentliche Tiefbau im Ruhrbergbau begann; vgl. ebd., S. 943. Weitere Angaben zu den zuvor genannten Zechen nebst Literaturangaben finden sich bei Peter Kracht, Adriani, Gosefaut und Salzbach. Strassen-, Flur- und Bachnamen als Einstieg in die Heimatgeschichte von Bochum-Werne, Bochum 1987, S. 62-74 und 126-130.

xiiZur Geschichte der Westfälischen Drahtwerke nebst Literarturangaben siehe Kracht, Adriani, a.a.O., S. 33-38.

xiiiKlaus Tenfelde, Sozialgeschichte der Bergarbeiterschaft an der Ruhr im 19. Jahrhundert, Bonn 1981, S. 48.

xivEin kurzer Abriss über die Entwicklung Wernes und den gewaltigen Anstieg der dortigen Bevölkerung bis etwa 1890 findet sich bei Peter Kracht, Im Mittelpunkt der Gemeinde gelegen. 100 Jahre Amtshaus Werne (1899-1999). Eine Festschrift zum Jubiläum des Amtshauses und eine Darstellung des geschichtlichen Umfeldes, herausgegeben von der Bezirksvertretung Bochum-Ost, Bochum 1999, S. 12-17.

xvWerne wurde am 1. Oktober 1886 selbständige Amtsgemeinde (Einzelamt) und am 1. August 1929 nach Bochum eingemeindet; vgl. Kracht, Im Mittelpunkt, a.a.O., S. 18-22 und 77-85.

xviDie Einwohnerzahl Wernes wird für 1907 mit 15.536 Personen angegeben; vgl. Adreßbuch Langendreer-Werne 1911, S. 190. Im selben Jahr waren auf den dortigen Zechen Heinrich Gustav 1.544, Amalia 1.025 und Vollmond 1.257 Personen - in summa 3.826 Personen - beschäftigt; vgl. Fritz Heise (Bearb.), Harpener Bergbau-Aktien-Gesellschaft 1856-1936. Technische Entwicklung der Anlagen, o. O. 1936, S. 177. Auf Grundlage dieser Zahlen errechnet sich ein statistischer (!) Anteil von 24,6 % auf diesen Zechen Beschäftigter an der Gesamtbevölkerung.

xvii Für die zuvor genannten grundlegenden Zahlen vgl. Verwaltungs-Bericht des Kreis-Ausschusses für 1906, S. 57, 59 und 75.

xviiiDie Anstellung der Lehrer erfolgte durch die örtliche Gemeindebehörde, die aus der Zahl der Bewerber aussuchen konnte. Vgl. Graf Hue de Grais, Handbuch, a.a.O., S. 463 sowie von Bitter, Handwörterbuch, a.a.O., 2. Bd., S. 65-67, Stichwort „Lehrer und Lehrerinnen an Volksschulen (Anstellung, amtliche Stellung)“.

xix1892 wurde die Bismarckschule mit vier Klassen bezogen; vgl. Es begann 1890 mit einer Klasse, in: Ruhr Nachrichten vom 9. Juni 1950. Die Bismarckschule stand an der heutigen Wittekindstraße, dort, wo sich nun die Mensa der Willy-Brandt-Gesamtschule befindet.

xxStadtarchiv Bochum, Bestand Amt Werne, Signatur 300, Protokoll des Vorstands der Schulgemeinde vom 29. April 1907, Punkt 2. - Weiterhin wird in folgender Form abgekürzt: StA BO, AW 300; weitere Bestände: AWei = Amt Weitmar, LA = Landratsamt Bochum, Bo = Stadt Bochum.

xxiHeute: Gemeinschaftsgrundschule an der Rüsingstraße.

xxii Bockhaus Enzyklopädie in zwanzig Bänden, 17. Auflage, Bd. 17, Wiesba­den 1973, S. 445, Stichwort „Simultanschule“.

xxiiiVgl. 60 Jahre Vollmondschule, in: Westfälische Volkszeitung Bochum, Nr. 273, vom 21. November 1939 und: Es begann 1890, a.a.O.

xxiv Vgl. StA BO, AW 202, „Nachweisung über die ruhegehaltsberechtigten Diensteinkommen der Lehrer und Lehrerinnen an den öffentlichen Volksschulen im Amtsbezirk Werne am 1. Oktober 1907".

xxvHerders Konversations-Lexikon, a.a.O., 8. Bd. (1907) Sp. 1285 f., Stichwort „Volksschule“.

xxvi Graf Hue de Grais, Handbuch, a.a.O., S. 456. Beschreibungen über verwaltungsmäßige und pädagogische Zustände an Volksschulen in unserer Region vgl. u.a. am Beispiel Herne (mit statistischen Angaben und weiterer Literaturnennung): Jürgen Reulecke, Von der Dorfschule zum Schulsystem. Schulprobleme und Schulalltag in einer »jungen« Industriestadt vor dem Ersten Weltkrieg, in: Jürgen Reulecke, Wolfhard Weber, Fabrik, Familie, Feierabend. Beiträge zur Sozialgeschichte des Alltags im Industriezeitalter, Wuppertal 1978, S. 247-271; am Beispiel Bottrop: Detlef Vonde, »Gottesfurcht, Vaterlandsliebe, monarchische Gesinnung«. Schulverhältnisse im Kaiserreich, in: Ruhrlandmuseum Essen (Hrsg.), Die Erfindung des Ruhrgebiets. Arbeit und Alltag um 1900. Katalog zur sozialhistorischen Dauerausstellung, Essen 2000, S. 237-256; für Bochum: Karl Brinkmann, Bochum. Aus der Geschichte einer Großstadt des Reviers, Bochum 1968, S. 253-255 und Dieter Grau, Erziehung in der weltlichen Schule: Funktion und Grenzen, in: Peter Friedemann, Gustav Seebold (Hrsg.), Struktureller Wandel und kulturelles Leben. Politische Kultur in Bochum 1860-1990, Essen 1992, S. 273-283; hier S. 273-275. Kurze, belegte Angaben über die Schulverhältnisse und die Besoldung von Volksschullehrern in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts vgl. Tenfelde, Sozialgeschichte, a.a.O., S. 257 f.

xxviiStA BO, AW 202 vom 1. Oktober 1907 unter der lfd. Nr. 41.

xxviiiNachlass Schiefer. Mit der Königlichen Regierung zu Arnsberg ist der Regierungsbezirk als Unterabteilung der Provinz gemeint. In Westfalen bestanden damals die drei Regierungsbezirke Arnsberg, Minden und Münster; vgl. von Bitter, Handwörterbuch, a.a.O., 2. Bd., S. 368.

xxixNachlass Schiefer. Vgl. auch StA BO, AW 300, Protokoll des Vorstands der Schulgemeinde vom 30. April 1909, Punkt 11.

xxxZu diesen „niederen“ Kirchendiensten zählten u.a. die Tätigkeiten „der Chorregenten, Organisten (und der übrigen Chormusiker), der Kalkanten [= Blasebalgtreter an der Orgel], der Mesner [= Kirchen-, Messdiener], Türmer, Küster“; Jakob Keßler, Der niedere Kirchendienst in Bayern, München 1897, S. 6 f.; obwohl die vorgenannte Dissertation den bayerischen Raum behandelt, traf die Auflistung der Tätigkeiten für das gesamte Reichsgebiet zu.

xxxi Vgl. Herders Konversations-Lexikon, a.a.O., 5. Bd. (1905) Sp. 633, Stichwort „Lehrerprüfungen“ und von Bitter, Handbuch, a.a.O., 2. Bd., S. 70, Stichwort „Lehrer- und Lehrerinnenprüfungen“.

xxxii StA BO, AW 300, Protokoll des Vorstands der Schulgemeinde vom 28. Oktober 1910, Punkt 21.

xxxiiiVgl. StA BO, AW 202.

xxxiv Herders Konversations-Lexikon, a.a.O., 6. Bd. (1906) Sp. 32. Auch: Mittelschule ist eine frühere Bezeichnung der Realschule; vgl. Brockhaus Enzyklopädie, a.a.O., Bd.12 (1971) S. 654, Stichwort „Mittelschule“, sowie von Bitter, Handwörterbuch, a.a.O., 2. Bd., S. 156-158, Stichwort „Mittel-(mittlere)Schulen“ und Graf Hue de Grais, Handbuch, S. 462.

xxxvVgl. Georg von Alten (Hrsg.), Handbuch für Heer und Flotte. Enzyklopädie der Kriegswissenschaften und verwandter Gebiete, Bd. III, Berlin 1911, S. 101-102, abgedruckt in: Gerhard A. Ritter (Hrsg.), Das Deutsche Kaiserreich 1871-1914. Ein historisches Lesebuch, Göttingen 1992, S. 90-92, hier S. 90 f.; vgl. auch von Bitter, Handwörterbuch, a.a.O., 2. Bd., S. 935-937, Stichwort „Wehrpflicht“.

xxxviGraf Hue de Grais, Handbuch, a.a.O., S. 150.

xxxvii Herders Konversations-Lexikon, a.a.O., 2. Bd. (1903) Sp. 1688, Stichwort „Einjährig-Freiwillige“.

xxxviiiVgl. Lothar Mertens, Das Privileg des Einjährig-Freiwilligen Militärdienstes im Kaiserreich und seine gesellschaftliche Bedeutung, in: Militärische Mitteilungen 39 (1986) 59-66, hier: S. 63.

xxxixEin Foto vom 22. Januar 1915 zeigt Schiefer sitzend, flankiert von zwei stehenden „Hilfsschreibern“ und einer „Schreib­stubenordonanz“.

xlVgl. StA BO, AW 132, Schreiben des Ers.-Bataillon Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 53 an das „Bürgermeisteramte Werne, Kreis Bochum“ vom 19. September 1916.

xliWährend dieser Zeit blieb er Soldat und trug Uniform, wurde aber als Militärbeamter eingesetzt; vgl. von Bitter, Handwörterbuch, a.a.O., 2. Bd., Stichwort „Mi­litär(Marine)beamte“, S. 134.

xlii Vgl. Graf Hue de Grais, Handbuch, a.a.O., S. 163.

xliii Vgl. Herders Konversations-Lexikon, a.a.O., 8. Bd. (1907) Sp. 1761 f.

xliv Vgl. Katholische Kirchengemeinde Herz-Jesu Bochum-Werne (Hrsg.), 75 Jahre Herz-Jesu-Gemeinde Bochum-Werne 1910-1985, Bochum-Werne 1985, S. 19 ff.; Heike Vogel, Spurensuche. Ein Beitrag zur Geschichte Lütgendortmunds, Bochum 1994, S. 175; Clemens Kreuzer, Katholiken im Dorf Langendreer und in Langendreer-Dorf. Ein Beitrag zur mittelalterlichen und neuzeitlichen Kirchengeschichte des Ruhrgebiets, Bochum 1987, S. 56.

xlvVgl. Amtliches Kirchenblatt für die Diözese Paderborn, Stück 4., Jahrg. LIII. vom 10. März 1910, in: Katholischen Kirchengemeinde Bochum-Werne (Hrsg.), 75 Jahre, a.a.O., S. 21 sowie S. 19 ff.

xlviKeespe war zwischen 1903 und 1910 in Werne tätig. Er zelebrierte am 22. Oktober 1903 dort im Saal der Wirtschaft Wilhelm Wortelmann (heute: „Aldi“, am Werner Hellweg zwischen den Hausnummern 500 und 502) die erste Heilige Messe und traf die Vorbereitungen zur Gründung der selbständigen Pfarrei Werne. In seine Zeit fallen auch die Gründungen folgender kirchlicher Vereine und Institutionen: Kirchbauverein (1900), Paramentenverein (1904), Elisabeth-Frauenverein (1904), Kindergarten (1905), Marianische Jünglingssodalität (1908), DJK Wacker Werne (1907) und Barbaraverein für die Polen (1909); vgl. Katholisches Pfarramt Herz-Jesu Bochum-Werne (Hrsg.), Die Herz-Jesu-Gemeinde Bochum-Werne 1967, Wiesbaden 1967, S. 13; Katholischen Kirchengemeinde Bochum-Werne (Hrsg.), 75 Jahre, a.a.O., S. 20, 30, 47, 53 und 66; Chronik der katholischen Pfarrgemeinde Werne, Kr. Bochum, hier Abschnitt: Die älteste Geschichte der kath. Gemeinde Werne.

xlviiVgl. Chronik, a.a.O., hier unter 1913.

xlviiiKatholischen Kirchengemeinde Bochum-Werne (Hrsg.), 75 Jahre, a.a.O., S. 69.

xlixEbd.

lHierüber konnte der Verfasser keine Unterlagen finden.

liDie neu gegründete Pfarrgemeinde umfasste nun das gesamte Gebiet der politischen Gemeinde Werne.

liiEr war von 1910 bis 1922 Pfarrer in Werne; vgl. Katholischen Kirchengemeinde Bochum-Werne (Hrsg.), 75 Jahre, a.a.O., S. 30.

liiiPfarrer Johannes Müller war von 1911 bis 1918 in der evangelischen Kirchengemeinde Werne tätig; vgl. Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Bochum-Werne (Hrsg.), 100 Jahre Ev. Kirche, 103 Jahre Ev. Kirchengemeinde Bochum-Werne, Festschrift, Bochum 1996.

livVgl. StA BO, Findbuch Werne, bearb. von Susanne Bausch, unter „Verwaltung“ im Vorspann.

lvZur Geschichte des Kleingartenvereins Familienwohl vgl. 60 Jahre Kleingartenverein „Familienwohl“ Bochum-Werne e.V., 1926-1986, Festschrift zum 60-jährigen Jubiläumsfest, o.O. [Bochum-Werne], o.J. [1986] und 70 Jahre Kleingartenverein Familienwohl Bochum-Werne, 1926-1996, o.O. [Bochum-Werne], o.J. [1996], S. 11-17.

lviVgl. Karin Hartewig, Das unberechenbare Jahrzehnt. Bergarbeiter und ihre Familien im Ruhrgebiet 1914-1929, München 1993, S. 154; dort auch weitere Ausführungen zu den Gründen der Versorgungskrise (S. 154-170), Inflation und Hungerkrise 1923 (S. 171-181) und Auswirkungen der Verarmung (S. 181-188).

lviiVgl. Hartewig, a.a.O., S. 157. Einige Situationsberichte für den Zeitraum 1922 bis 1924 sowie Preisbeispiele und Zuteilungsmengen für (Bochum-) Weitmar für die Jahre 1915 bis 1917 sind zu finden bei Ernst-Albrecht Plieg, Weitmar. Landkreis Bochum. Biographie einer Amtsgemeinde im Ruhrgebiet 1.10.1892 - 1.4.1926, Horb 2000, S. 148 f. und 159.

lviiiVgl. hierzu Hartewig, a.a.O., S. 225-240. Felddiebstähle im Bereich des Amtes Weitmar sind belegt in StA BO, AWei 69.

lixVgl. Hartewig, a.a.O., S. 242; für das 19. Jahrhundert siehe Dirk Blasius, Kriminalität und Alltag. Zur Konfliktgeschichte des Alltagslebens im 19. Jahrhundert, Göttingen 1978, S. 53. Der Vorsitzende des Kreisausschusses des Landkreises Bochum, Landrat Gerstein, stellte am 29. Mai 1917 dazu klar: „Die Übertretungen können in der jetzigen Kriegszeit mit ihren Ernährungsschwierigkeiten bei genügender Aufklärung der Bevölkerung nicht mehr als leichte Verfehlungen angesehen werden, sondern stellen eine nicht unerhebliche Schädigung der Volks- und Viehversorgung und damit eine schwere Benachteiligung des öffentlichen Wirtschaftslebens dar.“, in: StA BO, AWei 69.

lxZusätzlich wurde am 27. Juli 1917 durch den Bochumer Landrat Gerstein eine „Polizeiordnung betr. Verbot des Betretens bestellter Aecker, Felder u. Gärten zum Schutze der Ernte in Landkreise Bochum“ erlassen, in der u.a. die Zeiten zum erlaubten Betreten vorgenannter Örtlichkeiten festgelegt waren; vgl. StA BO, AW 113.

lxiHerders Konversations-Lexikon, a.a.O., 3. Bd. (1904) Sp. 479.

lxiiVgl. StA BO, AWei 69, vom 22. Mai 1917.

lxiiiIn einem Brief vom Chef des Stabes des Kriegsamtes beim Kriegsministerium in Berlin vom 22. Mai 1917 ersuchte dieser, „die Landwirtschaft gegen die Felddiebstähle in der Weise zu unterstützen, daß ihr auf Anforderung der Kriegswirtschaftstelle als Hilfsfeldhüter geeignete Leute zur Verfügung gestellt werden.“, StA BO, AWei 69.

lxivVgl. hierzu von Bitter, Handwörterbuch. a.a.O., 1. Bd., S. 569-571, unter Stichwort „Feld- und Forstpolizeigesetz“, besonders S. 570.

lxvStA BO, AWei 69, vom 9. August 1917.

lxviPolizeikommissar Sartorius nahm am 1. November 1897 seinen Dienst in Werne auf; vgl. StA BO, AW 252.

lxviiVgl. von Bitter, Handwörterbuch, a.a.O., 2. Bd., S. 440 und 745.

lxviiiIn den noch vorhandenen Mitgliedslisten der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz Werne für den Zeitraum zwischen 1919 uns 1923 taucht Schiefers Name nicht auf; vgl. StA BO, AW 167.

lxix Vgl. von Bitter, Handwörterbuch, a.a.O., 2. Bd., S. 440.

lxx Stichwort „Vaterländischer Frauenverein“ in: von Bitter, Handwörterbuch, a.a.O., 2. Bd., S. 807.

lxxiStA BO, LA 1342, Abschrift der Satzung des Vaterländischen Frauenvereins Werne, Kreis Bochum vom 9. Januar 1907.

lxxiiVgl. Verwaltungs-Bericht 1906, a.a.O., S. 19. Der „1. Jahresbericht des Zweigvereins des Vaterländischen Frauenvereins Werne, Landkreis Bochum. 1. Oktober 1906 - 30. September 1907“ weist auf die „so ungewöhnliche große Mitgliederzahl“ hin, die Ende des Geschäftsjahres mit 1.090 angegeben wird. Vgl. StA BO, LA 1342.

lxxiiiVon Bitter, Handwörterbuch, a.a.O., 2. Bd., S. 451.

lxxiv StA BO, AW 167, mit Beschlussdatum vom 16. März 1913.

lxxvDie Aussage Schiefers, dass keine Unterlagen über die Gründung und die Anfänge des Vaterländischen Frauenvereins Werne und der Sanitätskolonne Werne mehr vorhanden sind, bezog sich wahrscheinlich auf die damalige Aktenlage im Ortsverein. Beim DRK Kreisverband Bochum sind in der Tat keine Aufzeichnungen vorhanden; Auskunft vom Deutschen Roten Kreuz, Kreisverband Bochum e.V. vom 29. Januar 1998. Allerdings befinden sich im Stadtarchiv Bochum noch ein kleiner Aktenbestand „Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz“ für den Zeitraum 1919 bis 1923 (AW 167) und eine Akt „Vaterländischer Frauenverein in der Gemeinde Werne“ für den Zeitraum 1906 bis 1913 (LA 1342); dort sind u.a. die Satzung und die Jahres- bzw. Verwaltungsberichte des Vereins für die Jahre 1906/07, 1907/08 und 1909/10 zu finden.

lxxviRichtig: Vaterländischer Frauenverein; daher: VFV.

lxxvii

Die Gründung erfolgte „anlässlich der Feier der Silberhochzeit des Kaiserpaares -27. Februar 1906"; StA BO, LA 1342 vom 13. Oktober 1906. Vorsitzende war die Frau des hiesigen Bergassessors und Bergwerksdirektors der Zeche Heinrich Gustav, Albert Schulze-Vellinghausen, stellvertretende Vorsitzende die Frau des Werner Arztes Dr. med. Josef Lueder und Schriftführer der Werner Amtmann Albrecht Gimbel.

lxxviiiAus der Erinnerung ist das Datum falsch wiedergegeben. Der Basar fand am Samstag, dem 27. und Sonntag, dem 28. Juli 1907 „in den Gartenanlagen und dem großen Saale des Wirts Ludwig Ewald“ statt. An beiden Tagen gab es „Grosses Konzert, verbunden mit Volksbelustigungen“. Der Eintritt kostete je Person und Tag 30 Pfennig und je Kind 10 Pfennig. Vgl. Anzeige in: Märkischer Sprecher, Nr. 173 vom Freitag, dem 26. Juli 1907, S. 8 und StA BO, LA 1342, „1. Jahresbericht des Zweigvereins des Vaterländischen Frauenvereins Werne, Landkreis Bochum. 1. Oktober 1906 - 30. September 1907".

lxxixDie Gaststätte „Tropfsteingrotte“ befand sich auf der östlichen Seite der Limbeckstraße gegenüber dem „D-Zug“, der ersten, 1864 erbauten Bergarbeiterkolonie in Werne, und gehörte dem Wirt Ludwig Ewald. Neben dem Schankraum bestand die Gaststätte aus der so genannten Tropfsteingrotte, einem Garten, einem großen Saal und einem Festplatz; zeitweilig waren auch Übernachtungsmöglichkeiten vorhanden.

lxxxDer Märkische Sprecher, Nr. 177, vom Mittwoch, dem 31. Juli 1907, S. 2 beziffert den Überschuss mit 5.000 Mark und der „1. Jahrebericht des Zweigvereins des Vaterländischen Frauenvereins Werne. Landkreis Bochum. 1. Oktober 1906 - 30. September 1907" weist den Überschuss dieser Veranstaltung mit 4.264,32 Mark aus; vgl. StA BO, LA 1342.

lxxxiZum Blindenfürsorgeverein konnte der Verfasser keine Unterlagen finden.

lxxxiiWilhelm Frick, geb. 1877; von 1933 bis 1943 Reichsminister des Innern; 1943 bis 1945 Reichsprotektor von Böhmen und Mähren; am 16. Oktober 1946 als Kriegsverbrecher hingerichtet; vgl. Walter Hofer (Hrsg.), Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933-1945, Frankfurt 1978, S. 388.

lxxxiiiSitz des DRK-Landesverbandes Westfalen-Lippe.

lxxxivSatzungen dieser Kasse vom 19. September 1923 und später finden sich im StA BO, AW 188.

lxxxvVgl. StA BO, AW 188, diverse Nachweise dafür zwischen dem 11. September 1912 und dem 14. April 1926.

lxxxviVollständige Bezeichnung: „Debeka Krankenversicherungsverein auf Gegenseitigkeit“; sie wurde 1905 als „Deutscher Beamten-Krankenversicherungs-Verein a.G.“ gegründet; vgl. Brockhaus Enzyklopädie, a.a.O., Bd. 4 (1968) S. 354. In einer Festschrift der Debeka wird für den Zeitraum „Von 1931 bis zum Zweiten Weltkrieg“ nur eine pauschale Aussage über die zahlreichen Zusammenschlüsse mit anderen Beamten-Krankenkassen getroffen, ohne diese namentlich zu erwähnen; vgl. Debeka Krankenversicherungsverein auf Gegenseitigkeit (Hrsg.), 75 Jahre Debeka 1905-1980. Festschrift zum Jubiläum und zur Einweihung des neuen Verwaltungsgebäudes, Karlsruhe o. J. (1980), S. 15. Eine Anfrage bei der Hauptverwaltung der Debeka in Koblenz hinsichtlich der Übernahme der Krankenkasse Deutscher Lehrer ergab, dass darüber dort keine Unterlagen mehr vorliegen.

lxxxviiVgl. StA BO, AW 188, Schreiben an das Amt Werne vom 18. November 1921.

lxxxviiiVgl. StA BO, AW 188, Mitteilung über den Beschluss der Amts- und Gemeindevertretung vom 15. Dezember 1921, Punkt 6.

lxxxixAls Mitglied des katholischen Lehrervereins war Schiefer im Kreislehrerrat Bochum vertreten; vgl. StA BO, Bo 40/176, „Auflistung der dem Kreislehrerrat angehörigen Lehrer, vom 18. März 1932".

xc Vgl. von Bitter, Handwörterbuch, a.a.O., 2. Bd., S. 503, Stichwort „Schuldeputation“.

xci StA BO, Bo 40/176, Richtlinien für die Tätigkeit des Bochumer Lehrerausschusses, 1919; dort weiter auch detaillierte Aufgabenstellung.

xciiVgl. StA BO, Bo 40/176, „Auflistung der dem Kreislehrerrat angehörigen Lehrer, vom 18. März 1932".

xciii Vgl. Brockhaus Enzyklopädie, a.a.O., 2. Bd. (1967) S. 602 f, Stichwort „Berufsschule“.

xcivVon Bitter, Handwörterbuch, a.a.O., Bd. 1, S. 616, Stichwort „Fortbildungsschulen“.

xcvVgl. von Bitter, Handwörterbuch, a.a.O., Bd. 1, S. 618 und Herders Konversations-Lexikon, a.a.O., 7. Bd. (1907) Sp. 1751, Stichwort „Sonntagsschule“. Zur gewerblichen Fortbildungsschule in Bochum vgl. Max Seippel, Bochum einst und jetzt. Ein Rück- und Rundblick bei der Wende des Jahrhunderts (= Originalgetreuer Reprint der Ausgabe 1901), Bochum 1991, S. 95 f.

xcviVgl. StA BO, AW 198, Brief an das Amt Werne vom 13. März 1919; auch verschiedene Vorgänge in StA BO, AW 197. Noch vorhandene „Sitzungsprotokoll[e] des Kuratoriums der gewerblichen Berufschule“ und Schreiben für den Zeitraum zwischen Mai 1928 und Juni 1929 weisen Schiefer als Mitglied aus; vgl. StA BO AW 301, vom 10. Mai 1928, 14. Januar 1929 und 28. Juni 1929.

xcviiStA BO, AW 197, Revisionsbericht vom 20. November 1919. Die Arnoldschule lag direkt nördlich der Bismarckschule an der heutigen Von-Waldthausen-Straße; später wurde die Schule in Von-Waldthausen-Schule umbenannt. Heute werden die Räume dieser Schule von der Sekundarstufe I der Willy-Brandt-Gesamtschule genutzt.

xcviiiStA BO, AW 198, Schreiben des Amtmanns des Amtes Werne vom 23. Mai 1919. Ein „Orts-Statut betreffend die gewerbliche Fortbildungsschule in Werne“ vom 13. Juni 1919 findet sich in StA BO, AW 103.

xcixVgl. StA BO, LA 1555, Formblatt gewerbliche Fortbildungsschule vom 20. Oktober 1922. Ein Lehrplan der Schule aus dem Jahre 1904 findet sich in StA BO, AW 185.

cVgl. StA BO, AW 197, „Jahresbericht der gewerblichen Berufsschule Werne vom 19. Mai 1923".

ciIn einem Nachruf der Jacob-Mayer-Schule auf Peter Schiefer werden seine Filmvorführungen gewürdigt: „Durch die [...] Prüfung als Filmvorführer zu einer Zeit, als der Film als Unterrichtsmittel längst noch nicht allgemein war, schaffte er sich die Grundlagen für ein erfolgreiches Wirken an der Schule.“; Ruhr-Nachrichten vom 19. Januar 1961.

ciiZur Knabenberufschule Bochum konnte der Verfasse keine Unterlagen finden.

ciiiVgl. 25 Jahre Jacob-Mayer-Schule 1939-1964. Weg und Werk., Bochum o.J., S. 5.

civVgl. 25 Jahre Jacob-Mayer-Schule, a.a.O., S. 6.

cvNSV = Nationalsozialistische Volkswohlfahrt

cviNSDAP = Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei

cviiDer Jungbann war eine Abteilung des Jungvolks innerhalb der männlichen Hitler-Jugend.

cviiiKLV = Kinderlandverschickung

cixkursiv = handschriftliche, vergilbte und daher schwer zu entziffernde Einfügung, die nicht mit Sicherheit wiedergegeben werden kann.

cxDiese Erklärungen liegen weder dem Verfasser vor, noch konnte er diese ausfindig machen.

cxiHier ist der Camminer Bodden gemeint.

cxiiAn dieser Stelle ist das Manuskript gelocht, so dass der Ortsname nicht mehr zu lesen ist.

cxiiiWahrscheinlich wurden am 8. April neue Bezugsscheine ausgegeben.

cxivVgl. Johannes Volker Wagner (Hrsg.), Vom Trümmerfeld ins Wirtschaftswunderland. Bochum 1945-1955. Eine Dokumentation, Bochum 1989, S. 225.

cxvVgl. 25 Jahre Jacob-Mayer-Schule, a.a.O., S. 7 f.

cxviVgl. Nachlass Schiefer: Rückseite „Arbeits-Pass Nr. 134/60927 für Peter Schiefer“.

cxviiNachlass Schiefer: Schreiben vom Schulaufsichtskreis Bochum II, Tagebuch-Nr. 801.

cxviiiNachlass Schiefer: “Entlastungszeugnis der Denazifizierungskammer, Nr. 9755/Bochum/Gr-33/981".

cxixVgl. 1946-1966 Zwanzig Jahre Realschullehrerverband NRW. Ein Beitrag zur Geschichte der Realschule. (= Festausgabe der Realschulpost, 10. Jg., April 1966, Nr. 4), Paderborn o.J., S. 10 f. Der erste ordnungsgemäße Vorstand wurde am 30. Mai 1949 in Dortmund gewählt: vgl. ebd., S. 27.

cxx1946-1966 Zwanzig Jahre, a.a.O., S. 9 und 11; siehe auch: 40 Jahre Realschullehrerverband Nordrhein-Westfalen, in: Bernhard Schneider (Red.), Die Realschule im Spannungsfeld von Erziehung, Gesellschaft und Beruf. 40 Jahre Realschullehrerverband Nordrhein-Westfalen (= Bildung Real Nr. 23, Schriftenreihe des Realschullehrerverbandes Nordrhein-Westfalen), Paderborn 1986, S. 6-8.

cxxiDie Abschlussrede dürfte1949 gehalten worden sein; das genaue Datum lässt sich nicht mehr ermitteln.

cxxiiVgl. Bochumer Morgenpost vom 1. Oktober 1952.

cxxiiiEin diesen Fackelzug betreffender amtlicher Vorgang konnte nicht ermittelt werden. Der Fackelzug bedurfte einer Genehmigung der Alliierten, da die eingeschränkte Souveränität der BRD erst am 5. Mai 1955 aufgehoben wurde; vgl. Wagner, Vom Trümmerfeld, a.a.O., Zeittafel S. 511.

cxxivDie anderen vier waren Fritz Kuhlmeier aus Bielefeld, Georg Vogel aus Bonn, Peter Müller aus Essen und Wilhelm Reininghaus aus Hagen; vgl. 1946-1966 Zwanzig Jahre, a.a.O., S. 40 f.

cxxv1946-1966 Zwanzig Jahre, a.a.O., S. 41.

cxxviRuhr-Nachrichten vom 19. Januar 1961.

cxxvii25 Jahre Jacob-Mayer-Schule, a.a.O., S. 15.

 

Impressum

Bochumer Zeitpunkte

Beiträge zur Stadt­geschichte,

Heimatkunde und Denkmalpflege

Heft 9, Juni 2001

 

Herausgeber:

Dr. Dietmar Bleidick

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für die

Kortum-Gesellschaft Bochum e.V.

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Redaktion:

Dr. Dietmar Bleidick, Peter Kracht

 

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Verlag:

Peter Kracht ? Verlag

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ISSN 0940-5453